Bildungsauftrag; Werte-Offensive
Das heranwachsende Subjekt lernt durch Erziehung und den praktischen Umgang mit den Verhältnissen, dass es darauf ankommt, sich in diesen zu behaupten. Es macht genau das zu seiner eigenen Sache – unabhängig davon, ob sich damit die eigenen Zwecke überhaupt verwirklichen lassen.

Nicht nur vom hessischen Kultusministerium wird neuerdings eine »Offensive zur Wertevermittlung«[1] an den Schulen gefordert, auch ganz allgemein stellt man immer häufiger fest: »Kinder brauchen mehr Werte«[2]. Hierzulande glauben viele an die Dummheit, Menschen bräuchten für ihr Handeln moralische Maßstäbe, den Abgleich mit hohen Werten.
Dass Werte eine tolle Sache sind, darin sind sich die meisten Leute – von rechts bis links – einig. Im Namen der Moral führen gerade besonders kritische Menschen gerne alles, was sie stört, auf fehlende Gleichheit, Gerechtigkeit, Freiheit oder sogar auf Missachtung der Menschenwürde zurück. Als letzter Schluss wird dann meist die Politik verantwortlich gemacht – und dazu aufgerufen, es künftig besser, fairer, gerechter zu machen; eben auch in der Schule.
Dementsprechend wird bei aller derartigen Kritik an Schule eines meist nicht hinterfragt: die ganz grundsätzliche Einrichtung der Gesellschaft und der Zweck der staatlichen Institutionen. Denn die Fans von Moral, hohen Werten und Idealen sind vor allem davon überzeugt, dass sich in Verstößen gegen Gleichheit und Gerechtigkeit immer nur ein Versagen und Versündigen der Amtsträger an ihren eigentlichen Aufgaben zeige.
Die Dummheit der Freunde hoher Werte
Der Bremer Autor Freerk Huisken beschreibt in seinem Text »Wieso? Weshalb? Warum? Macht die Schule dumm?«, eine Dummheit, mit der nicht gemeint sei, dass jemand was nicht gelernt habe – sondern tatsächlich vieles von dem, was man gängiger weise so lerne. Denn diese Dummheiten brauchten alle – für eben genau die Leistungen, die man als Bürger hierzulande alltäglich erbringen müsse. Die Leistung dieser Dummheiten stecke darin, dass man sich den (Sach-)Zwängen dieser Gesellschaft freiwillig unterordne und sie darüber hinaus anerkenne, als seien sie für die eigenen, individuellen Zwecke eingerichtet.
Damit einher geht die Vorstellung, dass z.B. Schule, Uni und Berufswelt dazu da seien, dass ich – durch anständiges Verhalten – meine individuellen Interessen verwirklichen könne. Das sollte doch so sein – einfach schon, weil ich ja sowieso in all diesen Bereichen der Gesellschaft zurechtkommen muss. Die Dummheit der Moral ist ein zentrales Mittel, das die Menschen dazu bewegt, die Zwänge mitzumachen – als Dienst an der Gemeinschaft. »Dummheit ist die Summe parteilichen Denkens, mit der der erzogene Mensch es fertigbringt, alle politischen und ökonomischen Beschränkungen des eigenen Interesses zu verarbeiten & dabei brav zu bleiben.« [3]
Werteerziehung
Betrachtet man, wie es in den Schulen so zugeht und wie es den Menschen in den Schulen dabei geht, sollte man meinen, dass sich die erwähnten Dummheiten, die dort vermittelt werden, nur schwer in die Köpfe bringen lassen. Denn der größte Teil der Erfahrungen, die die Menschen in der Schule machen, widerspricht ihrem Ideal, dass es hier um ein gemeinschaftliches, gleichwertiges, tolerantes Miteinander gehen sollte. Deshalb entdecken Lehrkräfte (insbesondere die wohlwollenden) ja gerade den hohen Bedarf an der Vermittlung von Werten des Zusammenlebens. Fakt ist aber: Primär geht es in Schule um Leistungskonkurrenz. Denn die primäre, gesellschaftliche Funktion von Schule ist, dass jeder Jahrgang per Leistungslernen und entsprechender Bewertung für die Hierarchie der Berufe vorsortiert wird.
• Für die Schüler bedeutet Schule ein Lernen in Konkurrenz gegen alle. Auch Gruppenarbeiten und kooperative Lernformen heben nicht auf, dass man sich ständig im Vergleich gegen alle anderen beweisen muss. Das führt nicht selten dazu, dass Zusammenarbeit gesondert belohnt werden muss.
• Für die Lehrkräfte führt das Lehren in Konkurrenz ebenfalls dazu, dass die ausdrückliche Förderung einer kooperativen Schulkultur genauso notwendig ist, wie kontinuierliche Appelle an Kollegialität, Teamgeist und eine konstruktive Fehler- und Feedbackkultur. Was sich in entsprechenden pädagogischen Tagen und unzähligen Fortbildungsangeboten deutlich zeigt, ist die Tatsache, dass die Schulung dieser Haltungen bitter nötig ist.
Diagnose: Werteverfall
Der hessische Kultusminister Armin Schwarz sah im September 2024 die Zeit gekommen, eine »Werteoffensive« einzuläuten. »Trotz der Anstrengungen vieler Verantwortlicher in unserer Gesellschaft erleben wir einen steigenden Verlust an Respekt und wertschätzendem Umgang untereinander. Ja, mehr noch, Gewalt zur Durchsetzung eigener Interessen macht sich zunehmend breit – in Wort und Tat.«[4] Eine Analyse – also eine wirkliche Kritik dessen – wieso das so ist, fehlt hier genauso, wie sachliche, faktische Belege dazu, ob das überhaupt so ist, wie behauptet.
Statt einer Kritik der Gründe für Respektlosigkeit und abwertenden Umgang miteinander, wird dem ein Ideal entgegengesetzt, das als von außen herangetragener, sachfremder Maßstab Geltung beanspruchen soll: ein Aufruf an Moral und Werte – »für ein respektvolles und wertschätzendes Miteinander und den Erhalt einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft«*. Was das Kultusministerium hier liefert, ist beispielhaft dafür, wie es in dieser Gesellschaft zugeht: Alle Fragen gelten als moralische. Alle Handlungen und Entscheidungen werden vom Standpunkt der Moral aus beurteilt. Man findet es nicht seltsam, dass Konflikte nicht der Sache nach kritisiert und gelöst werden. Mehr noch: Man findet auch nichts merkwürdig daran, dass die Welt voller moralischer Pflichten ist; pardon: voller Selbstverpflichtung.
Warum Moral?
Wenn wir an das Zusammenleben in einer Gesellschaft denken, dann halten wir Werte für essenziell und unerlässlich – einerseits, weil sie uns »Orientierung für das eigene Handeln bieten«. Andererseits benötigten wir Werte wie Respekt, Toleranz & Gerechtigkeit »zur Lösung gesellschaftlicher Probleme des sozialen Miteinanders«[5]. Da könnte man doch mal stutzig werden, wieso es in all diesen Fällen eines äußeren Maßstabes bedarf. Denn eine Orientierung für mein Handeln erhalte ich ganz banal darüber, welche Interessen und Bedürfnisse ich habe. Und wenn ich etwas erreichen möchte, überlege ich mir, was ich dafür tun muss. Wenn ich nun im gesellschaftlichen Miteinander feststelle, dass ich meine Zwecke ständig an Werten & Prinzipien im Namen des Allgemeinwohls relativieren muss, dann ist das doch bemerkenswert.
Wenn die Gesellschaft, in der ich lebe, den Zweck hätte, den Interessen der Gesellschaftsmitglieder zum Erfolg zu verhelfen, dann würde die notwendige Frage die sein, welche Mittel dafür vorhanden sind und wie ich diese einsetze. Ein Bezug zu einem Wert oder einem allgemeinen Gesetz hätte diese Sorte Interessenverfolgung nicht. Wenn jedoch die Forderung nach einem solchen Bezug auf einen Wert oder ein allgemeines Gesetz verpflichtend überlegt wird, dann verweist das darauf, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse gerade nicht dem Interesse der Leute dienlich sein können. Gesellschaften, in denen Werte und moralische Prinzipien notwendig sind, verweisen auf systematische, sich ausschließende Interessengegensätze.
Wertebedarf
Es ist ein unauflösbarer Widerspruch, wenn ich eine Gemeinschaft unterstelle, deren Mitglieder sich gleichzeitig dauerhaft in ihren Interessen übergriffig werden! So eine Gemeinschaft benötigt in der Tat eine von den Interessen getrennte und über ihnen stehende Regelung, welche bestimmt, inwiefern welches Interesse zum Zuge kommt und welches nicht; sowie die Einsicht der Gesellschaftsmitglieder in die Unterordnung und Rechtfertigung dieser Regeln. Eine solche Gesellschaft hat in der Tat einen ganz erheblichen Bedarf nach einer umfassenden Wertevermittlung – in der Schule insgesamt und speziell im Ethikunterricht. Wenn nun das Schreiben des Kultusministeriums betont: »[e]s sind die gemeinsamen Werte, die unsere Gesellschaft zusammenhalten«[6], dann ist das korrekt. Diese Feststellung sollte aber dringend dazu führen, diese Gesellschaft ganz grundsätzlich zu hinterfragen!
Die Freunde hoher Werte und ethischer Reflexion behaupten an der Stelle, dass die systematischen Interessengegensätze lebensnotwendiger Art seien. Das wiederum geht zurück auf den uralten Schwindel von der feindlich gesinnten Menschennatur, die konsequenter Weise z. B. in Gestalt von Thomas Hobbes Teil des Schulunterrichts ist.
Wenn man aber begriffen hat, dass Konkurrenzverhalten nicht aus einer angeblichen Natur der Menschen heraus rührt, dann sollte man die grundsätzliche Frage auf den Tisch bringen, woher nun die Interessengegensätze rühren, die den ganzen Wertebedarf auf den Plan bringen.
Werteerziehung
Auf die Beschwerde hin, dass das deutsche Schulsystem statt fairer Chancen nur immer mehr Leistungsdruck bringe, folgt meist die Frage: Wieso ist Schule so ungerecht? – Sie ist aber nicht als Frage gemeint. Denn statt sich diese Frage tatsächlich zu erschließen – sich einen Begriff vom Bildungssystem und seinen Zwecken zu machen – soll an der Stelle gar keine Auseinandersetzung mit den Sachinhalten erfolgen. Die Frage ist viel mehr als Anklage gemeint, als ein Wert-Urteil, eine Empörung darüber, dass das Schulsystem nicht den eingebildeten, eigentlichen Zwecken entspreche. Wer gelernt hat, alles am Maßstab hoher Werte zu messen, braucht keine sachliche Auseinandersetzung. Denn aus dieser moralischen Perspektive steht von vornherein fest, dass alles – und allem voran der Staat – dem Guten / einem höheren Zweck verpflichtet sei. Zwar richtet sich nichts und niemand auf der Welt nach diesem, aber immerhin lässt sich daran jedes Interesse so wunderbar blamieren.
Die zu Fans von Moral und hohen Werten erzogenen Leute entdecken daher ständig, dass ihre, bzw. die Interessen der Mehrheit nicht so recht aufgehen. Vom Standpunkt des eingebildeten, sachfremden Wert-Maßstabs aus, wird alles be- und verurteilt. Das Ergebnis ist immer, dass die Sache ihren eigentlichen, guten Zweck noch nicht realisiert habe und dass jemand (meist die Politik) versagt haben müsse. Was folgt, ist die bloße Empörung über Verstöße – z. B. gegen Gleichheit der Chancen und soziale Gerechtigkeit. Wer meint, auf diese Weise eine Kritik zu liefern, liegt falsch. Denn Kritik bestünde in der Erklärung der Sache und dem Abgleich mit den eigenen Zwecken & Bedürfnissen!
Wertevermittlung als schulischer Bildungsauftrag
Dass Werte eine tolle Sache sind, darin sind sich die meisten Leute von rechts bis links einig und fordern ihre Anliegen gerne im Namen hoher Werte ein. Dass man auch die eigenen Interessen & Zwecke partout am Maßstab höherer Werte zu messen hat, lernt man sowohl im Elternhaus, als auch in der Schule. Wieso man das tun sollte, lernt man dabei auch: Werte seien entscheidend für…
- das Zusammenleben – Gleichheit, Freiheit und Solidarität seien die Grundlage für eine funktionierende Demokratie.
- die Persönlichkeitsentwicklung – Werte seien nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für das individuelle Glück wichtig.
- und eine gerechte Gesellschaft – Ohne gemeinsame Werte gäbe es Chaos, Ungerechtigkeit und Konflikte.
Komisch bloß, dass viele Menschen trotz werteorientiertem Handeln weder ihr individuelles Glück verwirklichen, noch sich in einer guten Gesellschaft befinden. Für die Fans der hohen Werte kommt hier der große Moment der Empörung – sie entdecken Verstöße gegen das (oder Versagen am) hohen Ideal und rufen nach Verbesserung und Reformen genau des Systems, das die grundsätzlichen Konflikte überhaupt erst ins Werk gesetzt hat. In einer solchen Gesellschaft ist es unerlässlich, dass Schule »politisch als Wertevermittlungsagentur beschworen [wird], um gesellschaftlichen Zusammenhalt zu bewirken«[7]. Deshalb sind Lehrkräfte und Schulen stets bemüht, ein ganzes Sortiment von brauchbaren moralischen Haltungen und Werten des Miteinanders und Zusammenhalts zu fördern.
Sich die Welt immer in Bezug auf hohe Werte und moralische Prinzipien zu denken, führt dazu, sich Politik und Konkurrenz als Einrichtungen vorzustellen, die eigentlich – durch hohe Prinzipien – dazu verpflichtet seien, den Interessen der Leute zu dienen. Dementsprechend lernt man in der Schule, dass hierzulande eigentlich alles harmonisch und zur Zufriedenheit aller ablaufen könnte – wenn sich bloß alle an Recht und Moral hielten. Würden sich bloß mal die Leute (allen voran die Lehrer, Politiker & Manager) anständig benehmen.
Wer die kapitalistische Gesellschaft und die staatlichen Institutionen auf diese Weise idealisiert, der ist – im hier genannten Sinne – dumm. »Warum diese Dummheiten zum Erziehungsauftrag des staatlichen und privaten Bildungswesens gehören, ist also leicht zu erkennen: Sie sind das geistige Schmiermittel des demokratischen Kapitalismus, mit dem der freie Bürger ausgestattet wird. Nicht ermittelt ist, warum sie sich in der Köpfen halten, wo ihnen doch jede konkrete Erfahrung, die Menschen in Verfolgung ihrer Lebensplanung in dieser Gesellschaft machen, widerspricht.«[8]
[1] https://kultus.hessen.de/schulsystem/wertevermittlung
[2] https://bundesforum-familie.de/kinder-brauchen-werte-das-wissenschaftscluster/
[3] Vgl. Freerk Huisken: „Wieso? Weshalb? Warum? Macht die Schule dumm? 2009 unter: https://www.fhuisken.de/loseTexte.html
[4] KuMi Hessen: Landesweite Initiative zur Wertevermittlung in hessischen Schulen. 09/2024. Dass das Schreiben sich in der aktuellen politischen Lage vor allem auf Werteunterricht für geflüchtete und migrantische Kinder fokussiert, ist kein Zufall, sondern beruht auf einer Diskreditierung nicht-westlicher Kulturen als nicht demokratiefähig.
[5] Kerncurriculum gymnasiale Oberstufe Ethik, 2024, S. 10.
[6] Kerncurriculum gymnasiale Oberstufe Ethik, 2024, S. 10.
[7] A. Weilert: Wertevermittlung als schulischer Bildungsauftrag? unter: https://heiup.uni-heidelberg.de/journals/heied/article/view/24907
[8] Huisken: „Wieso? Weshalb? Warum? Macht die Schule dumm? 2009.

