Algerisches Blut in der Seine

Ende 1961 geht einer der blutigsten Kolonialkriege des 20ten Jahrhunderts, der Algerienkrieg, in seine finale Phase über. Am 17. Oktober eskaliert die andauernde staatliche Unterdrückung der algerischen Migrantenbevölkerung von Paris in ein blutiges Pogrom ungeahnter Ausmaße.

Tausende fallen den Kugeln und Knüppeln der Pariser Polizei zum Opfer, hunderte werden ermordet. Wie konnte es zu diesem Massaker kommen? Wer waren die Verantwortlichen? Und vor allem: Wie wurde dieser Tag erfolgreich aus dem kollektiven Gedächtnis Frankreichs und Westeuropas verdrängt? Ein Lehrstück über ein vergessenes Kapitel imperialistischer Barbarei.

Bevor du liest!

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Julius Breitner, der sich in seiner Forschung intensiv mit dem algerischen Unabhängigkeitskrieg auseinandersetzt. Wir danken ihm ausdrücklich für diesen wundervollen Beitrag.

Der vorliegende Text ist umfangreich. Wir empfehlen jedoch ausdrücklich, ihn in Gänze zu lesen, da sich daraus eine Vielzahl historischer und politischer Lehren sowie Parallelen zu heutigen imperialistischen Konflikten ziehen lassen.

Wer dennoch ausschließlich die zentralen Thesen und Pointen mitnehmen möchte, kann hier klicken.



1. Einleitung

„Für jeden Schlag, den wir erhalten, werden wir zehn zurückgeben!“ Mit dieser unverhohlenen Ankündigung eröffnete der Pariser Polizeipräfekt Maurice Papon Anfang Oktober 1961 eine neue Phase des Terrors gegen die algerische Gemeinschaft in der französischen Hauptstadt. In der Stadt, die sich selbst gerne als Wiege der Menschenrechte und Zentrum der zivilisierten Welt inszeniert, mündeten seine Worte nur wenige Tage später, am 17. Oktober 1961, in blutige Realität.

Zehntausende Algerierinnen und Algerier waren an diesem Abend einem Aufruf der algerischen Unabhängigkeitsbewegung Front de Libération Nationale FLN gefolgt, friedlich gegen eine diskriminierende Ausgangssperre zu protestieren. Männer, Frauen und Kinder strömten aus den bidonvilles von Nanterre und den Armenvierteln der Goutte d’Or in die regnerische Nacht.

Was sie erwartete, war die ideologisch gefestigte Streitmacht der Pariser Polizei, bestehend aus Kriegsveteranen, algerischen Hilfspolizisten und französischen Siedlern. Hunderte Algerier fielen an diesem und den folgenden Tagen einem staatlich sanktionierten Pogrom zum Opfer. Sie wurden mit Eisenstangen und Gewehrkolben niedergeknüppelt, gedemütigt, erschlagen, erschossen oder in der Seine ertränkt. Tausende wurden in improvisierten Lagern interniert und gefoltert. Hunderte werden bis heute vermisst.

Der Algerienkrieg (1954–1962), in dessen Rahmen dieses Blutbad stattfand, war mehr als der vergessene Regionalkonflikt am Rande Europas, als der er – wenn überhaupt – in Erinnerung geblieben ist. Er war ein brutaler, acht Jahre wütender Kolonialkrieg, dem etwa eine Million Algerier zum Opfer fielen und in dem Folter und Kriegsverbrechen, wie man sie meist nur aus den Lagern der Gestapo oder den „Black Sites“ der CIA kennt, zur systematischen Realität wurden. Zugleich war er ein Stellvertreterkrieg im Kalten Krieg, ein Testfeld für Doktrinen der neuen „revolutionären“ Kriegführung und ein innerpolitischer Krisenherd, der zum Sturz der Vierten und zur Geburt der Fünften Republik unter Charles de Gaulle führte. Der Krieg zerriss die französische Gesellschaft, spaltete die Linke und entfesselte die reaktionärsten Kräfte des französischen Staatsapparates.

Die Analyse des Massakers von 1961 führt uns ins Zentrum grundlegender Fragen über Staat, Gewalt, Folter, Zensur und Kolonialismus. Es zeigt den bürgerlichen Staat in seiner nackten Funktion als Hüter einer gewaltsam aufrechterhaltenen Ordnung, der die Interessen des kolonialen Projekts und des heimischen Kapitals zu schützten hat.

Der folgende Text zeichnet nicht nur die Ereignisse jener Oktobernacht und ihrer Vorgeschichte nach. Er untersucht die langen Linien der kolonialen Unterdrückung von der Eroberung Algiers 1830 bis zur „Zweiten Schlacht von Algier“ 1961. Er zeigt zudem die ideologischen Grundlagen des Rassismus und der kolonialen Gewalt, die Strategien der guerre révolutionnaire und das Versagen der französischen Linken angesichts des kolonialen Terrors.

2. Kontextualisierung der französischen Kolonisierung Algeriens

Um das Massaker von 1961 in seiner ganzen Tragweite zu verstehen, muss man den Blick weit zurück richten; lange vor den Ausbruch des algerischen Unabhängigkeitskrieges im Jahr 1954. Der algerische Kolonialkonflikt wurzelt in der Eroberung Algeriens durch das bourbonische Frankreich ab 1830. Diese Invasion erfolgte zunächst ohne einen klar ausgearbeiteten Plan.

Als unmittelbarer Vorwand diente ein Vorfall aus dem Jahr 1827: Hussein III., der Dey (osmanischer Herrschertitel, ursprünglich der Kommandant der Janitscharen) von Algier, schlug den französischen Konsul Pierre Deval mit seinem Fliegenwedel und beschimpfte ihn als „bösartigen, treulosen, götzenanbetenden Schurken“, nachdem dieser sich geweigert hatte, eine Rückzahlung französischer Schulden zuzusichern.[1]

Der Vorfall entwickelte sich bald zu einer diplomatischen Krise. In Frankreich forderte die Presse lautstark Rache um die nationale Ehre zu wahren. Zudem drängte die Geschäftswelt von Südfrankreich, vor allem Marseille, auf mediterrane Handelsstützpunkte und es wurde gefordert die Piraterie der nordafrikanischen Barbaresken-Korsaren einzudämmen und das Christentum in Nordafrika wiederherzustellen.[2] Schließlich nutzte König Karl X. die Invasion als Burgfriedens-Taktik, um von seiner Unpopularität abzulenken und die bourbonische Monarchie durch einen militärischen Erfolg zu stärken.

Nach der raschen Einnahme Algiers 1830 herrschte zunächst Unklarheit über das weitere Vorgehen. Im Angesicht des Widerstandes der algerischen Bevölkerung, sahen sich die französischen Generäle gezwungen ihre Strategie anzupassen. General Thomas-Robert Bugeaud, der in den 1840er Jahren zum Gouverneur von Algerien ernannt wurde, argumentierte, dass eine bloße Besetzung der Küste strategisch unhaltbar sei. Er setzte infolgedessen eine Doktrin der „absoluten Dominanz“ durch, da er glaubte, dass nur die vollständige Unterwerfung des Landes Sicherheit für die französischen Enklaven bieten würde.[3]

So zielte die folgende Kolonisierung Algeriens auf eine vollständige Enteignung und Entstrukturierung der algerischen Gesellschaft ab. Im Gegensatz zu den Protektoraten Marokko und Tunesien (Eroberung 1881 und 1912), wo Teile der traditionellen Eliten in ihrer Macht verblieben, führte Bugeaud in Algerien einen „totalen Krieg“ dessen Ziel die systematische Zerstörung aller bestehenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Strukturen und eine vollständige Eingliederung ins Mutterland war. Die langwierige Eroberung glich dementsprechend einem permanenten Kriegszustand, der keinerlei Autonomie oder Widerstand der algerischen Bevölkerung zuließ und einen, im Vergleich zu anderen französischen Kolonialherrschaften radikalen Siedlerkolonialismus vorantrieb.

2.1. Siedlerkolonialismus

Die Siedlungspolitik (politique de pouplement) für europäische Einwanderer, aus der später die sogenannte pieds-noirs-Gemeinschaft („Schwarzfüßler“) hervorging, begann unmittelbar nach der französischen Eroberung Algiers. Bei den pieds-noirs handelte es sich um europäische Siedler, die sich bereits seit den frühen 1830er Jahren, vornehmlich in den ertragreichen Küstenregionen Algeriens niederließen. Sie entfalteten sich in den folgenden Jahrzehnten zu einer Siedlerelite in einem de facto Apartheidsystem, entwickelten eine eigene Siedleridentität und wurden während des Algerienkrieges zu den vehementesten Verfechtern der französischen Herrschaft über Algerien.

Frühe Siedlungsprojekte waren stark militärisch geprägt. Bugeaud propagierte die Idee von „Soldaten-Siedlungen“ nach dem Motto „durch das Schwert und den Pflug“, bei denen Kriegsveteranen Landkonzessionen erhalten sollten, doch diese Projekte scheiterten größtenteils.[4]

„The majority clung to the coastal towns and cities. (…) With men outnumbering women by five to one this was a macho, frontier world which, in the eyes of mainland France, was looked down upon as a magnet for brothels, bars, and low-life swindlers. (…) only 10 per cent ventured into the countryside to establish pocket settlements. There were aristocratic settlers who (…) acquired large tracts of land with a view to recreating a pre-1789 regime in Algeria. There were soldier settlers who were given land concessions at the end of their military service. And there were religious settlers such as the Cistercian monks who were granted over 1,020 hectares to build a monastery and farm (…). There was, too, a strong left-wing strain to colonialism. Disciples of the socialist Saint Simon saw Algeria as a blank space for their utopian schemes.”[5]

Eine systematische, staatlich kontrollierte, „offizielle“ Kolonisierungswelle begann um 1848 unter der Zweiten Republik (1848 – 1852). Die Regierung warb gezielt arme Arbeiter an, um die sozialen Unruhen im Mutterland zu lindern und versprach ihnen kostenlose Überfahrt, Land, Wohnraum und Werkzeuge in Algerien. Lokale Beamte betrachteten die Kolonie als ein Ventil für einen „Überschuss an Proletariern“ und sahen in der Auswanderung eine Möglichkeit, das Land von diesen zu „befreien“.[6] Nach dem gescheiterten Pariser Juniaufstand von 1848 wurden 14.000 Arbeiter und Handwerker gezielt nach Algerien deportiert, um dort Musterdörfer zu errichten.[7]

Politisch trieb die Zweite Republik auch die Integration Algeriens in den französischen Staat voran. Im Zuge des republikanischen Enthusiasmus nach der Februarrevolution erklärte ein Dekret vom 4. März 1848 Algerien zu einem „integralen Bestandteil des französischen Territoriums“. Im November desselben Jahres schuf die Verfassung der Zweiten Republik die drei départements (Oran, Algier und Constantine), womit die Verwaltungsstruktur des Mutterlandes auf die Kolonie übertragen wurde.[8]

Die Siedlerpopulation war ursprünglich sehr divers. Neben Franzosen, darunter viele aus dem Elsass nach der deutschen Annexion 1871 und Weinbauern aus Südfrankreich nach der Reblauskrise, wanderten große Zahlen von Spaniern, Italienern, Maltesern, Deutschen und sogar Schweizern ein.

Unterdessen kam es 1871 zu der sogenannten „Mokrani-Revolte“. Unter der Führung des ehemaligen Bachagha (von den Franzosen eingesetzter Stammesführer) El Mokrani und in Allianz mit der religiösen Rahmaniya-Bruderschaft unter Scheich El Haddad eskalierten lokale Proteste gegen die systematische Entrechtung und Ausbeutung der Algerier im März 1871 zu einem flächendeckenden Guerillakrieg in der östlichen Kabylei gegen die vom Deutsch-französischen Krieg geschwächte Kolonialmacht. Die militärisch überlegene französische Armee schlug den Aufstand nach anfänglichen Erfolgen der Aufständischen bis 1872 jedoch nieder. Konsequenz war die Konfiszierung von 450.000 Hektar Stammesland durch die Franzosen. Diese kollektive Enteignung beschleunigte die vollständige kollektive Landnahme, bildete die wirtschaftliche Grundlage für den Siedlerstaat und zementierte die Eingliederung „Französisch-Algeriens“.[9]

„The Mokhrani revolt was the climax of thirty-one years of bloodshed that devastated Muslim society. This violence, if the military losses are combined with that of the 1867 famine, left nearly 1 million dead, in other words a third of the population. It also destroyed many of the outward pillars – mosques, religious schools, communal stores of food put aside for hardship – as well as a generation of Muslim elites.“[10]

Als Folge der Mokrani-Landnahme verdrängten die pieds-noirs, die einheimischen Bauern von fruchtbaren Ackerflächen und monopolisierten endgültig jegliche wirtschaftliche und politische Macht auf sich. Bis 1936 befanden sich 7,7 Millionen Hektar Land in Siedlerbesitz, was 40 % des Landes entsprach, das vor der Invasion der indigenen Bevölkerung gehört hatte.[11]

Um eine zahlenmäßige Überlegenheit französischer Staatsangehöriger sicherzustellen – 1886 lebten in Algerien 211.000 ausländische europäische Siedler und 219.000 französische Siedler – kam es 1889 zu einem entscheidenden Schritt in der Siedlungspolitik, das zur rechtlichen Konsolidierung der Siedler führte: Ein Gesetz verlieh allen in Algerien geborenen Kindern ausländischer europäischer Siedler automatisch die französische Staatsbürgerschaft mit den vollen Bürgerrechten. Das Gesetz stellte einen Schlüsselpunkt auf dem Weg in Richtung einer kollektiven Siedleridentität der pieds-noirs (1945 ca. 1 Million) dar, welche sich mit der Zeit herausbildete.[12] 

Die einheimischen Algerier (1945 ca. 9 Millionen) erhielten indes ab 1865 formell die französische Staatsbürgerschaft jedoch ohne die dazugehörigen Bürgerrechte. Um die volle französische Staatsbürgerschaft zu erhalten, hätte ein Muslim seinen „persönlichen Status“, der durch das islamische Recht geregelt war, aufgeben müssen. Da dies in der algerischen Gesellschaft als Apostasie angesehen wurde, beantragten zwischen 1865 und 1913 nur 1.557 Muslime die Einbürgerung.[13] Euphemistisch als „Français musulmans d’Algérie“ (FMA) bezeichnet, galten sie als französische Untertanen, aber nicht als Vollbürger. Sie unterlagen dem „Code de l’indigénat“, einem Sonderrecht, das drakonische Strafen für geringfügige Vergehen vorsah und die indigene Bevölkerung einer willkürlichen Verwaltungsjustiz unterwarf.

„Many of the ‘infractions’ subject to punishment under this system were neither clearly denied nor, in many cases, ordinarily punishable under French criminal law: acts of disorder in markets and public places, delayed payment of taxes, departure from place of residence without authorisation, departure on pilgrimage without authorisation, lack of respect for authority, refusal to comply with requisitioning orders, refusal to provide information to the authorities, seditious speech, ‘acts hostile to French sovereignty’.“[14]

So wurde die algerische Bevölkerung systematisch von jeglicher politischen Partizipation ausgeschlossen, lebte unter einer weit verbreiteten Entrechtung und war einer strukturellen ökonomischen Marginalisierung ausgesetzt.

2.2. Die Schule von Algier und ihre Konsequenzen

Der pseudowissenschaftliche Dünkel des 19ten und frühen 20ten Jahrhunderts lieferte bereitwillig die ideologische Munition für diese Maßnahmen. Die sogenannte „Schule von Algier“ um Antoine Porot pathologisierte den algerischen Charakter, indem sie dem „Eingeborenen“ eine angeborene Impulsivität, Leichtgläubigkeit, Suggestibilität, Beharrlichkeit, Sturheit, Rachsucht, Infantilität, Engstirnigkeit, Atonalität, ein schwaches emotionales und moralisches Leben sowie Impulsivität und starke kriminellen Neigungen usw. usf. attestierte. Der Algerier habe „keine Großhirnrinde, oder, um genauer zu sein, wie bei niederen Wirbeltieren dominiert das Zwischenhirn. Die kortikalen Funktionen, sofern sie existieren, sind sehr fragil und praktisch nicht in die Dynamik des Daseins integriert. (…) Die Zurückhaltung der Kolonisatoren, den Einheimischen Verantwortung zu übertragen, ist daher nicht rassistisch oder paternalistisch, sondern ganz einfach eine wissenschaftliche Einschätzung der biologisch begrenzten Möglichkeiten der Kolonisierten.“[15]

Die Theorien dienten dazu, jede Form von Widerstand als Ausbruch primitiver Instinkte zu deuten. Wenn der Kolonialherr den Algerier als ein Wesen betrachtete, dessen „Stirnhirn träge“ sei und dass nur die Sprache der Gewalt verstehe, dann wurde massive Repression zur logischen und „notwendigen“ Antwort auf jede Regung von Unabhängigkeit.[16] Jean-Paul Sartre betont in seinem Vorwort zu Frantz Fanons „Die Verdammten dieser Erde“ das Ziel, den Menschen auf den Status eines „höheren Affen“ zu reduzieren. Der Kolonisierte soll unterworfen sowie sozial und kulturell zerstört, aber physisch als Arbeitskraft erhalten bleiben. Fanon, der ab 1953 als Leiter der psychiatrischen Abteilung der Klinik in der nordalgerischen Stadt Blida arbeitete, analysierte, wie die Gleichstellung mit dem Tier dazu diente, jede Art von Gewalt gegen ihn zu legitimieren.

„Man macht Anspielungen auf die kriecherischen Bewegungen des Gelben, auf die Ausdünstungen der Eingeborenenstadt, auf die Horden, auf den Gestank, auf das Gewucher und Gewimmel, auf das Gestikulieren. Wenn der Kolonialherr genau beschreiben und das richtige Wort finden will, bezieht er sich ständig auf das Tierreich.“[17]

Logische Konsequenz solcher Theorien ist das Prinzip der Kollektivstrafe. So mussten aufständische Stämme, die an der Mokrani Revolte teilnahmen, zusätzlich zu der Landnahme kollektiv fast 65 Millionen Francs Reparationen an Frankreich zahlen, was 70,4 Prozent des Kapitals der Betroffenen entsprach. Einige Stämme brauchten zwanzig Jahre, um ihre Schulden zurückzuzahlen. Für die Mehrheit bedeutete es den Ruin.[18] Parallel erlaubte der Code de l’indigénat Beamten, kollektive Geldstrafen oder die Beschlagnahmung von Eigentum gegen Gruppen zu verhängen.[19]

Bereits während der Eroberung Algeriens etablierte Bugeaud Maßnahmen die sich ausdrücklich nicht nur gegen Kombattanten richtete. Er ließ Ernten und ganze Dörfer verbrennen, Getreidespeicher leeren, Obstbäume fällen und unbewaffnete Männer, Frauen und Kinder hinrichten, um den Widerstand durch Unerträglichkeit zu brechen. Der Offizier Lucien-François de Montagnac schrieb am 15. März 1843: „Tötet alle Männer über fünfzehn, nehmt alle Frauen und Kinder mit, ladet sie auf Schiffe, schickt sie auf die Marquesas-Inseln oder woanders hin, kurz gesagt, vernichtet alle, die nicht wie Hunde zu unseren Füßen kriechen.“.[20] Und im Kampf gegen den Widerstandskämpfer Muhammad ibn Abdallah von 1845 bis zu seiner Gefangennahme 1847 kam es zu Vergeltungsmaßnahmen durch die französische Armee:

„The repression was merciless: tribes that submitted but could not pay tax arrears saw their property destroyed; whole populations, including women and children, like the Awlad Riyah who took shelter in caves in the Dahra, were asphyxiated, burned to death or buried alive in their refuges. Following the principle that the general population and their means of subsistence must be the target of ‘pacication’, indiscriminate looting, rape and murder became the norm.”[21]

2.3. Sétif und der lange Algerienkrieg

In den 1920er Jahren formierten sich die ersten algerisch-nationalistischen Bewegungen in Algerien und Frankreich, die für eine vollständige Unabhängigkeit oder zumindest für erweiterte Autonomierechte innerhalb des französischen Staates eintraten.[22] Die politische Landschaft veränderte sich jedoch erst signifikant zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Die massive Beteiligung algerischer Soldaten auf Seiten der Alliierten im Zweiten Weltkrieg nährte unter der „indigenen“ Bevölkerung die Erwartung, dass ihre Loyalität mit politischen Freiheiten und der Aufhebung der kolonialen Unterdrückung belohnt werden würde.[23] In Anbetracht der bevorstehenden Niederlage des nationalsozialistischen Deutschlands durch die alliierte Offensive 1945, verbreitete sich unter der einheimischen Bevölkerung der fast millenarische Glaube, dass die koloniale Besatzung kurz vor dem Zusammenbruch stand.

In den Nachkriegsjahren wurde in den meisten europäischen Kolonien ein geordneter Rückzug eingeleitet. Die pieds-noirs zeigten sich jedoch ähnlich wie andere europäische Siedlerkollektive in Kenia, Rhodesien (heute Simbabwe), Angola, Mosambik oder Südafrika, weitgehend resistent gegen jede Form politischer Emanzipation der einheimischen Bevölkerung und lehnten die Alternative „mit dem Koffer oder im Sarg“ zurückzukehren größtenteils ab.[24] Viele waren bereit brutale Repressionen einzusetzen, um ihre rassische Hegemonie zu verteidigen. So erwarteten sie, motiviert von nationalistisch-kolonialen, rassistischen Idealen und einer Furcht um Macht und Eigentum nervös, bis an die Zähne bewaffnet und mit voller Rückendeckung des französischen Staates die Reaktion der algerischen Nationalisten auf das Ende den Zweiten Weltkrieges.[25]

Am „Tag der Arbeit“, dem 1. Mai 1945, organisierten nationalistische Militante der Parti du Peuple Algérien (PPA) friedliche Demonstrationen in ganz Algerien, die in eigenen, separaten Demozügen, hinter denen der kommunistischen und gewerkschaftlichen Bewegungen herliefen, wie sie es schon vor dem Krieg, in antifaschistischer Einheit getan hatten. Auf vielen Demonstrationen wurden Rufe nach der Unabhängigkeit Algeriens und der Freilassung des inhaftierten Nationalistenführer Messali Hadj (Gründer der PPA und später der legalen Partei Mouvement pour le triomphe des libertes democratiques (MTLD)) laut.

Die Reaktion der Kolonialbehörden war erwartbar. In Algier schoss die Polizei in die Menge, tötete sieben Menschen und verletzte dreiundzwanzig; in Oran wurde ein Demonstrant getötet und fünfzehn verletzt.[26]

Sieben Tage später ,am 8. Mai anlässlich der Feiern zum Ende des zweiten Weltkrieges, eskalierte die Lage erneut. Am Morgen versammelten sich etwa 8.000 Demonstranten in der Stadt Sétif im Department Constantine. Die Organisatoren der PPA sorgten dafür, dass den Demonstranten Waffen abgenommen und sicher verwahrt wurden. Außerdem bestand die Hoffnung, die algerische Flagge neben denen der Alliierten zu zeigen und in gemeinsamer Aktion mit europäischen Demonstranten einen Kranz am städtischen Kriegsdenkmal niederzulegen.[27]

Obwohl die Polizei, nationalistische Symbole verboten hatte, erschienen im Lauf der Demonstration algerische Fahnen und Plakate. Als die Polizei versuchte sie zu beschlagnahmen, brachen Handgemenge aus; es fielen Schüsse. Ein junger Pfadfinder, Bouziz Salah, wurde getötet. Bauern, die zum Markt in die Stadt gekommen waren, wurden in die Repressionsmaßnahmen der Polizei hineingezogen und begannen ihrerseits damit, wahllos europäische Anwohner anzugreifen, wobei zwanzig Menschen getötet und achtundvierzig verletzt wurden. Polizei und Gendarmen schossen daraufhin erneut wahllos auf algerische Zivilisten.[28]

„A tense calm returned in Sétif by 11 am, but a curfew was imposed, police powers were handed over by civilian authorities to the army and by evening, armoured cars of Foreign Legion and West African soldiers were said to be patrolling the streets and shooting Algerians on sight. Martial law was declared and arms distributed to Europeans. Known nationalist militants and sympathisers, and in some places all adult and adolescent males, were arrested.“[29]

Die Neuigkeiten über die Unterdrückung der Siegesfeiern in Sétif, provozierten in den folgenden Tagen einen Bauernaufstand in der Region Constantine, dem bis zum 12. Mai etwa 100 europäische Siedler zum Opfer fielen.[30]

Die Vergeltung von französischer Seite war von unverhältnismäßiger Brutalität. General Duval, Kommandeur von Constantine, und die lokale Verwaltung setzten eine 10.000 Mann starke Truppe ein, bestehend aus der Fremdenlegion sowie senegalesischen und marokkanischen Hilfseinheiten. Die Armee wandte die Politik der Kollektivstrafe rücksichtslos an. Ganze Dörfer wurden dem Erdboden gleich gemacht, sowohl durch Luftangriffe (ca. 300 Einsätze) als auch durch Beschuss von Marineschiffen an der Küste.[31] In der Stadt Guelma organisierte und bewaffnete der Unterpräfekt André Achiary Milizen der pieds-noirs, welche ungestraft Racheaktionen und Massenhinrichtungen durchführten, und bei denen zwischen 1.500 und 2.000 Algerier getötet wurden.[32]

In den folgenden Monaten fielen schätzungsweise zwischen 15.000 und 45.000 Algerier der französischen Gewaltwelle zum Opfer.[33] Die Reaktion war von der Regierung de Gaulle voll und ganz abgesegnet, die entschlossen war nach der Schmach des Zweiten Weltkrieges den Status Frankreichs als Kolonialmacht wiederherzustellen und Algerien unter allen Umständen zu halten.[34]

John Cavell notierte 1945 in einem Brief an das britische Außenministerium die beißend scharfe Voraussage:

„It is probably safe to assume that the Algerian nationalist movement has been checked but it would be unwise to assume that it has been killed. The ruthless destruction of villages and the indiscriminate slaughter of women and children will never be forgotten. The movement will of necessity go underground for the time being and will come to the surface in another form.“[35]

Das Massaker von Sétif markierte den Beginn des „Langen Algerienkrieges“ (1945 – 1962) und radikalisierte eine ganze Generation junger Algerier, für die der bewaffnete Kampf als einziger Weg zur Unabhängigkeit erschien.[36] 

Neun Jahre später, Ende 1954 löste sich eine Gruppe ehemaliger Untergrundkämpfer der paramilitärischen OS (Organisation speciale) von der zerstrittenen Mutterpartei MTLD und rief zur nationalen Erhebung auf. Sie gründeten die Front de Liberation Nationale (FLN) und ihre Armee de Liberation Nationale (ALN). Ihr Ziel war die völlige Unabhängigkeit Algeriens durch einen bewaffneten Kampf zu erzwingen. Die ersten Guerilla-Aktionen am 1. November 1954  waren militärisch wenig erfolgreich, markierten, aber dennoch unwiderruflichen Beginn des Algerienkrieges.[37]

3. Der Algerienkrieg: Eskalation und Kriegsführung

3.1. L’Algérie c’est la France

Der 1. November 1954, ging als „Toussaint Rouge” (Blutiger Allerheiligen) in die Geschichte ein und markierte die Eskalation des algerischen Unabhängigkeitsstrebens in einen offenen bewaffneten Konflikt.

Unter den Europäern herrschte am 1. November zunächst völlige Überraschung. Der Generalgouverneur von Algerien Roger Léonard erkannte zwar, dass es sich um eine synchronisierte Operation handelte, wusste aber zunächst nicht, wer die Anstifter waren. Die Angreifer wurden in der offiziellen Rhetorik kriminalisiert und als „Verrückte“ oder „Gesetzlose“ bezeichnet, die von ausländischen Mächten, insbesondere Ägypten unter Präsident Gamal Abdel Nasser, gesteuert würden. Die Siedlerpresse brandmarkte die Urheber automatisch als pathologische Minderheit ohne Legitimität. In einer Radioansprache forderte Léonard die sofortige Widerherstellung von Recht und Ordnung. Dabei verurteilte er die Angriffe als ausländische Verschwörung und zeigte mit dem Finger symbolisch auf Nasser, ohne ihn explizit namentlich zu bennenen. Die FLN wurde in der Ansprache mit keinem Wort erwähnt.[38]

Der Aufstand stellte einen Bruch im Vergleich zu den paramilitärische Aktionen und Konflikten der Vorjahre dar. Doch die französische Mitte-links Regierung unter Ministerpräsident Pierre Mendès weigerte sich von Anfang an beharrlich, den Konflikt als Krieg anzuerkennen. Diese Haltung wurde am deutlichsten von Innenminister François Mitterrand formuliert, der am 12. November vor der Nationalversammlung erklärte: „Algerien ist Frankreich. (L’Algérie c’est la France) Von Flandern bis zum Kongo gibt es nur ein Gesetz, eine einzige Nation, ein einziges Parlament.“.[39] Auch Mendès bekräftigte, dass eine Sezession undenkbar sei, da Algerien (im Gegensatz zu Tunesien oder Marokko) ein integraler Bestandteil der Republik sei.

Die Einordnung des Konflikts als Verstoß gegen die „öffentliche Ordnung“ und Akt des „kriminellen Terrorismus“ entinternationalisierte ihn und unterwarf ihn dem innerstaatlichen Strafrecht. Diese semantische Verweigerung hatte drei zentrale strategische Vorteile für den französischen Staat. Erstens bewahrte sie das Narrativ der unteilbaren Nation und verhinderte jede internationale Diskussion über Selbstbestimmungsrechte. Zweitens blockierte sie die Anwendung der Genfer Konventionen, wodurch algerische Kämpfer nicht als Kriegsgefangene, sondern als gemeine Verbrecher galten, denen elementare Schutzrechte verwehrt werden konnten (in Frankreich war die Todesstrafe für zivile Verbrechen legal).[40] Drittens schuf sie einen bewusst konstruierten rechtlichen Graubereich, in dem außergerichtliche Maßnahmen – willkürliche Verhaftungen, Sondergerichte, Folter – nicht als Kriegsverbrechen, sondern als erweiterte polizeiliche Befugnisse zur Gefahrenabwehr erscheinen konnten. Diese Legalitätsfiktion bildete das Fundament, auf dem alle folgenden Eskalationsstufen errichtet wurden. Sie ermöglichte es, den Krieg unter dem Deckmantel der inneren Sicherheit zu führen und jede Kritik im Keim als Angriff auf die territoriale Integrität der Republik zu denunzieren.

„The French never referred to it as a revolution; in fact, it was not until June 10, 1999, that the French National Assembly officially recognized it as a war. Until then, the French had referred to it as les événements (the events) or ‘police operations’. They made it clear that the proper name of the war is the Algerian War (la guerre d’Algérie), not the war in Algeria (la guerre en Algérie).”[41]

Funfact: “It was for not just ideological reasons that the French refused to recognize the „events” as a war but, (…) , budgetary ones. Were it declared a war, the French would have had to indemnify the thousands of wounded and traumatized among the 1.4 million soldiers who had fought in it.”[42]

Die FLN/ALN waren der französischen Armee, zu diesem Zeitpunkt immerhin noch die viertstärskte Armee der Welt, konventionell weit unterlegen und setzten daher auf Asymmetrie und Mobilität. In den ländlichen Gebieten, insbesondere in den unzugänglichen Bergregionen wie dem Aurès und der Kabylei, führten kleine Einheiten (katibas) Angriffe im „Hit-and-Run“-Stil durch. Sie lauerten französischen Patrouillen auf, legten Bomben, sabotierten Infrastruktur wie Telegrafenmasten und zerstörten Ernten oder Höfe von Siedlern.

Die FLN etablierte nebenbei eine politisch-administrative Organisation (OPA – organisation politico-administrative), die als Untergrundverwaltung fungierte. Sie zog Steuern ein, sprach Recht nach islamischen oder revolutionären Grundsätzen und rekrutierte Kämpfer. Gegenüber Algeriern, die mit den Franzosen kooperierten oder sich den Anordnungen widersetzten, ging die FLN mit extremer Härte vor. Dazu gehörten die Bestrafung und Ermordung von pro-französischen Muslimen, insbesondere der harkis, algerische Soldaten die in der französische Armee oder Polizei dienten.[43]

Dazu kam die Konkurenz mit der MNA (Mouvement National Algérien). Messali Hadj, der traditionelle Führer des algerischen Nationalismus war über die Absplitterung der FLN von der MLTD erbost und betrachtete die Ereignisse des 1. November als Staatsstreich gegen seine Autorität.[44]

Öffentlich erkannte er zwar die Legitimität des 1. November an, um nicht marginalisiert zu werden, gründete aber im Dezember 1954 die rivalisierende Bewegung MNA, was in der Folge zu einem blutigen „Bruderkrieg im Krieg” führte, der etwa 4000 Todesopfer forderte. Dieser führte zu Massakern wie dem von Mélouza (1957), bei dem die ALN ca. 300 Bewohner eines Dorfes tötete, das der MNA loyal war.[45] Aus militärischer Perspektive gelang es der ALN bis 1957, den Guerillaapparat der MNA zu neutralisieren und somit die MNA als politische Konkurrenz zu eliminieren. Der Kampf einiger Pro-MNA-Nester setzte sich von dem an in Form der sogenannten „Café-Kriege“ fort, bei denen es sich primär um die Kontrolle algerischer Treffpunkte und der algerischen Bevölkerung in Frankreich drehte.[46]

Auf französischer Seite kämpfte die französische Armee, die Kolonialbehörden und die Polizei gegen die algerischen Nationalisten. Eine entscheidende dritte Kraft waren die pieds-noirs, die oft in Milizen organisiert waren, aber auch innerhalb der Armee, Polizei und Verwaltung immense Macht hatten und vehement gegen die Unabhängigkeit Algeriens vorgingen.

Ihre kollektive Mentalität war von einer tief verwurzelten Ideologie der Überlegenheit, Rassismus und einer existenziellen Angst vor dem Verlust ihres Besitzes und ihrer privilegierten Stellung geprägt. Obwohl sozial und ökonomisch keineswegs homogen – Im Jahr 1930 besaßen 20 der europäischen Landbesitzer 74 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen, die zu Frankreich gehörten,[47] – einte sie die Überzeugung, eines rechtmäßig französischen Algeriens und ihrer Vorherrschaft über die „eingeborene“ Mehrheit. Diese Haltung materialisierte sich in der Bildung paramilitärischer Milizen, besonders zum Ende des Algerienkrieges.

So verübte die ORAF (Organisation de la résistance de l’Algérie française) bereits 1956 Bombenanschläge auf Muslime, darunter verheerende Anschläge auf muslimische Kinos, in der Kasbah, der muslimischen Altstadt von Algier, und 1957 einen „Bazooka“-Anschlag auf den neuen Oberbefehlshaber der französischen Truppen, General Salan.[48]

Gruppen wie der Front Algérie Française (FAF; Gründung 1960) oder die protofaschistische Organisation de l’Armée Secrète (OAS; Gründung 1961) agierten, mit brutaler Eigeninitiative und inszenierten sich als Verteidiger des Algérie française gegen jedwede Form von Zugeständnissen an die Unabhängigkeitsbestrebungen.[49] So erwiesen sich die pieds-noirs während der Besatzungszeit lange als nützliche Bluthunde des Kolonialregimes.

Je unausweichlicher die französische Niederlage mit den Jahren wurde, desto mehr richtete sich die Gewalt der Siedler nicht nur gegen die algerische Nationalbewegung, sondern zunehmend auch gegen den französischen Staat selbst. Jeder Schritt in Richtung einer politischen Lösung galt ihnen als Verrat. Diese Dynamik gipfelte 1958 in einem Putsch, der zum Sturz der Vierten Republik und zur Gründung der Fünften Republik unter de Gaulle führte.

3.2. Kapital- und Staatsinteresse

Hinter der ideologischen Fassade der „einen und unteilbaren Republik“ operierten handfeste materielle und geo-strategische Interessen des französischen Kapitals. Aus einer polit-ökonomischen Perspektive war Algerien um 1954 nicht mehr nur eine agrarische Kolonie, sondern ein strukturell vitaler Bestandteil der französischen Nachkriegswirtschaft. Mitten in den Trente Glorieuses, den drei glorreichen Jahrzehnten des Wirtschaftswachstums ab 1945, fungierte Algerien als Absatzmarkt, Rohstofflieferant und sicheres Investitionsfeld für französisches Kapital. Neben dem traditionellen Wein- und Agrarsektor, der stark von der Siedlerelite dominiert wurde, hatten Konzerne wie Schneider-Le Creusot (Stahl), aber auch deutsche Unternehmen wie Thyssen und Krupp massive Interessen vor Ort.[50]

Die Entdeckung riesiger Erdöl- und Erdgasvorkommen in der Sahara 1954 und 1956 katapultierte die ökonomische Bedeutung Algeriens in eine neue Dimension.[51] Diese Ressourcen wurden als entscheidend für die Energieautonomie Frankreichs und seinen Status als Großmacht angesehen. Der Verlust Algeriens hätte daher nicht nur einen Prestigeverlust bedeutet, sondern eine schwere strukturelle Krise der französischen Wirtschaft ausgelöst und ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber der BRD nachhaltig geschwächt. Massive Investitionen – bis 1961 588 Milliarden Francs – erklären, warum die französische Regierung sogar noch 1962 bei den Friedensverhandlungen von Évian, als die Unabhängigkeit des restlichen Algeriens schon unausweichlich schien, versuchte die Sahara zu halten und hart darum kämpfte, Privilegien bei der Exploration und Förderung von Öl im Austausch für technische Hilfe zu behalten.[52] Dies gelang in gewisser Hinsicht, als sich Frankreich einen Teil der Sahara noch für weitere fünf Jahre als Atomwaffentestgelände sicherte, seit dem sie dort 1960 ihre erste Waffe getestet hatten.[53] 

Während der Kolonialzeit diente Algerien Frankreich logischerweise ebenso als Reservoir für billige marginalisierte Arbeitskräfte, die für die Industrie im Mutterland unverzichtbar waren. Bis 1954 hielten sich etwa 300.000 Algerier in Frankreich auf, die dem Arbeitskräftemangel in Sektoren wie dem Baugewerbe und der Stahlindustrie entgegenwirken sollten.[54] Diese Arbeiter und deren Familien sollten im Oktober 1961 die Hauptbetroffenen der Gewalt auf den Straßen von Paris werden.

In den 1950er Jahren wurde Algerien ebenfalls als zentraler Dreh- und Angelpunkt für eine neue geopolitische Vision betrachtet: „Eurafrika“. Die französische Regierung, unter Guy Mollet und später Charles de Gaulle, sah in Algerien den Grundpfeiler einer solchen neuen „eurafrikanischen“ Gemeinschaft. Die Idee war, dass das französische Kolonialreich als Brückenkopf zwischen Europa und Afrika fungieren sollte. Ziel war es, die reichen Ressourcen – insbesondere die neu erschlossenen Ölvorkommen der Sahara – gemeinsam mit anderen europäischen Nationen zu nutzen und so einen eigenständigen, dritten Wirtschaftsblock zu formen. Dieser Block sollte im Kalten Krieg ein Gegengewicht zu den Supermächten USA und Sowjetunion bilden.[55]

Um die Ressourcen für das „Eurafrika“-Projekt zu sichern, wurde im Januar 1957 die Organisation Commune des Régions Sahariennes (OCRS) gegründet. Ziel war es, den Reichtum der Sahara nicht nur für Algerien, sondern in Zusammenarbeit mit den Nachbarstaaten (Tunesien, Marokko) und Europa zu erschließen.[56]

Die algerische Wirtschaft war extrem abhängig. Fast alle Industriegüter, von Textilien bis zu Maschinen, und sogar ein Großteil der Nahrungsmittel mussten importiert werden, denn die lokale Industrie wurde durch die Konkurrenz des europäischen Marktes erstickt, da keinerlei Zollschranken zum Schutz einer entstehenden algerischen Industrie existierten.[57] Algerien lieferte Rohstoffe und importierte französische Fertigware.

Der Krieg selbst wurde zudem zu einem konjunkturellen Faktor; die Rüstungsindustrie profitierte unmittelbar von den immensen Militärausgaben, und für die durch die Niederlage in Indochina und die Vichy-Vergangenheit diskreditierte Armee bot er eine Chance zur moralischen und institutionellen Rehabilitation.

3.2.1.     Antikommunismus auf allen Seiten

Im Kontext des Kalten Krieges erhielt der Konflikt eine zusätzliche, wenig überraschende, Dimension. Die französische Regierung und Armee betrieben systematisch das „Framing“ der FLN als Marionette des internationalen Kommunismus, obwohl sie sich selbst als nationalistische Bewegung verstand und durchaus im harten Konflikt mit den algerischen (PCA; Parti Communiste Algérien) als auch mit den französischen Kommunisten (PCF; Parti communiste français) stand.

So folgte die PCA lange Zeit der Doktrin des PCF-Generalsekretärs Maurice Thorez, der 1939 erklärte, Algerien sei eine „Nation in Bildung“, die aus einer Verschmelzung von Arabern, Imazighen (veraltet: Berber), Europäern und Juden entstehen würde. Diese Sichtweise implizierte, dass die algerische Nation noch nicht existierte und daher noch nicht bereit für die Unabhängigkeit war, sondern im Angesicht des internationalen Kampfes gegen den Faschismus im Schoße der Französischen Republik reifen müsse.[58] Dabei misstrauten viele dem Islam, den sie als reaktionär und als Hindernis für den sozialen Fortschritt betrachteten.[59] Gleichzeitig sahen Messali Hadj und später die FLN die kommunistische Position als Leugnung der algerischen Identität an.[60]

Beispielhaft für die antikommunistische Haltung Hadjs war die sogenannte „Berberkrise“ von 1949:

“The spark for this was a booklet, signed by the intellectuals Yahia Henine, Mabrouk Belhocine, and Sadek Hadjeres, which took issue with the assertion that Algeria was exclusively Arab, arguing that nationalism needed to incorporate the country’s Turkish and Berber components. Messali was furious. This was much too close to the Communist Party concept of Algeria as a ‘nation in formation’. Even worse, by evoking a separate Berber identity, it played into the colonial divide-and-rule strategy. What followed were a series of bruising purges which left a bitter taste, particularly within the party’s organization in France where, given the pattern of immigration, there had always been a preponderance of Berber Kabyles. As a result, the centrality of an Arab and Muslim within Algerian nationalism was reaffirmed and any possibility of a different nationalism, more pluralistic and less attached to religion and Arab ethnicity, effectively quashed.”

Während der Krise von Sétif verurteilte die PCF den Aufstand der Nationalisten als „faschistisches Komplott“. Die algerischen Kommunisten fühlten sich, dem Beispiel der Mutterpartei folgend, gezwungen, die Vorfälle als faschistisch inspiriert zu verurteilen, da sie mit dem Kriegsende in Europa zusammenfielen.[61] Währenddessen traten kommunistische Minister in der französischen Regierung (wie Luftfahrtminister Charles Tillon) trotz der brutalen Repression nicht zurück.[62]

Im Gegensatz zu anderen französischen Parteien, erkannte die PCF den 1. November als politischen Akt an, verurteilte die Repression und forderte Verhandlungen. Sie weigerte sich als praktisch einzige Partei, den Aufstand als reines Verbrechen zu verurteilen, sondern sah ihn als logische Folge kolonialer Unterdrückung.[63] Die Kommunisten hielten die Strategie der FLN dennoch für „politischen Selbstmord“, da sie glaubten, die militärische Übermacht der französischen Armee würde den Aufstand unmöglich machen und er könne keinen Bestand haben.[64]

Ein entscheidender Bruch war das Votum der französischen Kommunisten (PCF) im März 1956 für ein Gesetz über sogenannte „Sondervollmachten“ (pouvoirs spéciaux) der von den Sozialisten geführte Regierung Guy Mollet. Die Vollmachten ermöglichten der Armee massive Repressionen und Folter in Algerien.[65]

Die Kommunisten stimmten für das Gesetz. Ihre Motivation war primär innenpolitischer Natur. Sie wollten die sozialistisch geführte Regierung der „Republikanischen Front“ stützen, um soziale Reformen in Frankreich nicht zu gefährden, die radikale Rechte politisch weiter isolieren und die außenpolitische Entspannung mit der Sowjetunion nicht zu stören.[66] Die Hoffnung bestand darin, Mollet würde die Vollmachten nutzen, um Frieden zu schaffen. Eine kolossale Fehleinschätzung, im Angesicht der harten Linie die Mollet bereits von Anfang an verfolgte.

“On 5 June 1956 the Communists abstained on a vote of confidence in the Mollet government, reflecting the growing realization that the Socialist leader was moving toward a military solution, yet continuing in the desperate hope that he might be yet convinced to come round. It was the announcement of oil discoveries in the Sahara on 16 June 1956, introducing a totally new element into the picture, that finally served to convince the party that Mollet’s government had become and would remain a prisoner of the monopolies. (…) The aim remained to work within the French parliamentary structure, seeking to construct a broad coalition of the left, alone considered capable of bringing about peace, while the Algerian Communists simultaneously sought to ingratiate themselves with the FLN and inflect its policies toward moderation and a negotiated end to the war. Communism was still the best hope to be the bridge between the French government and the rebels (…).”[67]

Die FLN betrachtete dies als Beweis dafür, dass den Kommunisten die Solidarität mit der französischen Arbeiterklasse wichtiger war als die Unabhängigkeit Algeriens und warf den Kommunisten vor, die antikoloniale Solidarität sei ein „Mythos“.

Die algerischen Kommunisten hatten kurz nach dem 1. November eine eigene bewaffnete Organisation gegründet, die Combattants de la Libération (CDL). Die CDL, die hauptsächlich in städtischen Zentren operierte, war für einen bedeutenden Waffenraub im April 1956 verantwortlich, als Henri Maillot, ein in Algier geborener Soldat und PCA-Kämpfer, dem Aufruf der Partei folgte, den bewaffneten Kampf zu unterstützen, und mit einem LKW voller Waffen und Munition desertierte, von denen ein Großteil an die FLN weitergegeben wurde.[68]

Im Mai und Juni 1956 führte die FLN Gespräche mit der PCA und es wurde eine geheime Vereinbarung getroffen, die zur Auflösung der kommunistischen maquis (bewaffnete Guerilla-Einheiten der CDL) am 1. Juli 1956 führte. Als Kompromiss sollten die kommunistischen Kämpfer der ALN beitreten dürfen, jedoch strikt unorganisiert und nur als Individuen.[69]

Die PCA selbst durfte als separate politische Organisation weiterbestehen, musste jedoch die politische und militärische Dominanz der FLN in ihrer Gänze akzeptieren. Während des Krieges herrschte trotz der Integration innerhalb der FLN weiterhin Misstrauen gegenüber den Kommunisten und einige beklagten später, dass ihre Mitglieder von Führungspositionen ausgeschlossen wurden und dass einige FLN-Funktionäre offen anti-kommunistisch gewesen seien.[70] Gleichzeitig betonte die FLN oft öffentlich ihren Antikommunismus gegenüber westlichen Beobachtern, wie der BRD, um Sympathien zu gewinnen.[71] Nach dem Krieg wurde die PCA am 29. November 1962 offiziell verboten.[72]

Die Dämonisierung der FLN als Anhängsel des Weltkommunismus diente einem doppelten Zweck. Sie rechtfertigte die militärische Repression als Beitrag zur westlichen Verteidigung gegen die sowjetische Expansion und delegitimierte gleichzeitig jegliche innenpolitische Opposition in Frankreich als illoyal und kommunistenfreundlich.

3.3. Die guerre révolutionnaire

Während des Krieges gewann eine neue militärstrategischen Doktrin, die sogenannte „guerre révolutionnaire“, an wachsender Bedeutung und prägte zunehmend die Maßnahmen der französischen Repressionen.

Historisch und theoretisch lässt sich diese Doktrin nicht ohne das traumatische Vorleben der französischen Armee im Indochinakrieg (1946 – 1954) verstehen. Angeführt von Persönlichkeiten wie dem späteren OAS-Terroristen Oberst Charles Lacheroy und dem Offizier Roger Trinquier, führte eine Generation französischer Offiziere die französische Niederlage in der Schlacht von Điện Biên Phủ gegen die Việt Minh (Liga für die Unabhängigkeit Vietnams) unter Hồ Chí Minh, nicht auf militärische Unterlegenheit zurück, sondern auf eine neuartige und überlegene Form der Kriegsführung des Gegners.  Ihre Analyse besagte, dass der moderne Krieg nicht mehr primär durch kinetische Waffengewalt auf dem Schlachtfeld entschieden werde, sondern durch die politisch-psychologische Eroberung der Bevölkerung.

Trinquier argumentierte, dass der Feind in einem subversiven Krieg keine Uniform trage und sich in der Zivilbevölkerung verstecke. Um ihn zu besiegen, müsse die Armee ebenso wie er „revolutionäre Taktiken“ anwenden. Kernelemente dieser „revolutionären Kriegsführung“ nach Trinquier waren die Verschmelzung von Armee und Polizei, also die Übernahme ziviler Kontrollaufgaben durch das Militär, das Gewinnen von Informationen als wichtigstes Ziel über taktischen Geländegewinnen und die Legitimierung der Folter. Da sich der „Terrorist“ nicht an Kriegsregeln halte, dürfe auch der Staat zu außerrechtlichen Mitteln greifen.

Die selben Offiziere, die 1954 geschlagen aus Indochina zurückkehrten fanden sich teilweise noch im selben Jahr in Algerien wieder, wobei sie die Guerillataktiken spiegelten, um sie gegen die algerische Unabhängigkeitsbewegung zu wenden.[73]

Ideologisch fundierte die Doktrin der guerre révolutionnaire auf einer streng manichäischen Weltanschauung, die den lokalen Konflikt in Algerien zu einer entscheidenden Frontlinie im Kampf gegen den Weltkommunismus stilisierte. In der Lesart von Lacheroy handelte es sich bei der FLN nicht um einen legitimen Ausdruck eines nationalen Selbstbestimmungswillens, sondern um eine fremdgesteuerte Marionette des internationalen Kommunismus, der die westliche, christliche Zivilisation durch Infiltration zu zersetzen drohte.[74]

In der operativen Umsetzung führte dieses theoretische Konstrukt zu einer umfassenden Militarisierung der algerischen Zivilgesellschaft. Das zentrale Postulat lautete, dass die Bevölkerung selbst das Terrain des Krieges sei (le milieu). Um dieses Terrain zu beherrschen, implementierte die französische Armee das System des quadrillage (Rasterung). Dabei wurde das gesamte algerische Territorium in hierarchisch gegliederte Sektoren unterteilt, über die ein engmaschiges Netz aus Garnisonen und Patrouillen gelegt wurde, um jegliche Bewegungsfreiheit der FLN zu unterbinden und eine lückenlose Überwachung zu gewährleisten.[75]

Unteranderem mündete diese Politik auch in der Maßnahme des regroupement. Das regroupement beinhaltete die Zwangsumsiedlungen von 2.350.000 Algeriern bis 1961 in militärisch überwachte Lager (faktisch Konzentrationslager).[76] Diese Entwurzelung ganzer Dorfgemeinschaften diente dem Zweck, physische „verbotene Zonen“ (zones interdites) zu schaffen, in denen jeder verbliebene Mensch automatisch als Kombattant galt und bekämpft werden durfte.

Parallel zur physischen Kontrolle forcierte die Doktrin den Kampf um die „Herzen und Köpfe“ durch die action psychologique. Koordiniert durch das eigens geschaffene „Fünfte Büro“, setzte die Armee auf eine Mischung aus Propaganda, Indoktrination und Desinformation, um die Moral des Gegners zu zersetzen und die Loyalität der muslimischen Bevölkerung zu erzwingen.[77] Ein ambivalentes, aber zentrales Instrument dieser Strategie waren die sections administratives spécialisées (SAS) (Im städtischen Raum gab es die SAU, sections administratives urbaines). Die SAS-Offiziere, oft als képis bleus („Blaukäppchen“) bezeichnet, leisteten tatsächlich umfangreiche soziale Arbeit. Sie füllten das administrative Vakuum in den ländlichen Gebieten, bauten Straßen, eröffneten Schulen und boten medizinische Versorgung an. Viele Offiziere sprachen Arabisch oder Amazighisch und bauten persönliche Beziehungen zur Bevölkerung auf.[78] Im Kontext der guerre révolutionnaire war diese Fürsorge freilich nie Selbstzweck, sondern fungierte stets als Vehikel der nachrichtendienstlichen Durchdringung. Offizierseinheiten erstellten detaillierte Karteien (fichiers) der Bevölkerung, identifizierten Verdächtige und versuchten, die parallelen administrativen Hierarchien der FLN durch eine militärisch kontrollierte Verwaltung zu ersetzen.[79]

Ein wesentliches Instrument zur Durchsetzung dieser Kontrolle war in dem Kontext der guerre révolutionnaire erneut die Anwendung von Kollektivstrafen. Die Praxis ergab sich logisch zwingend aus der theoretischen Prämisse, den Gegner nicht als separate Armee, sondern als untrennbar mit der Zivilbevölkerung verwoben zu betrachteten. In der Realität bedeutete dies, dass für Anschläge oder Hinterhalte der FLN häufig nicht individuelle Täter, sondern ganze Dorfgemeinschaften zur Rechenschaft gezogen wurden. Die Methoden reichten von der Verhängung hoher Geldstrafen und der Beschlagnahmung lebenswichtiger Nahrungsvorräte und Viehbestände bis hin zur physischen Zerstörung von Wohnhäusern.[80]

„On 13 May 1955 General Cherrière, commander-in-chief in Algeria, issued instructions that cleared the way for collective reprisals and on 21 May General Parlange in the Aurès-Nementcha mountains ordered that for any act of sabotage the nearest village (douar) would be held responsible. (…) the Interior Minister Bourgès-Maunoury, strongly supported the idea of collective responsibility to hold the population in place, including burning down villages and summary executions. On occasions the army applied the law of talion: ten Algerians were to be executed for each French soldier killed by rebels.”[81]

Das bereits erwähnte Gesetz über „Sondervollmachten“ in Algerien vom 12. März 1956 stand im Ebenbilde der guerre révolutionnaire. Indem das französische Parlament der Regierung Mollet mit überwältigender Mehrheit (455 zu 76 Stimmen) eine „carte blanche“ erteilte, institutionalisierte und legitimierte es den bereits praktizierten Ausnahmezustand. Die Vollmachten waren als „zweischneidiges Schwert“ angelegt. Während die Artikel 1 bis 4 weitreichende politische und wirtschaftliche Reformen für die muslimische Bevölkerung versprachen, um deren „Herzen und Köpfe“ zu gewinnen, enthielt der entscheidende Artikel 5 den repressiven Kern. Er übertrug die gesamte Exekutivgewalt in Algerien auf den sozialdemokratischen Algerienminister Robert Lacoste und die von pieds-noirs durchsetzte Armee, legalisierte damit das Regieren per Dekret und vollendete die Militarisierung aller staatlichen Machtmittel.[82] In der konkreten Umsetzung bedeutete dies, dass die theoretischen Postulate der guerre révolutionnaire – die totale Kontrolle des milieu, die Aufhebung der Trennung zwischen Kombattanten und Zivilisten, die Bekämpfung des Gegners als politisch-psychologisches Phänomen – nun mit vollem legalem Rückhalt operieren konnten.

3.4. Folter

Das Massaker von Sétif markierte retroperspektiv eine Zäsur. Während die blutige Niederschlagung des Aufstandes an sich einen Höhepunkt darstellte, erwies sich ihre längerfristige Bedeutung vor allem darin, dass sie als Blaupause und Vorwand für die Einführung eines umfassenden Repressionsapparates durch die Kolonialbehörden diente. Sétif wurde systematisch zum Vorwand für die Etablierung von Folter genutzt, die bis zum Ende des Algerienkriegs 1962 und besonders während der Schlacht von Algier 1957 unter General Massu und dem 10. Fallschirmjägerregiment zum Standardrepertoire der französischen Sicherheitskräfte avancierte.

Die militärische Führung rechtfertigte die Maßnahmen oft mit dem „Ticking Time Bomb“-Szenario, der Notwendigkeit, unmittelbare terroristische Anschläge durch schnelle Informationsgewinnung zu verhindern. Das Hauptziel war nicht nur das Geständnis individueller Taten, sondern die Aufdeckung der Organisationsstruktur der FLN (OPA). Die Folter diente dazu, Informationen schnell zu extrahieren, um weitere Anschläge zu verhindern oder Netzwerke zu zerschlagen.[83]

„But (the terrorist) must be made to realize that, when he is captured, he cannot be treated as an ordinary criminal, nor like a prisoner taken on the battlefield. What the forces of order who have arrested him are seeking is not to punish a crime, for which he is otherwise not personally responsible, but, as in any war, the destruction of the enemy army or its surrender. Therefore, he is not asked details about himself or about attacks that he may or may not have committed and that are not of immediate interest, but rather for precise information about his organization. In particular, each man has a superior whom he knows; he will first have to give the name of this person, along with his address, so that it will be possible to proceed with the arrest without delay.“[84]

Die Methoden waren vielfältig und brutal standardisiert. Zu den berüchtigtsten Techniken gehörte die Gégène, ein tragbarer Magnetgenerator, der ursprünglich für Feldtelefone gedacht war und nun dazu missbraucht wurde, elektrische Stöße an empfindliche Körperteile wie Ohren, Füße oder Genitalien der Gefangenen abzugeben. Daneben praktizierte das französische Militär das baignoire (eine Form des Waterboarding, bei dem der Kopf des Opfers bis zum Erstickungsreflex in verdrecktes Wasser getaucht wurde), das Aufhängen an Gliedmaßen sowie alle möglichen weiteren Methoden von sexueller und köperlicher Gewalt und Erniedrigung.[85]

Henri Alleg, der Herausgeber des Alger républicain und Mitglied der Kommunistischen Partei Algeriens, lieferte mit seinem 1958 heimlich veröffentlichten Bericht La Question (Die Frage), welcher bereits zwei Wochen nach Veröffentlichung in Frankreich verboten wurde, eines der eindringlichsten Zeugnisse dieser Maschinerie. Alleg beschreibt detailliert, wie er in einem Haftzentrum in El-Biar festgehalten und gefoltert wurde:

„Suddenly, I leapt in my bonds and shouted with all my might. (soldier 1) had just sent a first electric charge through my body. A flash of lightning exploded next to my ear and I felt my heart racing in my breast. I struggled, screaming, and stiffened myself until the straps cut into my flesh. All the while the shocks controlled by (soldier 1), magneto in hand, followed each other without cease. To the same rhythm, (soldier 1) repeated a single question, hammering out the syllables: ‘Where have you been hiding?’ Between two spasms, I turned my head towards him and said, ‘You are wrong to do this. You will regret it!’ Furious, (soldier 1) turned the knob on the magneto to its fullest extent. (…) ‘Every time you say that, I’ll give you a packet!’ And as I was continuing to scream, he said to (soldier 2): ‘My God, he’s noisy! Stuff his mouth with something!’. (soldier 2) rolled my shirt into a ball and forced it into my mouth, after which the torture continued. (…) Suddenly, I felt as if a savage beast had torn the flesh from my body. Still smiling above me, (soldier 2) had attached the pincer to my penis. The shocks going through me were so strong that the straps holding me to the board came loose. They stopped to tie them again and we continued. (…) They had thrown cold water over me in order to increase the intensity of the current, and between every two spasms I trembled with cold. All around me sitting on the packing cases, (soldier 1) and his friends emptied bottles of beer. I chewed on my gag to relieve the cramp which contorted my body. In vain. At last they stopped. ‘All right, untie him!’ The first session was over.”[86]

Allegs Bericht verdeutlichte, dass die Folterknechte oft junge, wehrpflichtige Franzosen, die ihre Handlungen als patriotische Pflicht oder routinierten Job betrachteten. Ärzte waren anwesend, nicht um zu helfen, sondern um die Belastbarkeit der Opfer für weitere Verhöre zu prüfen und Injektionen von „Wahrheitsserum“ zu verabreichen.[87] Zur Perfidie des Systems gehörte schließlich, dass entlassene Häftlinge eine eidesstattliche Erklärung unterzeichnen mussten, in der sie bestätigten, „gut behandelt worden” und „keiner Gewalt ausgesetzt” gewesen zu sein – was durch die anwesenden Militärärzte bezeugt wurde.[88]

Allegs Buch „La Question” wurde am 12. Februar 1958 in voller Länge veröffentlicht. Innerhalb von zwei Wochen wurden über 60.000 Exemplare verkauft. Trotz der Proteste von André Malraux, François Mauriac und Jean-Paul Sartre wurde das Buch am 27. März verboten und die verbleibenden Exemplare der ersten Auflage beschlagnahmt. Als Begründung wurde die Untergrabung des Wehrwillens und der Verteidigung Frankreichs genannt.[89]

Die Anwendung von Folter wurde vom Militär durch einen elaborierten Diskurs aus Euphemismen und scheinlegalen Rahmenbedingungen legitimiert und verschleiert. Begriffe wie „Sonderbefragung“ ersetzten das Wort Folter, und Argumente der „Notwendigkeit“, der „Effizienz“ und einer angeblichen „Humanität“ der angewandten Methoden dienten der Rechtfertigung. Maurice Papon, damals Präfekt der Provinz Constantine, ließ auf einem Treffen von Geheimdienstmitarbeitern kaum Zweifel daran, dass sie befugt seien, „harte Verhöre durchzuführen und unbequeme Personen verschwinden zu lassen”.[90]

„Crucially, it must be reiterated that these methods did not operate in a political vacuum. Although there was no written order sanctioning torture, the army was verbally encouraged to use it by Lacoste, Lejeune, and Bourge`s-Maunoury. These three wanted the army to liquidate the FLN leadership in Algiers, while calling for care to avoid any ‘mistakes’ which might embarrass the Mollet administration – a euphemism which reminded officers that these methods must be kept away from the public eye.”[91]

Ein Erlass von Robert Lacoste vom 11. April 1957 institutionalisierte die Praxis, indem er die Einrichtung von Centres de Tri et de Transit (CTT) autorisierte. In diesen Durchgangslagern konnten Personen bis zu einem Monat unter administrativem „Hausarrest“ (assignation à résidence) festgehalten werden. Ohne Kontakt zur Außenwelt, ohne rechtlichen Beistand und ohne jede Möglichkeit, gerichtlich dagegen vorzugehen. Diese Zeit wurde genutzt, um Folter exzessiv anzuwenden und Standrechtsexekutionen, die sogenannte corvée de bois („Holzarbeit“), durchzuführen.[92]

Berüchtigte Orte waren die Villa Susini in Algier und die Ameziane Farm in Constantine die außerhalb jeglicher Legalität operierten und ein administratives Schwarzes Loch darstellten, in dem hunderte Menschen verschwanden. Das Ausmaß wurde durch den Rücktritt des Generalsekretärs der Polizeipräfektur von Algier, Paul Teitgen, deutlich, als er realisierte, dass über 3.000 der 24.000 Männer, für die er Haftbefehle unterzeichnet hatte, zwischen Januar und September 1957 spurlos verschwunden waren.[93]

Die Delegation der Gewalt wurde durch interne Berichte weiter abgesichert. Prominetestes Beispiel hierfür ist der Bericht des Beamten Roger Wuillaume. Wuillaume, der 1955 beauftragt wurde, Vorwürfe über Misshandlungen zu untersuchen, erkannte zwar an, dass Gewalt angewendet wurde, empfahl jedoch nicht deren Abschaffung, sondern deren Reglementierung. Er argumentierte, dass bestimmte Methoden der Nötigung (wie Wasser und Elektrizität) effektiv seien und, sofern sie keine bleibenden physischen Schäden hinterließen, als zulässige „Verhörmethoden“ anerkannt werden sollten, um die Heuchelei der Clandestinität zu beenden.[94]

Die systematische Straflosigkeit wurde später durch eine Reihe von Amnestiegesetzen zementiert, die bereits unmittelbar nach dem Krieg begannen. Mehrere Dekrete aus 1960er Jahren sorgten dafür, dass Taten, die im Rahmen der „Aufrechterhaltung der Ordnung“ begangen wurden, juristisch nicht verfolgt werden konnten. Dies führte zu der grotesken Situation, dass Generäle wie Paul Aussaresses in seinem 2001 erschienenen Buch Services spéciaux, Algérie 1955-1957 offen gestand, Folter systematisch angewandt und 24 algerische „Verdächtige“ summarisch hingerichtet zu haben. Er zeigte keinerlei Reue und erklärte, er würde es wieder tun. Aussaresses wurde lediglich dafür sanktioniert, dass er das Schweigen gebrochen und die „Ehre“ der Armee beschmutzt hatte.[95]

3.4.1. Was sagt Satre?

Jean Paul Sartre nahm während des Algerienkrieges eine zentrale Rolle innerhalb der französischen Öffentlichkeit ein. Als einer der prominentesten Intellektuellen Frankreichs wurde er zu einem der schärfsten Ankläger der kolonialen Gewalt. Er solidarisierte sich offen mit der algerischen Unabhängigkeitsbewegung und rechtfertigte deren Gewalt als notwendigen Schritt zur Befreiung.

Sein wohl berühmtester Text zum Befreiungskrieg Algeriens ist das Vorwort zu Frantz Fanons „Die Verdammten dieser Erde“ (1961). Darin radikalisierte er Fanons Thesen und argumentierte, dass der Kolonialismus selbst eine ursprüngliche, konstante Gewalt sei – ein System, das den Kolonisierten systematisch entmenschliche und ihn zum „Untermenschen“ oder „höheren Affen“ degradiere, wie er in Anlehnung an Fanon schrieb. Für Sartre war die gewalttätige Reaktion der Kolonisierten daher kein willkürlicher Akt, sondern die notwendige und legitimierte Antwort, ein existenzieller Akt der „Menschwerdung“. Indem der Unterdrückte den Unterdrücker töte, befreie er sich aus seiner passiven Objektrolle und werde zum handelnden Subjekt seiner eigenen Geschichte. Durch dieses Argument entlarvte er große Teile der europäischen Linken als heuchlerisch. Laut Satre genossen sie die Früchte des Kolonialismus und verdammten die befreiende Gegengewalt. Diese Anklage Satres machte ihn zur Zielscheibe heftiger Anfeindungen, der traditionellen Linken.

Schon 1956 hatte Sartre in Essays wie „Le Colonialisme est un système“ den Kolonialismus, als ein in sich geschlossenes, ökonomisches System analysiert, für das der Rassismus keine zufällige Begleiterscheinung, sondern eine funktionale Notwendigkeit war. Der „Eingeborene“ musste zum „Untermenschen“ erklärt werden, um seine „Überausbeutung“ rechtfertigen zu können. Diese systemische Sichtweise erlaubte es ihm, die in Algerien praktizierte Folter nicht als bedauerliche Exzesse Einzelner, sondern als logische Konsequenz dieses entmenschlichenden Systems zu begreifen. Seine Zeitschrift Les Temps modernes wurde zur wichtigen publizistischen Waffe im Kampf gegen das offizielle Schweigen und sie publizierte Zeugnisse wie Allegs „La Question“. Für Sartre war die Duldung dieser Praxis ein Zeichen der „Gangräne“, einer moralischen Fäulnis, die von Algerien aus die französische Gesellschaft selbst infizierte.

So kritisierte Sartre den moralischen Verfall Frankreichs scharf und zog Parallelen zur nationalsozialistischen Besatzung. Die Tatsache, dass dieselbe Nation, die einst unter der Gestapo litt, nun in Algieren foltere, zeige einen Rollentausch und die Brüchigkeit zivilisatorischer Werte.

„Appalled, the French are discovering this terrible truth: that if nothing can protect a nation against itself, neither its traditions nor its loyalties nor its laws, and if fifteen years are enough to transform victims into executioners, then its behaviour is not more than a matter of opportunity and occasion. Anybody, at any time, may equally find himself victim or executioner.”[96]

Dies sei kein Versehen, sondern systemisch. Die französische Öffentlichkeit und Politik hätten durch Schweigen und implizite Billigung die Folter ermöglicht, wodurch die gesamte Gesellschaft in eine Mitschuld verstrickt worden sei. Besonders eindringlich beschrieb Sartre die Korruption der jungen französischen Soldaten, die in den „magnetoischen Feld“ des Kolonialhasses hineingezogen und zu Folterern gemacht würden – ein Prozess, der zeige, wie das System normale Individuen in Täter transformiere.[97]

1960 unterzeichnete er das „Manifest der 121“, das französische Soldaten zum Recht auf Desertion im „schmutzigen Krieg“ aufrief. Dies war ein Akt des zivilen Ungehorsams, der eine Verhaftung bewusst provozieren sollte.[98]

Während viele Unterzeichner wie Lehrer und Beamte suspendiert wurden oder Berufsverbote erhielten, blieb Sartre jedoch verschont. De Gaulle war klug genug, keine Märtyrer zu schaffen, und behandelte Anhänger Sartres und Intellektuelle, solange sie keine Staatsbeamten waren, mit irritierter Vorsicht. Die Legende will, dass de Gaulle Satre mit dem Satz „Man verhaftet Voltaire nicht“ vor Konsequenzen schützte. Dieser Schutz hielt die rechtsextreme OAS nicht davon ab, Bombenanschläge auf seine Wohnung und die Büros der Les Temps modernes zu verüben.[99]

Sein Theaterstück „Die Eingeschlossenen von Altona“ (1959), offiziell im Nachkriegsdeutschland angesiedelt, wurde vom Publikum sofort als Parabel auf die algerische Folter und die daraus resultierende kollektive Schuld verstanden. Sartre nutzte die Kunst, um der Zensur zu entgehen und der französischen Gesellschaft einen schonungslosen Spiegel vorzuhalten. In seiner Gesamtheit steht Sartres Engagement somit für den Versuch, den intellektuellen Diskurs in eine konkrete politische und moralische Waffe zu verwandeln und die französische Öffentlichkeit mit ihrer Komplizenschaft in einem Krieg zu konfrontieren, der die Seele der Nation korrumpierte.

4. Maurice Papon: Technokrat des Terrors

Nach dieser ausführlichen Darstellung des französischen Kolonialkontextes in Algerien wenden wir uns nun dem zentralen Gegenstand dieses Textes zu: den Ereignissen des 17. Oktober 1961. Der Übergang zu diesem Abschnitt erfolgt über die Figur Maurice Papon, an der sich der Blick vom Ende des Krieges in Algerien hin zur französischen Metropole richtet.

Maurice Papon wurde 1910, als Sohn eines erfolgreichen Industriellen, Notars, Flaschenfabrikanten und Präsident des Generalrats des Departements Seine-et-Marne geboren. Er durchlief eine elitäre akademische Ausbildung der Rechtswissenschaften, Psychologie, Politikwissenschaften und öffentlichen Finanzen an der Sorbonne. Sein Eintritt in das Innenministerium im Jahr 1935 mit gerade einmal 25 Jahren markierte den Beginn einer bemerkenswerten Karriere innerhalb des französischen Präfektenkorps, die durch das Klientelsystem der Radikalen Partei und insbesondere durch die Förderung des pied-noir Maurice Sabatier vorangetrieben wurde.[100]

Die frühe Patronage Sabatiers erwies sich als entscheidend für seinen weiteren Werdegang. Im Mai 1942 wurde Sabatier in Vichy-Frankreich zum Regionalpräfekten von Aquitanien ernannt und holte Papon als seinen Generalsekretär nach Bordeaux. In dieser Funktion, die unteranderem die Zuständigkeit für jüdische Angelegenheiten umfasste, leitete Papon die Verwaltung der Präfektur Gironde im besetzten Teil Frankreichs. Unter seiner Leitung wurden von 1942 bis 1944 Hunderte von Juden aller Altersgruppen, Kinder, Frauen, Männer und alte Menschen, im Lager von Mérignac interniert und daraufhin in das Sammellager Drancy bei Paris deportiert.[101]

Einschub: Historiker weisen hier explizit auf die tiefgreifenden Parallelen und personellen, methodischen wie ideologischen Kontinuitäten hin, die den Kollaborationsapparat des Vichy-Regimes (1940 – 1944) mit den vorhergehenden und nachfolgenden kolonialen Repressionssystemen in Nordafrika sowie mit der polizeilichen Gewalt im metropolitanen Frankreich verbinden.

„(…) in many instances we find senior police officers or administrators, who during the course of their career were involved in both forms of repression, drawing on a shared body of practices. A key role was played by the Interior Ministry which constantly circulated top officials between the Maghreb and metropolitan France. In Bordeaux, Papon was closely associated with a circle of senior administrators who had significant past connections with Algeria. In addition to the pied-noir Sabatier, (…) there was Jean Chapel who later served as Superprefect in Constantine; Pierre Garat, head of Jewish services, who was transferred to Algeria in 1945; Pierre Somveille, Papon’s life-long right-hand man and head of cabinet who also moved to Algeria in 1945; and the pied-noir anti-Semite Pierre-René Gazagne. It may be the case that those who were most deeply involved with the persecution of Jews in Bordeaux (Sabatier, Papon, Garat, Gazagne) were rapidly transferred by the Interior Ministry to Algeria in 1945 to protect them from the purge and trial of Nazi collaborators.”[102]

4.1. Korsika, Paris, Marokko, Algerien

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, konnte sich Papon eine Mitgliedschaft in der Résistance attestieren lassen und setzte seine Karriere unbehelligt fort.[103] In vertrauter Nachkriegsmanier wurde Papon vom Innenministerium vor der Säuberung geschützt, da seine administrativen Fähigkeiten und sein strenger Antikommunismus im beginnenden Kalten Krieg als wertvoll erachtet wurden.[104] Er wurde Präfekt auf Korsika, während sein etabliertes Netzwerk ihm maßgeblichen Einfluss innerhalb der nordafrikanischen Kolonialbehörden und der Polizei verschaffte. Diese Verbindungen ebneten den Weg für seine Ernennung zum Präfekten von Constantine für die Jahre 1949 bis 1951. In dieser Position agierte er in einem Umfeld, in dem Folter und exzessive Polizeigewalt bereits derart verbreitet waren, dass Gouverneur Marcel-Edmond Naegelen und sein Nachfolger Roger Léonard sie ausdrücklich verbieten mussten.[105]

1951 wurde Papon die rechte Hand des Pariser Polizeipräfekten Jean Baylot. Baylot, radikal antikommunistisch, nationalistisch und rassistisch-kolonial war zudem bekannt für seine Nähe zu Kreisen des ehemaligen Vichy-Regimes und führte eine gezielte Kampagne zur Entfernung vermeintlich kommunistischer Beamter aus der Polizei.[106]

Die Ära Baylot war von einer vehement repressiven Politik gegenüber der algerischen Gemeinschaft in Paris geprägt. Es kam zu regelmäßigen ratissages („Zusammenrächen“; groß angelegte Razziaaktionen) und immer wieder zu tödlichen Zwischenfällen, wie den Erschießungen von vier Algeriern im Mai 1952 und sechs weiteren sowie einem französischen Gewerkschafter bei einer Demonstration am 14. Juli 1953, bei welcher die Polizei wahllos in die Menge schoss. Die interne Polizeiuntersuchung kam zu dem Schluss, dass ein algerischer Schütze in die Menge feuerte, um eine Reaktion der Polizei zu provozieren.[107]

Als Antwort auf die darauffolgenden Unruhen führte Baylot die umstrittene „Nordafrikanische Brigade“ wieder ein. Die Brigade, die erstmals 1925 gegründet worden war, um aufkommende nationalistische Bewegungen zu unterdrücken, wurde nach der Befreiung Frankreichs aufgrund ihrer kollaborativen Rolle wieder aufgelöst. Baylot benannte sie um in Brigade des agressions et violences (BAV), rekrutierte gezielt arabisch- und amazighischsprachige pieds-noirs und stattete sie mit einer neuen Art von Gummiknüppel aus, dem sogenannten bidule. Diese Waffe war bewusst tödlicher konstruiert und sollte sich später, während der Ereignisse vom 17. Oktober 1961, als verantwortlich für viele tödliche Verletzungen erweisen.[108] In dieser Zeit wurde alltägliche Gewalt gegen Algerier in Paris mindestens toleriert, wenn nicht aktiv gefördert. Papon selbst konstatierte später, er habe in dieser Phase viel gelernt.[109]

Ein kurzes Intermezzo als Generalsekretär des Protektorats Marokko in den Jahren 1954 – 55 festigte Papons Erfahrungen in der Aufstandsbekämpfung. Die dort angewandten Methoden, darunter erneut regelmäßige ratissages, standrechtliche Erschießungen, Zwangsumsiedlungen von Zivilisten und die straflose Operation von Anti-Terror-Kommandos gegen marokkanische Nationalisten und europäische Liberale, werden in der historischen Betrachtung oft als Testgelände für die später in Algerien angewandte Strategie interpretiert.

1956 wurde Papon erneut zum Präfekten von Constantine ernannt, ein Zeitpunkt, der mit der Verabschiedung des Special Powers Act zusammenfiel. Das Gesetz stattete auch ihn mit außergewöhnlichen Befugnissen aus, die die Gesamtkontrolle über zivile und militärische Autoritäten umfassten.[110]

Papon konstruierte in der Folge einen ausgeklügelten Apparat der permanenten Überwachung und Unterdrückung von 170.000 Menschen. Sein wichtigstes Instrument war das Centre de renseignement et d’action (CRA), ein gemeinsames Polizei- und Militäroperationszentrum, das Informationen verschiedener Behörden (ein Infanteriebataillon, Gendarmen, die Section administrative urbaine (SAU) und die Zivilpolizei) zentralisierte, Operationen plante und spezielle Einheiten zur Durchführung von Verhaftungen entsandte. Dieses Modell der fusionierten Befehlsstruktur wurde später für ganz Algerien als vorbildlich angesehen. Ergänzt wurde dieses System durch die Einrichtung von Triage-Zentren (CTT) und den Einsatz des berüchtigten Détachement opérationnel de protection (DOP), das für Verhöre und Suchaktionen verantwortlich war. Sein System der Aufstandsbekämpfung war merklich durch einen hohen Grad an Dezentralisierung der Operationen, verstreut über das riesige Gebiet des kolonialen Algeriens und ein bewusst undurchsichtiges Kaleidoskop sich ständig ändernder Akronyme, wie OR, DOP, CTT, CRA, SAU usw. gekennzeichnet, um eine öffentliche Aufarbeitung wirksam zu verhindern.[111]

Im März 1958 wurde Maurice Papon, nunmehr als Architekt eines weitreichenden Geheimdienst- und Polizeinetzwerkes in Algerien, zum Polizeipräfekten von Paris berufen. In dieser Position befand er sich in einer idealen Situation, die in Nordafrika entwickelten und erprobten Methoden der Verwaltungskontrolle, Überwachung und Repression auf den metropolitanen Kontext zu übertragen.

4.2. Bluthund der Republik

Maurice Papons politische Positionierung war typisch für eine bestimmte Fraktion von Kolonialbeamten während der Ära der Entkolonialisierung. Sein Denken war geprägt durch das Zusammenwirken mehrerer globaler Entwicklungen. Den Zerfall der europäischen Kolonialreiche, den aufsteigenden Realsozialismus, der sich mit unterdrückten Völkern solidarisierte und den politischen Aufstieg der Dritten Welt. Als Reaktion auf diese Bedrohungen der französischen Hegemonie ist ein krampfhaftes Festhalten an der kolonialen Ordnung zu beobachten, das in seiner Rhetorik Ähnlichkeiten mit späteren Konzepten eines „Clash of Civilizations“ aufweist. Bei Papon überlagerte die zeitgenössische Rhetorik des Kalten Krieges eine ältere, tief verwurzelte geopolitischen Vision eines globalen „Rassenkrieges“, in dem sogenannte „primitive“ Völker die weiße europäische Zivilisation bedrohten und er wurde zunehmend von der Vision eines Kreuzzuges zur Rettung des durch moralischen und politischen Verfall geschwächten christlichen Westens vor dem globalen Ansturm des Kommunismus berauscht.[112]

Diese Weltanschauung manifestierte sich in Papons spezifischer Wahrnehmung der algerischen Bevölkerung. Er betrachtete Muslime oder Araber als mit einer essentialistischen Mentalität ausgestattet, die sie besonders anfällig für gewalttätige Aufstände mache, da sie von irrationalem Fanatismus getrieben seien. Daraus leitete er die Idee einer spezifischen „muslimischen Psychologie“ ab. Seiner Auffassung nach konnten Muslime nicht durch Vernunft, sondern primär durch die Manipulation ihrer intuitiven Gefühle und durch die Beruhigung eines angenommenen Minderwertigkeitskomplexes gegenüber Europäern kontrolliert werden. Diesem Weltbild zufolge würden Muslime guten und starken Meistern durchaus gehorchen.[113]

Papon war eng verbunden mit einem Netzwerk rechtsnationalistischer Imperialisten unter der Führung von René Mayer (Mitglied der Radikalen Partei; Abgeordneter der Nationalversammlung; 1953 kurzzeitig Ministerpräsident), das Französisch-Algerien um jeden Preis erhalten wollte. Als Mitglied dieser einflussreichen Nordafrika-Lobby, welche spätere Friedensbemühungen aktiv sabotierte, vertrat er eine antikommunistische und rechtsgerichtete, „ultra“-kolonialistische Agenda.[114] Diese wurde intellektuell in der Theorie des guerre révolutionnaire verpackt. Papon selbst argumentierte ebenfalls, dass die zivilen und militärischen Behörden sich der Tatsache bewusst werden müssten, dass sie es mit einer völlig neuen Art subversiver Kriegsführung zu tun hätten.[115]

Sein Denken wurde zudem von dem rechtsextremen Theoretiker James Burnham beeinflusst, der davon ausging, dass ein Dritter Weltkrieg bereits im Gange sei und einen präventiven Schlag gegen die Sowjetunion befürwortete. Bezeichnenderweise sah Papon, angelehnt an Burnhams Idee einer technokratischen Elite, die Rolle von Militärkommandanten und zivilen Führern als auswechselbar an. Eine Verschmelzung, die er in der Praxis als Superpräfekt in Constantine verkörperte. In dieser Hinsicht war Papon jedoch weniger eine singuläre Erscheinung, sondern vielmehr symptomatisch und repräsentativ für eine ganze Generation von Regierungsministern, hohen Beamten, Armeekommandanten, Präfekten und Politikern.

Er verkörperte so ein prototypisches Werkzeug des bürgerlichen Staates. Er war einer von vielen „Bluthunden“, die in den Diensten der Republik agierten und dafür von wechselnden Regierungen derVierten und Fünften Republik, trotz seiner Vichy-Vergangenheit, gedeckt und karrierefördernd belohnt wurden.

4.3. Zurück nach Paris

Unruhen innerhalb der Pariser Polizei im März 1958 und die anschließende Absetzung des bisherigen Präfekten ebneten den Weg für die Ernennung von Maurice Papon zum neuen Polizeipräfekt von Paris am 15. März 1958. Seine Amtsübernahme fiel in die entscheidende Phase des Niedergangs der Vierten Republik und mündete direkt in der Gründung der Fünften Republik.

Einschub: Militärputsch und Gründung der Fünften Republik

Am 13. Mai 1958 eskalierte in Algier eine Demonstration von etwa 100.000 pieds-noirs. Diese fürchteten, der neue designierte Premierminister Pierre Pflimlin könnte Waffenstillstandsverhandlungen mit der FLN aufnehmen. Die Armee griff nicht ein, um die Autorität der Republik wiederherzustellen, stattdessen bildete General Massu unter dem Druck der Menge ein „Komitee für öffentliche Sicherheit“. Vom Balkon des Generalgouvernements verkündete Massu, dieses Komitee solle in Paris die Bildung einer „Regierung der öffentlichen Sicherheit“ unter Führung von General de Gaulle erreichen. Zwei Tage später, am 15. Mai, verkündete auch General Salan öffentlich „Vive de Gaulle!“.

Am 24. Mai hatten Putschisten bereits Korsika eingenommen und es gab Pläne für eine „Operation Auferstehung“, bei dem Fallschirmjäger über Paris abspringen sollten, um de Gaulle an die Macht zu bringen. Am 28. Mai trat Pflimlin zurück. Mollet riet Staatspräsident René Coty, sich an de Gaulle zu wenden, um einen Bürgerkrieg und einen Militärputsch zu verhindern. Folglich forderte Präsident Coty de Gaulle am 29. Mai auf, eine Regierung zu bilden. Am 1. Juni 1958 trat de Gaulle vor die Nationalversammlung. Er übernahm die Macht unter der Bedingung, umfassende Vollmachten zu erhalten und eine neue Verfassung ausarbeiten zu dürfen.

Damit leitete er die Gründung der Fünften Republik ein. De Gaulle trieb eine neue Verfassung voran, die die Macht des Parlaments zugunsten einer starken Exekutive mit präsidialem Charakter beschränkte. Während die Kommunisten in de Gaulles Übernahme den Weg zum Faschismus sahen, unterstützten ihn die Sozialisten in dieser entscheidenden Phase.

Die neue Regierung unter Charles de Gaulle gewährte Papon volle Rückendeckung für seine Strategien im Umgang mit dem Algerienkonflikt, die er nun auch in der Hauptstadt implementieren sollte, um unter allen Umständen die Ordnung zu sichern.[116]

Papon sah sich in Paris mit einer engmaschigen, militärisch strukturierten Organisation der FLN unter der algerischen Migrantenbevölkerung konfrontiert. Diese Gemeinschaft war intern gut vernetzt und konnte Fremde, einschließlich Polizeibeamten, leicht identifizieren.[117] Der offiziellen These folgend, wonach die algerische Bevölkerung grundsätzlich pro-französisch und nur von einer kleinen radikalen Gruppe FLN-Militanten unterdrückt werde, entwickelte Papon, auf Basis der guerre révolutionnaire, erneut eine zweigleisige Taktik. Den Kampf um „Herzen und Köpfe“, konkret den Versuch der Verbessrung der Lebensbedingungen der Algerier in Paris sowie die Implementierung von militärischen Taktiken die er in Nordafrika erlernt hatte.

Die FLN etablierte ebenfalls 1958 eine zweite Front in der französischen Metropole. So begann die FLN ab dem 23. August Polizeieinrichtungen und andere taktische Punkte in der prestigeträchtigen Hauptstadt zu attackieren. Die Anschläge waren nicht darauf ausgerichtet, die französische Staatsmacht zu enthaupten, sondern vielmehr darauf, die Algerienfrage in den Vordergrund der politischen Diskussion in der französischen Gesellschaft selbst zu rücken, die Aufmerksamkeit des repressiven Apparats des Staates zu spalten und das internationale Bewusstsein für die Unabhängigkeitsbewegung zu schüren.[118]

Die Eskalation der FLN, bot Papon dennoch den idealen Vorwand, seine repressiven Maßnahmen zu implementieren und diese öffentlich zu legitimieren. Er nutzte die Angriffe, um massive ratissages durchzuführen, bei denen Tausende Algerier in provisorischen Lagern, wie dem Vélodrome d’Hiver oder dem Beaujon-Krankenhaus, interniert wurden.[119]

Um die bis dahin unkoordinierten Aktionen gegen den FLN zu bündeln, gründete Papon den Service de Coordination des Affaires Algériennes (SCAA). Dieser überwachte alle Algerien-bezogenen Aktivitäten in einem zentralisierten System. Hauptsächlich wurden die Aktionen vom BAV, der 8ten Brigade territoriale und der Force de Police Auxiliaire (FPA) ausgetragen. Dazu kamen die mobilen équipes, 36 Zivilautos die 24/7 in algerischen Vierteln Patrouille fuhren. Außerdem konnte das SCAA bei Bedarf auf die  städtischen Gardiens de la paix und die Police judiciaire oder die ausgebildete Bereitschaftspolizei, die CRS (Compagnie républicaine de sécurité) und Gardes mobiles zugreifen.[120]

Dazu etablierte Papon den Service d’Assistance Technique (SAT), und deren außendienstlichen Büros bekannt als Brigades Régionales de Surveillance (BRS), die strategisch günstig in den algerisch am dichtesten besiedelten Gebieten lagen. Die offizielle Aufgabe war die soziale Integration durch die Bereitstellung von Sozialhilfe und Beratung und bürokratischer Unterstützung, angelehnt an die SAU in Algerien. Inoffiziell diente der SAT der Penetration der FLN-Strukturen und der Sammlung von Informationen für die zentrale Datei (fichier).

Diese Informationen wurden für die sogenannte Operation „Osmose“ genutzt. In ihrem Rahmen wurden Verdächtige willkürlich verhaftet, um sie dann einer Reihe an repressiven Maßnahmen auszusetzen. So wurden Verdächtige nicht selten nach einer Verhaftung außerhalb der Stadt ausgesetzt oder innerhalb von Paris umgesiedelt, um die sozialen und operativen Netzwerke der FLN zu stören.[121]

Die Maßnahmenkataloge die Papon forderte und teilweise umsetzte, zielten darauf ab, die normalen gerichtlichen Prozessvorgänge zu umgehen. Dazu gehörten administrative Inhaftierungen ohne Gerichtsurteil (assignation à résidence), die Ausweisung mutmaßlicher Terroristen nach Algerien, wo schärfere Verhörmethoden angewendet werden konnten, sowie die Ausweitung der Befugnisse von Militärgerichten. Ein zentraler Erfolg für Papon war die Verlängerung des legalen Polizeigewahrsams für festgenommene Algerier von 48 Stunden auf zwei Wochen.[122]

Die wohl umstrittenste Maßnahme stellte jedoch die Wiedereinführung der Force de Police Auxiliaire (FPA) im Jahr 1959 dar. Bei dieser Einheit handelte es sich um eine paramilitärische Truppe nach dem Vorbild der kolonialen Hilfstruppen. Sie setzte sich aus uniformierten Algeriern (harkis) und Zivilbeamten zusammen und war speziell für die Anwendung von Methoden der geheimen Kriegsführung konzipiert. Die Einheit bestand aus etwa 400 bis 800 algerischen Rekruten, die hauptsächlich über den SAS angeworben wurden.[123]

Obwohl sich Frankreich offiziell nicht im Krieg befand, setzte Papon die FPA und weitere repressive Maßnahmen, trotz politischer Bedenken gegenüber ihrem diskriminierenden Charakter, rigoros durch. FPA-Einheiten, stationiert in FLN-Hochburgen, erlangten schnell einen Ruf für extreme Gewaltexzesse, systematische Einschüchterung und den Betrieb von Folterzentren.[124]

„A little over a month after the FPA installation in the 13th arrondissement, complaints about ‘screams from basements’ were raised by inhabitants of the neighbourhood.“[125]

5. Die Pariser Polizei

Die personelle Aufstellung der Pariser Polizei zur Zeit des Algerienkrieges war geprägt von einem signifikanten Zulauf an Kräften, die nicht der klassischen Gendarmerie entstammten. Viele der neu rekrutierten oder für Sondereinheiten abgestellten Polizisten waren ehemalige Soldaten, harkis und pieds-noirs, die direkt aus den Kolonialkriegen in Indochina und insbesondere aus Algerien nach Paris versetzt wurden. Viele dieser Männer waren in einem extrem brutalen Krieg sozialisiert worden, in dem die Entmenschlichung des Gegners und die Anwendung extremer Gewalt zur Aufstandsbekämpfung an der Tagesordnung standen. Sie importierten diese „gelehrte Grausamkeit“ und übertrugen die in Algerien erprobten Methoden der guerre révolutionnaire direkt auf das städtische Terrain der Hauptstadt.

Das Weltbild vieler Beamter war von einem tief verwurzeltem Rassismus und kolonialem Überlegenheitsdenken geprägt. Die algerische Bevölkerung wurde pauschal als verdächtige, potenziell feindliche und „rückständige“ Masse betrachtet. Dieses Feindbild wurde von offizieller Seite bewusst geschürt und diente dazu, jegliche Form der Repression als notwendige Maßnahme zur Sicherung der öffentlichen Ordnung und zur Bekämpfung des „Terrors“ zu legitimieren. Der Feind war nicht mehr nur der aktive FLN-Kämpfer, sondern die algerische Gemeinschaft als Ganzes. Die wenigen Beamten, die sich dieser Praxis widersetzten, sahen sich oft massivem Druck und sozialer Ächtung innerhalb des korporatistischen und verschworenen Polizeiapparates ausgesetzt, während der Rest politische Rückendeckung für Grenzüberschreitungen erhielt.[126]

Jim House beschreibt wie sich die Repressionen der Pariser Polizei in zwei zentralen Formen manifestierte. Die Verallgemeinerung alltäglicher, psychologischer und physischer Gewalt sowie der systematischen Anwendung von Folter in eindrücklicher Kontinuität zum Algerienkrieg.

Die erste Form der Unterdrückung zeigt sich in einer allgegenwärtigen und institutionalisierten Schikane, die tief in den polizeilichen Alltag integriert war. Täglich führten Polizeistreifen, hunderte von Identitätskontrollen an algerischen Arbeitern und Armen, oder Menschen mit „nordafrikanischem“ Aussehen, durch. Diese Routinekontrollen dienten regelmäßig als Anlass für brutale Übergriffe, die sich zu einem standardisierten Procedere entwickelten. Personen wurden nicht selten mit vorgehaltener Waffe auf offener Straße, in Cafés oder ihren Unterkünften aufgehalten, verbal beleidigt, grob behandelt und gewaltsam angegriffen. Ausweise und Papiere wurden auf den Boden geworfen, beschlagnahmt oder zerrissen. Dies setzte die Betroffenen sofort der Gefahr aus, von nachfolgenden Patrouillen erneut angegriffen und wegen fehlender Ausweißpapiere verhaftet zu werden und zwang sie zugleich in das zeitraubende und demütigende Verfahren der Beantragung von Ersatzpapieren in den BRS. Dieser Behördengang wurde forciert und aktiv dafür genutzt wurde, diese Personen in das  fichier zu integrieren.[127]

Die Übergriffe waren häufig von Diebstählen begleitet, so kam es am Zahltag aktiv zu Kontrollen an Werkstoren.[128] Weiter fanden die Kontrollen meist nachts oder in den frühen Morgenstunden in algerisch geprägten Vierteln statt, wo es nur wenige europäische Zeugen gab.

Die rassistischen Gewalttaten gegen Personen „algerischen Aussehens“, die nicht selten Menschen aus Marokko, Tunesien oder Portugal trafen lösten eine Flut offizieller Proteste ausländischer Regierungen aus. So erklärte beispielsweise ein marokkanischer Minister nach einem Besuch in Paris im September 1961, dass Staatsangehörige sich über „Misshandlungen und Schikanen, systematische Verhaftungen, Leibesvisitationen,

gewaltsames Eindringen in ihre Wohnungen und erniedrigende Behandlungen“ beschwert hätten. Der Abgeordnete Claudius-Petit bemerkte in der Nationalversammlung: „Glücklich sind die schönen Kabyler, denen es gelingt, dem Polizeinetz zu entkommen!“.[129] Er spielte mit dieser Aussage auf die genetische Vielfalt der Volksgruppe der Imazighen an, wo blonde Haare und blaue Augen nicht selten sind.

Verhaftete Verdächtige wurden oft in unmarkierten Zivilfahrzeugen auf lokale Polizeiwachen gebracht, um dort mit ihnen weiter zu verfahren. Abgeschirmt vor der Öffentlichkeit wurden diese Phasen des Transports und des Gewahrsams nicht selten für längere, sadistische Rituale rassistischer Misshandlung, wie weiterer körperlicher und psychischer Misshandlung, Diebstahl und dem Zerstören von Eigentum genutzt.

„A standard procedure was to inflict humiliating treatment and economic damage by slashing new clothing with razors, staining with ink, or smashing wrist watches. (…) there was, ‘a certain bloke with a small hammer. They said: “Put out your left hand”. They took our watch. And this man with the hammer broke our watch and put it with the other smashed watches.’”[130]

In unzähligen Fällen gingen Schläge weit über Demütigung hinaus und verursachten schwere Verletzungen. Bevorzugte Ziele waren der Bauch und die Geschlechtsorgane, da sie kaum äußere Spuren hinterließen. Die Folge waren gebrochene Rippen, Arme, Beine, offene Kopfwunden, Schädelbrüche und schwere innere Verletzungen. Die meisten Opfer, oft Analphabeten, reichten aus Angst vor weiteren Repressionen keine formelle Beschwerde ein. Berichtet wird von zahlreichen dokumentierten Fällen:

„Abdel-Kader Khannous, in a statement made to an investigating magistrate in the surgical ward of the Lariboisière Hospital on 18 October 1961, recounted how on 4 October on his way home from work he was stopped by a police control near the Métro Barbès. From there he was placed in a police van which then picked up five more Algerians. They were all beaten up with truncheons on the way to a police station (Khannous’s glasses were smashed into his face) where they were ordered to strip to the waist and were attacked with iron bars. Khannous was so badly injured that an officer said, ‘we can’t take him to Vincennes. Let’s leave him in the street, he can die.’”[131]

Die Einführung der FPA verschärfte diese Zustände erheblich. Die harkis, die aufgrund ihrer Sprach- und Kulturkenntnisse rekrutiert wurden, agierten mit besonderer Brutalität. Ihre Radikalität ist vor dem Hintergrund ihrer existenziellen Notlage zu verstehen.  Diese Männer hatten alles zurückgelassen, um in die französische Armee aufgenommen zu werden, und ihre Zukunft in einem unabhängigen Algerien, in dem sie weitestgehend als Kollaborateure und Verräter betrachtet wurden, war ausgesprochen düster. Diese Zukunftsperspektive trieb viele FPA-Mitglieder dazu, mit besonderem Eifer gegen die Nationalisten vorzugehen, da sie ihre eigene Existenz vollständig an den Erhalt von Algérie française geknüpft hatten.

Übrigens: Nach dem Waffenstillstand bewahrheiteten sich die schlimmsten Befürchtungen, denn De Gaulle lehnte eine massenhafte Repatriierung der harkis ab. De Gaulle und Innenminister Roger Frey fürchteten eine „Infiltration“ durch die FLN und sahen die harkis als nicht integrierbar an.[132] So gab es explizite Befehle, die französischen Offizieren verboten, harkis auf eigene Initiative nach Frankreich zu bringen und Zuwiderhandlungen wurden mit Sanktionen bedroht. Infolgedessen fielen nach dem Krieg zwischen 60.000 und 150.000 harkis großen Säuberungswellen zum Opfer.[133]

Außerdem handelten sie mit stillschweigender oder aktiver Billigung ihrer, meist europäischen, Vorgesetzten. Ihre Gewaltbereitschaft wurde instrumentalisiert, um weiter rassistische Ressentiments gegenüber „barbarischen“ Nordafrikanern zu bedienen.[134] Zudem entzog sich die FPA als quasi-autonome Einheit der normalen hierarchischen Kontrolle der Hauptpolizei und ihrer wenigen rechenschaftspflichtigen Kontrollmechanismen.[135]

“After an FLN attack on the FPA base in the 18th arrondissements on 1 April 1961, over a hundred harkis engaged in a punitive frenzy of violence and destrusction, randomly attacking every dark-skinned passer-by with iron bars, knives, and rifle butts. (…) In just one of many legal depositions by victims, Mohamed Drici described how on 2 April at 10.45 p.m. three harkis broke down the door of his room while he was asleep, slashed him on the wrist, and kicked him down the stairs into the street where he stood for two hours in the rain, dressed only in pyjamas, with his hands in the air. While being taken to the police station in the rue Fleury he was shot in the throat, further beaten at the station, and then hospitalized at Saint-Louis.”[136]

Ergebnis dieses Ausbruch waren 127 Schwerverletze, 300 Personen mit leichten Verletzungen, 32 geplünderte Geschäfte und 45 Geschäfte deren Fenster eingeschlagen wurden.[137]

Die systematische Anwendung von Folter durch Frankreich im Algerienkrieg ist historisch belegt. Ihre Ausbreitung ins französische Mutterland ist höchst wahrscheinlich, bleibt aber umstritten. Dies liegt nicht zuletzt an der schwer erträglichen Diskrepanz zwischen diesen barbarischen Praktiken und dem republikanischen Selbstbild Frankreichs, das sich maßgeblich aus dem Widerstand gegen die Gestapo definiert. 

Ein Schlüsselereignis bildeten Enthüllungen von 1961, als mindestens 27 Algerier detaillierte Foltervorwürfe gegen die harki-Einheiten der Polizeipräfektur unter Führung von Kapitän Montaner erhoben. Papon wies die Anschuldigungen schnell als FLN-Propaganda zurück (wobei gesagt werden muss, dass die Anwälte der FLN durchaus in der Lage gewesen wären eine solche Propagandaoffensive zu starten). Interne Regierungsdokumente belegen jedoch, dass die Commission de sauvegarde die Praktiken intern untersuchen ließ und Papon anwies, Verhöre in Zellen einzustellen, was auf offizielle Besorgnis hindeutet.[138] Obwohl die Einheiten der FPA im Juni 1961 aus der Stadtmitte abgezogen wurden, setzten sich die Verhöre unter Montaners Leitung im außerhalb der Stadt gelegenen harki-Hauptquatier „Fort Noisy“ fort, wobei deren Existenz gegenüber Aufsichtsgremien verschleiert wurde.

Ein weiteres Indiz stellt die Aussage von Slimane Amirat am 16. März 1961 vor dem Untersuchungsrichter Braunschweig dar. In dieser beschreibt er, wie er am 26. Januar von harkis in die Rue de la Goutte d’Or 28 (dem damaligen Hauptquartier der harkis) gebracht worden war und wo Montaner ihm gedroht hatte: „Ich kann dir eine Kugel in den Kopf jagen und dich in einen Sack stecken mit der Aufschrift ‚Verräter der FLN‘. Dann werfe ich dich in die Seine“, bevor er einen Leutnant und vier harkis aufforderte, ihn in einen Keller zu bringen, um ihn zu foltern.[139]

Ob die Aussage eine Fabrikation ist, kann nicht gesagt werden, es gibt allerdings jeden Grund zu der Annahme, dass Montaner Kenntnis von den Verhörmethoden der Armee in Algerien hatte. Als Montaner 1958 Leiter der SAU von Clos-Salembier war, scheint er gute Beziehungen zu den Fallschirmjägern der Villa Susini gehabt zu haben.

Darüber hinaus geht aus den Polizeiarchiven hervor, dass sich Montaner im Jahr 1961 als der erfahrenste Verhörbeamte oder officier de renseignements in Paris etabliert hatte, dem sowohl die DST (Direction de la surveillance du territoire; Innengeheimdienst ähnlich dem deutschen Verfassungsschutz) als auch die Präfektur die wichtigsten FLN-Führer nach ihrer Verhaftung übergaben. Diese Verhöre in den Kellern des 18. Arrondissements und im Fort Noisy wurden an FLN-Kadern durchgeführt, die geheim inhaftiert waren, sodass sie keinen rechtlichen Schutz vor Missbrauch und Übergriffen hatten. Man könnte zwar argumentieren, dass FLN-Kämpfer Details der Folter durch „standardmäßige” Techniken erfunden haben könnten, doch trifft dies nicht auf die schweren Verletzungen zu, die sie tatsächlich erlitten.[140]

„The historian is confronted with a world of mirrors that makes any certainty problematic, but a critical scrutiny confirms the existence of torture.“[141]

6. Paris 1961: Die zweite Schlacht von Algier 

Im Sommer 1961 befanden sich Verhandlungen über die Unabhängigkeit Algeriens in Évian und Lugrin in einer kritischen Phase, die nicht zu einer Beruhigung, sondern zu einer Eskalation der Gewalt in Paris führte. Beide Verhandlungsparteien, die französische Regierung und die provisorische algerische Regierung (GPRA), waren von internen Spaltungen betroffen. Während ultra-rechte Kräfte innerhalb des französischen Staatsapparats die Gespräche zu sabotieren versuchten, war auch die FLN von Machtkämpfen mit der rivalisierenden MNA zerrissen.

Die Gespräche wurden schließlich am 28. Juli entgültig abgebrochen. Sie scheiterten an zwei Hauptproblemen: Erstens forderte Frankreich eine doppelte Staatsbürgerschaft und spezielle Garantien für die Siedler, was die GPRA als Verletzung der Souveränität ansah; Zweitens betrachete Frankreich die Sahara als vom restlichen Algerien getrenntes Territorium. Die FLN bestand jedoch auf der territorialen Integrität Algeriens inklusive der Sahara.[142]

Gleichzeitig erhöhte der Terror der OAS in Frankreich und Algerien den Druck auf beide Seiten, zu einer schnellen Einigung zu kommen, um einen totalen Bürgerkrieg oder Chaos zu verhindern. Die blutige Repression der algerischen Demonstrationen in Paris am 17. Oktober 1961 fand genau in dieser Phase statt, in der beide Seiten ihre Verhandlungspositionen durch Stärke demonstrieren wollten.

Der unmittelbare Katalysator für die finale Explosion der Gewalt war die Reaktion Papons auf eine Serie von Attentaten der FLN auf Polizeibeamte ab dem 10. August 1961. Diese Attentate, bei denen innerhalb weniger Wochen 13 Polizisten getötet wurden, verstießen gegen die von der FLN-Führung angeordnete Waffenruhe und deuteten auf einen Kontrollverlust der Exilführung hin.[143]

Als Reaktion entfesselte Maurice Papon eine beispiellose Terrorkampagne gegen die algerische Gemeinschaft. Besonders verhängnisvoll war der Angriff auf die Lebensräume der Algerier, insbesondere die Elendsviertel (bidonvilles) außerhalb des Stadtgebietes wie Nanterre. Spezialeinheiten der Polizei und die Hilfstruppen der FPA führten brutale Razzien durch. Diese Operationen zielten darauf ab, die FLN-Infrastruktur zu zerstören und die Bevölkerung durch Terror zu „neutralisieren“. Geschäfte wurden verwüstet, Bewohner willkürlich verhaftet und misshandelt, und eine Atmosphäre permanenter Unsicherheit geschaffen. Es kam zum Einsatz von sogeannnten „Z-Brigaden“, Männer in Overalls, bewaffnet mit Vorschlaghämmern und Brecheisen und geschützt von uniformierten Polizisten mit Maschinengewehren, die gezielt Hütten und Unterkünfte zerstörten, um den Druck auf die Gemeinschaft zu maximieren.[144]

Papon, der das Justizsystem als zu lasch empfand und sich nach der Entlassung des liberalen Justizministers Michelet weniger kontrolliert fühlte, gab seinen Beamten erneut und implizit grünes Licht für jede Form illegaler Gewalt. Im Rahmen einer Beerdigung eines von der FLN erschossenen Beamten verkündete Papon am 2. Oktober 1961 öffentlich: „Für jeden Schlag, den wir erhalten, werden wir zehn zurückgeben.“[145] und sicherte den Beamten später noch am gleichen Tag Straffreiheit für das Erschießen Unbewaffneter und das Manipulieren von Tatorten zu.[146]

So muss die Gewalt Eskalation am 17.Oktober 1961 als eine solche wahrgenommen werden; eine Eskalation. Denn sowohl in den Wochen vor, als auch nach dem 17. Oktober kamen zahlreiche Algerier ums Leben. In den Wochen vor dem 17. Oktober wurden dutzende Leichen algerischer Männer aus der Seine geborgen. Viele von ihnen waren Opfer von Lynchmorden, nicht selten ausgeübt von den equipes speciales oder informellen Gruppen, die ihre Opfer fesselten bewusstlos schlugen, erschossen oder erdrosselten und ihre Identifikation unmöglich machten, bevor sie sie in die Gewässer warfen. Die Morde wurden systematisch als Ergebnis interner Machtkämpfe der FLN diffamiert.[147]

In diesem Kontext verbreitete sich der Verdacht, dass rechtsextreme OAS Kommandos für die Vorfälle verantwortlich sein könnten. Die Vorstellung, dass die Morde möglicherweise das Werk extremistischer Organisationen waren, einer geheimen „Parallelpolizei“, die außerhalb der Kontrolle der konventionellen Hierarchie operierte, wurde von der Präfektur dankend übernommen, da sie eine bequeme Instanz bot, die den offiziellen Sicherheitsdienst aus der Verantwortung nahm. Die Existenz dieser Gruppen und die reale Bedrohung durch die OAS ermöglichten es der Regierung, eine „plausible Bestreitbarkeit“ aufrechtzuerhalten. Wenn Leichen gefunden wurden, konnte man auf diese undurchsichtigen Akteure verweisen.[148]

Der zeitliche Zusammenhang der FLN-Gewaltwelle im August mit dem folgenden Anstieg der Mordfälle, sowie der dokumentierte Umstand, dass viele Opfer zuvor bei ihrer Festnahme beobachtet wurden, deuten allerdings darauf hin, dass es sich bei den Tätern häufig um normale Polizeibeamte gehandelt haben muss.[149]

6.1. Die Eskalation und die erzwungene Antwort der FLN

Der unmittelbare Auslöser für die Ereignisse vom 17. Oktober war die Einführung einer diskriminierenden Ausgangssperre. Am 5. Oktober 1961 verhängte die Polizeipräfektur eine rassistische nächtliche Ausgangssperre (von 20:30 Uhr bis 5:30 Uhr), die explizit nur für „algerische muslimische Arbeiter“, „französische Muslime“ und „französische Muslime aus Algerien“ galt. Zudem wurde den Algeriern geraten, sich nicht in Gruppen zu bewegen und algerische Cafés mussten um 19 Uhr schließen.  

Die FLN stand mit dem Rücken zur Wand. Die Ausgangssperre drohte ihren Griff auf die algerische Gemeinschaft zu lockern und ihre Einnahmequellen auszutrocknen. Die Führung des französischen Armes der FLN, der Fédération de France, die zu diesem Zeitpunkt auch in einem internen Machtkampf mit der provisorischen Regierung der algerischen Republik (GPRA) in Tunis stand, entschied sich für eine Machtdemonstration. Einen massiven, aber friedlichen Boykott der Ausgangssperre. Die Strategie war riskant, aber kalkuliert. Man wollte der Weltöffentlichkeit und der französischen Regierung zeigen, dass die FLN die unbestrittene Vertreterin der Algerier in Frankreich war und nicht die rivalisierende MNA, die von der Polizei teilweise toleriert wurde um die algerische Front zu spalten.  

Es sollten Menschen aller Altersgruppen und Geschlechter anwesend sein und die Teilnehmer wurden angehalten sich ihre besten Kleider anzuziehen. Es sollte ein „stiller Protest“ der Würde gegen die Diskriminierung sein.[150] Das strategische Ziel bestand darin, die räumliche Segregation in der Metropole aktiv zu durchbrechen indem drei große Demonstrationszüge aus den bidonvilles, den Elendsvierteln am Stadtrand, in das Zentrum von Paris vordringen sollten.

Um die Wirksamkeit dieser Protestaktion zu gewährleisten, implementierte die FLN eine Strategie der strengen Geheimhaltung. Die Mobilisierung der Demonstranten erfolgte durch lokale Gruppentreffen, die erst wenige Stunden vor Beginn der geplanten Aktion einberufen wurden. Dies sollte verhindern, dass die Polizei vorab Kenntnis von den Demonstrationen erlangte und diese im Vorfeld unterbinden konnte. Auf diesen Treffen wurden die lokalen Anführer angewiesen, ihren Basismitgliedern die politische Bedeutung des Protests zu kommunizieren, der sich explizit gegen die als rassistisch und willkürlich empfundenen Maßnahmen richtete.

Alle Algerier wurden zur Beteiligung aufgerufen und die Teilnahme wurde als kollektive Pflicht deklariert. Die FLN drohte gleichzeitig mit schweren Sanktionen für jene, die sich dem Aufruf entzogen.[151] Die Anweisungen der FLN an die Demonstranten waren strikt. Keine Waffen, keine Messer, nicht einmal Nadeln.[152]

„Wir dürfen keine Waffen bei uns haben, keine Messer, keine Stöcke. Selbst wenn die Polizisten auf uns einschlagen, dürfen wir nicht reagieren. Sonst könnten sie diesen Vorwand nutzen um uns zu massakrieren.“[153]

Unter der Anleitung von FLN-Ordnern sollten alle Teilnehmer, rechtzeitig aufbrechen, sodass sie um 20:30 Uhr, dem Zeitpunkt des Inkrafttretens der Ausgangssperre, die zentralen Boulevards und Plätze von Paris erreichten.[154] In vielen Fällen führten die Ordner vor dem Aufbruch Leibesvisitationen durch, um die Einhaltung des Waffenverbots sicherzustellen und einen absolut friedlichen und ruhigen Verlauf zu gewährleisten.[155]

Die Polizei hatte zunächst keine Kenntnis von dem bevorstehenden Großereignis. Erst in der Nacht vom 16. auf den 17. Oktober deuteten sich die Dimensionen an. Am Vormittag des 17. Oktober wurde schließlich ein Algerier mit einem Anweisungsblatt der FLN verhört, welches die Pläne detailliert offenlegte. Nachdem Papon eine Kopie dieses Dokuments erhalten hatte, lagen ihm die genauen Absichten, Routen und auch der ausdrücklich friedliche Charakter der Demonstration vor, einschließlich der Tatsache, dass Frauen und Kinder teilnehmen würden.[156]

Papon initiierte umgehend umfangreiche Gegenmaßnahmen. Er hatte zu diesem Zeitpunkt etwa 29.000 Mann unter seinem Befehl die ihm zur Überwachung der Algerier zur Verfügung standen. Hinzu kamen weitere nationale Behörden.[157] Um 16:20 Uhr erteilte er Mobilisierungsbefehle an die sechs Divisionskommandanten der Stadtpolizei, drei Schwadrone der Gendarmerie mobile und zwei Kompanien der CRS. Die zusammengezogenen Polizeieinheiten, bestanden aus hartgesottenen und erfahrenen Männern, die mit Schlagstöcken, Pistolen und Maschinenpistolen ausgerüstet keinerlei Gefahr liefen die Kontrolle über die Situation zu verlieren.[158]

Papon hatte außerdem ausdrückliche Erfahrung mit Polizeioperationen, die sich über das gesamte Stadtgebiet ausweiteten. So prahlte er mit der Kontrolle von kommunistischen Demonstranten aus den „roten Vororten”, die während der Krise 1958 die zum Fall der Vierten Republik führte, versuchten in die Innenstadt zu gelangen und Papon sie daran hinderte, indem er an allen wichtigen Zufahrtsstraßen (portes) nach Paris Polizeisperren errichten ließ.[159]

Analysen der Stimmung innerhalb der Polizeikräfte deuten darauf hin, dass diese nicht von Nervosität, sondern von einer gespannten Erwartungshaltung geprägt war. Es wird von einer Motivation berichtet, Rache für zuvor im Algerienkrieg getötete Kollegen nehmen zu können.

„The officer Raoul Letard recounts: ‘and our dream, we would say to ourselves, was that one day, one day at least they are going to do the bloody stupid thing of coming out all together … and we would be able to pay things back’. Men who knew themselves protected by Papon after his notorious speech of 2 October, responded with alacrity to the mobilization orders: ‘and so we began to help ourselves in the container of long clubs (bidules), each one searching for the best bidule, the finest skull basher.’“[160]

6.2. Der 17. Oktober 1961 – Massaker

Die Strategie Papons konzentrierte sich auf die Kontrolle strategischer Zugänge zur Pariser Innenstadt, wobei die Brücke Pont de Neuilly-Étoile den wichtigsten strategischen Zugang darstellte, welcher von Westen kommend von den Demonstranten (hauptsächlich aus den westlichen Vororten Nanterre, Courbevoie, Colombes, Puteaux und Bezons) genutzt werden konnte. Etwa 10.000 der insgesamt 30.000 bis 40.000 Demonstranten, die zu Fuß aus westlichen Vororten kamen, wurden beim Versuch, die Brücke zu überqueren, von einer schwer bewaffneten Spezialeinheit der Polizei erwartet. Diese wurden unterstützt von den harkis unter Kapitän Montaner, einer Einheit der CRS und einer Einheit der Bereitschaftspolizeikräfte der 22. Compagnie d’intervention die mit den tödlichen bidules bewaffnet war.

Als zwischen 20:30 und 21:00 die ersten Demonstranten die Brücke erreichten, eröffnete die Polizei unprovoziert und ohne Vorwarnung das Feuer woraufhin ein äußerst brutaler Nahkampfangriff folgte.  

“A feature of the onslaught (…) was that police wielded riot clubs, rifle butts, and, in some instances, ‘unofficial’ weapons, including iron bars and pick-axe handles, with lethal intent. Blows were aimed with maximum force at the head and stomach, and as hundreds of Algerians arrived in hospital casualty wards doctors catalogued a discernible pattern of injury: open scalp wounds, cracked skulls, broken bones of the arm and hand that resulted from attempts to ward off blows, internal damage to the stomach and intestines, and broken legs.”[161]

Der Fakt, dass 30 der 50 an die Beamten ausgegebenen bidules während der Maßnahme zu Bruch gingen, bezeugen die Brutalität der Attacke. Weiter wurden einige Demonstranten von der Polizei auf der Brücke eingekesselt und fielen ihrerseits erneut einer überaus brutalen Schlagstockattacke zum Opfer. Viele der toten, verwundeten oder bewusstlosen Demonstranten wurden von den Beamten über die Brüstung in die Seine geworfen.[162]

Ein Demonstrationszug, der aus den südlichen Arrondissements (5., 6., 7., 13., 14. und  15.) und den anliegenden Vorstädten kam, marschierte entlang der Achse des Boulevard Saint-Michel nach Norden bis nach Saint-Germain. Es wiederholten sich die Muster. Ein Demonstrant wurde in der Nähe der Metrostation Luxembourg erschossen. Auf dem Weg zur Brücke Pont Saint-Michel wurden hunderte Demonstranten erneut von der Polizei am Vordringen ins Zentrum gehindert, eingekesselt und von zwei Seiten attackiert. Direkt an der Brücke wurden Demonstranten ebenfalls angegriffen und von Polizeibeamten in die kalte Seine geworfen.[163]  Polizeikräfte schossen im Süden mindestens dreimal in die fliehende Menge und um 22.15 Uhr feuerte eine Gruppe von Polizisten mindestens vierzig Schüsse aus Revolvern und einem Maschinengewehr auf eine Gruppe von etwa 250 Algeriern auf dem Place Saint-Sulpice ab.[164]

Ein dritter Demonstrationszug bestehend aus Algeriern, die in den östlichen und nord-östlichen Arrondissements (10., 11.,19. und 20.) und den Vororten (Bondy, Noisy, Bagnolet, Montreuil) lebten, sollten sich auf dem Place de la République versammeln und dann entlang der Achse der Grands Boulevards nach Westen zu dem Place de l’Opéra marschieren. Die Algerier, die in den Arrondissements im Norden und Nordwesten (1., 2., 3., 4., 8., 9., 17. und 18.) und den Vororten (Saint-Denis, Aubervilliers, Le Bourget) lebten, sollten über den Gare Saint-Lazaire oder von angrenzenden Metro-Stationen (Opéra, Chaussée-d’Antin, Havre-Caumartin), ins Zentrum von Paris vordringen.

An den wichtigen Metro-Stationen, an denen Demonstranten erwartet wurden, stationierte Papon zahlreiche Polizeikräfte, die die Algerier ab etwa 18 Uhr in regelmäßigen Abständen beim Verlassen der Stationen abfingen. Als die Demonstranten in die Nacht hinausströmten, wurden sie, oft unter erheblicher Gewaltanwendung, zusammengetrieben und mit den Händen auf dem Kopf aufgereiht, um auf den Transport zu verschiedenen Auffanglagern mit Bussen zu warten. Diese waren durch die Polizei von der öffentlichen Verkehrsgesellschaft, der Régie autonome des transports parisiens (RATP), mitsamt ihrer Fahrer requiriert worden.[165]

Das letzte Mal, dass Pariser Busse mit ihren Fahrern requiriert wurden, war 1942. Am 16. und 17. Juli 1942 fuhren mehrere Dutzend Busfahrer der Compagnie du métropolitain ihre mit verhafteten Juden überfüllten Fahrzeuge vor die Tore des zum Sammellager umfunktionierten Vélodrome d’Hiver und des Lagers von Drancy.[166]

Im Nördlichen Sektor schoss die Polizei auf Demonstranten, welche es geschafft hatten über die Pont de Neuilly–Étoile in den Stadtkern zu gelangen. Zudem fand ein substanzieller Teil der Gewalt in den Metrostationen statt. Aufgrund der großen Zahl von Demonstranten, die aus jedem ankommenden Zug ausstiegen, trieb die Polizei die Männer in die Verbindungsgänge des Metro-Systems, wo sie bis zu drei oder vier Stunden lang unter heißen, stickigen Bedingungen stehen mussten und endlosen Schlägen sowie rassistischer Demütigung ausgesetzt waren.[167]

Die ersten festgenommenen Demonstranten wurden ins ehemalige Hospital Beaujon gesperrt. Als dort der Platz ausging verwendete die Polizei die beschlagnahmten Fahrzeuge der RATP, um etwa 12.000 Demonstranten abzutransportieren und sie im Palais des Sports, im Stade Coubertin und im Parc des Expositions gefangen zu halten.

Einem Zug, aus dem Nord-Osten war es gelungen vom Place de la République Richtung Place de l’Opéra vorzudringen. Hier traf er um etwa 21:00 Uhr auf eine Phalanx der CRS. Nach zehnminütiger Verhandlung ließen sich die Demonstranten darauf ein, umzudrehen und die Demonstration wieder in Richtung Place de la République weiterzuführen.

Als sich die Kolonne wieder nach Osten bewegte, fuhren die beiden CRS-Kompanien die an der Opéra stationiert waren, in ihren Bussen am Marsch vorbei, um sich ihm erneut entgegenzustellen und ihn in der Nähe der Metrostation Bonne-Nouvelle, direkt vor dem Rex-Kino und gegenüber der Büros der kommunistischen Zeitung L’Humanité, gewaltsam aufzulösen. Die 31. Einheit der CRS ging mit Schlagstöcken gegen einen Teil der Kolonne in Richtung République vor und schoss auf die Menschenmenge vor dem Saint-Martin-Theater.

Die andere 21. Einheit der CRS, führte einen der blutigsten Angriffe des Tages durch, bei dem sie einen anderen Teil des Marsches zurück in Richtung Opéra trieb. Fast zeitgleich mit dem Angriff der CRS, der darauf abzielte, die Demonstranten zu teilen und zu zerstreuen, eröffnete die Stadtpolizei das Feuer auf die Demonstranten.[168]

Die ikonografische Beweisführung, darunter ein Foto, von vor dem Rex-Kino aufgetürmten Leichen und Verletzten, geschossen durch den Fotografen Georges Azenstarck, welcher die Szenen aus dem dritten Stock der Büros der L’Humanité beobachtete, untermauert die extreme Brutalität und Systematik der polizeilichen Übergriffe, die sich als regelrechte Hetzjagd auf alles, was sich bewegte, darstellte.

Berichten zufolge wurden Algerier an zahlreichen Orten in die Seine geworfen. Der Beamte Gérard Monate berichtete davon, wie Fahrgäste und der Fahrer eines Linienbusses an der Pont d’Asnières ausstiegen, um der Polizei dabei zu helfen, Algerier in den Fluss zu werfen.[169]

Der Plan der FLN-Föderation für Mittwoch, den 18. Oktober, sah vor, dass alle Algerier, die Geschäfte oder Cafés besaßen, einen 24-stündigen Streik durchführen sollten, während am Abend alle Arbeiter erneut gegen die Ausgangssperre demonstrieren sollten. Laut Polizeiberichten waren schätzungsweise 833 von 1.407 algerischen Geschäften (59 Prozent) um 12.30 Uhr geschlossen. Die Polizeipräfektur, zweifellos beeinflusst durch die Schlacht um Algier 1957, als Fallschirmjägerregimenter einen Streik brachen, indem sie die Männer zur Rückkehr an ihren Arbeitsplatz zwangen und mit Halbkettenfahrzeugen die Rollläden verschlossener Geschäfte aufrissen, erließ um 14 Uhr den Befehl an die Stadtpolizei und die harkis, die Geschäfte zur Öffnung zu zwingen. Kapitän Montaner leitete die Operationen zur Verhaftung von Cafébesitzern im 13., 18. und 19. Arrondissement, und um 18.30 Uhr verkündete die Polizei ihren Sieg mit einer massiven Wiedereröffnung und einem Rückgang der Schließungen auf vier bis fünf Prozent.[170]

Obwohl die algerische Gemeinschaft von der Gewalt der vorangegangenen Nacht schockiert und traumatisiert war und viele sich weigerten erneut zu demonstrieren, formierten militante FLN-Mitglieder aus den westlichen Vorstädten am 18. Oktober erneut zwei Demonstrationszüge mit etwa 1.200 bis 1.500 Mann. Gleichzeitig strömten schätzungsweise 2.000 bis 3.000 weitere aus den bidonvilles, in die Innenstadt.[171] Diese friedlichen Züge wurden von der Polizei abermals mit äußerster Brutalität aufgerieben; Schüsse und Sturmattacken forderten mehrere Tote. Die Gewalt setzte sich am Abend fort, als die Polizei mehrere brutale ratissages in den algerischen Vierteln durchführte, bei denen unzählige Algerier zusammengeschlagen, gedemütigt und getötet wurden.

Am 19. Oktober sollte der Plan der FLN, sich systematisch über die Ausgangssperre hinwegzusetzen, zwar grundsätzlich fortgesetzt werden, doch in der Praxis hatten Massenverhaftungen und polizeiliche Repressionen weitere Demonstrationen algerischer Männer praktisch verhindert. Im Vergleich zu den 11.518 Männern, die am 17. Oktober festgenommen worden waren, und den 1.856 Männern am 18. Oktober wurden am 19. Oktober nur noch 420 Algerier verhaftet, und es gab keine Demonstrationen mehr.[172]

Am 20. Oktober 1961 versammelten sich jedoch noch einmal hunderte algerische Frauen und Kinder an zentralen Pariser Orten wie dem Place de la République und dem Hôtel de Ville, um im Rahmen des vierten Aktionstages gegen die Ausgangssperre zu demonstrieren, die Unabhängigkeit Algeriens und die Freilassung ihrer verhafteten Söhne, Ehemänner und Väter zu fordern. Im Gegensatz zur extremen Gewaltanwendung am 17. Oktober waren die Sicherheitskräfte an diesem Tag instruiert, physische Gewalt zu vermeiden, weshalb die Auflösung der Versammlungen vergleichsweise moderat verlief. Die festgenommenen Frauen und Kinder wurden anschließend mit Bussen in provisorische Internierungszentren, wie Krankenhäuser und Gebäude der Sozialfürsorge, verbracht.

Die Präfektur, die darauf bedacht war, den zunehmenden Beschwerden der Medien über Gewalt am 17. Oktober entgegenzuwirken, sorgte dafür, dass Journalisten die Möglichkeit erhielten, Fotos von freundlichen Polizisten zu machen, die beispielsweise Frauen und Kinder in einem Sozialzentrum in der Rue Fessart mit Essen und Getränken versorgten. In Wirklichkeit jedoch wurden viele Frauen weiterhin von der Polizei verbal

missbraucht, grob behandelt und angegriffen. Eine Aktivistin berichtete, dass in ihrer Gruppe drei Frauen verletzt worden seien (zwei von ihnen mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden), während eine weitere auf der Straße eine Fehlgeburt erlitt.[173]

Entgegen einer Pressemeldung Papons, die behauptete, die Frauen hätten unfreiwillig und unter dem Zwang von FLN-Militanten demonstriert hätten, belegen die zahlreichen Berichte, dass es sich um einen lebhaften und lautstarken Protest handelte und die Polizei alle Hände voll zu tun hatte, um die aufgebrachten Frauen unter Kontrolle zu bringen. In einem Polizeibericht wurde vermerkt:

“Some women insulted the police with that filthy coarseness of which only they know the secret once they are in full spate’, and some replied to threats to deport them to Algeria, ‘that’s all we ask for, it’s unbearable here and it will save us the cost of the journey.’“[174]

6.3. Die Verdammten

Die brutale Zerschlagung der friedlichen Demonstrationen auf den Pariser Boulevards markierte lediglich den Auftakt einer zweiten, weitgehend unsichtbaren Phase der staatlichen Gewalt, die sich in den Stunden und Tagen nach dem 17. Oktober 1961 in den provisorischen Haftzentren der französischen Hauptstadt entfaltete. Da die Polizei eine Strategie der maximalen Festnahmen verfolgt hatte, um die Festgenommenen in die fichiers aufzunehmen, sahen sich die Behörden mit der logistischen Herausforderung konfrontiert, rund 14.000 Gefangene zu internieren.[175]

Was folgte, war die Transformation ziviler Orte, wie Sportstadien, in Sammelhaftanstalten; darunter vor allem, der Palais des Sports, das Stade de Coubertin und das Beaujon Stadium.

Nachdem die Demonstranten, von denen viele schwere Verletzungen erlitten hatten, in Polizeiwagen oder RATP-Busse getrieben worden waren, prügelten und traten die begleitenden Beamten, in einem Zustand, den viele Algerier als Blutrausch beschrieben, weiter auf sie ein. Augenzeugenberichte, wie der von Idir Belkacem, schildern Szenen extremer Brutalität, in denen Gefangene mit Holzknüppeln und Spitzhackenstielen so schwer verletzt wurden, dass das Blut an die Decken der Fahrzeuge spritzte.[176]

Die Gewalt war so exzessiv, dass sich Gewerkschaftler der Verkehrsbetriebe im Nachgang beschwerten, die Busse hätten „buchstäblich in Blut geschwommen“, als sie in die Depots zurückgebracht wurden.[177]

Bei der Ankunft an den Hauptinternierungsorten organisierte die Polizei sogenannte „Empfangskomitees“ (comités d’accueil): Spaliere aus Beamten, durch die die Gefangenen laufen mussten, während sie von beiden Seiten mit Schlagstöcken, Gewehrkolben und Eisenstangen bearbeitet wurden. Wer zu Boden ging, wurde mit Tritten in den Magen und die Genitalien „belohnt“.

Der Wehpflichtige Guy Hébert, wurde Zeuge des „üblichen” Vorgehens im Parc des Expositions:

„Twenty to thirty policemen formed two lateral barriers behind the vehicle (…) The Algerians had fifteen to twenty metres to cross over, hands on their heads under a hail of blows from truncheons, bludgeons, gun butts. Those who fell exhausted on the concrete were rewarded with kicks in the stomach, the groin, and the face. The Algerians began to run to escape the blows but were tripped up. Others that crashed onto the concrete stayed down and were casually pushed to the side.”[178]

Im Inneren des Palais des Sports, wo bis zu 6.600 Menschen unter katastrophalen Bedingungen zusammengepfercht waren, herrschte eine Atmosphäre des absoluten Terrors.[179] Die Gefangenen, viele von ihnen mit schweren Kopfverletzungen, Knochenbrüchen und Schusswunden, wurden gezwungen, stundenlang mit den Händen auf dem Kopf zu verharren. Jede Bewegung, jeder Versuch, die Haltung zu ändern, zog weitere Schläge nach sich.

Obwohl Journalisten und andere Beobachter ausgeschlossen waren, gibt es eine Fülle detaillierter Informationen über die Situation innerhalb des Palais sowie im angrenzenden Parc des Expositions, in den die Inhaftierten am 19. und 20. Oktober verlegt wurden, um Platz für ein Konzert des amerikanischen Jazzsängers Ray Charles im Palais du Sports zu schaffen.[180]

Zeugenaussagen, wie die Guy Héberts, belegen, dass der Gang zur Toilette nicht selten zu einem lebensgefährlichen Spießrutenlauf wurde. Wachmannschaften schlugen die Gefangenen mit Gewehrkolben in den Rücken, sobald diese ihre Hände vom Kopf nahmen, um ihre Notdurft zu verrichten.[181] In einem Fall wurde durch die Toilettentür auf einen Algerier geschossen.

Im Stade de Coubertin, ist ein weiterer Vorfall dokumentiert. Der 33-jährige Algerier Amar Mallek wurde von einer Gruppe Polizisten erschlagen wurde, nachdem er um Erlaubnis gefragt hatte, die Toilette aufzusuchen. Die offizielle Version der Polizei behauptete später, Mallek habe versucht zu fliehen und nach einer Waffe gegriffen, was den tödlichen Schusswaffengebrauch notwendig gemacht habe. Eine spätere Autopsie, die von der Familie Malleks erzwungen wurde, widerlegte diese Lüge; Mallek war nicht erschossen, sondern durch massive traumatische Einwirkung auf Kopf und Körper getötet worden.[182]

Die medizinische Versorgung in diesen Lagern war faktisch non existent oder wurde aktiv behindert. Während hunderte Schwerverletzte dringend Hilfe benötigten, waren die wenigen anwesenden Militärärzte und Sanitäter, oft junge Wehrpflichtige, völlig überfordert und verfügten über keinerlei Ausrüstung, um Schädelbrüche oder innere Verletzungen zu behandeln.[183] Außerdem verweigerte die Polizei nicht selten die Einlieferung in Krankenhäuser oder holte Verletzte sogar aus den Kliniken zurück. Hunderte starben in der Folge unterlassener Hilfeleistung. Der Sanitäter Gérard Grange berichtete von einem Abstellraum im Palais des Sports, in dem er neun Leichen entdeckte – übereinandergestapelt, mit verdrehten Gliedmaßen, in einer Lache aus Blut und Urin.[184]

Ähnliche Szenen extremer Brutalität wurden auch aus den Polizeistationen, die in der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober genutzt wurden, berichtet.

Auf der Polizeiwache Villette wurden die Algerier, von denen viele schwer verletzt waren, nach dem üblichen „Empfangskomitee“ gezwungen, stundenlang mit hoch erhobenen Händen an der Wand zu stehen, „Vive de Gaulle!“ zu rufen und wurden mit kaltem Wasser abgespritzt.[185]

In Asnières wurden etwa hundert Männer in überhitzten Polizeizellen festgehalten, während weitere 160 in die Tiefgaragen des Centre administratif et social gedrängt und gezwungen wurden, die ganze Nacht zu stehen. Es gibt Berichte über Schläge und einen Todesfall durch Ersticken.[186]

Im Hof der Polizeipräfektur selbst, dem „Hof des 19. August“, wurden etwa 1.200 Algerier festgehalten. Es gibt Berichte, dass 40 bis 50 Leichen aus der Polizeipräfektur geschafft und in Seine geworfen wurden.

Laut einem Beamten, der in der Präfektur anwesend war, wollten einige Polizisten sich an Papon für die Gefahr rächen, der sie während des Krieges ausgesetzt gewesen waren. Sie schlossen die Türen zu seiner Privatwohnung auf, um dem Präfekten vorzugaukeln, er befände sich in unmittelbarer Gefahr durch einen algerischen Aufstand. Papon forderte Verstärkung an, woraufhin es zu einer „abscheulichen Prügelorgie” kam.[187]

Zeugenaussagen, wie die von Ahmed Beyagoub, beschreiben Szenen sadistischer Gewalt, die direkt unter den Fenstern der politischen Führung stattfanden. Beyagoub, der durch Schläge ein Auge und einen Hoden verlor, berichtete, wie er am Boden liegend hörte, wie Polizeipräfekt Maurice Papon persönlich Befehle erteilte: „Liquidiert mir dieses Ungeziefer, diese dreckigen Ratten! An die Arbeit!“.[188]

7.  Ein Kampf um die Wahrheit

Die Zahlen der umliegenden Krankenhäuser bestätigen erst einmal die extreme Gewalt der Niederschlagung. Die FLN schätzte nach den Ereignissen die Verwundetenanzahl auf 2.300, während eine interne Untersuchung der Regierung unter Roger Wuillaume auf 337 Verletzte und 232 Hospitalisierte kam. Der Historiker Jean-Paul Brunet schätzte die Zahl derer die in Krankenhäuser behandelt wurden auf 260 und eine unabhängige Kommission von Doktoren der Pariser Krankenhäuser kommt auf eine Anzahl von 515 Patienten. Es bleibt aber anzumerken, dass sich, bei vollständiger Untersuchung aller Register in der Region Paris, eine deutliche höhere Zahl eingestellt hätte, ganz zu schweigen von den vielen Hundert, die die Krankenhäuser ganz gemieden haben.[189] Zum Vergleich wurden nur 13 Fälle von verletzten Polizeibeamten registriert, meistens mit leichten Verletzungen.

So kam es unmittelbar nach dem Massaker zu einem erneuten Kampf, und zwar dem Kampf um die Deutungshoheit über die Ereignisse. Während die physische Repression der algerischen Demonstranten in den Händen der Polizei lag, orchestrierte die Regierung in den Tagen und Wochen nach dem Massaker eine systematische Kampagne der Desinformation, Zensur und juristischen Obstruktion, um das Ausmaß der Gewalt zu verschleiern. Diese fand auf mehreren Ebenen statt: in den Medien, in den parlamentarischen Gremien, innerhalb der Polizei selbst und in den diplomatischen Hinterzimmern.

Die erste Reaktion der Medien und der öffentlichen Meinung auf die Ereignisse in der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober war von Unsicherheit und Verwirrung geprägt, zum Teil weil es äußerst schwierig war, sich auch nur ein annäherndes Bild der Geschehnisse zu machen. Die Repressionen waren räumlich über die ganze Stadt verteilt, was es erschwerte, sich einen Überblick zu verschaffen, während Journalisten und Fotografen, die sich den Schauplätzen näherten, körperlich bedroht und ihre Filmrollen beschlagnahmt wurden.[190] Journalisten, die versuchten die Ereignisse zu dokumentieren, wurden körperlich angegriffen. Ein Fotograf der Associated Press, Joseph Babout, wurde von der Polizei geschlagen, sein Hemd zerrissen und seine Kamera zertrümmert, als er versuchte, das Vorgehen gegen die Demonstranten zu fotografieren.[191] Jean-Francis Held, ein Journalist von Libération, wurde festgenommen, als er mit Arbeitern sprach, durchsucht, beleidigt, verhaftet und bedroht.[192]

Die offizielle Version der Ereignisse wurde noch in der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober festgeschrieben. Bereits während der Ereignisse, veröffentlichte Papon ein kommuniqué, dass das Narrativ für die kommenden Wochen diktieren sollte: Die Polizei habe lediglich eine Demonstration aufgelöst, zu der die Masse der Algerier durch den Terror des FLN gezwungen worden sei. Zudem wurde behauptet, Schüsse seien aus den Reihen der Demonstranten auf die Ordnungskräfte abgegeben worden, woraufhin diese lediglich das Feuer erwidert hätten.[193] Diese Darstellung erscheint angesichts der Praxis, dass vielen Beamten Ersatzmunition ausgehändigt wurde, um Schüsse zu vertuschen, fragwürdig und im Kontext der Tatsache, dass kein einziger Polizist eine Schusswunde erlitt, höchst unglaubwürdig.[194]

Die Darstellung einer legitimen Notwehrsituation wurde vom Innenminister Roger Frey in der Nationalversammlung gestärkt und diente als Rechtfertigung für die massive Gewaltanwendung. Die offizielle Bilanz sprach zunächst von nur zwei, später drei toten Algeriern, eine Zahl, die in groteskem Missverhältnis zu den tatsächlichen Opferzahlen stand, die durch die Leichenfunde in der Seine und die Berichte aus den Krankenhäusern und Internierungslagern schnell evident wurden.[195]

Die Reaktionen der Presse waren anfänglich von Unsicherheit geprägt. Polizeiliche Zensur und die physische Bedrohung von Journalisten durch Beamte erschwerten eine unabhängige Berichterstattung erheblich (Anmerkung: Medienzensur war spätestens seit den Ereignissen von Sétif 1945 und dem Beginn des Algerienkrieges 1954 eine gängige Praxis. Eine Kontinuität, die bereits in den Vorkriegsjahren und den Besatzungsjahren bestand). Dies veranlasste die Herausgeber dazu, bei der Veröffentlichung von Artikeln und anderen Medieninhalten Vorsicht walten zu lassen, da harte wirtschaftliche Einbuße drohten, wenn die Polizei ganze Ausgaben beschlagnahmte. L`Humanite schrieb „Wir können nicht alles über den gestrigen tragischen Abend berichten. Die gaullistische Zensur greift. Und L’Humanité ist entschlossen, eine Beschlagnahmung zu vermeiden, damit die Leser zumindest über das Wesentliche informiert werden.“[196]

Fotografen wie Georges Azenstarck mussten heimlich und unter großer Gefahr arbeiten, um Beweise für das brutale Vorgehen der Polizei zu sichern. Dennoch begann die einheitliche Front des Schweigens in den folgenden Tagen schnell zu bröckeln. Während konservative Blätter zunächst weiterhin die offizielle Lesart übernahmen, begannen Zeitungen wie L‘Humanité, Libération und France-Observateur sowie später auch Le Monde, die offizielle Version in Frage zu stellen.[197] Viele veröffentlichten Augenzeugenberichte, die von einer einseitigen Gewaltorgie der Polizei sprachen, bei der unbewaffnete Zivilisten erschlagen oder in die Seine geworfen wurden. Indes wurden Fragen laut, ob die Polizei zuerst geschossen hatte, warum keine Waffen bei den Algeriern beschlagnahmt worden waren, ob es nicht viel mehr Tote gab und ob die Polizei systematische und kalkulierte Gewalt angewendet hatte.

Papon startete eine Charmeoffensive. Neben der inszenierten Ablichtung freundlicher Polizeibeamte, die aus den Fängen der „Terroristen” geretteten Frauen und Kindern in den Internierungszentren, Sandwiches, Kuchen und Milch zur Verfügung stellten, organisierte die Präfektur am 19. Oktober eine massive Presse- und Fernsehpräsenz am Flughafen Orly, als eine erste Gruppe von 552 Algeriern nach Nordafrika abgeschoben wurden. Diese Männer, die unter miserablen Bedingungen festgehalten worden waren und in den für Journalisten gesperrten Haftanstalten systematischer Polizeibrutalität ausgesetzt waren, wurden nun in der

Touristenklasse der Air France repatriiert. Menü während dem Rückflug: Aperitif, verschiedene horsd’œuvres, Roastbeefscheiben in Mayonnaisesauce, gekochte Früchte, Gebäck und Zigaretten auf Wunsch.[198]

7.1. Politische Krise

Auf der politischen Bühne zeichnete sich in den folgenden Wochen eine politische Krise ab. Papon und Frey sahen sich mit einer wachsenden Welle der Empörung konfrontiert. Im Pariser Gemeinderat, in der Nationalversammlung und im Senat formierte sich Widerstand. Claude Bourdet, Editor des France-Observateur und Mitglied der „neuen Linken“ Gewerkschaft Union de la gauche socialiste und Résistance-Anführer Eugène Claudius-Petit konfrontierten den Polizeipräfekten mit detaillierten Fragen zu Schießbefehlen, Leichenfunden und den Zuständen im Palais du Sports.[199]

Brenzlig für die Regierung wurde die Situation als der sozialistische Senator Gaston Defferre, gestützt auf ein vertrauliches Dossier, am 31. Oktober im Senat eine parlamentarische Untersuchungskommission forderte. Um dieser drohenden Bloßstellung zuvorzukommen, bedienten sich Papon und Frey eines taktischen Manövers. Sie initiierten am Abend der Senatsdebatte pro forma gerichtliche Untersuchungen in einer Reihe von 27 Todesfällen. Dies ermöglichte es Justizminister Bernard Chenot, die Einsetzung einer parlamentarischen Kommission unter Verweis auf das Prinzip der Gewaltenteilung abzulehnen, da laufende juristische Verfahren nicht durch das Parlament untersucht werden dürften.[200]

Fragen, warum die gerichtlichen Ermittlungen zu solch schwerwiegenden Ereignissen vom 18. bis 21. Oktober erst am 30. Oktober eröffnet wurden, wurden von Papon erfolgreich blockiert. Papon verfügte über umfangreiche Expertise in der Anwendung dieser spezifischen Strategie. In Zusammenarbeit mit Jean Baylot hatte er die Ermittlungen zu den Polizeischüssen auf die algerische Demonstration 1953 behindert, indem sie ein Gerichtsverfahren gegen „unbekannte Person(en)“ wegen „bewaffneter Rebellion“ einleiteten.

Ebenso unternahmen Frey und Papon den Versuch in der Nacht vom 8. auf den 9. Februar 1962, unmittelbar nach erneuten Polizeimorden an Demonstranten in Charonne ein Verfahren gegen „unbekannte Person(en)“ einzuleiten.[201] Es herrschte die allgemeine Auffassung, dass die Opposition ausmanövriert worden war. Obwohl der Senat bis zum 14. Dezember über den Antrag auf eine Untersuchung debattierte, wurde das Thema Anfang November praktisch ad acta gelegt.

Über die genauen Vorgänge innerhalb der höheren Regierungskreise ist nur wenig bekannt. De Gaulle und seine Minister erwähnen die Ereignisse in ihren Memoiren so gut wie gar nicht, während der Zugang zu wichtigen Dokumenten des Élysée, Matignon und des Innenministeriums weiterhin gesperrt sind.[202] Die staatliche Komplizenschaft mit der polizeilichen Repression kann jedoch im breiteren politischen Kontext der Verhandlungen mit der GPRA und der letzten Phase der Verhandlungen zum Évian-Abkommen vom März 1962 interpretiert werden.

7.1.1. Kontextualisierung zur Zeit der Verhandlungen

Franzosen und GPRA versuchten im Sommer 1961 ihre Machtposition zu stärken. Die Gespräche zwischen beiden Parteien kamen zwischen dem 27. Juli und dem 28. Oktober zum Stillstand, und während dieses dreimonatigen Fensters kämpften beide Seiten darum, ihre Position vor einer endgültigen Entscheidung zu stärken.

Beide Seiten griffen auf eine theatralische Mischung aus „harten” und „weichen” Botschaften zurück.

Auf algerischer Seite schien die Ablösung des liberalen Ferhat Abbas als Präsident der GPRA am 27. August durch Ben Khedda, der von den Franzosen fälschlicherweise als revolutionärer Marxist angesehen wurde, da er sowohl der Sowjetunion als auch China nahestand, eine Verhärtung der Position der FLN zu markieren. Andererseits waren die Anweisungen der GPRA, die Angriffe auf die Polizei einzustellen und dafür zu sorgen, dass die Straßenproteste völlig friedlich verliefen, Teil einer Strategie, die darauf abzielte, die Öffentlichkeit von den guten Absichten der FLN zu überzeugen und ein Beweis für die Toleranz zwischen den Gemeinschaften zu sein, die besonders die pieds-noirs besänftigten sollte.[203]

Ebenso zeigte die französische Regierung eine Mischung aus „harten“ und „versöhnlichen“ Signalen. Die am weitesten verbreitete Interpretation von de Gaulles Gesamtstrategie in Bezug auf Algerien ist, dass er beschlossen hatte, sich aufgrund des mittlerweile aussichtslosen Krieges aus der Kolonie zurückzuziehen, dies aber angesichts der enormen Opposition der pieds-noirs nur durch eine Reihe sorgfältig kalkulierter Schritte erreichen konnte.

„In his press conference on April 11, 1961, General de Gaulle declared: ‘Algeria is costing us – that is the least one can say – more than it is bringing in. Now our great national ambition has become our own progress, the real source of power and influence. The fact is, decolonization is in our interest, and, as a result, it is our policy.’ We know (…), that, as the Algerian War was unfolding the colonial question was tending to become ‘a burden’ for certain branches of French capitalism. The development of new forms of production, the pressure of international competition, the end of the peasant world, and the opening-up of the economy to the outside were all shifts that led certain participants in economic life to want to stop squandering considerable capital in the empire without any benefit. Yet there was an opposition between the ‘political’ realm, which intended to maintain the strength of an empire, and the ‘economic’ realm, which was more concerned with yield and efficiency.”[204]

Jedes größere „Zugeständnis“ auf diesem Weg wurde durch verstärkte Militäraktionen, Repression oder zweideutige Erklärungen ausgeglichen, um die Befürworter eines Algérie française bei der Stange zu halten. Er wollte seine Karten vor der Wiederaufnahme von Verhandlungen nicht gegenüber der GPRA offenlegen und gleichzeitig die politische Rechte und die Siedler über den zugrundeliegenden, unaufhaltsamen Weg zur „Aufgabe“ hinwegtäuschen.[205]

Ein entscheidendes Element in der Repression war de Gaulles beharren darauf, Debré als Premierminister zu behalten. Am 18. August lehnte der Präsident Debrés Rücktritt ab und bestand darauf, dass er ein Programm zum Rückzug aus Algerien umsetzten sollte.  Debré setzte große Hoffnungen in die Schaffung einer neuen „Dritten Kraft“, des Front algérien d’action démocratique (FAAD), als verhandlungsfähige Organisation. Ebenso hoffte Debré auf den von Alain Peyrefitte entwickelten Apartheids-Plan, der die Schaffung eines separaten Staates für die pieds-noirs vorsah.

Gleichzeitig scheint de Gaulle Debré als Gegenleistung erhebliche Freiheiten im Kampf gegen die FLN eingeräumt zu haben. Die Entlassung Michelets im Sommer 1961 ebnete den Weg für „muskulösere” und illegale Formen der Repression. Auch wenn eine gewisse Autonomie Algeriens nun unvermeidlich war, klammerte sich Debré an die Hoffnung, dass Verhandlungen mit einer gemäßigten Kraft, wie der MNA, statt mit der verhassten und gefürchteten FLN geführt werden könnten.[206]

“A key component (…) was the decision taken to grant significant autonomy to the Paris police to engage in systematic violence and repression. While certain key decisions, such as the imposition of a curfew or the mass repatriation to Algeria, were debated and approved by the Council of State, the more endemic forms of police terror were a consequence of secret state collusion rather than of formal procedures or written orders that could leave a trace. A general feature of state terror is that police agents or death squads operate with considerable autonomy outside the official chains of command so that governments can, if necessary, maintain a ‘plausible denial’ of involvement.”[207]

So wie Papon den einfachen Offizieren versicherte, dass sie für ihre Repressionen „gedeckt” seien, so wusste Papon seinerseits, dass er in der Befehlskette von den Staatsoberhäuptern „gedeckt” wurde. Die extreme Gewalt im September/Oktober 1961 war so weniger ein Symptom unkontrollierbarer Einzelakteure als ein Teil der rationalen Regierungspolitik de Gaulles.

Die Gewaltexzesse der Polizei am 17. Oktober hatten also ihren Zweck als Verhandlungsmasse erfüllt. Als de Gaulle den Kontakt zur GPRA wiederaufnahm, beendete er Debrés Offensive durch die Schließung der FAAD und die Aufgabe des Peyrefitte-Plans. Gleiches galt für die Gewalt in Paris; bei Wiederaufnahme der Gespräche Ende Oktober war es im beidseitigen Interesse, die blutigen Ereignisse vom 17. Oktober schnell zu „vergessen“, denn auch für die Verhandler der GPRA war ein rascher Übergang zur Unabhängigkeit dringend notwendig.

7.1.2. Wuillaume und SGP

Der Bericht des Generalinspekteurs Roger Wuillaume, der bereits 1955 die Folterpraktiken in Algerien untersucht und rationalisiert hatte, repräsentiert ein weiteres Beispiel für die staatlich subventionierte Vertuschung. Sein im Dezember 1961 vorgelegter Bericht sprach die Polizei weitgehend von jedem Fehlverhalten frei, bekräftigte die Notwehrthese und verharmloste die Opferzahlen.

In seiner Argumentation behauptete Wuillaume, die Absicht des FLN am 17. Oktober sei es gezielt gewesen, Polizeibrutalität zu provozieren. Ziel sei die Absetzung Papons und Freys gewesen. Der Inspekteur räumte lediglich ein, dass es „einige ungerechtfertigte oder verwerfliche Schläge mit Gewehrkolben“ gegeben haben könnte. Er verwies darauf, dass „nur“ 337 verwundete Algerier in Krankenhäusern behandelt worden seien – eine Zahl, die er als gering im Kontext der Ereignisse darstellte. Zudem stellte er fest, in den 35 Fällen, in denen die Staatsanwaltschaft Ermittlungen eingeleitet hatte, seien keinerlei belastende Beweise gegen die Polizei gefunden worden.[208] Der Bericht erfüllte seinen Zweck, die parlamentarische Untersuchungsinitiativen abzuwehren. Ein angekündigter Abschlussbericht wurde nie vorgelegt; das vorläufige Dokument wurde stillschweigend archiviert.

Papon selbst verfasste ebenfalls einen Bericht für die Regierung, der nach demselben Muster verfuhr und in dem er eine weit hergeholte FLN-Verschwörung zu seinem Sturz herbeifantasierte. Die Fiktion unterstellte, die FLN habe polizeiliche Brutalität provozieren wollen, um Papon und den Innenminister zu entfernen. So konzentrierte sich der Bericht auf ebenfalls auf die 35 Fälle von Beschwerden gegen die Polizei, die der Staatsanwaltschaft vorlagen.

Dieser Rechtfertigungsversuch war im Grunde unnötig, da de Gaulle kaum daran dachte, den Präfekten zu disziplinieren, was Papon offensichtlich wusste. So hatte Papon “(…) no problem in going through the evidence in each case and, with heavy sarcasm, shooting down the straw men he had set up and dismissing them as riddled with contradictions and ‘mendacious charges engineered by the FLN.’”[209]

Währenddessen reagierte die Polizeiführung mit harten Repressionen gegen die Stimmen innerhalb der Polizei, die sich entsetzt gegenüber der Gewalt äußerten. Gemäßigte Teile der SGP, der Gewerkschaft der Polizei, sprachen schon länger von einer „Faschisierung“ des Polizeiapparats durch rechtsextreme Netzwerke (namentlich den OAS) und die Duldung offiziell illegaler Praktiken durch die Führungsebene.[210] Papon gelang es durch eine Mischung aus Druck und Versprechungen, die Gewerkschaftsführung auf Linie zu bringen.  

Er entwickelte eine clevere Strategie, indem er am 7. November rechtliche Schritte gegen die anonymen Autoren des Flugblatts der Groupe de policiers wegen „öffentlicher Verleumdung der Polizei” einleitete. Papon wandte sich daraufhin an die SGP, als Mitkläger aufzutreten, und versuchte die Gewerkschaft geschickt in eine Einheitsfront einzubinden, die die traditionelle Geschlossenheit der Polizei (la maison – „Das Haus“) aufrechterhalten würde.

Die Verwaltungskommission der SGP weigerte sich jedoch am 13. November, sich der Verleumdungsklage anzuschließen. Die Gewerkschafter lehnten es entschieden ab, den Vorgesetzten, die die systematische Gewalt aktiv gefördert hatten, Deckung zu geben. Le Monde berichtete, die SGP habe ausdrücklich erklärt, dass Morde von der Stadtpolizei begangen wurden und die Gewalt von „den Bossen” gefördert wurde, die diese Handlungen ausdrücklich gefördert und Schutz garantiert hätten.[211]

In der Folge wurden  François Rouve, Generalsekretär der SGP, und andere SGP-Führer, von Papon unter massiven Druck gesetzt. Sie machten eine Kehrtwende und am 16. November stimmte die Gewerkschaft zu, sich der Klage gegen das Flugblatt anzuschließen. Zu dieser Entscheidung kam es erstens, weil die Delegierten deutliche Signale von den einfachen Beamten erhielten, von denen sich viele aufgrund ihrer eigenen Beteiligung an Gewalttaten gefährdet fühlten und es vorzogen, durch den Beitritt zur Verleumdungsklage eine geeinte Front zu bilden.[212] Zweitens argumentierte Papon, er habe gegenüber der Regierung alles in seiner Macht Stehende getan, um für den Schutz der Polizei zu kämpfen, einschließlich der Verhängung einer nächtlichen Ausgangssperre, und nun sollte die SGP sich revanchieren.

Er deutete an, dass er bestimmte „Garantien“ oder „Deckung“ für alle während der Demonstration begangenen Handlungen bieten würde und machte gleichzeitig deutlich, dass er, sollte die SGP sich weigern zu kooperieren, nichts unternehmen würde um Einzelpersonen vor den anschließenden Ermittlungen zu schützen. So verstummten die kritischen Stimmen innerhalb der Polizei schnell wieder.[213]

8. Das Versagen der Linken

Das weitgehende Schweigen, das sich nach dem 17. Oktober 1961 über die französische Gesellschaft legte, war nicht ausschließlich das Produkt der Zensur und Repression des französischen Staates.

Es trug auch das Schweigen der beiden „proalgerischen“ Fraktionen, der breiten französischen und algerischen Linken sowie der FLN/GPRA, zum schnellen Vergessen des Massakers bei. Obwohl die Föderation des FLN in Frankreich detaillierte Berichte über die Opferzahlen und den Hergang der Ereignisse sammelte, entschied sich die GPRA dagegen, diese Informationen für eine großangelegte internationale Kampagne zu nutzen.

In der delikaten Phase der wiederaufgenommenen Verhandlungen von Évian wollte die algerische Führung den diplomatischen Prozess nicht durch eine Fokussierung auf die Pariser Ereignisse gefährden. Die Priorität lag auf dem Erreichen der staatlichen Unabhängigkeit, und so wurde das Gedenken an den 17. Oktober, ebenso wie das Schicksal der Opfer, der algerischen Staatsräson untergeordnet.[214]

Dazu kamen die Ambivalenz und strategische Zurückhaltung der französischen Linken, insbesondere der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF). Wie Irwin M. Wall in seiner Analyse der Beziehungen zwischen den französischen Kommunisten und dem Algerienkrieg darlegt, befand sich die PCF in einem ideologischen Dilemma, das eine uneingeschränkte Solidarität mit der algerischen Unabhängigkeitsbewegung verhinderte. Die Partei, die sich traditionell als Vorhut des Antikolonialismus verstand, blieb in entscheidenden Momenten des Konflikts passiv oder reagierte nur zögerlich auf die Eskalation. Diese Haltung wurzelte in einer tiefen Skepsis gegenüber dem FLN, den die PCF nicht ohne Grund als bürgerlich-nationalistische Bewegung einstufte, die sich nicht dem proletarischen Internationalismus unterordnen wollte.

Anstatt die Forderung nach sofortiger „Unabhängigkeit“ bedingungslos zu unterstützen, forderte die Partei lange Zeit die neutrale Parole „Frieden in Algerien“. Diese semantische Unterscheidung war politisch bedeutsam. Sie erlaubte es der PCF, sich als patriotische Kraft zu inszenieren, die nationale Interessen wahrte, ohne die französische Arbeiterklasse, in der rassistische Vorurteile durchaus verbreitet waren, zu verprellen.

Die Konflikte zwischen PFC und FLN stellte die PFC vor einige unbequeme Fragen. Es wurde befürchtet, eine zu offene Solidarität mit dem FLN riskiere, eine politische Isolierung. Sie hätte den Vorwurf des „Vaterlandsverrats“ in einer (auch in linken Kreisen) noch stark patriotisch geprägten Gesellschaft verstärkt und die Frontstellung gegen die eigene Regierung und die Rechte verschärft, die den Algerienkrieg als innere Angelegenheit und Verteidigung des nationalen Territoriums darstellte. Ebenso war das Antifaschismus-Narrativ in Tradition der Résistance ein konsensfähiger, integrativer und historisch abgesicherter Bezugspunkt. Es erforderte keine grundsätzliche Neubewertung der französischen Geschichte oder der Rolle der Republik. Die Unterstützung für algerische Opfer dagegen hätte ein radikales antiimperialistisches Engagement erfordert, das über den zu diesem Zeitpunkt etablierten, politischen Rahmen hinausging.

Am 17. Oktober 1961 manifestierte sich die Distanz in einer fatalen politischen Lähmung. Zwar verurteilten linke Publikationen wie L’Humanité die Gewalt verbal, doch eine Mobilisierung der Massen blieb aus. Die Gewerkschaften, allen voran die kommunistische CGT, riefen nicht zu Generalstreiks auf, die Parteiführung vermied es, ihre Kader für den Schutz der Algerier auf die Straße zu schicken. Die französische Linke war zu diesem Zeitpunkt primär auf den „Kampf gegen den Faschismus“ des OAS, de Gaulles und anderen Gruppen fixiert. In dieser antifaschistischen Logik erschien der Schutz der Republik vor putschenden Generälen dringlicher als die Solidarität mit einer ethnisch segregierten Gruppe, die zudem ihre eigenen, von der PCF unabhängigen Ziele verfolgte.

Freilich engagierten sich kleinere Gruppierungen wie die Parti socialiste unifié (PSU) stärker und organisierten Proteste, doch waren sie zahlenmäßig begrenzt und verfügten nicht über die Massenbasis der PCF. Die Studentengewerkschaft UNEF hatte sich 1960 radikalisiert und forderte Verhandlungen mit der FLN. Nach dem 17. Oktober schloss sie sich Protestaufrufen an und mobilisierte Studenten, doch auch hier blieb der Massenprotest aus, da die PCF ihre eigene Studentenorganisation (UEC) oft anwies, sich nicht an Aktionen der „Neuen Linken“ zu beteiligen.[215] Am 21. Oktober versammelten sich 2.000 Studenten und Dozenten in der Sorbonne. Ein von Claude Lanzmann verfasster Appell, unterzeichnet von Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und anderen, erklärte: „Wir weigern uns, zwischen den im Palais des Sports zusammengepferchten Algeriern, die auf ihre Deportation warten, und den in Drancy vor ihrer Inhaftierung festgehaltenen Juden zu unterscheiden.“.[216] Diese Stimmen blieben in der breiten Öffentlichkeit dennoch überwiegend isoliert.

Jean-Luc Einaudi beschreibt die deprimierende Wahrheit einer Demonstration vom 1. November 1961:

„Nur 300 Menschen nahmen teil. ‚Wir sind heute hier, um gegen Rassismus und Polizeirepression zu demonstrieren‘, erklärte Jean-Paul Sartre. Um 12:15 Uhr explodierte während der Auflösung der Versammlung eine Bombe und verletzte drei Demonstranten. Am Nachmittag folgten einige Hundert Menschen dem Aufruf der Vereinigten Sozialistischen Partei und versammelten sich auf dem Place Clichy. Sie marschierten zum Place Blanche. Die verbotene Demonstration wurde von Edouard Depreux, Alain Savary, Gilles Martinet und Pierre Stibbe angeführt. Die Demonstranten skandierten ‚Stoppt den Rassismus!‘ und ‚Frieden in Algerien!‘. Dreiundzwanzig von ihnen wurden verhaftet. Später legte Edouard Depreux vor etwa hundert Demonstranten vor dem Kino Rex am Boulevard Bonne-Nouvelle einen Kranz ‚für die, die für die Freiheit starben‘ nieder. Es gab keine weiteren Demonstrationen.“[217]

Aktivisten und Schriftsteller versuchten, die Ereignisse zu dokumentieren und Bücher zu veröffentlichen, die jedoch oft vom Staat zensiert und beschlagnahmt wurden. Die Journalistin Paulette Péju verfasste kurz nach dem Massaker das Buch Ratonnades à Paris, das auf Presseberichten und Zeugenaussagen basierte. Der Verleger François Maspero ließ es drucken. Die Polizei erfuhr jedoch davon, rief beim Buchbinder an und beschlagnahmte die gesamte Auflage, bevor sie ausgeliefert werden konnte.[218]

1970 trat der Filmemacher René Vauthier in einen langen Hungerstreik, um die Zensurfreigabe für seinen Film „Oktober in Paris“ zu erhalten. Er hatte Erfolg, doch in die Kinos kam er trotzdem nicht. 1981 gab es Überlegungen, den Film im Fernsehen auszustrahlen. Letztendlich wurde er nie gezeigt.[219]

Der Kontrast zu einem Ereignis wenige Monate später ist in dieser Hinsicht bezeichnend und offenbart die selektive Wahrnehmung. Am 8. Februar 1962, kam es bei einer verbotenen Anti-OAS-Demonstration an der Metrostation Charonne, zu einer brutalen Polizeioffensive. Bei dieser wurden der neun Mitglieder der CGT und der PCF getötet, die meisten wurden im Gedränge des Metroeingangs erdrückt oder von der Polizei erschlagen.

Dieser Vorfall löste eine gewaltige gesellschaftliche Reaktion aus. Die Beerdigung der Opfer von Charonne am 13. Februar 1962 wurde zu einer der größten Massendemonstrationen der Nachkriegsgeschichte; Schätzungen sprechen von 500.000 Teilnehmern, die dem Trauermarsch beiwohnten.[220]

Charonne wurde zum zentralen Gedenkpunkt für die französische Linke und überlagerte über Jahrzehnte hinweg die Erinnerung an den 17. Oktober. Die PCF pflegte aktiv die Erinnerung an Charonne, da es sich um „ihre“ Toten handelte („morts pour la France“).

Diese Diskrepanz offenbart den blinden Fleck einer Linken, die zwar den Faschismus bekämpfte, aber unfähig war, den rassistischen kolonialistischen Imperialismus im eigenen Land und des eigenen Landes mit derselben Entschlossenheit zu adressieren. Das Massaker wurde durch das Gedenken an Charonne förmlich „maskiert“.

9.     Komplizenschaft der Macht

Der juristische Abschluss der Phase der Verdrängung erfolgte durch Amnestie-Dekrete nach dem Ende des Algerienkrieges im März 1962. Diese Dekrete, die im Kontext der Verträge von Évian erlassen wurden, fungierten als ein hermetischer juristischer Schutzschild für jegliche Täter im Staatsdienst. Konkret besagten die Dekrete, dass „Handlungen, die im Rahmen von Operationen zur Aufrechterhaltung der Ordnung begangen wurden“, straffrei blieben sollten. Damit wurde jegliche strafrechtliche Verfolgung der Polizeigewalt vom 17. Oktober 1961 sowie im Algerienkrieg unmöglich gemacht. Die Amnestie institutionalisierte die Straflosigkeit und zementierte das offizielle Schweigen, indem sie die Repression nicht als Verbrechen, sondern als notwendige Staatsaktion im Rahmen eines kriegerischen Konflikts codierte. Für die Hinterbliebenen der Opfer bedeutete dies, dass ihre Klagen abgewiesen und die Akten geschlossen wurden, ohne dass jemals ein Verantwortlicher zur Rechenschaft gezogen wurde.

So kam es in den 1960er Jahren zu weiteren Amnestiegesetze. Im Dezember 1964 wurden die meisten pieds-noirs, die sich der Gewalt schuldig gemacht hatten, freigesprochen.[221] Im Jahr 1966 erhielten diejenigen, die sich der „Subversion“ durch die OAS schuldig gemacht hatten (mit Ausnahme der OAS-Führer) Amnestie. Dieses Gesetz galt auch für die verbleibenden porteurs de valises („Kofferträger“), insoumis und Deserteure der Armee.[222] Ein Gesetz von 1968 galt den Führern der OAS und den putschenden Generälen, wie General Salan, als Teil des Wunsches, nach Unruhen im Mai 1968 die nationale Einheit wiederherzustellen.[223]

Die Notwendigkeit, die nationale Einheit wiederherzustellen, wurde in solchen Debatten immer wieder betont: Justizminister Jean Foyer erklärte am 17. Dezember 1964 vor der Assemblée nationale: „Die Amnestie ist eine Maßnahme, die durch das nationale Interesse gerechtfertigt ist”. Foyer drückte seine Erleichterung darüber aus, dass „die Zeit vergangen ist und ihre Arbeit des Vergessens begonnen hat”. Wie Senator Pierre Marcilhacy es ausdrückte: „Frankreich will vergessen. Es will ein neues Kapitel aufschlagen und in der Zukunft leben, anstatt sich mit der schmerzhaften Betrachtung der Vergangenheit zu beschäftigen.“[224]

“If the events of ‘October 17’ – a sobriquet of convenience and the rhetorical embodiment of the massacre’s failure to find traction in the national narrative – have long been repressed in the French collective psyche, it is not simply a result of the efficiency with which police operations made the event invisible, but rather the product of complex institutional forces that conspired to render the historical record invisible, foreclosing – for nearly 50 years – the possibility of historiographical operations. Over the course of the five decades that followed, the police archives of October 17 were subject to regulations that prevented their transmission to the public (a category which included not only the casually curious but also eminent historians and journalists). Historical accounts of October 17 began to emerge in the mid-1980s; in light of the classified status of the police archives, however, scholars relied on other forms of documentation (FLN archives, eyewitness testimony, and coroner’s records) to ground analyses often in contradiction with one another. As the political conjuncture shifted in the late 1990s, a select number of specialists were granted access to the police archives, (…).”[225]

Die Architekten der Repression und ihrer anschließenden Vertuschung mussten auch später keinerlei Konsequenzen fürchten; im Gegenteil, ihre Karrieren florierten in der Spitzenpolitik der Fünften Republik. Roger Frey blieb Innenminister, wurde unteranderem 1967 Staatsminister für die Beziehungen zum Parlament, 1968 Staatsminister für Verwaltungsreformen und stieg später zum Präsidenten des Verfassungsrates auf. Dieses Amt bekleidete er neun Jahre.  

Michel Debré, bekleidete weiterhin höchste Staatsämter und blieb eine der einflussreichsten Figuren des Gaullismus unteranderem als Wirtschafts- und Außenminister. Unter Georges Pompidou wurde er Verteidigungsminister und trat zudem 1981 als Präsidentschaftskandidat an.

Neben diesen Protagonisten blieben auch die ausführenden Ränge der Polizei und der Justiz unangetastet; Staatsanwälte, die Verfahren verschleppt hatten, und Polizeikommissare, die Folter und Mord in ihren Revieren duldeten, setzten ihre Laufbahnen unbehelligt fort.

Die Personifizierung dieser Kontinuität und Straflosigkeit war Maurice Papon. Seine Karriere ist paradigmatisch für das Fortbestehen administrativer Eliten über politische Zäsuren hinweg. Papon konnte seine Karriere in der Fünften Republik erneut nahtlos fortsetzen, ungeachtet seiner Verantwortung für die Gewalt in Paris, Algerien oder Marokko oder seiner früheren Rolle im Vichy-Regime. Er blieb bis 1967 Polizeipräfekt von Paris, wurde Abgeordneter der Nationalversammlung und schließlich unter Präsident Valéry Giscard d’Estaing Budgetminister (1978 – 1981).

Erst ein Prozess gegen ihn im Jahr 1997, bei dem er wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit während der Vichy-Zeit angeklagt war, brachte auch die Ereignisse des 17. Oktober 1961 wieder in das Licht der Öffentlichkeit. Es kam zu einem „Prozess im Prozess“, als Zivilkläger und Historiker wie Jean-Luc Einaudi die Gelegenheit nutzten, Papons brutale Methoden im Algerienkrieg als Beweis für seine skrupellose Karriereorientierung anzuführen. Die Auseinandersetzung mit seiner Rolle im Algerienkrieg wurde so unvermeidbar. Die endgültige Enthüllung erfolgte 1999, als Papon Einaudi wegen Verleumdung verklagte, nachdem dieser ihm in einer Ausgabe der Le Monde die direkte Verantwortung für das „Massaker“ zugeschrieben hatte. Dieser Schritt erwies sich als Fehler für Papon. Das Gericht wies Papons Klage ab und erkannte damit juristisch an, dass die Bezeichnung der Ereignisse als „Massaker“ legitim und durch Beweise gestützt war, da die Polizei mit „extremer Gewalt“ gehandelt habe. Dies war das erste Mal, dass ein französisches Gericht die Polizeigewalt gegen die Demonstranten anerkannte.

Papon wurde 1998 aufgrund seiner Rolle in der Deportation von 1500 Juden zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt.[226] 1999 trat er seine Gefängnisstrafe an. Im Jahr 2000 beantragte er eine Begnadigung, welche allerdings vom französischen Präsidenten Jacques Chirac abgelehnt wurde.

2002 wurde die Haftstrafe aufgrund seines Gesundheitszustandes beendet. Die Freilassung wurde möglich gemacht durch das am 4. März 2002 verabschiedete Kouchnergesetz. Nach diesem können Gefängnisinsassen entlassen werden, wenn sie an lebensbedrohenden Krankheiten leiden oder ihre Gesundheit durch die Haft beeinträchtigt würde. Papon war der zweite Häftling, der von diesem Gesetz profitierte.

2002 war auch das Jahr, in dem General Paul Aussaresses wegen der Rechtfertigung von Kriegsverbrechen verurteilt wurde. Während Papon wegen Krankheit entlassen wurde, erhielt Aussaresses eine Geldstrafe von 7.500 Euro, da die Amnestiegesetze eine strafrechtliche Verfolgung der Folterungen selbst verhinderten.[227]

Papon lebte nach der Haftentlassung vier weitere Jahre in seinem Geburtsort. Er verstarb am 17. Februar 2007 im Alter von 96 Jahren. Das Magazin Der Spiegel lieferte in seinem Nachruf auf eine bemerkenswert ungewollte Weise eine wahrlich präzise Analyse: „Er war der Inbegriff des französischen Staatsdieners, hochkultiviert, brillant und bei Bedarf ohne jeden Skrupel.“[228]

10.  Was bleibt

Die Analyse der Ereignisse vom 17. Oktober 1961 in Paris offenbaren, dass es sich hier um mehr als ein singuläres Verbrechen handelt. Sie dienen als eindrückliche Fallstudie für die grundlegende Verfasstheit des bürgerlichen Staates und seines Gewaltmonopols.

In jedem Politikwissenschaftsstudium lernen die Studierenden zunächst, dass Staaten – unabhängig vom politischen Überbau oder den Eigentumsverhältnissen – durch ihr „Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit“, also dem Monopol auf Gewaltausübung auf ihrem Territorium, gekennzeichnet sind. Folgt man dieser Logik, bilden Armee und Polizei als institutioneller Kern dieses Gewaltmonopols die „stehende Streitmacht“ einer jeden staatlichen Ordnung, mag sie feudal, kapitalistisch-bürgerlich oder sozialistisch verfasst sein.

Marxisten begreifen den modernen kapitalistischen Staat, mag es der französische, russische, deutsche oder US-amerikanische Staat sein, primär nicht als neutrale Instanz zur Interessenvertretung oder Bedürfnisbefriedigung seiner Bürger, sondern vielmehr als ein Instrument zur Sicherung und Reproduktion der herrschenden ökonomischen und sozialen Verhältnisse im Interesse seiner herrschenden Klasse i.e. des nationalen Kapitals. Seine zentralen Funktionen liegen, laut dieser Auffassung, folglich in der Verwaltung des unversöhnlichen Antagonismus zwischen Kapital und Arbeit sowie in der strategischen Positionierung des nationalen Standortes im globalen Wettbewerb zum Vorteil der dominanten Klasse.

Dies impliziert, dass die institutionellen Träger des Gewaltmonopols – Polizei und Armee – strukturell auf die Absicherung der kapitalistischen Produktionsweise (Lohnarbeit und Privateigentum an Produktionsmitteln) ausgerichtet sind. Neuere staatstheoretische Ansätze, wie Louis Althussers Konzept des „repressiven Staatsapparats“, differenzieren diese Grundannahme, bekräftigen jedoch deren Kernaussage: Das staatliche Gewaltmonopol ist niemals neutral, sondern dient strukturell der Aufrechterhaltung der herrschenden sozialen und ökonomischen Ordnung.

Die gewaltsame Unterdrückung der friedlichen Demonstration algerischer Migranten am 17. Oktober 1961 war folglich kein Betriebsunfall oder das Werk entgleister Einzeltäter außerhalb der „rechtsstaatlichen Normen“, sondern die konsequente Erfüllung eben dieser Kernaufgabe in einer Krisensituation des Kapitals. Als die FLN die koloniale Autorität Frankreichs auch im metropolitanen Kernland herausforderte, reagierte der Staatsapparat gemäß seiner immanenten Logik – in dem Rahmen, den er politisch und gesellschaftlich verantworten zu können glaubte – mit der gewaltsamen Neutralisierung der Bedrohung. Die Polizei agierte dabei als effizientes Instrument zur Durchsetzung staatlicher und kapitalistischer Interessen, in Kontinuität zur Rolle der französischen Armee in den Kolonien seit 1830.

Der virulent zutage tretende Rassismus, Autoritarismus und Nationalismus der einzelnen Beamten ist dabei keineswegs ein zufälliges oder bedauerliches Nebenprodukt, sondern ein tief verwobenes und funktionales Element der Herrschaftssicherung. Er erfühlt eine doppelte strategische Funktion: Zum einen fragmentiert er die Arbeiterklasse entlang ethnisch-nationaler Linien und unterminiert so deren solidarisches Handlungspotenzial (zu erkennen an der fehlenden Solidarität mit den Algeriern auch innerhalb der französischen Linken). Zum anderen legitimiert er extreme Repression, sowohl im Selbstbild des einzelnen Beamten, der seine Gewalt als notwendig gegen eine vermeintlich „gefährliche“ Gruppe versteht, als auch in den Augen der Öffentlichkeit, die diese Gewalt als gegen „Andere“ gerichtet oft stillschweigend hinnimmt oder billigt.

Unabhängig von seinem spezifischen politischen Überbau – sei er „liberal-demokratisch“ oder „autoritär“ – ist der bürgerliche Staat auf Akteure angewiesen, die in als existentiell wahrgenommenen Bedrohungslagen (etwa durch Massenproteste oder gesellschaftliche Unruhen) handlungsfähig sind. Empirisch lässt sich beobachten, dass Personen mit nationalistisch-konservativer oder autoritärer Grundhaltung, die sich stark mit dem Staat als Institution identifizieren, in diesem Rahmen oft als besonders zuverlässig gelten. Folglich kann selbst innerhalb eines liberal-demokratischen Rahmens ein Polizeibeamter mit „antidemokratischen“ Einstellungen systemfunktional sein, sofern seine Identifikation mit der staatlichen Ordnung oder „der Nation“  hinreichend ausgeprägt ist. Ein rassistischer oder nationalistischer Polizist stellt in dieser Logik somit keinen systemischen Dysfunkt dar, sondern erfüllt – innerhalb der gegebenen strukturellen Parameter – die Erwartungen an ein effektives Organ der Herrschaftssicherung. Systemisch betrachtet muss ein „guter“ Polizist notwendigerweise reaktionäre Haltungen vertreten, entwickeln oder deren Grundlage bewusst ausblenden. Ein Polizist mit linkem politischem Selbstverständnis geriete in einen fundamentalen Identitätskonflikt, sobald er im Dienst gegen die Interessen derjenigen Gruppe vorgehen müsste, mit der er sich ideologisch verbunden fühlt.

Gleichzeitig wirkt die materielle und soziale Abschottung der Polizeibeamten identitätsstiftend und verstärkt eine kollektive Abgrenzung nach außen. Die Dynamik der permanenten Konfrontation mit einer pauschal als feindlich konstruierten „Masse“ – seien es Migranten, linke Aktivisten oder andere marginalisierte Gruppen – nährt eine Belagerungsmentalität, die den Zusammenhalt nach innen festigt und kritische Reflexion nach außen blockiert.

Die Pariser Polizeipräfektur während des Algerienkrieges exemplifiziert die bewusste Nutzung dieser Mechanismen. Die algerische Migrantenbevölkerung wurde pauschal unter Generalverdacht gestellt und als innere Feindgruppe konstruiert. Zugleich wurde die innerpolizeiliche Solidarität – verkörpert im Begriff la maison – bewusst gegen diese konstruierte Bedrohung und kritische Stimmen innerhalb der SGP mobilisiert. Besonders auffällig war dabei die gezielte Rekrutierung von traumatisierten, psychisch kranken, rassistisch verhetzten Kriegsveteranen, pieds-noirs und verzweifelten harkis, die aufgrund ihrer sozialen Brüche, psychischen Verletzungen und internalisierten Feindbilder als besonders willfährige und brutale Vollstrecker eingesetzt wurden. Dies zeigt, wie staatliche Repressionsorgane existierende soziale Spaltungen und individuelles Leid nicht nur ignorieren, sondern aktiv instrumentalisieren und vertiefen, um ihre Gewaltmaschinerie zu optimieren.

Die personelle Kontinuität von Akteuren wie Maurice Papon, ist folglich kein Systemversagen, sondern Ausdruck der systemischen Logik eines Herrschaftsapparats, der unabhängig von seinem politischen Überbau (faschistisches Vichy Frankreich; liberale Vierte Republik; autoritäre Fünfte Republik) seine grundlegende Funktion als Wächter der kapitalistischen Verhältnisse bewahrt. Papon und andere erwiesen sich als nützliche Bluthunde, genau weil sie bereit waren die systemische Drecksarbeit zu erledigen, wenn es von ihnen erwartet wurde; ob in Bordeaux, Marokko, Constantine oder Paris.

Die analytische Perspektive behält ihre Erklärungskraft über den historischen Einzelfall hinaus. Die gegenwärtige Behandlung pro-palästinensischer Demonstrationen, insbesondere in der BRD, folgt einer ähnlichen strukturellen Matrix. Trotz einer weit verbreiteten  Kritik an israelischen Militäroperationen innerhalb der Bevölkerung wurden entsprechende Proteste durch offizielle Diskurse systematisch als antisemitisch und „israelfeindlich“ diffamiert. Diese diskursive Rahmung korrelierte mit polizeilichen Maßnahmen, die regelmäßig in exzessive Prügelorgien ausarteten, sowie mit gesellschaftlichen Repressionsformen wie beruflichen Konsequenzen oder öffentlicher Stigmatisierung für Solidaritätsbekundungen.

Während ein signifikanter Teil der Polizeibeamten von aggressiv-rassistischen, nationalistischen und gewaltaffinen Einstellungen getrieben sein dürfte, ist die ursprüngliche Motivation des Einzelnen (Pflichtgefühl, Gemeinwohlorientierung etc.) für die systemische Funktionslogik obsolet. Die Rolle als Organ des Gewaltmonopols verpflichtet zur Ausführung von Befehlen, was Gehorsam unabhängig von persönlichen Vorbehalten einzelner Beamten erfordert. Daraus folgt erneut der Schluss, dass die Position des Polizisten innerhalb des Staatsapparats die Entwicklung oder Perpetuierung reaktionärer Haltungen strukturell begünstigt bzw. bewusste Ignoranz erfordert.

Damit wird deutlich: Rassismus, Nationalismus und rechtes Gedankengut in den Rängen der Gewaltorgane des Staates, sind weder individuelles Charakterproblem noch bloßes Überbleibsel vergangener Zeiten. Sie sind konstitutiver Bestandteil des Gewaltapparats in einer klassen- und herrschaftsgesellschaftlich strukturierten Ordnung. Sie sind nicht das zu lösende Problem, sie sind Mittel zum Zweck; sei es in heute in Berlin, Washington, Moskau, Teheran und Tel Aviv; oder 1961 in Paris. Damit wird deutlich: Rassismus, Nationalismus und rechtes Gedankengut in den Rängen der Gewaltorgane des Staates, sind weder individuelles Charakterproblem noch bloßes Überbleibsel vergangener Zeiten. Sie sind konstitutiver Bestandteil des Gewaltapparats in einer klassen- und herrschaftsgesellschaftlich strukturierten Ordnung. Sie sind nicht das zu lösende Problem, sie sind Mittel zum Zweck; sei es in heute in Berlin, Washington, Moskau, Teheran und Tel Aviv; oder 1961 in Paris.

Große Männer

Die Entscheidung Charles de Gaulles, die Repression gegen algerische Demonstranten am 17. Oktober 1961 zu billigen, ist ebenfalls nicht primär auf individuelle ideologische Dispositionen zurückzuführen, sondern auf die systemische Logik des von ihm geführten Staatsapparates. Dieser ist, staatstheoretisch betrachtet, auf die Sicherung der Rahmenbedingungen für kapitalistische Akkumulation verpflichtet. De Gaulles Handeln – ungeachtet seiner persönlichen weltanschaulichen Prägung – entsprang somit in erster Linie der Rolle des Staates als Garant der Interessen des französischen Kapitals.

Im konkreten historischen Kontext des Jahres 1961 diente die gewaltsame Unterdrückung der FLN-Demonstration in der Metropole strategischen Verhandlungszwecken. Ziel war es, die Position der französischen Regierung gegenüber der GPRA zu stärken, um aus dem als verloren erkennbaren Kolonialkrieg noch möglichst vorteilhafte Konditionen – wie den fortgesetzten Zugang zu Erdölressourcen, Militärstützpunkten und Atomwaffentestgeländen in der Sahara – herauszuhandeln.

Parallel dazu lässt sich die Aufrechterhaltung eines harten Kurses gegen die FLN und die Beibehaltung bestimmter Regierungsmitglieder wie Maurice Papon oder Michel Debré als taktisches Manöver zur Einhegung innenpolitischer Widerstände interpretieren. Damit sollten insbesondere die pieds-noirs und die terroristische OAS beschwichtigt werden, deren legitime materielle Interessen in Algerien auf dem Spiel standen. Die demonstrative Kontinuität einer unnachgiebigen Regierungspolitik zielte darauf ab, diese einflussreichen Gruppen zu beruhigen und ihren organisierten Widerstand gegen die eingeleiteten Unabhängigkeitsverhandlungen zu marginalisieren.

Die Konfrontation de Gaulles mit Teilen des inländischen Siedlerkapitals erklärt sich aus der Funktion des Staates als „ideellem Gesamtkapitalisten“. Gemäß dieser marxistischen Staatstheorie handelt der bürgerliche Staat notwendig als eine Instanz, die über den Interessen einzelner Kapitalfraktionen steht und deren langfristige Gesamtinteressen wahrt. Seine primäre Aufgabe ist die Schaffung und Sicherung optimaler Rahmenbedingungen für die Akkumulation des nationalen Gesamtkapitals.

Um diese makroökonomische Steuerungsfunktion zu erfüllen, muss der Staat regelmäßig intervenieren und Entscheidungen treffen, bei denen bestimmte Kapitalgruppen (hier große Teile des pieds-noirs-Kapital) zugunsten der allgemeinen Kapitalverwertungsbedingungen benachteiligen. De Gaulles Politik der „harten“ und „versöhnlichen“ Maßnahmen ist als eine strategische Intervention zu verstehen, bei der die Interessen des Gesamtkapitals Vorrang vor den Partikularinteressen einzelner Fraktionen erhielten.

Dieser Logik folgten auch frühere und spätere staatliche Maßnahmen: die Niederschlagung der Demonstrationen in Sétif 1945, die Reaktion auf den Beginn des Krieges 1954, die systematische Unterdrückung der algerischen Bevölkerung in Frankreich, das gewaltsame Vorgehen an der Métro Charonne 1962 und schließlich – als der Krieg zum Verlustgeschäft geworden war – die Beendigung des Algerienkrieges. Jeder dieser Schritte diente, bei aller historischen Spezifik, den wechselnden Erfordernissen kapitalistischer Interessen.

Das Erbe

Das Erbe des 17. Oktober lebt besonders in den französischen banlieues weiter. Methoden des quadrillage, institutionalisierten Schikane, racial profiling, regelmäßige rassistische, ungestrafte, teils tödliche Polizeigewalt und eine militärisch hochgerüstete Polizei stellen direkte Erbschaften dar. Mathieu Rigoustes zeigt in seiner Arbeit „La domination policière“ auf, wie das „endokoloniale“ Management der Vorstädte diese Gebiete als innere Kolonien behandelt, unterworfen einem spezifischen Gewaltregime, das in bürgerlichen Stadtzentren inakzeptabel wäre.

Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen sind mutiert, haben aber überdauert. Das Gesetz über den Ausnahmezustand (État d’urgence), erstmals 1955 gegen algerische Aufständische eingesetzt, dann 1961, 2005 während der Vorstadtunruhen und schließlich nach den Terroranschlägen von 2015 normalisiert und 2017 in das allgemeine Recht überführt, findet seine Wurzeln in der Unterdrückung des algerischen Widerstands. Die „Loi Sécurité Globale“ von 2021/2022, die das Filmen von Polizisten einschränkt und die Überwachung ausweitet, ist die moderne Iteration des staatlichen Wunsches, das Monopol über das Narrativ der Gewalt zu behalten.  

Der Mord an Nahel Merzouk im Juni 2023 durch einen Polizisten in Nanterre – genau jenem Ort, von dem ein Großteil der Demonstranten 1961 losmarschierten – entfachte einen landesweiten Aufstand. Die Reaktion der Polizeigewerkschaften zeigte sich entlarvend. In einer Pressemitteilung erklärten die Gewerkschaften Alliance und UNSA Police, sie befänden sich im „Krieg“ gegen „wilde Horden“ und „Ungeziefer“. Es ist die Sprache des kolonialen Befrieders, der dem „Eingeborenenaufstand“ gegenübersteht.  

Die Leichen in der Seine zwingen uns, in den Spiegel der Gegenwart zu blicken. Sie konfrontieren uns mit der Wahrheit, dass die „zivilisierte“ bürgerlich liberale Ordnung der kapitalistischen Welt auf einem Fundament der Barbarei ruht. Die Befreiung der Arbeiterklasse und der Unterdrückten kann nicht durch den Apparat erfolgen, der zu ihrer Versklavung gebaut wurde. Sie erfordert die Zerschlagung dieses Staates und die Schaffung einer Gesellschaft, in der menschliche Würde nicht von Herkunft, Geschlecht oder Klasse abhängt.

Literatur:

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[1] Evans, Martin: Algeria. France’s undeclared war. Oxford, 2012, S. 8.

[2] Evans: Algeria. France’s undeclared war, S. 8.

[3] McDougal, James: A History of Algeria. Cambridge, 2017, S. 69. 

[4] McDougal: A History of Algeria, S. 93.

[5] Evans: Algeria. France’s undeclared war, S. 14.

[6] McDougal: A History of Algeria, S. 91.

[7] Sessions, Jennifer E.: By sword and plow. France and the Conquest of Algeria. New York, 2011, S. 317.

[8] McDougal: A History of Algeria, S. 103.

[9] Ageron, Charles-Robert: Modern Algeria. A History from 1830 to the Present. Hong Kong, 1991, S. 52.

[10] Evans: Algeria. France’s undeclared war, S. 16.

[11] Evans: Algeria. France’s undeclared war, S. 24.

[12] Ageron: Modern Algeria. A History from 1830 to the Present, S. 62.

[13] Evans: Algeria. France’s undeclared war, S. 22.

[14] McDougal: A History of Algeria, S. 126.

[15] Crapanzano, Vincent: The Harkis. The wound that never heals. London/Chicago, 2017, S. 200 – 201.

[16] Fanon, Frantz: Die Verdammten dieser Erde. Vorwort von Jean-Paul Satre. Frankfurt a. M., 1966, S. 232 – 233.

[17] Fanon: Die Verdammten dieser Erde. Vorwort von Jean-Paul Satre. S. 33.

[18] Ageron: Modern Algeria. A History from 1830 to the Present, S. 52 – 53.

[19] Ageron: Modern Algeria. A History from 1830 to the Present, S. 70.

[20] Crapanzano: The Harkis. The wound that never heals, S. 41 – 42.

[21] McDougal: A History of Algeria, S. 74.

[22] Stora, Benjamin: Algeria 1830 – 2000. A short History. Ithaka/London, 2001, S. 136 – 137.

[23] Ireland, John: Theater, War, and Memory in Crisis. Vichy, Algeria, the Aftermath. Michigan, 2025, S. 24.

[24] House, Jim & MacMaster, Neil: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory. New York, 2006, S. 3.

[25] House & MacMaster: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory, S. 36.

[26] McDougal: A History of Algeria, S. 179.

[27] McDougal: A History of Algeria, S. 179.

[28] Evans: Algeria. France’s undeclared war, S. 85 – 86.

[29] McDougal: A History of Algeria, S. 180.

[30] House & MacMaster: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory, S. 36.

[31] Cole, Joshua: Massacres and their Historians: Recent Histories of State Violence in France and Algeria in the Twentieth Century. In: French Politics, Culture & Society (2010), Vol. 28, No. 1, S. 106 – 126, hier S. 112.

[32] Cole: Massacres and their Historians, S. 112.

[33] House & MacMaster: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory, S. 36.

[34] Evans: Algeria. France’s undeclared war, S. 92.

[35] Evans: Algeria. France’s undeclared war, S. 91.

[36] McDougal: A History of Algeria, S. 180.

[37] McDougal: A History of Algeria, S. 197.

[38] Evans: Algeria. France’s undeclared war, S. 123.

[39] Evans: Algeria. France’s undeclared war, S. 112.

[40] House & MacMaster: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory, S. 29.

[41] Crapanzano: The Harkis. The wound that never heals, S. 36.

[42] Crapanzano: The Harkis. The wound that never heals, S. 36.

[43] Stora, Benjamin: Modern Algeria: The Origins and Development of a Nation. Bloomington, 2005, S. 163.

[44] Evans: Algeria. France’s undeclared war, S. 124.

[45] Evans: Algeria. France’s undeclared war, S. 216.

[46] Crapanzano: The Harkis. The wound that never heals, S. 47.

[47] Stora: Algeria 1830 – 2000. A short History, S. 13

[48] Ageron: Modern Algeria. A History from 1830 to the Present, S. 115.

[49] McDougal: A History of Algeria, S. 229.

[50] Prochaska, David: Making Algeria French. Colonialism in Bone. Cambridge, 1990, S. 104. 

[51] Evans: Algeria. France’s undeclared war, S. 156 – 157.

[52] Stora: Modern Algeria: The Origins and Development of a Nation, S. 187.

[53] Evans: Algeria. France’s undeclared war, S. 311.

[54] McDougal: A History of Algeria, S. 136.

[55] Evans: Algeria. France’s undeclared war, S. 193.

[56] Evans: Algeria. France’s undeclared war, S. 303.

[57] Prochaska, David: Making Algeria French. Colonialism in Bone. Cambridge, 1990, S. 97.

[58] Evans: Algeria. France’s undeclared war, S. 75.

[59] Wall, Irwin M.: The French Communists and the Algerian War. In: Journal of Contemporary History (1977), Vol. 12, No. 3, S. 521 – 543, hier S. 523.

[60] Evans: Algeria. France’s undeclared war, S. 67.

[61] Wall: The French Communists and the Algerian War, S. 523.

[62] Evans: Algeria. France’s undeclared war, S. 91.

[63] Wall: The French Communists and the Algerian War, S. 528.

[64] Evans: Algeria. France’s undeclared war, S. 124.

[65] Evans: Algeria. France’s undeclared war, S. 171.

[66] House & MacMaster: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory, S. 199.

[67] Wall: The French Communists and the Algerian War, S. 527 – 528.

[68] McDougal: A History of Algeria, S. 204.

[69] Evans: Algeria. France’s undeclared war, S. 179.

[70] Wall: The French Communists and the Algerian War, S. 536.

[71] Wall: The French Communists and the Algerian War, S. 526.

[72] Stora: Algeria 1830 – 2000. A short History, S. 258.

[73] Evans: Algeria. France’s undeclared war, S. 133.

[74] House & MacMaster: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory, S. 52.

[75] Evans: Algeria. France’s undeclared war, S. 133.

[76] House & MacMaster: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory, S. 55.

[77] House & MacMaster: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory, S. 52.

[78] Crapanzano: The Harkis. The wound that never heals, S. 60.

[79] House & MacMaster: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory, S. 57.

[80] McDougal: A History of Algeria, S. 126.

[81] House & MacMaster: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory, S. 54.

[82] Evans: Algeria. France’s undeclared war, S. 154 – 155.

[83] Todorov, Tzvetan & Denner, Arthur: Torture in the Algerian War. In: South Central Review (2007), Vol. 24, No. 1, S. 18 – 26, hier S. 19.

[84] Trinquier, Roger: Modern Warfare. A French View on Counterinsurgency (Translated From the French by Daniel Lee; First published in France in 1961 under the title La Guerre Moderne). Westport, 2006, S. 18.

[85] Ptacek, Melissa M.: Simone de Beauvoir’s Algerian war: torture and the rejection of ethics. In: Theory and Society (2015), Vol. 44, No. 6, S. 499 – 535, hier S. 532.

[86] Alleg, Henri: The Question. London, 1958, S. 44 – 45.

[87] Alleg, Henri: The Question, S. 73.

[88] House & MacMaster: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory, S. 58.

[89] Alleg, Henri: The Question, Introduction S. 14 – 16.

[90] House & MacMaster: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory, S. 58.

[91] Evans: Algeria. France’s undeclared war, S. 206.

[92] House & MacMaster: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory, S. 56.

[93] Branche, Raphaëlle: La Torture et l’armée pendant la guerre d’Algérie: (1954-1962). Paris, 2016, S. 120 – 121; 141.

[94] House & MacMaster: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory, S. 151 – 152.

[95] Bensmaia, Réda & Gage, Jennifer C.: The War that Haunts France. In: L’Esprit Créateur (2014), Vol. 54, No. 4, S. 6 – 14, hier S. 7.

[96] Alleg, Henri: The Question, Introduction S. 28.

[97] Alleg, Henri: The Question, Introduction S. 42.

[98] Schalk, David L.: War and the ivory tower. Algeria and Vietnam. Nebraska, 1991, S. 107.

[99] Schalk, David L.: War and the ivory tower. Algeria and Vietnam. Nebraska, 1991, S. 108.

[100] House & MacMaster: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory, S. 33 – 34.

[101] Einaudi, Jean-Luc: La bataille de Paris – 17 octobre 1961. Paris, 1986, S. 40.

[102] House & MacMaster: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory, S. 35.

[103] Boulanger, Gerard: Maurice Papon. Paris, 1994, S. 262.

[104] Cole, Joshua: Massacres and their Historians: Recent Histories of State Violence in France and Algeria in the Twentieth Century, S. 117.

[105] Naegelen, Marcel-Edmond: Mission en Algérie. Paris, 1962, S. 176 – 177.; House & MacMaster: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory, S. 38.

[106] House & MacMaster: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory, S. 38.

[107] House & MacMaster: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory, S. 40

[108] Brunet, Jean-Paul: Charonne: lumières sur une tragédie. Paris, 2003, S. 33; 222 – 225.

[109] House & MacMaster: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory, S. 40.

[110] Cole, Joshua: Massacres and their Historians: Recent Histories of State Violence in France and Algeria in the Twentieth Century, S. 117 – 118.

[111] House & MacMaster: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory, S. 57 – 59.

[112] House & MacMaster: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory, S. 52.

[113] Vgl. Connelly, Matthew: Taking Off the Cold War Lens. Visions of North-South Conflict during the Algerian War for Independence. In: The American Historical Review (2000), Vol. 105, No. 3, S. 739 – 769.

[114] House & MacMaster: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory, S. 33.

[115] House & MacMaster: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory, S. 52.

[116] House & MacMaster: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory, S. 28.

[117] House & MacMaster: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory, S. 63.

[118] Prakash, Amit: Empire on the Seine. The Policing of North Africans in Paris, 1925–1975. Oxford, 2022, S. 117.

[119] Einaudi: La bataille de Paris – 17 octobre 1961, S. 52.

[120] House & MacMaster: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory, S. 70.

[121] Prakash: Empire on the Seine, S. 116.

[122] House & MacMaster: Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory, S. 69.

[123] Crapanzano: The Harkis. The wound that never heals, S. 63.

[124] Einaudi: La bataille de Paris – 17 octobre 1961, S. 54.

[125] Prakash: Empire on the Seine, S. 119.

[126] Cole: Massacres and their Historians: Recent Histories of State Violence in France and Algeria in the Twentieth Century, S. 118.

[127] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 80.

[128] Cole: Massacres and their Historians: Recent Histories of State Violence in France and Algeria in the Twentieth Century, S. 116.

[129] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 81.

[130] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 80.

[131] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 81.

[132] Crapanzano: The Harkis. The wound that never heals, S. 104.

[133] Crapanzano: The Harkis. The wound that never heals, S. 17. 

[134] MacMaster, Neil: Racism in Europe. 1870 – 2000. London, 2001, S. 129 – 132.

[135] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 82.

[136] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 81.

[137] Prakash: Empire on the Seine, S. 124.

[138] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 86 – 87.

[139] Péju, Paulette: Ratonnades à Paris. Les harkis à Paris. Paris, 2000, S. 51 – 52.

[140] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 85.

[141] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 85.

[142] Einaudi: La bataille de Paris – 17 octobre 1961, S. 37 – 38.

[143] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 4.

[144] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 99.

[145] Einaudi: La bataille de Paris – 17 octobre 1961, S. 83.

[146] Einaudi: La bataille de Paris – 17 octobre 1961, S. 84.

[147] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 111.

[148] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 108.

[149] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 109.

[150] Einaudi: La bataille de Paris – 17 octobre 1961, S. 94.

[151] Einaudi: La bataille de Paris – 17 octobre 1961, S. 100

[152] Einaudi: La bataille de Paris – 17 octobre 1961, S. 62. 

[153] Einaudi: La bataille de Paris – 17 octobre 1961, S. 100.

[154] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 114.

[155] Einaudi: La bataille de Paris – 17 octobre 1961, S. 110.

[156] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 115 – 116.

[157] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 168.

[158] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 115 – 116.

[159] Papon, Maurice: Les chevaux du pouvoir (le préfet du général de Gaulle ouvre ses dossiers 1958/1967). Paris, 1988, S. 63 – 65; 93.

[160] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 117.

[161] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 118.

[162] I. Boussad, in a 1999 interview, told how he saw two men from his own village thrown from the Pont de Neuilly, and had later seen their corpses. In: Le Cour Grandmaison, Le 17 octobre 1961, S. 32.

[163] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 120.

[164] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 120.

[165] Einaudi: La bataille de Paris – 17 octobre 1961, S. 113.

[166] Einaudi: La bataille de Paris – 17 octobre 1961, S. 113

[167] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 43.

[168] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 124.

[169] Einaudi: La bataille de Paris – 17 octobre 1961, S. 151; S. 184.

[170] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 126.

[171] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 126.

[172] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 127.

[173] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 127 – 128.

[174] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 129.

[175] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 129.

[176] Drowning by Bullets (1992) (Movie)

[177] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 130.

[178] Einaudi: La bataille de Paris – 17 octobre 1961, S. 160 – 164; S. 169 – 171.   

[179] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 130.

[180] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 130.

[181] Einaudi: La bataille de Paris – 17 octobre 1961, S. 199.

[182] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 132 – 133.

[183] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 132.

[184] Einaudi: La bataille de Paris – 17 octobre 1961, S. 222.

[185] Einaudi: La bataille de Paris – 17 octobre 1961, S. 171 – 172.

[186] Einaudi: La bataille de Paris – 17 octobre 1961, S. 142 – 143.

[187] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 134.

[188] Einaudi: La bataille de Paris – 17 octobre 1961, S. 202.

[189] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 134.

[190] Brozgal, Lia: In the Absence of the Archive. In: South Central Review (2014), Vol. 31, No. 1, S. 34 – 54, hier S. 36.

[191] Einaudi: La bataille de Paris – 17 octobre 1961, S. 187.

[192] Einaudi: La bataille de Paris – 17 octobre 1961, S. 219.

[193] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 138.

[194] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 133 – 134.

[195] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 137 – 138.

[196] Einaudi: La bataille de Paris – 17 octobre 1961, S. 185.

[197] Vgl. Einaudi: La bataille de Paris – 17 octobre 1961.

[198] Le Figaro (20 Oct. 1961).

[199] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 139 – 140.

[200] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 140.

[201] Brunet: Charonne: lumières sur une tragédie, S. 291.

[202] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 141.

[203] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 141 – 142.

[204] Stora: Algeria 1830 – 2000. A short History, S. 107.

[205] Gaïti, Brigitte: Les ratés de l’histoire. Une manifestation sans suites: le 17 octobre 1961 à Paris. In: Sociétés contemporaines (1994), Vol. 4, Nr. 20, S. 11 – 37, hier S. 22 – 23.

[206] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 142.

[207] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 143.

[208] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 152.

[209] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 152.

[210] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 170.

[211] Le Monde, 14.11.1961.

[212] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 148.

[213] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 149.

[214] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 154 – 155.

[215] Joly, Daniele: The French Communist Party and the Algerian War. Basingstoke, 2014, S. 120.

[216] Einaudi: La bataille de Paris – 17 octobre 1961, S. 225.

[217] Einaudi: La bataille de Paris – 17 octobre 1961, S. 238.

[218] Einaudi: La bataille de Paris – 17 octobre 1961, S. 275.

[219] Einaudi: La bataille de Paris – 17 octobre 1961, S. 274.

[220] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 250.

[221] Stora: Algeria 1830 – 2000. A short History, S. 113.

[222] Stora, Benjamin: La gangrène et l’oubli: La mémoire de la guerre d’Algérie. Paris, 1991, S. 282 – 283.

[223] Schalk: War and the ivory tower, S. 177 – 178.

[224] House: Paris 1961: Algerians, state terror and memory, S. 263.

[225] Brozgal: In the Absence of the Archive, S. 36 – 37.

[226] Cole, Joshua: Massacres and their Historians: Recent Histories of State Violence in France and Algeria in the Twentieth Century, S. 107.

[227] Alleg, Henri: The Question, Introduction S. 22.

[228] Spiegel September 2007

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