Bolsonaro und die Generäle hinter Gintern
Aufstieg und Verhaftung von Bolsonaro, dem Messias des Putschismus, und seinen Generälen, den Aposteln der Diktatur.
Seit Beginn seiner militärischen Laufbahn wurde Jair Bolsonaro in einer Ideologie sozialisiert, die in den brasilianischen Kasernen seit Jahrzehnten wie ein permanenter Nebel wirkt: der Doktrin der Nationalen Sicherheit. Diese entstand im Kontext des Kalten Krieges, insbesondere seit den 1950er und 1960er Jahren, und bildet ein Bündel politisch-militärischer Prinzipien, das das politische Eingreifen der Streitkräfte nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich legitimiert.
Kern dieser Doktrin ist die Vorstellung, die Streitkräfte seien die eigentlichen Hüter von Verfassung, Sicherheit und „nationaler Ordnung“. Der Feind wird dabei nicht primär außen verortet, sondern im Inneren: soziale Bewegungen, die Linke, Kommunistinnen und Kommunisten, Arbeiter, Gewerkschaften. In dieser Logik verstehen sich Militärs als Tutoren der Demokratie und faktisch als eine Art „vierte Gewalt“, die über Präsident, Parlament und Oberstem Gericht steht.
Ein Militärputsch erscheint unter diesen Voraussetzungen nicht als Ausnahme, sondern als legitimes Mittel der Politik. Er gilt dann als gerechtfertigt, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind: kulturelle Hegemonie über relevante Teile der Gesellschaft, Unterstützung durch die Bourgeoisie oder Teile von ihr, mediale Rückendeckung, internationale Akzeptanz sowie eine als „Krise“ definierte politische Lage. Demokratie wird dabei nicht als souveräne Volksherrschaft begriffen, sondern als Ordnung unter militärischer Aufsicht.
Die Doktrin der Nationalen Sicherheit ist untrennbar mit dem globalen Antikommunismus des Kalten Krieges verbunden und mit der Interventionspolitik der USA in Lateinamerika. Washington betrachtete die Region offen als seinen geopolitischen „Hinterhof“ und förderte systematisch Militärregime, die linke Bewegungen zerschlugen und kapitalistische Ordnung garantierten. Die Unterstützung der Putschisten in Brasilien 1964, die jahrzehntelange Rückendeckung für die dortige Militärdiktatur sowie die Förderung von Regimen wie dem Pinochets in Chile ab 1973 waren Teil dieser Strategie.
Bolsonaro ist ein Produkt dieser Tradition. Seine politische Weltsicht, sein autoritäres Staatsverständnis und seine permanente Drohung mit militärischer Intervention wurzeln nicht in persönlicher Radikalität allein, sondern in einer Ideologie, die das Militär als letzte Instanz der Macht begreift – und demokratische Institutionen nur solange akzeptiert, wie sie die bestehende gesellschaftliche Ordnung nicht infrage stellen.
Preußischer Putsch
Der unternehmens-militärische Putsch von 1964 lässt sich als eine „preußische“ Putschvariante im Kontext des abhängigen Kapitalismus lesen. Auslöser war die strukturelle Krise Brasiliens zu Beginn der 1960er Jahre: eine massive wirtschaftliche Instabilität, stockende Kapitalakkumulation und zugleich eine politisch erstarkte, organisierte Linke – darunter Gewerkschaften, soziale Bewegungen und die Kommunistische Partei. Diese Konstellation blockierte aus Sicht der Eliten grundlegende Reformprojekte wie Landreform, Stadt- und Bildungspolitik.
Der Putsch beseitigte diese Blockade. Er sicherte die Macht der agrarischen und wirtschaftlichen Eliten, reorganisierte den Staat zur beschleunigten Industrialisierung, schloss die Massen systematisch von politischer Beteiligung aus und band Brasilien noch enger an den internationalen, abhängigen Kapitalismus. Die Beteiligung der Arbeiterklasse und der Gewerkschaften wurde gewaltsam unterdrückt.
Gestürzt wurde Präsident João Goulart, ein arbeiternaher Sozialdemokrat, mit aktiver Unterstützung der USA. Die Regierung Kennedy rechtfertigte den Umsturz mit der Behauptung, Goulart sei ein Kommunist, der kurz davorstehe, die bestehende Ordnung zu beseitigen und diktatorisch zu regieren. Unter dem Vorwand, Brasilien vor dem Kommunismus zu „retten“, installierten die Militärs genau das, was sie vorgaben zu verhindern: eine autoritäre Diktatur.
Es folgte eine brutale Militärdiktatur von 1964 bis 1985, die unter dem Banner des Antikommunismus Opposition, Gewerkschaften und die gesamte Linke systematisch verfolgte. Profiteure dieses Regimes waren vor allem die USA, die ihre geopolitische Vorherrschaft in Lateinamerika absicherten, sowie internationale Konzerne und die brasilianischen Eliten, denen die Diktatur politische Stabilität, Repression und billige Arbeitskräfte garantierte.
Der Übergang zur bürgerlichen Demokratie erfolgte nicht durch einen Bruch, sondern durch eine kontrollierte Öffnung von oben. Unter dem Militärpräsidenten Ernesto Geisel (1974–1979) wurde die Strategie der „langsamen, schrittweisen und sicheren Öffnung“ verfolgt, um den Systemwechsel zu steuern, gesellschaftliche Brüche zu vermeiden und insbesondere eine Linksverschiebung zu verhindern. Ein juristischer Bruch mit der Diktatur blieb aus.
Nach dem formalen Ende des Regimes 1985 kam es zu keinem brasilianischen „Nürnberger Tribunal“. Folterer und Mörder blieben durch umfassende Amnestien straffrei – selbst bei nicht verjährbaren Verbrechen wie Folter. Diese Straflosigkeit war kein Versäumnis, sondern Ausdruck eines politischen Kompromisses, der die Kontinuität staatlicher und militärischer Machtstrukturen sicherte.
In diesem Kontext ist auch der Aufstieg Jair Bolsonaros zu verorten. In der Phase nach 1985, im Rahmen der restaurierten bürgerlichen Demokratie, agierte er gewissermaßen als eine Art „Gewerkschafter“ innerhalb des Militärs. 1989, im Alter von 34 Jahren, wurde er in den Stadtrat von Rio de Janeiro gewählt – ein politischer Aufstieg, der ohne Demokratisierung und Amnestiepolitik kaum möglich gewesen wäre. Bolsonaro profitierte damit direkt von jener Ordnung, die die Verbrechen der Diktatur unangetastet ließ.
Das Ausbleiben institutioneller Bestrafung reflektiert die historische Funktion der Streitkräfte in bürgerlichen Staaten: die Verteidigung der kapitalistischen Ordnung und die gewaltsame Unterdrückung jener politischen Kräfte, die die Macht- und Eigentumsverhältnisse infrage stellen, auf denen kapitalistische Akkumulation beruht.
Der Aufstieg
Über Jahrzehnte, in denen Jair Bolsonaro an den Rändern der brasilianischen Politik verharrte, speiste er sich aus zwei zentralen Ressentimentquellen: dem tiefsitzenden Groll weiter Teile des Militärs über das gesellschaftliche Stigma der Diktatur nach 1985 und der Verzweiflung einer Bevölkerung, die insbesondere im alltäglichen Gewaltregime von Rio de Janeiro vom Staat weitgehend allein gelassen wurde. Bolsonaro verband diese beiden Stränge – militärische Kränkung und soziale Desintegration – zu einem dauerhaften politischen Kapital.
Der pensionierte Hauptmann nutzte diese militärische Rückendeckung und das gesellschaftliche Elend gezielt, um sein gesamtes familiäres Klansystem in die Politik Rios einzuführen. Als patriarchalische Figur verschaffte ihm die familiäre Machtkonzentration eine Sonderstellung: getrieben von Ego und Autoritätswahn, kommandierte er eine Truppe politischer Karikaturen seiner selbst. Öffentlich und halb ironisch nummerierte Bolsonaro seine Söhne als 01, 02, 03 und 04 – ein Spitzname, der ihnen auch außerhalb der Familie anhaftete: die „Irmãos Metralha“ (die Panzerknacker aus dem Disney-Universum).
Untergeordnet dem Patriarchen, gestützt durch Militärnetzwerke und Verbindungen zu kriminellen Gruppierungen aus militarisierten Polizeieinheiten, begann der Bolsonaro-Klan schrittweise, sämtliche Ebenen der legislativen Macht zu besetzen – zunächst kommunal, dann bundesstaatlich und schließlich national.
Den Auftakt bildete eine gezielte Intervention in den 1990er Jahren, als Bolsonaro seinen ältesten Sohn Carlos in den Wahlkampf brachte – ausdrücklich gegen die politischen Interessen seiner damaligen Ehefrau und Mutter von Carlos, von der er geschieden war. Unter den direkten Anweisungen seines Vaters unterminierte Carlos ihre politische Position so erfolgreich, dass sie sich nicht erneut zur Wahl stellen konnte, während er selbst einen Sitz im Stadtparlament von Rio de Janeiro erlangte. Weitere Kinder folgten nach demselben Muster. Aus dem privaten Familiengefüge wurde ein politischer Apparat: persönliche Loyalität ersetzte Programmatik, familiäre Bindung ersetzte institutionelle Kontrolle. Die Familie Bolsonaro formierte sich zur eigenen Dynastie.
Währenddessen inszenierte sich Jair Bolsonaro kontinuierlich als militärischer Strongman. Tatsächlich war seine militärische Laufbahn jedoch kurz und unerquicklich. In den 1980er Jahren wurde er wiederholt disziplinarisch belangt und stand zeitweise vor einem Verfahren, das seinen Ausschluss aus dem Heer hätte nach sich ziehen können. Anlass war unter anderem der Vorwurf, an der Planung von Anschlägen mit selbstgebauten Bomben in Rio de Janeiro beteiligt gewesen zu sein – Anschläge, die kommunistischen Gruppen angelastet werden sollten.
Diese Pläne standen im Kontext einer Serie rechtsextremer Umsturzfantasien innerhalb Brasiliens, getragen von verschiedenen Gruppierungen, die die demokratische Restauration nach 1985 rückgängig machen wollten. Ziel war eine Rückkehr zur Militärdiktatur, bevorzugt unter Führung der sogenannten „Linha Dura“ – jener Hardliner des Militärs, die für die repressivsten und dunkelsten Jahre des Regimes verantwortlich gewesen waren.
Aus diesen Gründen erreichte Bolsonaro nie eine höhere militärische Position. Der ehemalige Diktator General Ernesto Geisel soll ihn rückblickend als einen „schlechten Soldaten“ bezeichnet haben. Auch politisch blieb Bolsonaro über Jahrzehnte marginal. Im Parlament zählte er zum sogenannten „baixo clero“, dem niederen Klerus: Abgeordnete ohne Einfluss, ohne strategische Fähigkeiten, unfähig, Koalitionen zu schmieden, Konsens zu organisieren oder eigene Gesetzesprojekte durchzusetzen.
Bolsonaro war weder ein Stratege noch ein Gestalter. Sein späterer Aufstieg speiste sich nicht aus politischer Kompetenz, sondern aus Ressentiment, familiärer Machtakkumulation und der systematischen Mobilisierung autoritärer Sehnsüchte – lange bevor er die nationale Bühne betrat.
Operation Lava Jato
Jair Bolsonaro wurde 2018 in einem politischen Klima zum Präsidenten gewählt, das maßgeblich durch einen institutionellen Putsch geprägt war. Träger dieses Prozesses war eine politisch eng verflochtene Wirtschafts-, Medien- und Justizelite, die sich gegen die linke Präsidentin Dilma Rousseff (Partido dos Trabalhadores, PT) formierte. Rousseff wurde 2016 unter dem Vorwurf von Amtsvergehen ihres Mandats enthoben – Vorwürfe, die sich später als haltlos erwiesen. Heute ist sie Präsidentin der BRICS-Bank, ein bitterer Kontrast zur damaligen politischen Demontage.
Parallel zum parlamentarischen Umsturz entwickelte sich unter dem Vorwand der Korruptionsbekämpfung beim halbstaatlichen Ölkonzern Petrobras ein justizielles Machtinstrument: die sogenannte „Operation Lava Jato“. Was als Ermittlungsverfahren begann, wurde rasch zu einem politischen Hebel.
Zentralfigur dieser Operation war der Richter Sérgio Moro, der eng und informell mit der Staatsanwaltschaft kooperierte, Ermittlungen strategisch lenkte und den Anklägern gezielt Vorteile verschaffte. Durch selektive, politisch motivierte Verfahren instrumentalisierte Moro die Justiz, um den damaligen Ex-Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva (PT) aus dem Präsidentschaftsrennen 2018 zu drängen. Lula wurde verurteilt, inhaftiert und von der Wahl ausgeschlossen – obwohl er in allen Umfragen klar führte. Damit wurde letztlich dem Zweitplatzierten Jair Bolsonaro der Weg ins Präsidentenamt geebnet.
Die politische Natur dieses Vorgehens zeigte sich offen, als Sérgio Moro nach Bolsonaros Wahlsieg das Amt des Justizministers in dessen Regierung annahm – eine faktische Belohnung für seine Rolle. Später verließ Moro das Kabinett und distanzierte sich teilweise, unter anderem mit Kritik am katastrophalen Management der COVID-19-Pandemie. Dieses Missmanagement war allerdings bereits seit Beginn der Pandemie von Gesundheitsexperten umfassend kritisiert worden.
Die endgültige Entlarvung von Lava Jato folgte 2019, als das US-Magazin The Intercept exklusive Recherchen veröffentlichte. Auf Basis geleakter Telegram-Chats zwischen Staatsanwälten und Moro belegten die Veröffentlichungen die systematische Politisierung der Ermittlungen. Die Leaks, erlangt durch einen Hacker, dokumentierten die Verschiebung von Rechtsprechung hin zu bewusster politischer Instrumentalisierung.
Damit wurde deutlich: Lava Jato operierte als „Lawfare“ – als juristische Kriegsführung. Sie war eine der zentralen Waffen des Putsches gegen Dilma Rousseff und die Arbeiterpartei. Das Verfahren zeigte exemplarisch, wie Strafrecht zur politischen Waffe umfunktioniert werden kann: wenn Panzer durch Urteile, Kasernen durch Gerichte ersetzt werden.
Diese Form des Putsches ermöglichte die Zerstörung politischer Führungen, die selektive Kriminalisierung der Linken und öffnete der extremen Rechten den Weg zur Macht. Es handelt sich um die zeitgenössische, „saubere“ Variante des Staatsstreichs in peripheren liberalen Demokratien.
Für die brasilianische Linke war es ein politisches 7:1: eine historische Niederlage gegen einen aufsteigenden neofaschistischen Block, getragen von Teilen des Großagrars, einflussreichen Unternehmenssektoren, internationalen Organisationen, ausländischen Big-Tech-Konzernen sowie transnationalen Rechtsnetzwerken um Steve Bannon und Konsorten.
Pandemische Unfähigkeit
Mit dem Amtsantritt Jair Bolsonaros 2019 begannen für Brasilien dunkle Jahre. Spätestens mit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie 2020 offenbarte sich eine katastrophale Krisenführung: geprägt von offener Pandemieleugnung, der Förderung von Massenversammlungen, systematischer Impfverweigerung, der Ablehnung grundlegender Hygieneregeln sowie dem staatlich propagierten Scharlatanismus um das vermeintliche „Wundermittel“ Chloroquin, das sich als wirkungslos gegen COVID-19 erwies.
Die Folgen waren verheerend. Zwischen 2020 und 2022 entwickelte sich Brasilien zu einem der globalen Epizentren der Pandemie. Insgesamt wurden rund 39 Millionen Infektionen und über 715.000 Todesfälle registriert – eine der höchsten Sterblichkeitsraten weltweit. Diese Bilanz gilt vielen als Ausdruck einer genozidalen Regierungspraxis: Bolsonaros Politik und das Agieren der ihn stützenden Militärs führten zu einer der schwersten humanitären Katastrophen in der Geschichte Brasiliens.
Im Mai 2020 ernannte Bolsonaro den aktiven General Eduardo Pazuello zum Gesundheitsminister – einen Militär ohne gesundheitspolitische Erfahrung, öffentlich gerechtfertigt als angeblicher „Logistikspezialist“. Seine Amtszeit wurde zum Sinnbild administrativer Inkompetenz. Besonders symbolträchtig war der Vorfall Anfang 2021, als statt der angekündigten 78.000 Impfdosen lediglich 2.000 Dosen in den Amazonas geliefert wurden. Das Desaster erregte landesweit Aufmerksamkeit und brachte die Impfkampagne in der Region zeitweise zum Erliegen.
Parallel dazu radikalisierte Bolsonaro seinen politischen Diskurs weiter. Bereits vor seiner Präsidentschaft, aber verstärkt zwischen 2019 und 2021, forderte er offen die Rückkehr von Folter und Militärdiktatur. Den „Fehler“ der Folterknechte der Militärdiktatur sah er darin, ihre Opfer nicht getötet zu haben. Wiederholt erklärte er, nur ein Bürgerkrieg mit mindestens 30.000 Toten könne „Brasilien reparieren“. Auf dem Höhepunkt der Pandemie 2020/21 verspottete Bolsonaro in Live-Übertragungen die eigene Bevölkerung, imitierte erstickende Menschen, verhöhnte Intubierte und machte sich über die Sterbenden lustig.
Politisch verschob sich das Kräfteverhältnis ab 2021, als im Zuge der „Vaza-Jato“-Enthüllungen die Verurteilungen gegen Luiz Inácio Lula da Silva und weitere Politiker aufgehoben wurden. Damit wurde der Weg für Lulas erneute Kandidatur frei. Die Präsidentschaftswahl 2022 entwickelte sich zu einer der knappsten und polarisiertesten in der brasilianischen Geschichte. Der US-Rechtsideologe Steve Bannon erklärte sie öffentlich zu einer Schlüsselwahl für die globale Rechte.
Lula gewann – Bolsonaro wurde damit 2022 der erste Präsident seit Einführung der Wiederwahl, dem eine zweite Amtszeit verwehrt blieb. Schon lange zuvor hatte Bolsonaro systematisch Misstrauen gegenüber dem elektronischen Wahlsystem gesät. Er behauptete wiederholt – ohne jeden Beweis –, bereits 2018 im ersten Wahlgang gewonnen zu haben.
Offenkundig orientierte er sich am Vorbild Donald Trumps und signalisierte, den Weg der Delegitimierung demokratischer Wahlen und möglicher institutioneller Eskalation zu gehen – bis hin zur offenen Bezugnahme auf den Sturm auf das US-Kapitol 2021.
Die Inhaftierung
Nach seiner Niederlage bei der Präsidentschaftswahl Oktober 2022 gegen Luiz Inácio Lula da Silva (Partido dos Trabalhadores, PT) verweigerte Jair Bolsonaro den symbolischen Akt der Machtübergabe: Er übergab das Präsidentenband nicht, erkannte seine Wahlniederlage faktisch nicht an und entzog sich dem politischen Prozess, indem er Ende Dezember 2022 in die USA floh. Parallel begann ein systematischer Angriff auf die demokratisch-bürgerlichen Institutionen Brasiliens.
Dieser Prozess hatte eine längere Vorgeschichte, eskalierte jedoch nach der Wahl. Er umfasste fortgesetzte Angriffe auf das elektronische Wahlsystem, die Delegitimierung der Wahlurnen, die Mobilisierung fanatisierter Anhänger mit der offenen Forderung nach einem militärischen Eingreifen sowie konspirative Bemühungen, die Amtseinführung der gewählten Regierung zu verhindern. Ermittlungen legten zudem Mordpläne offen: Anschläge auf Präsident Lula, Vizepräsident Geraldo Alckmin und weitere staatliche Autoritäten, darunter Alexandre de Moraes, Richter am Obersten Bundesgericht (STF).
Besonders brisant war das sogenannte „Punhal Verde e Amarelo“-Komplott. Der Plan sah vor, zentrale Amtsträger durch Vergiftung zu töten. Die Attentate sollten am 15. Dezember 2022 stattfinden – nur drei Tage nach der offiziellen Beglaubigung von Lulas Wahlsieg durch das Oberste Wahlgericht (TSE). Das Ziel war die Schaffung eines institutionellen Schocks, der eine Intervention der Streitkräfte rechtfertigen sollte.
Am 8. Januar 2023 erreichte dieser Eskalationspfad einen offenen Bruch: bolsonaristische, pseudo-patriotische Mobs stürmten und verwüsteten den Nationalkongress, den Palácio do Planalto und das Oberste Bundesgericht (STF). Der Angriff war kein spontaner Aufruhr, sondern der sichtbarste Ausdruck eines länger vorbereiteten Versuchs, die verfassungsmäßige Ordnung zu destabilisieren.
In den folgenden Jahren sammelte die Bundespolizei im Rahmen mehrerer Ermittlungen – darunter die „Operation Tempus Veritatis“ – umfangreiche Beweise für die Koordination zwischen bolsonaristischen Netzwerken und Teilen des Militärs. Dokumentiert wurden Planunterlagen, Audio-Aufnahmen, Protokolle und Kommunikationsverläufe, die auf eine organisierte Verschwörung zum Staatsstreich hindeuteten.
Diese Ermittlungen mündeten in Verfahren vor dem Obersten Bundesgericht (STF). Im September 2025 verurteilte das Gericht Jair Bolsonaro sowie weitere zivile und militärische Beteiligte wegen versuchten Staatsstreichs, Bildung einer kriminellen Organisation und verwandter Delikte. Gegen Bolsonaro wurde eine Haftstrafe von bis zu 27 Jahren verhängt.
Anhänger des Bolsonarismus stilisierten das Urteil als politische Verfolgung. International griffen Figuren wie Donald Trump diese Erzählung auf und verknüpften sie mit geopolitischen Interessen – etwa Brasiliens strategischer Rolle, seinen seltenen Erden und seinem Binnenmarkt. Doch der Kern bleibt: Erstmals seit über 500 Jahren wurden in Brasilien Teile der Streitkräfte strafrechtlich für einen versuchten Staatsstreich zur Verantwortung gezogen – gestützt auf belastbare Beweise.
Dieser Vorgang markiert zweifellos einen institutionellen Einschnitt. Er stellt jedoch keinen Bruch mit den strukturellen Grundlagen des brasilianischen Staates dar. Die formale Demokratie des repräsentativen bürgerlichen Systems reguliert primär die Konflikte zwischen Fraktionen der Bourgeoisie; sie löst weder die Klassenwidersprüche noch hebt sie die materielle Basis autoritärer Macht auf.
Der brasilianische Staat hat historisch bewiesen, dass er in der Lage ist, Krisen, die seine Stabilität bedrohen, zu internalisieren und zu neutralisieren. Direkte Brüche werden von der kapitalistischen Ordnung nur dann nicht toleriert, wenn sie die Reproduktion des Kapitals gefährden oder internationale Rückendeckung fehlt – selbst wenn dies die temporäre Bestrafung einzelner Teile der eigenen repressiven und ideologischen Elite erfordert.
Für marxistische und antikapitalistische Bewegungen liegt die zentrale Herausforderung daher darin, diese Ereignisse nicht als Sieg der formalen Demokratie zu missverstehen. Sie sind Ausdruck eines tiefen Klassenkonflikts im zeitgenössischen Brasilien: eines Machtkampfes zwischen konkurrierenden Fraktionen der herrschenden Klasse, in den der Staat eingreift, um letztlich die Fortexistenz des unterdrückenden Systems zu sichern.
Tropischer Hitler?
Der brasilianische Militärputsch von 1964 kann als eine lokale Variante der sogenannten preußischen Entwicklungslinie verstanden werden: Strukturelle Reformen werden blockiert, während die herrschende Klasse und der Staat eine autoritäre kapitalistische Modernisierung vorantreiben. Dadurch vertieft sich die Entkopplung von wirtschaftlichem Wachstum und sozialer Demokratisierung. Das Kapital entwickelt sich ohne revolutionäre Bruchlinie, und traditionelle dominante Gruppen – Großgrundbesitzer, agrarische Eliten, staatliche Bürokratien – passen sich an, während die Massen politisch ausgeschlossen bleiben.
Bereits in den 1930er Jahren begannen diese Tendenzen unter der Vargas-Diktatur und dem Estado Novo mit faschistoiden Zügen. Der Militärputsch von 1964 radikalisierte diesen Prozess: Schwere Industrie wurde mit autoritären Strukturen kombiniert, moderne Technokratie mit politischer Gewalt, wirtschaftliches Wachstum mit extremer Ausbeutung der Arbeit. Florestan Fernandes spricht von einer „bürgerlichen Revolution ohne revolutionäre Bourgeoisie“ – ein spezifisch brasilianischer Aspekt der preußischen Linie. Chico de Oliveira beschreibt Brasilien als Schnabeltier: ein Land, das moderne Akkumulationsformen mit archaischen Machtstrukturen kombiniert – wie das Tier Eigenschaften verschiedener Arten vereint, etwa Säugetier mit Eierlegen und giftigem Sporn.
In den 1960er und 1970er Jahren wurde der mythische „Kuchen wachsen lassen, um später zu teilen“-Entwicklungsdiskurs geprägt: Brasilien müsse zunächst wirtschaftlich wachsen und industrialisieren, dann würde eine „gerechte“ Einkommensverteilung folgen. Tatsächlich häufte ein Teil der Gesellschaft enorme Reichtümer an, während die Arbeiterklasse nur Krümel erhielt. Heute ist Brasilien eine der größten Volkswirtschaften der Welt und lebt zugleich mit extremen sozialen Ungleichheiten.
Der brasilianische Kontext erlaubt keine mechanische Kopie der europäischen preußischen Erfahrung. Die preußische Linie tritt hier in abhängigen Bedingungen auf, untergeordnet dem Imperialismus. In der Gegenwart zeigt sich diese Logik bei Bolsonaro: Er ist historisch nicht mit Hitler vergleichbar – er führte keine totale Massenpartei, errichtete keinen vollendeten faschistischen Staat und begann keinen Krieg. Dennoch verkörpert er eine extreme Rechte, die strukturelle Züge des Faschismus aufgreift, angepasst an periphere brasilianische Bedingungen. Intellektuelle Guru-Figuren wie Olavo de Carvalho, der die Existenz von COVID leugnete und später selbst an der Krankheit starb, trugen diese Ideologie intellektuell. Die Kategorie „Tropischer Hitler“ funktioniert daher kritisch, nicht als direkte Gleichsetzung.
Elemente des Bolsonarismus
Kult der Gewalt und des Todes: Bolsonaro verherrlicht Folter und Diktatur, befürwortet ausdrücklich die Eliminierung politischer Gegner und naturalisiert den Tod – etwa, indem die COVID-Pandemie als Schicksal dargestellt wird.
Der innere Feind als politischer Mittelpunkt: Kommunisten, Linke, Lehrende, Künstler, Indigene und die Presse werden zu Sündenböcken konstruiert. Ein moralisches „Wir“ wird dem degenerierten „Sie“ gegenübergestellt – ein paranoider Manichäismus, typisch klassischer Faschismen.
Hohes, abhängiges Nationalismusverständnis: Anders als Hitler spricht Bolsonaro zwar von Souveränität, unterordnet das Land aber faktisch den USA, übergibt strategische Ressourcen und zerstört nationale Industrie. Es entsteht ein subalternes Faschismusmodell ohne echtes nationales Projekt.
Permanenter Antidemokratismus: Systematische Angriffe auf Institutionen, Diskreditierung der Wahlen und Mobilisierungsversuche von Militär und Polizei zeigen, dass Bolsonarismus institutionelle Grenzen nur so lange akzeptiert, bis er sie durchbrechen kann.
Schlussfolgerung
Der Großteil des putschistischen Kerns sitzt in Haft, dennoch bestehen erhebliche Risiken: mögliche Amnestien, internationale Fluchten und außenpolitische Wahlbeeinflussungen im Präsidentschaftswahlkampf 2026. Nur eine mobilisierte Bevölkerung auf der Straße kann bolsonaristische Netzwerke aus Institutionen entfernen, die Beteiligung der Bevölkerung am Haushaltsprozess und an zentralen Entscheidungen zurückgewinnen.
Der Kongress, derzeit großteils von Bolsonaristen und opportunistischen Politikern des „Centrão“ besetzt, dient nicht als politisches Zentrum, sondern als opportunistische Gruppierung ohne Ideologie, die sich an die Macht anbiedert oder Geld bietet. Vorstöße im Kongress, Straftaten zu amnestieren oder Höchststrafen zu reduzieren, würden organisierter Kriminalität und Bandenführern zugutekommen. Jüngste Ermittlungen der Bundespolizei decken zudem Finanzverbrechen des wichtigsten Wirtschaftssektors, der Faria Lima, auf – jener Sektor, der angeblich Geld für das PCC (Primeiro Comando da Capital) aus São Paulo gewaschen hat.
Kurzliste der zentralen Elemente:
- Kult der Gewalt und des Todes
- Der innere Feind als politischer Mittelpunkt
- Hohes, abhängiges Nationalismusverständnis
- Permanenter Antidemokratismus

