Die Partei Gottes

Bevor du liest:

Dieser Artikel stützt sich auf eine weite und umfängliche Liste verschiedenster Quellen über die Hisbollah und den Libanon. Er beruht dabei auf unzähligen Stunden Recherche, Austausch mit Menschen vor Ort und Bewegungsnahen. Wir danken der Kommunistischen Partei Libanons für das Gegenlesen dieses Artikels.

Die Chronologie dieses Artikels ist recht strikt und sehr gezielt gewählt. Wenn eine Sache erwähnt wird, aber noch nicht erklärt wurde und du nicht weißt, was darunter zu verstehen ist, warte einfach ab; jeder Begriff wird an der geeigneten Stelle erklärt, von dir wird kein Vorwissen erwartet.

Wie bei jedem anderen unserer „Essentials“ ist auch hier das Inhaltsverzeichnis sowohl zur Orientierung als auch zur Selektion zu verwenden. Wir empfehlen, es einmal gründlich zu lesen und erst dann mit dem eigentlichen Artikel zu beginnen. So sind die einzelnen Kapitel zwar explizit so geschrieben, dass sie auch unabhängig voneinander gelesen werden können; um sich jedoch ein vollständiges Bild des Themas bilden zu können, empfehlen wir die Lektüre des gesamten Artikels.


Einleitung: How do you define a terrorist?

Die Hisbollah ist heute die mächtigste nicht-staatliche Kraft im Nahen Osten. In den rund vier Jahrzehnten ihres Bestehens hat sie sich aus einer losen Koalition iranisch ausgebildeter Kämpfer im Chaos des libanesischen Bürgerkriegs zu einem transnationalen Akteur entwickelt, dessen militärische Kapazität die jeder arabischen Armee übersteigt.

Diese Entwicklung ist das Produkt einer Kette von Krisen, imperialistischen Interventionen, Bündnissen und Brüchen, in denen sich die Hisbollah immer wieder neu erfand. Der folgende Text rekonstruiert diese Metamorphose chronologisch, von den sozialen Wurzeln der libanesischen Schiiten bis zu den Widersprüchen der syrischen Intervention und dem heutigen teilweisen Legitimationsverlust in der libanesischen Gesellschaft.

Dabei ist die Hisbollah, eigentlich geschrieben als Ḥizb Allāh (arabisch für „Partei Gottes“) im Großteil der westlichen Länder als Terrororganisation designiert. Seit dem Völkermord in Gaza wird sie, insbesondere von westlichen Beobachtern gerne als Teil der iranischen Quds-Einheit eingeordnet, als verlängerter Arm der Revolutionsgarden oder schlicht „iranische Proxy“-Armee im Libanon.

Das Washington-Institut spricht von Ihnen als „Narco-Terrorists“[1], der ehemalige türkische Premierminister Bekir Bozdağ von der „Army of the devil“[2]. In israelischer Berichterstattung landet der Name Hezbollah gerne neben dem sogenannten Islamischen Staat, Al-Qaida und sonstigen Gruppen, die man mit mehr Sicherheit als Terrororganisationen bezeichnen kann. Die Opfer der Hisbollah-Massaker in Syrien würden dem wohl zustimmen, gleichwohl auch große Teile der Parteimitglieder der christlichen und sunnitischen Parteien Libanons sowie die Familien der von den Hisbollah-Spezialeinheiten getöteten Kommunisten.

Für andere, insbesondere die Schiitische Bevölkerung Südlibanons, sind die Kämpfer der Hisbollah Freiheitskämpfer und die einzige Kraft, die nun seit Jahrzehnten gegen die israelische Besatzung Libanons kämpfen. Für jene, die in den Krankenhäusern Hisbollahs versorgt werden und in den Schulen Hisbollahs ihre Abschlüsse erlangen, ist die Hisbollah diejenige Kraft, die die Menschen Südlibanons nicht aufgegeben hat. Für die Menschen Palästina ist die Hisbollah der wichtigste nicht-palästinensische Akteur antiimperialistischer Solidarität. Für andere in Syrien, unter anderen in al-Bab und al-Bukamal, symbolisiert die Hisbollah den Widerstand gegen die Fesseln des sogenannten Islamischen Staates, teils mit echten materiellen Erfolgen.

Und dennoch, und das wird vielleicht einige wundern: Die Hisbollah ist keine gesamtlibanesische Volksbewegung; selbst von einer Massenorganisation kann nur schwer die Rede sein. Der absolute Großteil der Menschen im Libanon hält nichts von der Hisbollah: 79% aller Libanesen sprechen sich für die Entwaffnung der Gruppe aus, nimmt man die schiitische Bevölkerung aus der Gleichung heraus, sind es sogar 89% – während sich unter den Schiiten wiederum 69% gegen eine Entwaffnung der Hisbollah aussprechen.[3]

Die Hisbollah wurde, wie der ehemalige israelische Premierminister Ehud Barak korrekt erkannte, „erst durch [Israels] Präsenz erschaffen“; sie ist ein widersprüchliches Produkt der Besatzung des Südlibanons, letztlich des US-Imperialismus in der Region, und dem konfessionellen System der libanesischen bürgerlichen Ordnung, das die moderne Benachteilung der schiitischen Libanesen erst hervorgebracht hat. Wie sie sich seither entwickelt hat, bedarf jedoch einer komplexeren Antwort, auf die wir in diesem Artikel im Detail eingehen werden.

Bei einer Pressekonferenz im Oktober 2005, fragte der ehemalige Hisbollah Exekutivrats-Vorsitzende Sheikh Nabil Kaouk die versammelten amerikanischen Journalisten: „How do you define a terrorist?“. Dieser Aufgabe wollen wir uns im Folgenden nicht stellen, somit werden Begriffe wie „Terrorist“, „Widerstand“ und „Kämpfer“ synonym verwendet. Ob das Symptom „Hisbollah“ als terroristisch oder nicht zu bewerten ist, macht für diese materialistische Erzählung der Geschichte der Partei Gottes keinen Unterschied.

Anatomie eines konfessionellen Staates

Das politische System des Libanon, in dem sich die Geschichte der Hisbollah seit 1982 entfaltet, ist kein gewöhnlicher Nationalstaat im westfälischen Sinne. Es ist ein konfessioneller Konsensstaat (al-dīmuqrāṭiyya at-tawāfuqiyya), in dem nicht Bürger gleicher Rechte, sondern religiöse Gemeinschaften als die eigentlichen politischen Subjekte gelten – eine Konstruktion, deren Logik bereits unter osmanischer Herrschaft im millet-System angelegt war und die das französische Mandat zwischen 1920 und 1943 als praktisches Instrument der Herrschaft systematisch ausbaute.

Während die Pariser Hochkommissare das Territorium des „Grand Liban“ 1920 willkürlich aus den überwiegend christlich geprägten Distrikten um den Mount Lebanon und den vorwiegend muslimisch besiedelten Küstenstädten, der Bekaa und dem Süden zusammensetzten, etablierten sie über die maronitisch dominierte Verfassung von 1926 zugleich das Grundmuster, das die Unabhängigkeit später nie wieder loswerden sollte: die Identifikation des Staates mit einem Verteilungsmodus zwischen Konfessionen.

Der mündliche Nationalpakt (al-mīṯāq al-waṭanī) von 1943 zwischen dem maronitischen Präsidenten Bischara al-Khuri und dem sunnitischen Premierminister Riad as-Solh besiegelte dieses Modell als formellen Gründungskompromiss der unabhängigen Republik. Das Präsidentenamt blieb dauerhaft den maronitischen Christen vorbehalten, das Amt des Ministerpräsidenten den sunnitischen Muslimen, der Parlamentsvorsitz den Schiiten – jenen 1943 politisch zweitrangigen Schiiten, denen man die ranghöchsten Posten verweigerte, weil man ihr demografisches Gewicht zugunsten der bequemen bilateralen Machtverteilung ignorierte.

Das Parlament wurde nach einem Verhältnis von sechs christlichen zu fünf muslimischen (und drusischen) Sitzen aufgeteilt; eine Aufteilung, die unmittelbar auf der von der französischen Mandatsmacht 1932 durchgeführten Volkszählung beruhte. Diese Zählung ergab praktischerweise, dass exakt 51% der libanesischen Bevölkerungen christlich sein. Die Volkszählung von 1932 war die letzte, die jemals durchgeführt wurde.

Die libanesische Demografie blieb damit eine politische Tabuzone: ein Staat, der seine eigenen Bürger nicht zählen darf, weil die Zahl selbst zur Bedrohung der Herrschaft geworden wäre:

„Consequently, it was no oversight that the 1932 census was the last held by any government. The Maronites feared that their privileges in time would be stripped from them if it was confirmed that their percentage of the overall population had declined compared to that of the Sunnis and Shiites.“ (Blanford 2006: Killing Mr. Lebanon)

Die institutionelle Aufteilung beschränkte sich nicht auf die drei höchsten Ämter. Bis hinunter in die Ministerialbürokratie, das Offizierskorps der libanesischen Armee, die Justiz, die Zentralbank, die staatlichen Universitäten und die kommunalen Verwaltungen war jede Position konfessionell etikettiert: Der Armeechef ist maronitisch, der Generaldirektor der Allgemeinen Sicherheit schiitisch, der Geheimdienstchef sunnitisch, der Vize-Parlamentspräsident griechisch-orthodox – ein Konfessionsproporz, den Artikel 95 der Verfassung selbst als Übergangsregelung deklariert, dessen Aufhebung jedoch seit 1943 von keiner Regierung ernsthaft betrieben wurde.

Das Resultat ist eine beinahe absurde Verstaatlichung der Religion: Es gibt keinen libanesischen Standesbeamten, jede Eheschließung, jede Erbschaft, jede Scheidung wird vor dem konfessionellen Gericht der jeweiligen Gemeinschaft verhandelt. Wer aus dem System austreten will, kann es nicht; selbst der „nicht-konfessionelle“ Bürger bleibt für den Staat ein Bürger seiner Geburtskonfession.

Diese institutionelle Architektur erzeugt jenes Phänomen, das die libanesische Politikwissenschaft mit dem Begriff der Zuʿamāʾ (Sg. zaʿīm) beschreibt: ein Netzwerk konfessioneller Patriarchen, die innerhalb ihrer Gemeinschaft als unumstrittene politische Vertretung auftreten und über ein dichtes Geflecht aus Patronage, Klientelismus und materiellen Tauschgeschäften ihre Loyalitätsbasis sichern.

Wer eine Stelle in einem staatlichen Krankenhaus, einen Studienplatz, eine Operationsgenehmigung oder eine ministerielle Zuwendung benötigt, wendet sich nicht an den Staat, sondern an den Zaʿīm der eigenen Gemeinschaft. Innerhalb dieses Modus zirkulieren öffentliche Mittel als private Gefälligkeiten; der Staat wird zur Verteilungsmasse einer Kapitalklasse, deren Mitglieder einander spätestens seit dem Taif-Abkommen 1989 weniger als Gegner denn als rivalisierende Aktionäre eines gemeinsamen Unternehmens begegnen. Hariri, Berri, Dschumblatt, Frangieh, Gemayel, Geagea, Aoun; sieben Namen, eine Klasse.

Das System hat zwei strukturelle Konsequenzen. Erstens immunisiert es die politische Klasse gegen demokratische Kontrolle. Eine echte Opposition kann sich kaum bilden, weil Wahlen nicht zwischen Programmen, sondern zwischen den Repräsentanten der eigenen Konfession entschieden werden: Wer Hariri kritisiert, gilt unter Sunniten als Verräter; wer Berri kritisiert, unter Schiiten; wer Geagea oder Frangieh kritisiert, unter Christen. Die Thawra von 2019, die mit dem Schlachtruf „kullun yaʿnī kullun“ (Alle bedeuten alle) ausdrücklich die gesamte konfessionelle Elite ohne Unterschied attackierte, war die erste massive Bewegung der libanesischen Geschichte, die diese Logik öffentlich zu durchbrechen versuchte (und scheiterte).

Zweitens reproduziert das System konfessionelle Identitäten als politische Kategorien. Wer im Süden oder in der Bekaa-Ebene wohnt, ist im libanesischen Staat nicht primär „libanesischer Bürger“, sondern „Schiit“; und das nicht aus religiöser Überzeugung, sondern weil der Staat selbst ihn so adressiert.

Der libanesische Nachkriegskapitalismus (post-Taif) wurde, wie der oben skizzierte Pyramidenbau um die Banque du Liban zeigt, auf eine Allianz aus politischer Klasse und Bankensektor gestützt; jeder Zaʿīm verfügte über Anteile an Banken, Immobiliengesellschaften, Importmonopolen und Medien, deren Renditen wiederum die Klientelnetzwerke speisten. Das konfessionelle Proporzsystem fungiert in dieser Konstellation als Schutzschild einer Verteilungselite, deren Mitglieder ihre konfessionellen Basen gerade deshalb mobilisieren, um die ökonomische Frage gar nicht erst stellen zu lassen.

Somit ist die Hisbollah einerseits das Produkt jener konfessionellen Marginalisierung, die das System über Jahrzehnte erzeugte: ein Aufstand der nicht ausreichend bedienten Schiiten gegen ein Modell, das ihre demografische Realität nie anerkannte. Andererseits hat sie spätestens nach ihrer „Libanonisierung“ 1992 aufgehört dieses System zu bekämpfen, sondern in seiner schiitischen Schiene besetzt und perfektioniert: mit eigenem Wohlfahrtsstaat, eigenen Schulen, eigener Bank (Al-Qard al-Hasan), eigenem Sicherheitsapparat und einer parallelen Ökonomie.

Damit ist sie zugleich die radikalste Kritikerin und die letzte Garantin jenes Proporzes geblieben, dessen Niedergang im Volksaufstand 2019 ihre eigene parlamentarische Existenzform unmittelbar bedroht hätte – ein Widerspruch, der die innenpolitische Lähmung der Bewegung in den Jahren nach 2019 weitaus präziser erklärt als jede Klage über „iranische Einflussnahme“. Aber dazu später mehr.

Die Entrechteten: Schiitische Politisierung vor 1982

Die Lebenswelten der schiitischen Bevölkerung, insbesondere im Südlibanon und in der Bekaa-Ebene, waren lange Zeit wirtschaftlich vernachlässigte Peripherien. Bereits in den 1950er und 1960er Jahren setzte daher eine massive Landflucht in die südlichen Vororte Beiruts ein, den sogenannten „Gürtel des Elends“ (Blanford 2011: 16).

Da die Einkommen in der Hauptstadt bis zu fünfmal höher lagen als in den ländlichen Regionen, sahen sich zehntausende Schiiten gezwungen, ihre Dörfer und landwirtschaftlichen Existenzen aufzugeben, um in Beirut neue ökonomische Perspektiven zu suchen. Die agrarisch geprägten Regionen im Südlibanon und in der Bekaa-Ebene blieben vom wirtschaftlichen Aufschwung des Landes weitgehend ausgeschlossen. Ursache hierfür war eine staatliche Entwicklungspolitik, die Investitionen vor allem nach Beirut sowie in die christlich dominierten Gebiete des Mount Lebanon leitete.

Zugleich wurde die politische und soziale Struktur der schiitischen Gesellschaft bis in die 1960er Jahre hinein von einer kleinen Gruppe mächtiger Familien geprägt, den sogenannten Zu’ama (Norton 2007: 14). Diese fungierten als politische Patronage-Eliten und Großgrundbesitzer, die eine quasi-feudale Herrschaft über die mehrheitlich verarmte Bevölkerung ausübten. Ihre Macht sicherten sie durch dichte Patronagenetzwerke, in denen materielle Gefälligkeiten gegen politische Loyalität, insbesondere im Kontext von Wahlen, eingetauscht wurden (Norton 2007: 14):

„The lure of booming Beirut–-where earnings in the 1950s were five times higher than in the peripheral regions–-encouraged tens of thousands of Shias to abandon their farms and villages and seek fresh opportunities in the city. Most of them settled in the southern quarters of Beirut, cramming into dense and unsanitary neighborhoods. Here they labored on building sites, helping construct the new concrete high-rise buildings that were rapidly changing Beirut’s skyline. By 1971, nearly half of Lebanon’s Shias were living in southern Beirut, a „Belt of Misery“ that formed a third distinct area of Shia habitation along with the Bekaa and the south.“ (Blanford 2011: Warriors of God)

Erst mit dem Auftreten des iranisch-stämmigen Geistlichen Musa al-Sadr ab 1959 begann sich die polirische Ohnmacht der schiitischen Bauernklasse zu ändern. Al-Sadr politisierte die apathische Gemeinschaft, gründete 1967 den Obersten Islamischen Schiitischen Rat und 1974 die „Bewegung der Entrechteten“ (Harakat al-Mahrumin), deren militärischer Arm „Amal“ (Afwaj al-Muqawama al-Lubnaniyya, „Libanesische Widerstandsbataillone“) zu Beginn des libanesischen Bürgerkriegs zum Schutz der Schiiten gegen die Übergriffe anderer Milizen aufgestellt wurde (Norton 2007: 18; Worrall et al. 2016: 34).

Al-Sadr war sowohl im Iran als auch im Libanon eine hoch geschätzte Persönlichkeit, die für seinen Einsatz im Islamisch-Christlichen Dialog sowie dem Engagement für die Einheit zwischen verschiedenen islamischen Sekten (einschließlich Alawiten) bekannt war. Al-Sadr warnte schon in den frühen 1970er Jahren vor einem möglichen Angriff Israels gegen Südlibanon.

Diese (vermeintliche und tatsächliche) Bedrohungslage der schiitischen Bevölkerung Südlibanons verschärfte sich durch die Präsenz der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), die nach ihrer Vertreibung aus Jordanien 1970/71 den Südlibanon als Basis für Angriffe auf Israel nutzte und dort faktisch einen „Staat im Staate“ etablierte (Worrall et al. 2016: 31). Die israelischen Vergeltungsschläge – 1978 kulminierend in der „Litani-Operation“ (benannt nach dem Fluss, der Südlibanon vom Rest des Landes trennt) und der Errichtung einer Besatzungszone unter der verbündeten, christlich dominierten Südlibanesischen Armee (SLA) (Marcus 2018: 17) – trafen insbesondere die schiitische Zivilbevölkerung.

Das schuf unter weiten Teilen der schiitischen Zivilbevölkerung eine doppelte Ressentimentlage: gegen die palästinensische Präsenz, die man für die Bombardierungen verantwortlich machte – und gegen Israel, von wo die Bomben tatsächlich kamen:

„Israel’s invasion of 1978, the „Litani Operation,“ though minor compared to the wars yet to come in 1982 and 2006, displaced hundreds of thousands of Lebanese from the southern region. Relations between the Shi“a in the South and the Palestinian resistance and its Lebanese affiliates were deteriorating. Not only were the Shi“a weary of being caught in the Israeli-Palestinian cross fire, but they increasingly viewed the Palestinians as an occupying force prone to high-handedness and brutality. Amal militiamen and Pal-estinian guerrillas clashed with increasing frequency. For most Amal supporters, the overriding and immediate concern was security, and their efforts were often centered on forming local homeguards or militias that, naturally, the PLO viewed with great suspicion. Fierce confrontations also erupted between Amal partisans and pro-Iraq groups, such as the Arab Ba“th (Resurrection) Party, the Nationalist Party, and the Iraq-sponsored Arab Liberation Front, given the Iraqi regime’s often brutal treatment of Shi“i Muslims.“ (Norton 2014: Hezbollah: A Short History)

Parallel zur eher sozial verankerten Basisbewegung von Amal entwickelte sich eine intellektuell geprägte, radikal-islamische Strömung unter libanesischen Schiiten.

Ihr Antrieb war die wachsende Sorge über den Einfluss säkularer Ideologien, namentlich dem Kommunismus, vertreten durch die libanesische Kommunistische Partei und dem Einfluss der kommunistischen palästinensischen Kräfte, und dem arabischem Nationalismus (etwa der Baath-Partei), auf die schiitische Jugend (Blanford 2011: 25).

Diese Strömung hatte ihre ideologischen Wurzeln in den theologischen Seminaren (Hawzas) der irakischen Stadt Nadschaf, wo viele spätere Führungskader der Hisbollah unter zentralen Denkern wie Muhammad Baqir al-Sadr (dem später von Saddam Hussein ermordeten Onkel Muqtada as-Sadrs) ausgebildet wurden (Blanford 2011: 24). Ihr Ziel bestand darin, den Islam als politisches Gegengewicht zu säkularen Ideologien zu etablieren und langfristig einen islamischen Staat zu errichten (Blanford 2011: 25).

Bereits Ende der 1950er Jahre beteiligten sich führende Geistliche dieser Strömung an konkreten organisatorischen Projekten. So wirkte der Großajatollah Muhammad Hussein Fadlallah im Jahr 1958 im Irak an der Gründung der Hizb al-Da’wa al-Islamiyya mit – Die Bewegung verstand sich als Antwort auf die tiefgreifenden gesellschaftlichen Reformen des (dem Ende geweihten) irakischen Königreichs und der jungen Republik (ab 1958), darunter insbesondere Maßnahmen zur Frauenemanzipation. Ihr Programm verband religiöse Erneuerung mit politischem Aktivismus und richtete sich gegen den wachsenden Einfluss säkularer und linker Strömungen.

Nach seinem Umzug in den Libanon im Jahr 1966 begann Fadlallah, insbesondere in den marginalisierten schiitischen Vierteln Beiruts soziale und religiöse Netzwerke aufzubauen. Organisationen wie die „Libanesische Union muslimischer Studenten“ dienten dabei der ideologischen Schulung und Mobilisierung junger Schiiten (Worrall et al. 2016: 33).

Parallel dazu agierten Da’wa-nahe Aktivisten zunehmend im Untergrund und bildeten geheime, teils bewaffnete Zellen, die unter dem Namen „Qassam“ operierten und unter anderem in gewaltsame Auseinandersetzungen mit irakischen Baathisten verwickelt waren (Nicholas Blanford 2011: Warriors of God, S. 27).

In den späten 1970er Jahren kam es zu einer allmählichen Annäherung und gleichzeitigen Spannungen zwischen der geistigeren Strömung und der Amal-Bewegung. Ein entscheidender Einschnitt war dabei das Verschwinden von Musa al-Sadr im Jahr 1978 in Libyen. Al-Sadr verschwand auf dem Weg zu einem Treffen mit dem libyschen Staatschef Muammar al-Gaddafi, bei dem al-Sadr ihn vermeintlich davon überzeugen wollte, seinen Einfluss gegen die PLO-Präsenz im Libanon zu nutzen.[4] Am 31. August jenes Jahres wurde er zuletzt gesichtet. Über die Umstände seines Verschwinden zu spekulieren wäre irrsinnig, wobei die meisten Finger auf al-Ghaddafi zeigen. Dieser hätte durch ein Verschwinden al-Sadrs einen wichtigen prominenten Gegenpol der maßgeblich durch Libyen Unterstützen PLO ausschalten können – aber das ist reine Mutmaßung.

Mit der Übernahme der Führung durch Nabih Berri nach al-Sadrs Verschwinden schlug Amal einen stärker säkularen und politisch pragmatischen Kurs ein (Blanford 2011: 26). Diese Entwicklung stieß innerhalb der Bewegung auf Widerstand seitens radikal-islamischer Kräfte. Aktivisten aus dem Umfeld der Da’wa, darunter auch der junge Hassan Nasrallah, begannen daraufhin, Amal gezielt von innen heraus zu beeinflussen: Durch religiöse Schulungen, Predigten und kulturelle Aktivitäten in Moscheen versuchten sie, eine islamistische Neuausrichtung der Bewegung voranzutreiben.

Aus dem Zusammenspiel dieser beiden Strömungen, der durch Amal ermöglichten breiten sozialen Mobilisierung und dem ideologisch gefestigten islamistischen Netzwerk der Da’wa, entstand schließlich Anfang der 1980er Jahre eine neue Formation: Unter dem Eindruck der Islamischen Revolution im Iran 1979 und des israelischen Einmarsches in den Libanon 1982 radikalisierten sich Teile der schiitischen Bewegung weiter. Die islamistischen Hardliner spalteten sich endgültig von Amal ab und gründeten die Hisbollah („Partei Gottes“), die fortan sowohl als militärischer Akteur des Widerstands als auch als Träger eines islamisch-politischen Projekts auftrat (Worrall et al. 2016: 34).

Kerbela als Gegenwart: Schiismus und Märtyrertum

Was Khomeini in Teheran ab 1979 politisch aktivieren konnte, hat im schiitischen Islam eine jahrhundertealte Grammatik. Die Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten reicht in den frühen Streit um die Nachfolge des Propheten Muhammad zurück und kulminierte 680 n. Chr. in der Schlacht von Kerbela, in der die Armee des umayyadischen Kalifen Yazid I. eine kleine Gruppe um Hussein ibn Ali (dem Enkel des Propheten und nach schiitischer Lesart legitimen Imam) im südirakischen Wüstenland niederstreckte.

Hussein, dessen Körper anschließend geschändet und dessen Familie nach Damaskus verschleppt wurde, gilt der schiitischen Tradition seither als der Märtyrer (shahid) schlechthin: derjenige, der angesichts einer übermächtigen Tyrannei den Widerstand auch im sicheren Tod der Unterwerfung vorzog.

Aus diesem historischen Kern erwuchs ein religiöses Erinnerungssystem, das sich von anderen islamischen Strömungen klar unterscheidet. Das jährliche Aschura-Ritual zum zehnten Tag des Monats Muharram (erster Monat des islamischen Mondkalenders, dieses Jahr beginnend am 01. Juni), in dem die Ermordung Husseins in Predigten (majalis) rekapituliert, in Trauerprozessionen szenisch nachgespielt und in einigen Strömungen durch rituelle Selbstgeißelung körperlich nachvollzogen wird, ist nicht bloß Gedenken, sondern eine permanente Gegenwartsetzung des Jahres 680: Kerbela ist nicht vorbei, Yazid lebt in jedem Unterdrücker fort, und jeder gläubige Schiit ist potenzieller Gefährte Husseins.

Die zentrale Parole, die Khomeini später aus Qom in die libanesische Bekaa-Ebene tragen ließ – „Jeder Tag ist Aschura, jeder Boden ist Kerbela“ (kullu yawm ʿĀshūrāʾ, kullu arḍ Karbalāʾ) – fasst diese Aktualisierung in eine politische Formel.

Theologisch verdichtet sich in dieser Tradition eine eigene Auffassung des Leid selbst. Nicht der Erfolg im Diesseits beflügelt den Gläubigen, sondern die Bereitschaft, im Namen der Gerechtigkeit zu fallen. Die schiitische Konzeption der „Erlösung durch Leid“ gibt der historischen Erfahrung systematischer Niederlage einen eigenen Sinn; jahrhundertelang unter sunnitisch dominierten Imperien, später unter osmanischer, mandatsfranzösischer, libanesischer oder israelischer Herrschaft. So klar wie nur wenige andere Ausdrücke der Religion als ideellen Überbau, lässt sich der Schiismus in seinen politischen Strömungen unter der marx’schen Formel der Religion als Opium des Volkes begreifen – Die subjektive Rechtfertigung des Shia-Islam ist in seinem Selbstverständnis beinahe Vulgärmaterialistisch: Ich bin unterdrückt, finde in dieser Unterdrückung aber Sinn in der Religion.

In den Bibliotheken der Hawzas von Nadschaf und Qom wird das Geschehen Husseins nicht nur erinnert, sondern als ethische Verpflichtung gelehrt. Es ist kein Zufall, dass die theologische Schulung jener Männer, die später in den Bekaa-Lagern die Hisbollah formieren sollten – Fadlallah, Mussawi, Subhi al-Tufayli, der junge Nasrallah – ausgerechnet in Nadschaf stattfand, in unmittelbarer Nähe des Schreins von Imam Ali und einen Katzensprung entfernt vom seinem Grab.

Für den libanesischen Schiitismus, der sich nach 1959 unter Musa al-Sadr erst zaghaft, nach 1979 und 1982 dann radikal politisierte, war dieses Erbe ein passender Schuh. Was als religiöse Trauerpraxis in den dörflichen Husseiniyas des Südens überlebt hatte, ließ sich mit erstaunlich wenigen rhetorischen Verschiebungen in eine politische Sprache des Widerstands übersetzen. Muhammad Hussein Fadlallah, der für die ideologische Formierung der frühen Hisbollah eine zentrale Rolle spielte, baute seine Hermeneutik exakt um diese Achse: Die israelische Besatzung und die westliche Hegemonie sind die Yazids der Gegenwart, der Widerstand der Schiiten Südlibanons das Kerbela des 20. Jahrhunderts.

Aus dieser semantischen Tiefenschicht erklärt sich die Selbstinszenierung der Hisbollah weitaus präziser als aus jeder geopolitischen Lesart, die in ihr nur „Irans verlängerten Arm“ sieht. Die Beerdigungen ihrer Gefallenen, in denen weinende Mütter ihre toten Söhne als „Brüder Husseins“ und als „Märtyrer auf dem Weg Kerbelas“ verabschieden, sind keine zynisch kalkulierten Propagandaakte, sondern stehen in einer rituellen Kontinuität. Die ikonografische Allgegenwart der gelben Fahnen, die Porträts der „heiligen Märtyrer“ an den Hauswänden Dahiyas und der Dörfer des Südlibanons, die jährlichen Aschura-Prozessionen, in denen das Trauern um Hussein direkt in die Trauer um die eigenen Toten übergeht – all das macht den Tod im Kampf gegen Israel zu einem Akt nicht der Selbstauslöschung, sondern der Einschreibung in eine vierzehnhundertjährige Geschichte des gerechten Widerstands.

Auf dieser Folie erklärt sich auch die spezifische Form, die der frühe Hisbollah-Terrorismus annahm. Die Selbstmordanschläge von 1983 auf die US-Marines und die französischen Fallschirmjäger waren in der westlichen Lesart asymmetrische Gewalt; aus der Perspektive der Kämpfer und der Gemeinschaft, die sie hervorbrachte, waren sie shahāda, Märtyrer-Bezeugung. Der Angreifer, dessen Lebensgeschichte und Foto später in den Medien der Hisbollah würdevoll aufgearbeitet wurde, opferte sich nicht in einem nihilistischen Akt: dass auch die scheinbar übermächtige imperialistische Macht keine Bewegung schlagen kann, die zum Sterben bereit ist. Die emotionale Wucht dieses Modells, die der spätere Generalsekretär Hassan Nasrallah in seiner Rede in Bint Jbeil mit der Metapher des „Spinnennetzes“ verallgemeinerte, lässt sich säkular nur unzureichend erfassen.

Die religiöse Substanz ist deshalb weder eine zynische Verkleidung politischer Interessen noch ein „Aberglaube“, der sich vom „Eigentlichen“ der Bewegung trennen ließe. Sie ist der dichte, vielschichtige kulturelle Boden, auf dem die soziale Mobilisierung der Entrechteten überhaupt erst eine eigene Sprache fand – und ohne den die später noch zu rekonstruierende ideologische Synthese aus Wilayat al-Faqih, antiimperialistischer Rhetorik und libanesischem Patriotismus undenkbar geblieben wäre.

Wenn der Generalsekretär Naim Qassem nach der Ermordung Nasrallahs im September 2024 vor Millionen Trauernden vom „Weg Husseins“ sprach, dem die Hisbollah weiter folgen werde, war das kein Pathos, sondern Vokabeln die seit Generationen jedes Kind im Süden Libanons kennt. Aber dazu später mehr.

Die Islamische Revolution 1979

Zum Thema der iranischen Revolution empfehlen wir dringlich, unseren Artikel „Die Iranische Revolution: Die bitterste Frucht des US-Imperialismus“ zu lesen, den du hier finden kannst.

Die Islamische Revolution im Iran lieferte der gespaltenen schiitischen Gemeinschaft im Libanon ein vermeintlich revolutionäres ideologisches Raster. Khomeinis Konzept der Wilayat al-Faqih – der Herrschaft des Rechtsgelehrten – war nicht national begrenzt, sondern wurde als pan-islamische Verpflichtung zum Kampf gegen die „Arroganten“ (mustakbirun) und zur Solidarität mit den „Unterdrückten“ (mustadafun) verstanden (Worrall et al. 2016: 116–117).

Für den libanesischen Schiismus bedeutete dies das Versprechen, dass die eigene Entrechtung weder unhinterfragbar noch passiv zu ertragen sei, sondern in einen universellen anti-imperialistischen Kampf eingebunden werden könne.

Mit der erfolgreichen Revolution im Iran existierte erstmals ein Modell – und ein materieller Patron an das sich die radikalisierende Minderheit innerhalb der schiitischen Gemeinschaft anbinden konnte. Dass Amal unter Nabih Berri diesem Modell gegenüber reserviert blieb und eher auf eine Integration in den libanesischen Staat zielte, sollte wenige Jahre später zur innerschiitischen Spaltung führen.

1982: Die israelische Invasion

Der unmittelbare Auslöser der Gründung der Hisbollah war die israelische Invasion des Libanon im Juni 1982: Unter dem Kodenamen „Operation Frieden für Galiläa“ marschierte die israelische Armee (IDF) über dessen nördliche Grenze in den Südlibanon, um den palästinensischen Widerstand seitens der PLO zu zerschlagen.

Das weiterreichende strategische Ziel von Verteidigungsminister Ariel Sharon war es jedoch, in Beirut ein pro-israelisches, maronitisches Regime unter Bashir Gemayel zu installieren (Marcus 2018: 19):

„Sharon was accused of manipulating the defense establishment in pursuit of much more ambitious political and military goals than those approved by the government, particularly regarding engaging PLO militants in Beirut, targeting Syrian military installations throughout Lebanon, forcing a Syrian withdrawal from Lebanon, and creating a Christian enclave in Lebanon. These goals were intermediary steps to achieve Sharon’s chief aspiration–-in his words, „a new political reality in Lebanon,“ where a pro-Israeli regime would be installed under the helm of Maronite (Phalange) militia leader Bashir Gemayel.“ (Marcus 2018: Israel’s Long War with Hezbollah)

Die IDF besetzte weite Teile des Landes, belagerte Beirut und bombardierte die Stadt in einer Intensität, die im Verlauf des Krieges insgesamt rund 20.000 Todesopfer forderte. Rund 84% der Getöteten in Beirut waren Zivilisten.

Beim Massaker von Sabra und Schatila töteten Milizen der faschistischen libanesischen Falange, die mit der israelischen Armee kooperierten und von ihr kontrollierte Gebiete verwaltete, zwischen dem 16. und 18. September 1982 zwischen 2000 bis möglicherweise über 3500 palästinensische und libanesische Zivilisten. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen verurteilte das Massaker als schwere Verletzung des Völkerrechts und sprach von einem Akt des Völkermords. Im Gründungsbrief der Hisbollah (siehe unten), steht drei Jahre später:

„The Israelis and Phalangists massacred several thousands of our fathers, children, women and brothers in Sabra and Shatila in a single night but no practical renunciation or condemnation was expressed by any international organization or authority against this heinous massacre which was perpetrated in coordination with the NATO forces who, only a few days, rather hours, earlier, had departed from the camps which the defeated [Palestinians) agreed to put under the protection of the wolf in response to the maneuver of Philip Habib, the U.S. fox. Those criminal attacks came only to reaffirm our firm belief that „you will find that those most hostile to the faithful are the Jew and the idolators.“[5]

Bezeichnend für den Moment war es, wie diese Invasion von der schiitischen Bevölkerung des Südens zunächst aufgenommen wurde. Viele Schiiten begrüßten die einrückenden israelischen Truppen mit Reis und Jubel, weil sie die oft rücksichtslos auftretenden PLO-Kämpfer (und die mit ihnen einhergehenden israelischen Angriffe) loswurden (Worrall et al. 2016: 38; Blanford 2011: 50).

Die Hisbollah existierte 1982 nicht, und nichts im schiitischen Milieu war auf einen Krieg gegen Israel vorprogrammiert, so wies auch die Führung der Amal ihre Kämpfer im Südlibanon zunächst davon ab, der israelischen Besatzung zu widerstehen. Erst die Besatzung selbst – ihre Dauer, Brutalität und konfessionelle Blindheit – erzeugte den Widerstand, der ihr galt. Der spätere israelische Premierminister Ehud Barak formulierte es im Rückblick: „Wir wurden von den Schiiten im Süden mit parfümiertem Reis und Blumen empfangen. Erst unsere Präsenz dort hat die Hisbollah erschaffen“ (Worrall et al. 2016: 38). Sein Verteidigungsminister Yitzhak Rabin räumte bereits 1985 ein, der Einmarsch habe den „schiitischen Flaschengeist aus der Flasche gelassen“ (Marcus 2018: 23; Blanford 2011: 65).

Die Bekaa-Ebene: Gründung und Formierung (1982–1985)

Während die gemäßigte Amal-Miliz unter Nabih Berri 1982 einem „Nationalen Rettungskomitee“ zum Wiederaufbau der Zerstörung durch die israelische Besatzung beitrat, in dem auch Verbündete Israels saßen, spalteten sich radikalere und von der israelischen Besatzung radikalisierte Kräfte empört ab. Um den Kleriker Hussein Mussawi formierte sich die „Islamische Amal“, die zusammen mit der libanesischen Da’wa-Partei und Teilen des jungen schiitischen Klerus den frühen Kern der späteren Hisbollah bildete (Blanford 2011: 35).

Syrien, das den Iran als Gegengewicht zum irakischen Rivalen Saddam Hussein brauchte, erlaubte Teheran, rund 1.500 Ausbilder der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) in die Bekaa-Ebene zu entsenden. Diese Ausbilder formten aus der heterogenen Koalition das logistische, ideologische und militärische Rückgrat der neuen Organisation, die bald als Hisbollah, „Partei Gottes“, in Erscheinung treten sollte (Levitt 2013: 12, 217; Worrall et al. 2016: 122).

Seine formelle politische Form gab sich die Gruppe erst im Februar 1985 mit ihrem ersten sogenannten „Offenen Brief“[6]. Rhetorisch ist das Dokument noch weitaus näher an den sozialistischen Strömungen seiner Zeit als bspw. die Hamas-Charta von 1988 oder die Texte Khomeinis. Die Hisbollah spricht ihre Unterstüzer explizit als „partisans and organized people“ an, beschreibt die Vereinigten Staaten und Frankreich explizit als Imperialisten und Israel widerrum als deren Protektorat:

„We have opted for religion, freedom and dignity over humiliation and constant submission to America and its allies and to Zionism and their Phalangist allies. We have risen to liberate our country, to drive the imperialists and the invaders out of it and to determine our fate by our own hands. We could not endure more than we have endured. Our tragedy is more than 10 years old and all we have seen so far are the covetous, hypocritical and incapable.“[7]

Darüber hinaus formulierten sie die Selbstbestimmung des libanesischen Volkes als Hauptanliegen. Dabei würden sie zwar ihr „commitment to the rule of Islam“ nicht verbergen, würden dieses aber niemandem aufzwingen wollen. Das Kapitel „Friends“ fordert die Einigkeit des gesamten libanesischen Volkes „to topple the American domination of the country, to expel the Zionist occupation that bears down heavily on the people’s lives and to strike all the Phalangist endeavors to control government and administrative affairs“.

Khomeini wird explizit als „Leader“ addressiert, wobei die von ihm bekannte Rhetorik der Unterdrückten („Downtrodden“) sich durch das gesamte Dokument zieht, dabei verbinden sie ihren Widerstand mit dem Palästinas und dem all der anderen „downtrodden peoples“ der Welt.

Islamic Jihad Organization

Im April und Oktober 1983 verübten Selbstmordattentäter verheerende Anschläge auf die US-Botschaft sowie die Marine- und Fallschirmjägerkasernen in Beirut, bei denen 241 US-Soldaten und 58 französische Soldaten getötet wurden (Levitt 2013: 22, 261; Norton 2007: 71–72). Der Anschlag erzwang binnen weniger Monate tatsächlich den Abzug der in Folge des Bürgerkriegs entstandenen „multinationalen Friedenstruppen“ (MNF) aus dem Libanon, die von der Hisbollah als imperialistische Stellvertretung gewertet wurde (Marcus 2018: 40).

Die Hisbollah bestreitete später jegliche Beteiligung, Iran eben so; die „Organisation des Islamischen Dschihad“ (IJO) unter der Führung des Fatah-Mitglieds Imad Mughniyehs nahm den Angriff später als „part of the Iranian Revolution’s campaign against imperialist targets throughout the world“ auf sich.

Das Thema, ob die IJO schlichtweg die Vorgängerorganisation der Hisbollah war, neben der „Organization of the Oppressed on Earth“ einfach ein weiteres Synonym für die noch nicht offiziell gegründete Hisbollah darstellte, lediglich eine lose Dachorganisation verschiedener schiitischer bewaffneter Zellen war oder rein gar nichts mit der späteren Hisbollah zu tun hatte – abgesehen vom raschen Aufstieg Imad Mughniyehs in den Reihen der Hisbollah, wo er später als zweiter Mann hinter Nasrallah galt – ist bis heute unklar.

Der Großteil westlicher Geheimdienste scheint sich sicher zu sein, dass die IJO schlicht einer der Namen jener Gruppen war, die drei Jahre später in der Hisbollah aufgingen. Tatsache ist jedoch, dass die IJO noch bis 1992, als die Hisbollah innerhalb der libanesisch-schiitischen Bevölkerung längst zum Status quo geworden war, Anschläge ausführte – und das extrem erfolgreich: Im Verlauf der 1980er und frühen 1990er Jahre bekannte sich die IJO zu zahlreichen extrem tödlichen Anschlägen überall auf der Welt, unter anderem in Kopenhagen, der Türkei, Madrid, Buenos Aires und möglicherweise Neufundland, wo die IJO die Verantwortung für den Absturz von Arrow Air Flight 1285R im Dezember 1985 beanspruchte, bei dem alle 256 Menschen an Bord starben. Am 18. Juli 1994 fuhr ein mit Sprengstoff beladener LKW in ein jüdisches Gemeindezentrum in Buenos Aires und tötete 85 Menschen. Der Anschlag ist bis heute der tödlichste in der Geschichte Argentiniens. Die Hisbollah bestritt jegliche Beteiligung. 2024, exakt 30 Jahre später, sprach das argentinische Kassationsgericht den Iran schuldig und erklärte, Teheran habe die Hisbollah mit dem Anschlag beauftragt – mutmaßlich als Vergeltung dafür, dass Argentinien nukleare Abkommen mit dem Iran aufgekündigt hatte.

Warum sollte die Hisbollah diese extrem aufwendigen und medienwirksamen Anschläge leugnen? Wir sprechen hier von hunderten Toten, teils äußerst gezielten Operationen – etwa dem Mord an Malcolm H. Kerr –, dem Aufbau eines komplexen internationalen terroristischen Netzwerkes sowie Anschlägen wie jenem auf die amerikanische Botschaft, die der jungen Hisbollah mitten im Bürgerkrieg einen enormen medialen Schub hätten verschaffen können. Nun gut, genug spekuliert. Wir empfehlen, sich selbst in das Thema einzulesen – es ist ausgesprochen spannend.

Krieg der Lager – Hegemoniekampf

Die Hisbollah duldete in ihrer formativen Phase keine Konkurrenz im Anspruch, die schiitische Gemeinschaft zu führen – und sie schreckte nicht davor zurück, diesen Anspruch mit dem Mittel zu verteidigen, das sie gegen Israel entwickelt hatte:

1984 und 1985 führte sie eine brutale Unterdrückungs- und Mordkampagne gegen die Libanesische Kommunistische Partei sowie weitere linke, säkulare Organisationen wie die Kommunistische Aktionsorganisation und die (zu diesen Zeiten durchaus noch progressive) Baath-Partei, die als direkte ideologische Konkurrenten in denselben verarmten schiitischen Milieus um Einfluss und Rekrutierung rangen. In deren Verlauf wurden laut Norton „dutzende, wenn nicht hunderte“ Mitglieder dieser Parteien getötet; die weltliche, marxistische Konkurrenz in der eigenen sozialen Basis wurde so systematisch und gewaltsam ausgeschaltet (Norton 2007: 37–38).

1986 kam es zu offenen bewaffneten Zusammenstößen zwischen Hisbollah und kommunistischen Kräften in Beirut. Einen symbolischen Höhepunkt erreichte diese Kampagne am 18. Mai 1987 mit der Ermordung des schiitischen marxistischen Intellektuellen Mahdi Amil, der als Kritiker des konfessionellen Systems und als bedeutender Theoretiker der arabischen Linken galt.

Im „Krieg der Lager“ (1985–1988) positionierte sich die Hisbollah gegen dke Amal-Miliz, die in einem mehrjährigen, äußerst brutalen Konflikt versuchte, den Einfluss der PLO in den palästinensischen Flüchtlingslagern – insbesondere in Sabra, Shatila und Bourj al-Barajneh – zu brechen. Die Hisbollah unterstützte die belagerten palästinensischen Kräfte dabei logistisch und militärisch mit Waffen und Munition. Diese Unterstützung erfolgte zwar auch im Rahmen einer ideologischen Nähe zur palästinensischen Sache, war jedoch primär strategisch motiviert: Ziel war es, den Hauptrivalen Amal in einen kostspieligen Abnutzungskrieg zu verwickeln und so nachhaltig zu schwächen, um selbst die Hegemonie innerhalb der schiitischen Gemeinschaft im Libanon zu erlangen (Norton 2007: 72–73).

Dieser Konflikt eskalierte ab 1988 in einen offenen Konflikt zwischen Hisbollah und Amal, in dem es um die Kontrolle der schiitischen Kerngebiete – des Südens und der südlichen Vororte Beiruts – ging. Die Hisbollah attackierte Amal-Kontrollpunkte, eliminierte Führungskader und verdrängte die Konkurrentin militärisch weitgehend aus den südlichen Vororten. Erst eine syrisch-iranische Intervention beendete die Kämpfe und konsolidierte die Machtverhältnisse zugunsten der Hisbollah, die ihre Waffen behalten und sich als zentrale Kraft des Widerstands gegen Israel etablieren konnte (Worrall et al. 2015: 48; Avon & Khatchadourian 2012: 35–36; Blanford 2011: 73–74).

Die Rolle Syriens war in dieser Phase von Pragmatismus und Realpolitik geprägt. Damaskus betrachtete den Aufstieg der Hisbollah zunächst mit tiefem Misstrauen, da Syrien seine eigene Hegemonie im Libanon gegen iranischen Einfluss sichern wollte. Es unterstützte zeitweise Amal und schreckte nicht vor direkter Gewalt zurück: 1987 exekutierten syrische Truppen in der Fathallah-Kaserne in Beirut 27 Hisbollah-Kämpfer, um ihre Autorität zu demonstrieren (Avon & Khatchadourian 2012: 34; Norton 2007: 72).

Erst als beide Seiten den gegenseitigen Nutzen erkannten, besiegelte das „Damaskus-Abkommen“ von 1990 die Zusammenarbeit und etablierte die Zusammenarbeit zwischen Hisbollah und Syrien endgültig: wobei man in bei der Einordnung Hisbollahs als „Instrument“ Syriens (oder Irans) vorsichtig sein sollte, bei dieser Einordnung der Hisbollah nicht ihre eigenen Interessen der internen Macht und des externen Widerstands gegen die israelische Belagerung abzusprechen. Das Verhältnis zu externen Akteuren war und ist dabei, anders als man es häufig in bürgerlichen Berichterstattungen zu lesen bekommt, eben keins von Gleichsetzung der Interessen Hisbollahs und Syriens bzw. Irans und häufig mit gravierenden Auseinandersetzungen verbunden gewesen.

Taif, Ausnahmeregelung und Libanonisierung (1989–1992)

Der libanesische Bürgerkrieg (1975–1990) forderte schätzungsweise 150.000 Menschenleben – etwa fünf Prozent der damaligen libanesischen Bevölkerung – und trieb knapp eine Millionen Menschen in die Flucht. Er war von Beginn an massiv durch ausländische Interessen geprägt: Die USA und Israel nahmen maßgeblichen Einfluss auf den Konfliktverlauf, um ihre Ziele in der Region voranzutreiben:

Das weiterreichende Ziel des israelischen Vorgehens war es, den palästinensischen Widerstand der PLO vollständig zu zerschlagen und in Beirut ein pro-israelisches, maronitisches Regime unter Bashir Gemayel zu installieren (Becker 2013: 35; Norton 2007). Auch die USA griffen aktiv in die Machtbalance ein: Bereits 1976 billigten und unterstützten sie den ersten Einmarsch syrischer Truppen in den Libanon, um einen drohenden Sieg der linksgerichteten Libanesischen Nationalbewegung und der PLO zu verhindern (Becker 2013: 29).

Die libanesische Tragödie war damit weniger ein klassischer Bürgerkrieg als ein Stellvertreterkrieg, dessen innerlibanesische Konfliktlinien systematisch von außen aufgeladen, bewaffnet und perpetuiert wurden.

Nach 15 Jahren Krieg, in denen sich wechselnde Allianzen gegenseitig zerschlugen und insbesondere Beirut verwüsteten, verdichteten sich Ende der 1980er Jahre die Bedingungen für eine Lösung: Der Iran-Irak-Krieg war 1988 beendet, die Sowjetunion befand sich im Niedergang, und Syrien näherte sich sicherheitspolitisch den Vereinigten Staaten an. Auf dieser Grundlage initiierte Saudi-Arabien das Taif-Abkommen, das 1989 mit US-Unterstützung gegenüber Syrien durchgesetzt wurde und die libanesische Machtordnung grundlegend neu strukturierte (Becker 2013; Avon & Khatchadourian 2012: 37).

Das Abkommen selbst bedeutete eine Verschiebung der konfessionellen Balance: Die historische Dominanz der maronitischen Christen wurde zugunsten einer paritätischen Verteilung zurückgedrängt, das Land stärker arabisch ausgerichtet und Syriens „besonderes Interesse“ im Libanon als Schutzpatron formell legitimiert (Avon & Khatchadourian 2012: 37).

Dennoch blieb Taif zunächst nur ein Papier. Der christliche General und damalige Armeechef Michel Aoun ( zeitweise mit Israel verbündet, später als Präsident im Amt) verweigerte die Anerkennung und setzte einen kompromisslosen Krieg gegen die syrische Besatzungsmacht fort (Avon & Khatchadourian 2012: 37–38). Dass der verheerende Bürgerkrieg schließlich dennoch endete, lag weniger an einem gewachsenen inneren Konsens der Libanesen als an US-Interessen und einer von außen abgesicherten militärischen Entscheidung: Als der Irak im August 1990 in Kuwait einmarschierte, priorisierten die USA den Aufbau einer breiten arabischen Anti-Saddam-Koalition.

Für dieses Bündnis war Washington auf die Unterstützung Syriens angewiesen: Im Gegenzug erhielt Damaskus folglich grünes Licht der Amerikaner für freie Hand im Libanon (Avon & Khatchadourian 2012: 38). Syrische Truppen schlugen Aouns isolierte Kräfte am 13. Oktober 1990 endgültig nieder und zwangen ihn ins französische Exil. Der Bürgerkrieg war damit beendet – nicht durch inneren Konsens, sondern durch eine von außen abgesicherte militärische Entscheidung, die zugleich die syrische Hegemonie über den Libanon fest zementierte (Avon & Khatchadourian 2012: 38; Norton 2007).

Sonderfall Hisbollah

Das Taif-Abkommen verpflichtete daraufhin alle Milizen zur Entwaffnung und Integration in staatliche Strukturen. Unter dem Schutz der neuen syrischen Ordnungsmacht im Libanon gelang es der Hisbollah jedoch, die entscheidende Ausnahme auszuhandeln: Sie weigerte sich, ihre Waffen abzugeben, und deklarierte ihren bewaffneten Arm nicht als Miliz, sondern als „Islamischen Widerstand“, der notwendig sei, um die anhaltende israelische Besatzung im Südlibanon zu beenden (Worrall et al. 2015: 42; Norton 2007: 79, 81).

Denn bevor sich die Frage der Entwaffnung für die Hisbollah überhaupt stellte, hatte sich die israelische Präsenz im Libanon längst festgegraben. Nach der Großinvasion von 1982 zog sich die israelische Armee 1985 auf einen sogenannten „Sicherheitsstreifen“ im Südlibanon zurück, der etwa zehn Prozent des libanesischen Staatsgebiets umfasste.

Israel rechtfertigte diese Besatzungszone mit dem Schutz seiner nördlichen Grenzstädte vor Angriffen und operierte dort gemeinsam mit einer von ihm finanzierten und ausgerüsteten Stellvertretermiliz, der Südlibanesischen Armee (SLA) unter dem Kommando Antoine Lahds. Diese Besatzung sollte das Ende des libanesischen Bürgerkriegs um ein ganzes Jahrzehnt überdauern und erst mit dem Abzug Israels im Mai 2000 enden – ein Umstand, der für die Hisbollah zum entscheidenden Hebel ihrer eigenen Existenzberechtigung werden sollte. Dazu später mehr.

Im Unterschied zu den anderen Fraktionen des Bürgerkriegs argumentierte die Hisbollah erfolgreich, dass ihre Kämpfer keine inländische „Miliz“ seien, sondern ein legitimer Widerstand, der unabdingbar bleibe, solange Israel libanesisches Territorium besetzt halte. Damalige Anführer wie Subhi al-Tufayli und Abbas Musawi weigerten sich zudem, ihre Kämpfer in die reguläre libanesische Armee einzugliedern und sich den Befehlen eines christlichen Offiziers unterzuordnen. Eine Entscheidung, die im Kontext der engen Verflechtung libanesischer Militärs mit den Falangisten nachvollziehbar war.

Hinzu kamen die Interessen ihrer regionalen Patrone. Für den syrischen Präsidenten Hafez al-Assad war eine bewaffnete Hisbollah ein unschätzbares strategisches Druckmittel gegen Israel: Solange sie israelische Truppen im Südlibanon in einen verlustreichen Abnutzungskrieg verwickelte, konnte Syrien dieses Faustpfand in Friedensverhandlungen einbringen, um die Rückgabe der von Israel besetzten Golanhöhen zu erzwingen.

Die Hisbollah kultivierte das Narrativ, die reguläre libanesische Armee sei schlichtweg zu schwach, um die schiitische Bevölkerung vor israelischen Aggressionen zu schützen, weshalb die Verteidigung des Landes ihr selbst zufalle. Auch an diesem Argument war durchaus etwas dran. Gleichzeitig sicherte der Erhalt ihres schlagkräftigen bewaffneten Flügels die absolute Vormachtstellung innerhalb der schiitischen Gemeinschaft und schirmte die immense politische und soziale Machtarchitektur, die in den 1980er Jahren um Wohlfahrt, Medien und religiöse Autorität herum gewachsen war, vor jedem ernsthaften Zugriff des Staates ab:

„Hezbollah’s security narrative, if not its worldview, suddenly became compelling, not simply for ardent Hezbollahis but even for many apolitical and avowedly secular Shiʿi Muslims. The plausibility of Hezbollah’s security narrative–-that the Shiʿa must protect themselves because the Lebanese Army is incapable of doing so and no one else will–-is a crucial explanation for the uncommon unity one finds among many Shiʿa Muslims today.“ (Norton 2014: Hezbollah: A Short History)

Armalite and ballot box

Nach hitzigen internen Debatten und mit dem Segen des neuen iranischen Obersten Führers Ali Khamenei entschied sich die Hisbollah 1992, erstmals auch an libanesischen Parlamentswahlen teilzunehmen (Worrall et al. 2016: 91; Norton 2007: 98–99).

Zum einen sollte der bewaffnete Widerstand angesichts des wachsenden Entwaffnungsdrucks nach dem Taif-Abkommen politisch abgesichert werden, indem man sich institutionelle Legitimität und Einfluss auf Gesetzgebungsprozesse sicherte. Hinzu kam der Zugang zu staatlichen Ressourcen, die zur Stabilisierung der eigenen sozialen Basis genutzt werden konnten, sowie das Ziel, die inner-schiitische Konkurrenz, insbesondere die Amal-Bewegung, politisch zu schwächen.

Die durch eine Fatwa Khameneis legitimierte Teilnahme besiegelte schließlich die interne Debatte. Dieser Prozess der „Libanonisierung“ (der schrittweisen Integration in die libanesischen Institutionen) war somit kein Bekenntnis zum nationalen Staat, sondern eine pragmatische Anpassung, um den militärischen Widerstandsarm politisch zu schützen (Avon & Khatchadourian 2012: 44–45). Fortan existierte die Hisbollah nach innen als legitime Partei, nach außen als Armee, die jeder parlamentarischen Kontrolle entzogen blieb:

„A special internal consultative council of twelve delegates voted 10 to 2 in favor of electoral participation. Khamenei pronounced that it was legitimate for Hezbollah to contest the elections and approved the council’s vote. The supreme leader had spoken, and for Hezbollah the matter was settled. Although Hezbollah was obliged by the Syrians to form an electoral alliance with Amal, the party fared well, gaining eight seats, which, along with four allies, gave it the largest bloc in the 128-seat parliament.“ (Blanford 2011: Warriors of God)

Der Zermürbungskrieg: Die 1990er Jahre

Die 1990er Jahre verwandelten die Hisbollah von einer Untergrundgruppe in eine hochprofessionelle Guerilla-Armee.

Als Vergeltung gegen die gezielte Tötung des Generalsekretärs Abbas Mussawi durch Israel 1992 (bei dem auch seine Frau, sein fünfjähriger Sohn und vier weitere Personen getötet wurden) begann die Hisbollah systematisch, israelische Gebiete mit sowjetischen Katjuscha-Raketen (und möglicherweise iranischen Fadschr-3 Raketen) zu beschießen (Marcus 2018: 43, 47).

Nasrallah

Auf Mussawi an der Spitze folgte im selben Jahr der damals erst 32-jährige Hassan Nasrallah, unter dessen Führung die Gruppe nicht nur ihren militärischen Wandel vollzog, sondern sich auch zu einer formidablen politischen Kraft entwickelte.

Nasrallah wurde von Hisbollah-nahen, aber eben auch nicht-Hisbollah-nahen Libanesen, als überaus charismatischer und fesselnder Redner wahrgenommen. Geboren in einer armen Familie im christlich-geprägten Ost-Beirut, stieg er nach seinem Theologie-Studium im irakischen Nafaj zum Amal-General auf[9], bevor er 1982 Gründungsmitglied der Hisbollah werden sollte:

„It had been clear for some years that Nasrallah’s star was in the ascendant. His charisma and organizational skills had won him many admirers in the party. One veteran Hezbollah member recalls that even when Mussawi was elected secretary general in 1991, it was his protégé, Nasrallah, who drew the eyes of the rank and file.“ (Blanford 2011: Warriors of God)

Während die Hisbollah unter Hassan Nasrallah politisch an Profil gewann, intensivierte Israel seine militärischen Operationen gegen den wachsenden Widerstand in der südlibanesischen Besatzungszone.

1993 begann Israel die „Operation Accountability“, 1996 folgte die „Operation Grapes of Wrath“ mit massiven Luft- und Artillerieangriffen. Diese richteten sich nicht nur gegen die Hisbollah, sondern sollten auch die libanesische Regierung unter Druck setzen die libanesische Armee in den Süden zu versetzen (Marcus 2018: 55–66, 64). Die Kampagne von 1996 endete mit dem sogenannten „April-Understanding“, das informelle Regeln des Konflikts festschrieb: Beide Seiten verpflichteten sich offiziell dazu, Angriffe auf Zivilisten zu vermeiden, während militärische Ziele innerhalb der israelischen Sicherheitszone weiterhin als legitim galten (Norton 2007: 84–85).

Israels militärische Rechnung ging jedoch politisch nicht auf. Der Versuch, die libanesische Zivilbevölkerung durch Bombardements gegen die Hisbollah aufzubringen, trieb sie im Gegenteil direkt in deren Arme (Marcus 2018: 64–65; Blanford 2011: 140). Die Hisbollah begann bewusst, ihre dogmatische Außenwirkung der 1980er Jahre abzumildern (Politik der Öffnung, Infitah): Auf nationaler Ebene organisierte die Gruppe gezielt Treffen mit Mitgliedern anderer Religionsgemeinschaften, um konfessionelle Differenzen (etwa zwischen Sunniten und Schiiten) zu glätten. Um die größtmögliche gesellschaftliche Unterstützung zu gewinnen, stellte Nasrallah den Kampf gegen die israelische Besatzung nicht länger als exklusiv schiitische oder islamische Pflicht dar. Stattdessen rahmte er den „Widerstand“ als patriotische Errungenschaft aller Libanesen; Muslime und Christen.

Dieser strategische Ansatz der „Libanonisierung“ gipfelte in einer Welle der gesamtlibanesischen Sympathie für die Hisbollah. Der konkreteste Beweis für Nasrallahs Bestreben, das rein schiitische Image der Gruppe endgültig aufzubrechen, war die Gründung der „Libanesischen Widerstandsbrigaden“ (Saraya Muqawama al-Lubnaniyya) im Jahr 1997. Diese Einheit stand zivilen Freiwilligen aller Konfessionen – also auch Christen, Sunniten und Drusen – offen, die gegen Israel kämpfen wollten. In einem Gespräch mit der International Business Times berichtete ein christliches Mitglied der Widerstandsbrigaden, der tagsüber als als Klempner arbeitet, 2015:

„Lebanon is my country […] am patriotic. I wanted to join the resistance and Hezbollah came by and they offered the ideology of resistance, […] Saraya al-Muqawama is made for non-extremist people, […] Hezbollah has to be religious, but in Lebanon we are divided so why should Hezbollah be the only one who can resist? So Hezbollah made this [brigade] so everyone can join.“[10]

Die direkte Inklusion dieser nicht-schiitischen Kämpfer trug massiv dazu bei, den Eindruck eines echten, konfessionsübergreifenden nationalen Widerstands zu festigen.

Ein medienwirksamer, emotionaler Wendepunkt, der Nasrallahs Ansehen landesweit in die Höhe schnellen ließ und die gesamtlibanesische Solidarität festigte, war der Tod seines 18-jährigen Sohnes Hadi im Kampf gegen israelische Truppen im September 1997. Dass Nasrallah als politischer Führer der Miliz nicht nur andere in den Kampf schickte, sondern seinen eigenen Sohn an der Front opferte, brachte ihm eine enorme moralische Autorität ein.

Selbst politische Gegner, wie der damalige sunnitische Premierminister Rafiq Hariri, zollten ihm daraufhin enormen Respekt und Vertrauen. Libanesen aller Glaubensrichtungen, Milieus und politischer Lager sprachen Nasrallah ihr Beileid aus:

„The „Resistance“ that the Hezbollah incarnated acquired a national dimension: the liberation of the South was the liberation of the fatherland. The condolences that Lebanese of all faiths expressed to Hassan Nasrallah on the occasion of his son Hadi’s death in 1997 attested to the strong patriotic content of that message. According to Azani, on that day for the first time, Lebanese flags appeared at a ceremony alongside those of the Hezbollah.“ (Avon & Khatchadourian 2012: Hezbollah: A History of the ‚Party of God‘)

Militärisch lernte die Hisbollah aus ihren frühen Fehlern. Die verlustreichen „menschlichen Wellen“ der 1980er Jahre wichen einer Doktrin, die später in den „13 Prinzipien der Kriegsführung“ (vermutlich verfasst von Khalil Harb) kodifiziert wurde: „Vermeide den Starken, greife den Schwachen an – schlag zu und zieh dich zurück“, „Überraschung ist essenziell“, „Die Bevölkerung ist ein Schatz – pflege sie“ (Blanford 2011: 150; Marcus 2018: 71).

Die Gruppe perfektionierte den Einsatz improvisierter Sprengfallen (IEDs), darunter in bemalten Fiberglas-Felsen versteckte Ladungen, die exakt der südlibanesischen Geologie entsprachen (Blanford 2011: 170–175), und setzte später „Explosively Formed Projectiles“ (EFPs) sowie zunehmend moderne Panzerabwehrlenkwaffen wie Sagger und TOW ein. Mit diesen konnte sie ab 1997 selbst die hochentwickelten israelischen Merkava-Panzer durch Schwarm-Beschuss zerstören (Blanford 2011: 200). Um der überlegenen israelischen Luftwaffe zu entgehen, setzte die Hisbollah auf strikte Tarnung – „Low-Signature-Operations“ – und erbaute mit iranischer Hilfe ein weitläufiges Netzwerk aus Bunkern und Tunneln, sogenannte „Naturschutzgebiete“ (Marcus 2018: 144; Blanford 2011: 310).

Al-Manar und Judenhass

Zugleich entdeckte sie die Kamera als Waffe. Ab 1991 filmten ihre Kämpfer ihre Angriffe und strahlten die Bilder über den eigenen Fernsehsender Al-Manar („Der Leuchtturm“) aus. Medienwirksam inszenierten sich die Hisbollah-Kämpfer in Guerilla-Manier als vorderste Front des libanesischen Widerstands gegen die israelische Besatzung (Blanford 2011: 106–107, 180).

Beginnend zu den Wahlen 1992 begann Al-Manar auch allgemeine nationale Nachrichten (mit der Pointe „wählt Hisbollah!“) zu übertragen. In den Folgenden Jahren entwickelte sich der Sender zum wichtigsten Propaganda-Werkzeug der Hisbollah, verheimlichte ihre „nicht-neutrale“ Berichterstattung dabei aber nicht. Hassan Fadlallah, der Direktor Al-Manars beschrieb die Rolle des Sender in einem Interview mit Jeffrey Goldberg 2002 wie folgt:

„Neutrality like that of Al Jazeera is out of the question for us […] We cover only the victim, not the aggressor. CNN is the Zionist news network, Al Jazeera is neutral, and Al Manar takes the side of the Palestinians. […] We have news programming, kids‘ shows, game shows, political news, and culture. […] At the same time Al Manar is […] trying to keep the people in the mood of suffering.“[11]

Dabei unterwanderte der Sender die zuvor (meist) Antizionistische Rhetorik der Hisbollah immer wieder mit offen antisemitischen Mythen. Dabei ist interessant, dass Fadlallah zum einen behauptete, Antisemitismus sei „banned from the station“[12], er zum anderen aber ein Programm zu den „contradictions“ der Shoah (d.h. der Holocaustleugnung) gründen wolle. Dieser Anstieg in offen judenfeindlicher Rhetorik, meist in Form von Mythen, ließ sich gleichermaßen in anderen Bereichen des wachsenden Hisbollah-Orbits beobachten:

In den Handbüchern der Hisbollah-nahen (bzw. je nach Quelle Hisbollah-eigenen) Pfadfinderorganisation, den „Imam al-Mahdi Scouts“, werden bereits für 12- bis 14-Jährige in eigenen Kapiteln über „Fakten über Juden“ Juden in rassenlehrischer Manier beschrieben:

[…] scouting manual for 12- to 14-year-olds contains chapters titled ‚Know Your Enemy‘ and ‚Facts About Jews,‘ which describe Jews as cruel, cowardly, corrupt, and deceitful. Books for younger scouts contain puzzles with militant themes, such as a bearded Hezbollah fighter at the start of the maze, with an Israeli bunker at the far end.“ (Worrall, Mabon & Clubb 2015: Hezbollah: From Islamic Resistance to Government)

in den Geschichts- und Schulbüchern der Hisbollah-Bildungseinrichtungen wird das Verhältnis zu Juden primär als jahrhundertelanger Konflikt gerahmt, in dem Israel die ultimative Inkarnation eines zu bekämpfenden westlichen Imperialismus bildet (Worrall et al. 2016: 80; Avon & Khatchadourian 2012: 62–63). So findet sich die Gleichstellung von Zionismus und Judentum häufig neben einem Bekenntnis gegen den Antisemitismus, meist widersprüchlich wie im oben genannten Beispiel Fadlallahs.

Die schiere Reichweite, mit der dieses Programm verbreitet werden konnte, wuchs in den 1990er und 2000er Jahren erheblich (Blanford 2011: 256; Levitt 2013: 134). Aus dem ursprünglich kleinen Lokalsender wurde ein globales 24-Stunden-Satellitennetzwerk; das Budget stieg von anfangs etwa einer Million auf zehn bis fünfzehn Millionen US-Dollar in den frühen 2000er Jahren, primär finanziert durch den Iran (Levitt 2013: 134; Blanford 2011: 256). Damit konnten die Inhalte weit über den Libanon hinaus in die gesamte arabische Welt und die globale Diaspora gesendet werden (Blanford 2011: 256). Während der Zweiten Intifada widmete der Sender rund 70 Prozent seiner Sendezeit dem palästinensischen Kampf gegen Israel (Blanford 2011: 256)).

Qualitativ verstärkt wurde diese Wirkung dadurch, dass die Rhetorik nicht auf Nachrichten- und Kulturformate beschränkt blieb, sondern professionell in Seifenopern, Musikvideos und montierte Kampfaufnahmen eingewoben wurde (Worrall et al. 2016: 85; Blanford 2011: 235). Das erklärte Selbstverständnis war das einer „psychologischen Kriegsführung gegen den zionistischen Feind“ (Levitt 2013: 133). Aus dieser Voreingenommenheit machten die Verantwortlichen kein Geheimnis: Mit Blick auf den damaligen israelischen Premierminister erklärte der PR-Direktor des Senders, man wolle Ariel Sharon nicht interviewen, sondern nah genug an ihn herankommen, „um ihn zu töten“ (Levitt 2013: 135)

Viele Linke blenden den teils offenen Antisemitismus der Hisbollah in ihrer Bewertung der Gruppe als Widerstandsorganisation gerne aus oder leugnen ihn gar. Dazu Folgendes: Die Hisbollah ist, wie Ehud Barak treffend bemerkte, ein direktes Produkt der Aggression eines Staates, der sich selbst (fälschlicherweise) als „Staat der Juden“ definiert. Ein von diesem Staat unterdrücktes Subjekt, wobei die Hisbollah gerade aus den unterdrückten, besetzten Massen des Südlibanon hervorging, eignet sich dieses Verständnis an. Ähnlich zeigt sich, dass sich unter vielen unterdrückten Bevölkerungen Rassismen gegenüber dem Unterdrücker herausbilden.

Frantz Fanon beschreibt, wie der Kolonisator dem Kolonisierten als Inbegriff von Gewalt, Grausamkeit und moralischer Verkommenheit erscheint. Diese Wahrnehmung entsteht aus der realen Erfahrung kolonialer Herrschaft, wodurch der Kolonisator als homogene, negative Figur konstruiert wird. Das unterdrückte Subjekt reproduziert also die Wahrnehmung und Erzählung der erlebten Übermacht des Unterdrückers in Form von Darstellungen, die diesen homogenisieren (im Falle Israels teils in judenfeindlichen Narrativen), die wiederum das imperialistische Machtverhältnis zu erklären versuchen.

Die Trennung der kolonialen Welt in zwei Sphären, das „Gute“ und das „Schlechte“, die Frantz Fanon als manichäische Struktur beschreibt, geht notwendig mit einer Homogenisierung beider Seiten einher. Die Gewalt des kolonialen Verhältnisses produziert so klar abgegrenzte, einander gegenüberstehende Kollektive. Deutlich zeigt sich dies etwa in Palästinas: Während die israelische Besatzung Palästinenser pauschal als „Terroristen“ oder „schmutzige Araber“ markiert, greift das unterdrückte Subjekt diese Logik auf, übernimmt die kollektive Zuschreibung und richtet sie gegen den Unterdrücker zurück. So wird etwa die Selbstbezeichnung Israels als „Staat der Juden“ verallgemeinert und in Parolen wie „Death to the Jews“ übersetzt. Frantz Fanon schreibt hierzu:

„Since they have decided to reply by violence, they therefore are ready to take all its consequences. They only insist in return that no reckoning should be kept, either, for the others. To the saying „All natives are the same“ the colonized person replies, „All settlers are the same.“ (Fannon 1961: 92)

Hinzu kommt eine reaktionäre Auslegung des schiitischen Islam, in der ausgewählte Verse und Analogien gezielt auf die Selbstbezeichnung Israels bezogen werden. Diese Aneignung religiöser Deutungsmuster baut jedoch ebenfalls auf dem oben beschriebenen Mechanismus auf.

Die Hisbollah ist und war nie eine intern progressive Bewegung. Materiell wie sozial ging selbst ihre progressivste Forderung nie über ein erzkonservatives Verständnis von Geschlecht, Kultur und Staat hinaus. Das zu leugnen, um die positive Kategorisierung der äußeren Wirkung der Hisbollah zu erleichtern, ist irrsinnig und unehrlich, wenngleich ihre Ideologie klar aus den materiellen Bedingungen des Südlibanon heraus verständlich werden kann (siehe oben: „Kerbela als Gegenwart“).

Mai 2000: Der einseitige Rückzug und seine Ambivalenz

Parallel zum vertieften militärischen Aufbau entstand eine „Gesellschaft des Widerstands“. Über das Wohlfahrtsnetz Jihad al-Bina errichtete die Hisbollah Krankenhäuser, Schulen und Wiederaufbauprogramme dort, wo der libanesische Staat versagte (Blanford 2011: 110; Worrall et al. 2016: 76–77). Dabei wurden diese Infrastrukturen gezielt in den schiitisch dominierten Kernräumen aufgebaut, in denen staatliche Versorgung am schwächsten oder faktisch nicht vorhanden war.

Zentrale Schauplätze waren die südlichen Vororte Beiruts (Dahiya), die als urbane Verdichtungsräume verarmter, häufig aus ländlichen Regionen migrierter schiitischer Bevölkerung fungierten. Hier begann Jihad al-Bina bereits Mitte der 1980er Jahre mit der Reparatur kriegszerstörter Wohnhäuser sowie dem Aufbau grundlegender Wasser- und Abwassersysteme.

In ländlich geprägten, infrastrukturell stark unterentwickelten Gebieten (wie die Bekaa-Ebene, einschließlich Regionen wie Hermel) etablierte die Hisbollah über die Islamische Gesundheitsorganisation sowohl stationäre Krankenhäuser als auch mobile medizinische Dienste und ergänzte diese durch landwirtschaftliche Kooperativen. Auch das Bildungssystem der Organisation, insbesondere Einrichtungen wie die al-al-Mahdi- und al-Mustafa-Schulen, wurde primär in diesen Regionen ausgebaut, um Landflucht zu bremsen und gleichzeitig eine ideologische Bindung an das Projekt des Widerstands zu erzeugen:

„The process continues in the Hezbollah-affiliated nationwide network of Mustafa schools, where pupils study religion and pray for Islamic Resistance fighters. Hundreds of youngsters each year pass through the dozens of summer camps held by the Hezbollah-run Imam Mahdi Scouts in valleys and hills in southern Lebanon and the northern Bekaa, where they are imbued with a sense of military brotherhood and discipline replete with uniforms, parades, and martial bands.“ (Blanford 2011: Warriors of God)

Dieses Geflecht aus sozialer Versorgung und politisch-militärischer Mobilisierung war jedoch nicht nur Ergebnis strategischer Planung, sondern Ausdruck eines strukturellen Vakuums, das der libanesische Staat historisch selbst hervorgebracht hatte.

Dieses Staatsversagen lässt sich auf mehrere miteinander verschränkte Faktoren zurückführen. Erstens führte die seit der Unabhängigkeit 1943 ungleich verteilte wirtschaftliche Entwicklung dazu, dass staatliche Investitionen nahezu ausschließlich in Beirut und das christlich dominierte Mount Lebanon flossen, während die schiitischen Peripherien – insbesondere der Süden und die Bekaa-Ebene – systematisch vernachlässigt wurden. Zweitens verstärkte das konfessionelle politische System des Libanon diese Marginalisierung, indem es die politische Macht zwischen maronitischen Christen und sunnitischen Eliten aufteilte und die Schiiten strukturell unterrepräsentierte. Die schiitische Bevölkerung blieb dadurch nicht nur politisch schwach, sondern auch sozioökonomisch marginalisiert und von klientelistischen, oft ineffektiven lokalen Eliten abhängig.

Drittens war der libanesische Staat durch weit verbreitete Korruption und das nahezu vollständige Fehlen eines funktionierenden sozialen Sicherungssystems geprägt. Öffentliche Dienstleistungen existierten nur rudimentär und konzentrierten sich auf urbane Zentren, während Institutionen zur Förderung benachteiligter Regionen häufig selbst zu Orten der Ineffizienz und Bereicherung wurden. Viertens führte der libanesische Bürgerkrieg (1975–1990) in Kombination mit wiederholten israelischen Invasionen und der Besatzung des Südlibanons zu einem faktischen Zusammenbruch staatlicher Autorität in großen Teilen des Landes. Dieses Vakuum füllte die Hisbollah.

Ehud Barak gewann 1999 die israelischen Wahlen mit dem Versprechen, die innerhalb der israelischen Bevölkerung massiv unbeliebte Besatzung Teile des Südlibanons innerhalb eines Jahres zu beenden. Als die Friedensverhandlungen mit Syrien im März 2000 in Genf scheiterten, entschied er sich, entgegen dem Rat vieler hochrangiger Militärs, für den unilateralen Rückzug. Am 24. Mai 2000 wurde dieser hastig und chaotisch vollzogen; die Israelische-Proxy „Südlibanesische Armee“ brach sofort zusammen, viele ihrer Angehörigen flohen nach Israel in Sorge vor Verfolgung seitens der Hisbollah bzw. der südlibanesischen Zivilbevölkerung (Norton 2007: 88–89; Blanford 2011: 250; Marcus 2018: 85–86).

Aus Sicht der Hisbollah und weiter Teile der arabischen Welt handelte es sich um einen massiven Triumph des bewaffneten Widerstands: Zum ersten Mal wurde Israel durch bewaffneten Widerstand und ohne Friedensabkommen zur Aufgabe besetzten Landes gezwungen. In seiner berühmten Rede in Bint Jbeil deklarierte Nasrallah, Israel sei trotz seiner Atomwaffen und seiner Luftwaffe gesellschaftlich „schwächer als ein Spinnennetz“, weil es die Verluste eines zermürbenden Krieges nicht ertragen könne:

„To free your land, you don’t need tanks, strategic balance, rockets, and cannons; you need to follow the way of self-sacrificing martyrs who shook and horrified the coercive Zionist entity. You, the oppressed, unarmed, and restricted Palestinians, can force the Zionist invaders to return to the places where they came from. Make the Falasha return to Ethiopia, and let the Russian Jews return to Russia! The choice is yours, and the model lies right in front of your eyes. An honest and serious resistance can make the dawn of freedom rise. Our fellow, beloved Palestinians, I tell you: „Israel,“ which owns nuclear weapons and the strongest air fleets in the region, is feebler than a spider web – I swear to God.“[13]

Auf israelischer Seite argumentierte Ehud Barak, der Rückzug auf die international anerkannte Grenze verschaffe Israel Legitimität und entziehe der Hisbollah die Rechtfertigung für weitere Angriffe; strategisches Ziel sei es, die Verantwortung für künftige Eskalationen auf die Regierungen Libanons und Syriens zu übertragen und so einen zwischenstaatlichen Abschreckungsrahmen zu etablieren. Tatsächlich war es wohl die massive interne Unpopularität, die Barak letztlich zum Handeln zwang: Die Besatzung galt gegen Ende in der israelischen Öffentlichkeit als langwieriger, verlustreicher und politisch ergebnisloser Einsatz.

Besonders die Hubschrauberkollision von 1997, bei dem 73 israelische Soldaten ums Leben kamen sowie die stets ansteigenden Zahlen getöteter israelischer Soldaten (letztlich waren es 559[14]), verbunden mit der von Barak selbst formulierten Erkenntnis, die Hisbollah sei gerade ein Produkt dieser Besatzung, machten das Ende der imperialen Offensive unvermeidlich zum eigenen Machterhalt. Zum Ende der Besatzung sprachen sich laut Umfragen rund 70 Prozent der israelischen Bevölkerung für einen Abzug aus, während nur etwa 20 Prozent daran festhalten wollten.[15]

In diesem Kontext entstand die sogenannte Four Mothers-Bewegung, gegründet von vier Müttern aus Nordisrael, deren Söhne im Südlibanon stationiert waren. Sie forderten einen sofortigen, einseitigen Rückzug und übten durch Proteste, Medienkampagnen und Petitionen erheblichen Druck auf die politische Führung aus:

„The Four Mothers Movement primarily sought to dispel several „myths“ surrounding the security zone, noting in an official press release that, contrary to IDF assertions, Hezbollah’s Katyusha fire was more effectively curtailed by international mediation than Israeli military operations. The organization noted that Hezbollah militants targeted the IDF only within Lebanon and never crossed into Israel proper (at that time), which negated the underlying utility of the security zone. Supported by dovish politicians, the group also highlighted how Syria was using Lebanon as a bargaining chip in its negotiations with Israel, and the IDF’s continued presence afforded Syria this advantage.“ (Marcus 2018: Israel’s Long War with Hezbollah)

Der Rückzug katapultierte die Hisbollah auf den Höhepunkt ihrer nationalen und regionalen Popularität und stürzte sie zugleich in eine Legitimationskrise. Mit dem Ende der Besatzung verlor sie ihre primäre Existenzberechtigung als bewaffnete Miliz in einem Land, das nach Taif eigentlich keine Milizen mehr kennen sollte. Kritiker forderten nachdrücklich die Entwaffnung: Nun sollte allein der libanesische Staat über Krieg und Frieden entscheiden.

Die Hisbollah begegnete dieser Kritik zweierlei: Zum einen fokussierte sie auf die weiterhin von Israel besetzten „Shebaa-Farmen“ – ein umstrittenes Grenzgebiet, das die UN eigentlich Syrien zuordnete, das die Hisbollah aber zu libanesischem Territorium erklärte (Norton 2007: 57–58; Marcus 2018: 81). Zum anderen entwickelte sie ein neues strategisches Narrativ: Ihre Waffen seien nicht mehr Waffen der Befreiung, sondern Waffen der Abschreckung, unverzichtbar, weil die reguläre libanesische Armee zu schwach sei, das Land vor künftigen israelischen Aggressionen zu schützen (Blanford 2011; Norton 2007: 106–107). Aus der „islamischen Widerstandsbewegung“ war eine „defensiven Resistenz“ geworden – eine semantische Verschiebung, die die eigene Existenzberechtigung aus dem Ende der Besatzung rettete.

Bei den Parlamentswahlen 2000 und 2005 trat die Hisbollah in pragmatischen Listenallianzen mit der einst bekämpften Amal-Bewegung an und sicherte sich eine stabile Blockgröße im Parlament. Bei den Kommunalwahlen 2004 dominierte sie rund 60 Prozent der südlibanesischen Gemeinden und überflügelte damit die alte Rivalin deutlich (Worrall et al. 2016: 93–94, 97).

Die militärische Aufrechterhaltung des Widerstands-Selbstverständnisses übernahmen kalkulierte „Erinnerungs-Operationen“ an den Shebaa-Farmen, die den Status quo aufrechterhielten, ohne einen größeren Krieg zu provozieren (Marcus 2018: 81). Gleichzeitig baute die Gruppe mit iranischer Hilfe südlich des Litani ein gewaltiges unterirdisches Raketen- und Bunkerarsenal auf und begann den Übergang von einer reinen Guerilla- zu einer semikonventionellen Verteidigungsarmee (Marcus 2018: 188–189).

Der Fall Hariri, Zedernrevolution und die Allianz mit Aoun (2000–2006)

Im Februar 2005 veränderte die Ermordung des sunnitischen ehemaligen Premierministers Rafik Hariri die politische Dynamik Libanons drastisch und sollte Libanon bis zum heutigen Tage verändern. Am 14. Februar wurde Hariri gemeinsam mit 22 weiteren Personen getötet, als eine gigantische, ferngesteuerte Bombe (bestehend aus schätzungsweise 1.200 Kilogramm Sprengstoff) seinen Konvoi vor dem St. George Hotel in Beirut hochsprengte (Blanford 2006: 139, 149–150).

Eine erste Untersuchungskommission der UN unter Detlev Mehlis fand schnell „konvergierende Beweise“ für eine Verstrickung hochrangiger syrischer und libanesischer Geheimdienstoffiziere (Blanford 2006: 177–178). Später jedoch klagte das von den UN unterstützte Sondertribunal für den Libanon (STL) vier hochrangige Hisbollah-Mitglieder (darunter den hochrangigen Kommandeur Mustafa Badreddine) an, das Attentat orchestriert und durchgeführt zu haben (Levitt 2013: 217–218; Worrall et al. 2016: 101).

Die Hisbollah wies diese Vorwürfe vehement als amerikanisch-israelisches Komplott zurück und verweigerte jede Kooperation mit dem Tribunal. Da die Beschuldigten nicht ausgeliefert wurden, verbleibt die endgültige Täterschaft bis heute unklar und tatsächlich extrem kontrovers (Norton 2007: 177–178; Levitt 2013: 218–219). Auch hier wollen wir nicht spekulieren, hier also die möglichen Motive der relevanten Akteure:

Syrien direkt oder pro-syrische Regierungskräfte:

  • Hariri galt als größte Bedrohung für die jahrzehntelange syrische Kontrolle über den Libanon.
  • Befürchtung eines erdrutschartigen Sieges von Hariris konfessionsübergreifender Allianz zu den Parlamentswahlen 2005, was die pro-syrische Mehrheit beendet hätte.
  • Syrien sah in Hariri den Architekten des internationalen Drucks, der den Abzug der syrischen Truppen forderte (UN-Resolution 1559).
  • Tiefes Misstrauen und politischer Konflikt zwischen Hariri und dem pro-syrischen Präsidenten Emile Lahoud, der Hariris wirtschaftsliberale Visionen verachtete (Blanford 2006: 49).
  • Der libanesische Sicherheitsapparat agierte als „Staat im Staate“ und sah in Hariris liberalem Kurs eine Gefahr für die eigene Macht.
  • Urteil: Das UN-Sondertribunal stellte fest, dass Syrien zwar klare Motive hatte, fand jedoch keine direkten Beweise für eine Beteiligung der Führung in Damaskus.[16]

Hisbollah:

  • Ein syrischer Abzug drohte der Hisbollah den politischen Rückhalt und die logistischen Nachschubwege aus dem Iran zu nehmen.
  • Die UN-Resolution 1559 forderte explizit die Auflösung aller Milizen und stellte damit für die Hisbollah eine potenzielle existenzielle Bedrohung dar. Hariri und Nasrallah kamen jedoch einige Monate vor dem Anschlag zu einem für die Hisbollah durchaus erstrebenswerten Kompromiss: Im Falle einer (wahrscheinlichen) erneuten Regierungsführung Hariris könnte die Hisbollah ihre Waffen bis zur Lösung des „Middle East peace process“ behalten (Blanford 2006: 189).
  • Der Sondergerichtshof verurteilte den Hisbollah-nahen Salim Ayyash 2020 in absentia als Hauptverantwortlichen des Attentats, das Gericht betonte jedoch ausdrücklich, dass keine Beweise für eine direkte Beteiligung der Hisbollah-Führung oder des Irans vorlagen.[17]

Israel und die Vereinigten Staaten:

  • Der Mord hatte die extreme (!) interne Destabilisierung Libanons zufolge und führte letztlich zum Abzug Syriens, Schwächung der Hisbollah und allgemeiner Schwächung der Libanesischen Souveränität.
  • Schaffung einer massiven internationalen Empörungswelle, um Syrien endgültig aus dem Libanon zu drängen.
  • Ziel einer gezielten Destabilisierung durch Entfachung konfessioneller Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten.

In seinem Buch „Killing Mr. Lebanon“ schlussfolgert Nicholas Blanford:

„Hariri’s murder helped crystallise these regional divisions [„the West and Tehran“], pitting those states and factions hostile to Israel and to Western interference against the Bush administration’s goal of establishing a placid and compliant Middle East won through its formidable military, diplomatic and economic might and cloaked in a veneer of democratic values.“ (Blanford 2006: Killing Mr. Lebanon)

Das Attentat entfesselte eine nie dagewesene Welle aus Trauer und Wut, die zur „Zedernrevolution“ (oder „Unabhängigkeits-Intifada“) führte. Bei einer gewaltigen Demonstration versammelten sich am 14. März 2005 rund eine Million Libanesen (fast ein Viertel der Bevölkerung) um die Wahrheit über den Mord zu erfahren und ein Ende der syrischen Vorherrschaft zu fordern (Blanford 2006: 160; Avon & Khatchadourian 2012: 74–75).

Dieser massive inländische Druck zwang Syrien in Kombination mit internationaler Entrüstung schließlich dazu, seine Truppen bis Ende April 2005 vollständig aus dem Libanon abzuziehen, womit eine 29-jährige militärische Hegemonie im Libanon ihr Ende fand (Blanford 2006: 162–164).

Gleichzeitig spaltete dieses Ereignis den Libanon in zwei verfeindete Lager: die anti-syrische März-14-Allianz um Hariris Sohn Saad, Walid Dschumblatt und christliche Kräfte, die den Abzug Syriens, Aufklärung des Mordes und die Entwaffnung der Hisbollah gemäß UN-Resolution 1559 forderte, und die pro-syrische März-8-Allianz unter Führung von Hisbollah und Amal, die Syriens Rolle verteidigte und sich nicht weiter gen-Westen orientieren wollte (Norton 2007: 127–128, 131–132; Worrall et al. 2016: 88–89, 114; Avon & Khatchadourian 2012: 74–75).

Neue Freunde

Der syrische Truppenabzug im April 2005 entzog der Hisbollah ihre wichtigste politische Schutzmacht. Sie reagierte mit zwei historischen Schritten: Zum einen trat sie nach den Wahlen 2005 erstmals direkt in das libanesische Kabinett unter Fouad Siniora ein und erzwang als Bedingung eine Regierungserklärung, die sie offiziell nicht als „Miliz“, sondern als legitime „nationale Widerstandsgruppe“ anerkannte (ein juristischer Schutzschild gegen die Entwaffnungsforderungen der UN-Resolution 1559 (Norton 2007: 131–132; Worrall et al. 2016: 99–100).

Zweitens schloss sie im Februar 2006 ein formelles Bündnis (Memorandum of Understanding) mit der Free Patriotic Movement des christlich-maronitischen Ex-Generals Michel Aoun. Dieses Abkommen durchbrach konfessionelle Grenzen, sicherte der Hisbollah die Unterstützung einer großen christlichen Partei und brach ihre politische Isolation auf (Worrall et al. 2016: 94–95; Avon & Khatchadourian 2012: 78). Das Abkommens wurde in der St.-Michael-Kirche in Haret Hreik unterzeichnet und umfasste eine breite politische Agenda, darunter innenpolitische Reformen (konsensuale Demokratie, Wahlrechtsreform, Anti-Korruptionspolitik), nationale Versöhnung einschließlich der Normalisierung der Beziehungen zu Syrien sowie eine gemeinsame Position zur Palästinenserfrage, insbesondere die Ablehnung ihrer dauerhaften Ansiedlung im Libanon. Zugleich wurde die Hisbollahs Rolle als „Widerstand“ gegen Israel politisch bestätigt, indem ihre Bewaffnung faktisch unter diese sicherheits- und staatsbezogenen Ziele gestellt wurde.

Der Juli-Krieg 2006 und die „Dahiya-Doktrin“

Der Zweite Libanonkrieg war das Resultat einer strategischen Fehleinschätzung im zermürbenden Grenzkrieg, der sich nach 2000 zu einer instabilen „Balance des Schreckens“ verfestigt hatte.

Am Morgen des 12. Juli 2006 griff eine Einheit der Hisbollah aus dem Hinterhalt eine israelische Patrouille nahe dem Dorf Zarit an, tötete drei Soldaten und entführte Ehud Goldwasser sowie Eldad Regev, um einen Gefangenenaustausch (insbesondere für Samir Kuntar) zu erzwingen und eine zweite Front für die unter massivem Bombardement befindlichen Hamas in Gaza zu eröffnen.

Als die IDF unmittelbar mit einer unkoordinierten Rettungsaktion über die Grenze rollte, fuhr ein Merkava-Panzer auf eine gigantische Sprengfalle; fünf weitere israelische Soldaten wurden getötet (Marcus 2018, Kap. 8; Blanford 2011, Kap. 10). Nasrallah gab später öffentlich zu, dass die Hisbollah lediglich mit einer begrenzten israelischen Reaktion gerechnet und die Schwelle für Israels „rote Linien“ drastisch fehleingeschätzt habe:

„Upon the outbreak of war, Hezbollah’s strategic surprise was evident. In the words of Mahmoud Komati, deputy chief of Hezbollah’s politburo: „The truth is – let me say this clearly – we didn’t even expect [this] response.“ Rather, Hezbollah expected „the usual limited response“ since „in the past, Israeli responses to Hezbollah actions included sending in commandos into Lebanon and kidnapping Hezbollah officials or briefly targeting specific Hezbollah strongholds in southern Lebanon“.“ (Marcus 2018: Israel’s Long War with Hezbollah)

In der ersten Nacht zerstörte die israelische Luftwaffe in der Operation Specific Weight innerhalb von 34 Minuten einen Großteil der mittel- und langreichweitigen Raketenwerfer der Hisbollah (Marcus 2018, Kap. 8) und tötete dabei 20 libanesische Zivilisten. Die Luftangriffe weiteten sich binnen Tagen auf die zivile Infrastruktur des Libanon und die Hochburg Dahiya in den südlichen Vororten Beiruts aus (Avon & Khatchadourian 2012: 83).

Die Hisbollah antwortete mit einem pausenlosen Regen von Katjuschas auf Nordisrael, einschließlich Haifa, und versetzte Israel am 14. Juli mit dem Treffer einer seegestützten C-802-Rakete auf das Kriegsschiff INS Hanit einen psychologischen Schock. Als reine Luftangriffe den Raketenbeschuss nicht stoppen konnten, ordnete Israel Ende Juli und Anfang August begrenzte, später tiefer greifende Bodenoffensiven an. In Dörfern wie Marun al-Ras und Bint Dschubail trafen die israelischen Truppen auf den zähen Widerstand extrem gut verschanzter Hisbollah-Kämpfer; kurz vor Kriegsende geriet eine israelische Panzerkolonne im Wadi Saluki in einen Hinterhalt, in dem elf Merkava-Panzer durch Panzerabwehrraketen schwer beschädigt wurden (Blanford 2011, Kap. 10; Marcus 2018, Kap. 8).

Der 34-tägige Krieg endete am 14. August mit der UN-Resolution 1701, die den israelischen Rückzug, die Entwaffnung der Milizen südlich des Litani und die Stationierung einer verstärkten UNIFIL-Truppe forderte (Avon & Khatchadourian 2012: 83). Die israelischen Angriffe töteten 1191 libanesische Zivilisten und zwang knapp eine Millionen weitere in die Flucht[18].

Militärisch kämpfte die Hisbollah erstmals als „hybride Streitkraft“, die Guerilla-Taktik mit dem Arsenal und der Standhaftigkeit einer regulären Armee kombinierte (Blanford 2011, Kap. 10). Ihre Strategie ruhte auf drei Säulen: dem „Siegen durch Nicht-Verlieren“, (organisatorische Resilienz, die das Ende der Offensiven abwartete) dem Rückgriff auf das vorgelagerte Netzwerk aus Bunkern und „Naturschutzgebieten“, das den Nahkampf aus dem Hinterhalt ermöglichte (Worrall et al. 2016: 55), und dem strategischen Raketenarsenal. Die Hisbollah feuerte in den 34 Kriegstagen fast 4.000 Raketen auf Israel ab und bewies damit, dass Israels militärische Überlegenheit die eigene Heimatfront nicht schützen konnte (Worrall et al. 2016: 53). Gegen die israelischen Panzer setzte sie Schwarm-Taktiken mit modernen russischen Kornet- und RPG-29-Systemen ein.

Politisch brachte der Krieg keiner Seite einen klaren militärischen Sieg. Da Israel seine Maximalziele, die Zerschlagung der Hisbollah und die Befreiung der entführten Soldaten, nicht erreichte und die Miliz bis zum letzten Tag Hunderte Raketen verschoss, deklarierte Nasrallah den Ausgang als „Göttlichen Sieg“ (Nasr ilahi) (Avon & Khatchadourian 2012: 83). Kurzfristig verhalf der Krieg der Hisbollah zu enormem Prestige in der gesamten arabischen Welt (Worrall et al. 2016: 129). In Israel hingegen wurde der Krieg als Desaster wahrgenommen: 44 israelische Zivilisten starben[19], das Militär wirkte unkoordiniert, und die offizielle Winograd-Kommission attestierte der politischen Führung um Ehud Olmert und Amir Peretz sowie Generalstabschef Dan Halutz schwere Versäumnisse in der strategischen Planung und ein blindes Vertrauen in die Luftwaffe (Marcus 2018, Kap. 4 u. 8).

Als langfristige Folge formulierte Israel die „Dahiya-Doktrin“: Jeder künftige Angriff der Hisbollah werde mit unverhältnismäßiger, kollektivbestrafender Zerstörung gesamtlibanesischer Infrastruktur beantwortet (Marcus 2018: 104–105). Der Libanon zählte rund vier Milliarden US-Dollar Schaden (Norton 2007: 144). Die unmittelbare Konsequenz war eine strategische „Balance der Abschreckung“, die an der Grenze für eine historisch lange Ruhe sorgte.

Doha, das Manifest von 2009 und das gebrochene Tabu (2008–2011)

Innenpolitisch führten die Nachwehen des Krieges zu einer tiefen Krise. Als die pro-westliche Regierung unter Fouad Siniora im Mai 2008 versuchte, das abhörsichere Telekommunikationsnetzwerk der Hisbollah abzuschalten, überschritt die Gruppe ihr langjähriges Tabu, ihre Waffen nicht gegen andere Libanesen einzusetzen.

Sie besetzte gewaltsam Teile West-Beiruts und zwang die Regierung zum Rückzug. Das daraufhin geschlossene Abkommen von Doha sicherte der Hisbollah und ihren Verbündeten eine faktische Sperrminorität (ein Drittel plus einen Sitz) im libanesischen Kabinett und damit ein Veto-Recht über alle Regierungsentscheidungen (Blanford 2011: 132; Worrall et al. 2016: 100–101, 105, 107).

Die Forderung nach einer „einvernehmlichen Demokratie“ (Consensual Democracy) war der elegante Name für diese strukturelle Blockademacht, mit der die Gruppe vor allem das internationale Sondertribunal zur Aufklärung des Hariri-Mordes zu verhindern suchte, vor dem sie sich fürchtete:

„The outcome of the May 2008 „events,“ as they are euphemistically referred to by the Lebanese, broke the back of the political deadlock that had paralyzed Lebanon since the 2006 war and confirmed Hezbollah as the dominant force on the Lebanese „street.“ But it came at a price. For Hezbollah, in dispatching its fighters against the Sunni supporters of Saad Hariri and the Druze partisans of Walid Jumblatt, had broken an until-then sacred taboo. How many times had Nasrallah and other Hezbollah leaders insisted that the arms of the Islamic Resistance were aimed only at Israel and would never be used against fellow Lebanese?“ (Blanford 2011: Warriors of God)

Im November 2009 veröffentlichte die Hisbollah ein neues Manifest. Die maximalistische Forderung nach einer Islamischen Republik im Libanon von 1985 wurde abgeräumt; an ihre Stelle trat das Bekenntnis zu einer konsensualen Demokratie gefolgt vom „Recht auf Widerstand“ gegen Israel und die amerikanische Hegemonie.[20]

Als erstes Manifest seit ihrem Offenen Brief 24 Jahre zuvor las es sich nicht nur gemäßigter, sondern in Teilen wie ein reguläres religiös-sozialdemokratisches Programm, mit der einzigen Ausnahme der besonderen Betonung des Widerstands gegen die Vereinigten Staaten und Israel. Das Manifest argumentiert zugunsten der Multipolarität und gegen die Unipolarität des „economic-capitalist project“ der Vereinigten Staaten, das die Form einer „western expanding strategy“ angenommen habe und durch den „War on Terror“ der „neokonservativen“ Bush-Administration herbeigeführtes Elend in der Region. Dabei nimmt das Dokument teils eine beinahe vulgär-leninistische Sprache an, die jedoch stets beschränkit in Form eines Anti-Amerikanismus fungiert:

„Savage capitalism forces – embodied mainly in international monopoly networks of companies that cross the nations and continents, networks of various international establishments especially the financial ones backed by superior military force have led to more contradictions and conflicts – of which not less important – are the conflicts of identities, cultures, civilizations, in addition to the conflicts of poverty and wealth.“[21]

Intern fordert die Hisbollah einen starken Wohlfahrtsstaat, eine unpolitische Justiz, Freiheit vor dem Gesetz, gleichmäßige ökonomische Entwicklung in Süd- und Nordlibanon, die Integration der Frauen auf allen Ebenen des Staates („the State that fuses the role of women at all levels“), Dezentralisierung des politischen Systems und die Hisbollah als separate Widerstandsarmee neben der regulären Armee. Dabei erwähnt das Dokument explizit den Iran als „central state in the Muslim world, since it is the State that dropped through its revolution the Shah’s regime and its American-„Israeli“ projects, and it is also the state that supported the resistance movements in our region, and stood with courage and determination at the side of the Arab and Islamic causes and especially the Palestinian one.“[22]

Die innenpolitische Dominanz der Gruppe gipfelte Anfang 2011 im Sturz der Regierung des Saudi-nahen Saad Hariris, der unmittelbar aus dem eskalierenden Konflikt um das UN-Sondertribunal für den Libanon (STL) resultierte, das den Mord an (seines Vaters) Rafiq Hariri untersuchte (Worrall et al. 2016: 107–108; Norton 2007: 163).

Nachdem die Hisbollah in der Regierung der nationalen Einheit zunehmend unter Druck geriet, da das Tribunal kurz vor Anklagen gegen hochrangige Funktionäre stand, startete sie eine Kampagne gegen das STL als westlich-israelisch gesteuertes Instrument und forderte Hariri auf, die Kooperation sowie die Finanzierung des Gerichts zu beenden. Da Hariri sich weigerte, traten die Hisbollah und ihre Verbündeten geschlossen aus der Regierung aus, während Hariri sich in Washington befand, wodurch die Regierung automatisch kollabierte.

In der Folge verschob die Hisbollah durch politische Bündnisse (u. a. mit dem „Drusen-Anführer“ Walid Dschumblat) die Mehrheitsverhältnisse im Parlament und ermöglichte die Bildung einer neuen, von Najib Mikati geführten Regierung, die von der März-8-Allianz dominiert wurde und die März-14-Kräfte in die Opposition drängte.

Militärisch rüstete die Hisbollah nach 2006 massiv auf: M-600-Raketen, Kornet-Panzerabwehrsysteme, Drohnen. Zugleich intensivierte sie, angetrieben durch die Ermordung Imad Mughniyehs 2008 durch den Mossad und die CIA, ihre verdeckten Operationen im Ausland. Die geheime „Einheit 3800″ bildete im Irak schiitische Milizen zum Kampf gegen die US-geführte „Koalition der Willigen“ aus; 2008 verhafteten ägyptische Behörden eine Zelle, die Waffen an die Hamas schmuggeln und Anschläge im Suezkanal vorbereiten sollte, dazu kommen vereitelte Anschlagspläne in Aserbaidschan, der Türkei und Zypern.

Die syrische Überdehnung (2011–2018)

Der Ausbruch des „Arabischen Frühlings“ 2011 stürzte die Hisbollah in das bis dato tiefste strategische und ideologische Dilemma ihrer Geschichte. Die Stürze der pro-westlichen Diktatoren in Tunesien und Ägypten ließen sich rhetorisch noch begrüßen; als die Proteste jedoch Syrien erfassten, war der Konflikt nicht mehr zu bemänteln.

Syrien war die logistische Brücke zum Iran, der Transitkorridor für schwere Waffen. Ein Sturz des von Alawiten dominierten Assad-Regimes hätte die Versorgungslinien der Hisbollah durchtrennt und die „Achse des Widerstands“ faktisch halbiert (Blanford 2011; Levitt 2013, Kap. 12).

Die Hisbollah entschied sich für die Loyalität gegenüber Damaskus. Bereits ab Anfang 2012 war sie klandestin in Syrien aktiv; im Sommer desselben Jahres kämpften ihre Einheiten offiziell zum Schutz der schiitischen Pilgerstätte Sayyida Sitt Zainab südlich von Damaskus. Bis zum Herbst 2012 weiteten sie ihre Operationen auf die Grenzregionen und 23 schiitische Dörfer in Syrien aus (Norton 2007, Afterword, S. 166).

Der Wendepunkt kam im April 2013 mit der Rückeroberung der strategisch wichtigen Grenzstadt al-Qusayr, bei der die Hisbollah erstmals offen an vorderster Front für das Assad-Regime kämpfte (Norton 2007, Afterword, S. 167). Am 25. Mai 2013 machte Nasrallah die Intervention in einer öffentlichen Rede offiziell (Marcus 2018, Afterword). Es folgten Schlachten in Qalamoun und anderswo, in denen die Hisbollah gegen sunnitische Rebellen und dschihadistische Gruppen wie den sogenannten islamischen Staat und die heute de-facto regierende Al-Nusra-Front kämpfte (Worrall et al. 2016: 2, 132–139).

Nasrallah rechtfertigte den Einsatz öffentlich mit zwei Argumenten: der Loyalität gegenüber dem iranischen und syrischen Herrschaft, die die Hisbollah über Jahrzehnte hinweg militärisch, finanziell und politisch unterstützt habe, und der Notwendigkeit eines existenziellen Präventivschlags gegen „takfiristische“ Terrorgruppen, die ohne rechtzeitiges Eingreifen längst bis nach Beirut vorgedrungen wären (Worrall et al. 2016: 144, 148; Marcus 2018, Afterword). Die Begründung war nicht erfunden, der Aufstieg des sogenannten Islamischen Staates machte den Kampf gegen ihn tatsächlich zur strategisch und existentiell sinnvollen Sache sowohl für die Hisbollah als den Libanon im Ganzen –, das entscheidende Motiv war jedoch die geopolitische Selbsterhaltung:

„Syria is the vital geo-strategic lynchpin connecting Iran to Hezbollah. It grants Hezbollah strategic depth and political backing, and serves as a conduit for the transfer of heavy weapons across the rugged border with Lebanon. If Assad’s Alawite-dominated regime falls and is replaced by an administration better reflecting the majority Sunni population, Hezbollah’s stature in Lebanon inevitably will diminish, even if it remains the dominant political and military domestic actor.“ (Blanford 2011: Warriors of God)

Diese Einschätzung hat sich seit der Machtübernahme des Terroristenführers al-Jolani als richtig erwiesen.

Die Folgen der Intervention veränderten die Hisbollah grundlegend. Militärisch wandelte sie sich vom asymmetrischen Verteidiger zum konventionellen Offensivakteur. Durch die enge Koordination mit syrischen und ab 2015 vor allem russischen Einheiten lernte sie komplexe offensive Manöver, den Einsatz von Panzern und Artillerie in städtischen Gebieten, die Integration von Luftunterstützung und elektronische Kriegsführung (Marcus 2018: 267, 269–270, Afterword). Bis Anfang 2018 hatte die Partei Gottes in Syrien rund 1.700 Tote und 5.000 Verwundete zu beklagen, darunter viele Veteranen aus den Widerstandskriegen (Marcus 2018: 270–271).

Politisch wurde die Hisbollah zu einem zentralen Akteur im geopolitischen Stellvertreterkonflikt zwischen Saudi-Arabien (das mit den Vereinigten Staaten sunnitische Rebellen unterstützte) und dem Iran (Worrall et al. 2016: 134, 141). Die Legitimation als reiner „islamischer Widerstand“ gegen Israel nahm in der sunnitisch-arabischen Welt immensen Schaden. Was nach 2006 noch als panarabischer Heldenmythos in Damaskus, Kairo und Amman gefeiert worden war, kippte in die Wahrnehmung, die Hisbollah sei zur schiitischen Sektierermiliz des Iran geworden (Norton 2007: 165, Prologue/Afterword; Worrall et al. 2016: 148–149; Levitt 2013, Kap. 12).

Die Arabische Liga und der Golfkooperationsrat stuften die Gruppe als Terrororganisation ein und verhängten einen politischen und wirtschaftlichen Boykott (Norton 2007: 171). Die Golfstaaten, die ebenso eigene, dem Westen nahestehende Interesse in Syrien erfolgt hatten, etablierten massive mediale anti-Hisbollah-Kampagnen. So unter anderem der (extrem) einflussreiche katarische Prediger Yūsuf ʿAbdallāh al-Qaradāwī, der den Meinungswandel vieler in der muslimischen Welt in einer Predigt bei al-Jazeera wie folgt zusammenfasste:

„Every Muslim trained to fight and capable of doing that (must) make himself available […] to support the Syrian rebels. […] The leader of the party of the Satan [Hisbollah] comes to fight the Sunnis […] Now we know what the Iranians want: They want continued massacres to kill Sunnis […] I defended the so-called Nasrallah and his party, the party of tyranny in front of clerics in Saudi Arabia […] It seems that the clerics of Saudi Arabia were more mature than me.“[23]

Dazu kam ein Rückschlag auf das eigene Terrain. Sunnitische Dschihadisten brachten den Terror in Form von Autobomben in die Hisbollah-Hochburgen in Beirut und der Bekaa-Ebene, die Spannungen zwischen den Konfessionen verschärften sich, und die bis dahin sorgfältig gepflegte Illusion einer rein libanesischen Widerstandsbewegung bröckelte (Worrall et al. 2016: 135; Levitt 2013, Kap. 12; Marcus 2018, Afterword):

„For a group that has always portrayed itself as the vanguard standing up for the dispossessed in the face of injustice and that has always tried to downplay its sectarian and pro-Iranian identities, supporting a brutal Alawite regime against the predominantly Sunni Syrian opposition risked shattering a long-cultivated image. In the end, the strategic necessity of preventing the collapse of the Assad regime – which, if replaced by a regime representing the country’s Sunni majority would, at the least, be far less friendly to Hezbollah and possibly oppose it outright – took precedence over the need to maintain the party’s image.“ (Levitt 2013: Hezbollah: The Global Footprint of Lebanon’s Party of God)

Innerer Niedergang, äußerer Druck

Zurück auf dem libanesischen Boden hat sich die Hisbollah zunehmend als jenes „Staat-im-Staate“-Gebilde etabliert, das ihre Gegner seit 2005 beschworen (Worrall et al. 2016: 74, 104–106). Ihre politische Macht benutzte sie, um staatliche Institutionen für eigene Zwecke zu instrumentalisieren und die militärische Unabhängigkeit zu schützen – bis hin zum Kollaps der Regierung Hariri im Januar 2011 durch den kollektiven Austritt aus dem Kabinett (Norton 2007: 163).

Linke Kräfte wie die Libanesische Kommunistische Partei (LCP) kritisieren zu Recht, dass die Hisbollah sich zum integralen Bestandteil der bürgerlichen Herrschaft gemacht hat, ohne sich an grundsätzlichen materiellen und sozialen Reformen oder an einem echten Kampf gegen die strukturelle Korruption zu beteiligen; sie trägt die institutionelle Krise des Landes mit. Habib Fares der LCP äußerte sich in einem Interview mit BirGün:

„Now, on the issue of anti-Israeli issues we are together with Hezbollah. However we have differences with Hezbollah when it comes to their position about the political regime, about political issues in the country, social changes. We have the slogan and the policy that liberty does not just belong to the land, it also belongs to the people. They cannot liberate just the land if you do not liberate the people that live on that land.“[24]

Auch ökonomisch schlug die Überdehnung durch. Die Intervention in Syrien zog den Libanon tief in den Bürgerkrieg jenseits der Grenze hinein und führte zu einer Flüchtlingskrise, die die ohnehin fragile Wirtschaft des Landes zerrüttete. Der materielle Aufwand der Aufnahme von bis zu 1,5 Millionen syrische Geflüchteten kostete den Staat monatlich rund 100 Millionen US-Dollar allein für Wasser- und Stromversorgung (Worrall et al. 2016: 136). Der Tourismussektor und die ausländischen Direktinvestitionen brachen ein, da wohlhabende arabische Besucher aus den Golfstaaten das Land wegen sektiererischer Gewalt und Entführungen mieden (Norton 2007: 169–170).

Die Reputation der Hisbollah als unbestechliche Kraft erlitt zusätzliche Schäden durch interne Finanzskandale; der Hisbollah-nahe Geschäftsmann Salah Izz al-Din etwa prellte schiitische Investoren über ein Schneeballsystem um bis zu eine Milliarde US-Dollar und löste beispiellose Wut in der eigenen Basis aus (Norton 2007: 165; Blanford 2011: 446).

Gleichzeitig verschärften die USA mit dem Hezbollah International Financing Prevention Act von 2015 die Sanktionen gegen Banken und Netzwerke, die weltweit Geschäfte mit der Organisation machten. In Kombination mit den Sanktionen gegen den Iran brachten diese Maßnahmen die Hisbollah in die „schlechteste finanzielle Verfassung seit Jahrzehnten“; iranische Gelder mussten gekürzt werden, kriminelle Einnahmequellen wurden zunehmend blockiert (Marcus 2018: 272–273).

Israel nutzte die Überdehnung strategisch aus. Unter dem Namen „Mowing the grass“ führte es im Rahmen des syrischen Bürgerkriegs eine verdeckte Kampagne, die gezielt Waffentransporte, fortgeschrittene Raketensysteme und Kommandeure der Hisbollah (darunter Samir Kuntar und Mustafa Badreddine) durch Luftschläge in Syrien eliminierte und so seine „roten Linien“ durchsetzt (Marcus 2018: 274–278).

Trotz all dieser Krisen blieb die Hisbollah die mit Abstand mächtigste politische und militärische Akteurin im Libanon. Militärisch wurde sie 2016 als „stärker als jede arabische Armee“ eingeschätzt (Worrall et al. 2016: 46); durch ihren langjährigen Syrieneinsatz hatte sie sich, teilweise in direkter Koordination mit russischen Spezialeinheiten, von einer reinen Guerilla-Truppe zu einer Armee mit konventioneller offensiver Kapazität entwickelt (Marcus 2018: 269–270).

Innenpolitisch stand sie gleichzeitig so stark in der Kritik wie nie zuvor, da sie ihr Versprechen, die Waffen niemals gegen Libanesen oder im Ausland einzusetzen, mehrfach gebrochen hat (Blanford 2011: 445). Ihr Narrativ als rein libanesische Widerstandsbewegung hat schweren Schaden genommen; für viele Araber galt (und gilt) sie heute primär als sektiererische Söldnertruppe Irans zur Rettung des Assad-Regimes, bzw. heute Iran selbst und mit dem zum Selbstzweck der eigenen Herrschaft (Worrall et al. 2016: 145). Dieses Bild sollte sich mit dem Völkermord in Gaza noch einmal wenden.

Konsolidierung im Schatten Syriens (2016–2019)

Die syrische Erfahrung verwandelte die Hisbollah von einer „klassischen Guerilla-Miliz“ in eine „Quasi-Armee“, die asymmetrische Taktiken erstmals systematisch mit den Formationen einer regulären Streitmacht zu verbinden lernte (Wahab 2019: 14).

Schlüssel hierzu war weniger das eigene Lerngeschehen als die direkte Einbindung in jene russischen Kommandostrukturen, die Moskau seit der Intervention von 2015 in Syrien aufgebaut hatte. In gemeinsamen Operationszentralen in Damaskus und Latakia profitierten Hisbollah-Kommandeure von russischer Aufklärung und Planung; gleichzeitig erhielt die Miliz schwere Waffen wie taktische Langstreckenraketen und panzerbrechende Systeme, die den Sprung von einer Verteidigungs- zu einer Offensivarmee technisch erst möglich machten (Al-Aloosy 2020: 161).

Die Hisbollah übernahm das Training und die operative Führung pro-syrischer Verbände wie der „National Defense Force“ und etablierte sich damit nicht mehr als bloßer Stellvertreter (wie es gerne in bürgerlichen Quellen behauptet wird), sondern als zentraler Mit-Architekt der „Achse des Widerstands“ – ein Status, den Teheran, Damaskus und Moskau anerkannten und der die Versorgungsroute von Teheran über Damaskus nach Beirut zur Lebensader der gesamten Achse aufwertete (Al-Aloosy 2020: 154; Wahab 2019: 25).

Die innenpolitische Konsolidierung beruhte auf einem zweiten institutionellen Brückenkopf, dessen Fundament zehn Jahre zuvor in der St.-Michael-Kirche in Haret Hreik gelegt worden war (siehe oben): der Wahl Michel Aouns zum libanesischen Präsidenten am 31. Oktober 2016. Die Hisbollah drängte das politische System mit dem berüchtigten Slogan „Aoun oder ein Vakuum“ (jahrelang demonstrativ exekutiert durch das systematische Verhindern jeder anderen Präsidentschaft) schließlich zur Wahl ihres maronitischen Verbündeten (Wahab 2019: 138). Was 2018 mit der parlamentarischen Mehrheit vollendet wurde, war damit der formalisierte Sieg jener Strategie, die Hisbollah sowohl zu einer (nun in vielen Aspekten konventionelle) Widerstandsarmee und parlamentarischer Kontrolle zu etablieren.

Mit der parlamentarischen Dominanz wuchs jedoch die inneren Kritik, die im Vorigen am Beispiel Habib Fares‘ und der Libanesischen Kommunistischen Partei (LCP) nur angedeutet werden konnte. LCP-Generalsekretär Hanna Gharib verschärfte den Ton in mehreren Interviews und Texten der späten 2010er und frühen 2020er Jahre: Seine Partei habe einst den nationalen Widerstand gegen Israel mitbegründet, eine Zusammenarbeit mit der heutigen Hisbollah aber sei unmöglich, weil diese eine rein „islamistische Agenda“ verfolge. Unter dem Deckmantel des Widerstands sei Hisbollah faktisch zu einer regionalen Armee Irans angewachsen sei, deren massives Waffenarsenal nicht dem Libanon, sondern Kriegseinsätzen in Syrien, dem Irak und Jemen diene (Strid 2025: 1–3):

„When the state does nothing against the occupation, to liberate the land that is occupied, people will resist. We have a dialogue with Hezbollah. We are against the occupation, and in that way we agree with each other, but that does not mean we are with them […] Historically, we are a resistance party, a national resistance. They are an Islamist resistance. So, we cannot be together. I want the state to resist. But the problem is that it does not.“[25]

Aus dem rechten christlichen Lager kamen pro-amerikanischen Lebanese Forces unter Samir Geagea zu ähnlichen Diagnosen, wenn auch aus verschiedenen Hintergründen: Sie denunzierten die Hisbollah als illegale, von Iran gesteuerte Miliz, die die nationale Souveränität untergrabe (Wahab 2019: 94).

Gemeinsam mit konkreteren Vorwürfen, dass die Hisbollah gezielt vom Verfall der staatlichen Institutionen profitiere, durch Schmuggel und parallele Wirtschaftssysteme Reichtum anhäufe und eine Korruption decke, die sie rhetorisch zu bekämpfen vorgab (Förch Saab 2024: 2), bildeten diese Stimmen jenes Vorgefühl der Krise, das im Oktober 2019 in der Thawra ausbrechen sollte.

Die Thawra, der Hafen und der Mord an Soleimani (2019–2020)

Das Wohlfahrtsnetz, das im Vorigen unter den Stichworten Jihad al-Bina und „Widerstandsgesellschaft“ beschrieben wurde, wuchs in der Spätphase der Krise zu einer parallelen Staatsstruktur, die sich nicht mehr nur sozial, sondern ökonomisch über das Land legte (Daher 2019: 108). Im Zentrum dieser Architektur stand das „Islamic Health Committee“ (IHC), das eigene Krankenhäuser und Kliniken betrieb, einen flächendeckenden zivilen Rettungsdienst organisierte und in mehreren Regionen weite Teile der medizinischen Grundversorgung übernahm. Jihad al-Bina kümmerte sich um Infrastrukturprojekte, Müllentsorgung und den Wiederaufbau nach militärischen Auseinandersetzungen (Daher 2019: 100, 108). Diese Strukturen verfolgten neben der reinen Wohlfahrt das ausdrückliche Ziel, eine loyale „Widerstandsgesellschaft“ (mujtamaʿ al-muqāwama) zu formen und möglichen Unmut über die schweren Konsequenzen der eigenen Einsätze zu mindern (Daher 2019: 109).

Inmitten des Staatsbankrotts ab 2019 baute die Hisbollah zudem ihre ökonomischen Angebote massiv aus: Sie erweiterte ihren eigenen Bankensektor, betrieb lukrative Wechselstuben, kontrollierte den Verkauf von Treibstoff für Generatoren und kaufte systematisch Immobilien sowie Unternehmen auf (Förch Saab 2024: 4). Ein zentrales Instrument war die parteieigene Mikrofinanzinstitution Al-Qard al-Hasan, die zinslose oder vergünstigte Kredite vergab und der Hisbollah maßgeblich half, ihre schiitische Basis durch die Hyperinflation hindurch ökonomisch an sich zu binden (Daher 2019: 108):

„Hezbollah aids the poorest through a micro-finance institution, al-Qard al-Hasan (the Good Credit). Founded in 1983 to keep the Lebanese victims of the Israeli occupation from „becoming refugees in their own land“, 47 today it offers loans of up to 5,000 USD, repayable over a maximum of thirty months. While at its debut this initiative participated in fostering a – imited – class of small craftsmen and merchants, the economic slumps in the 1990s and the 2000s expanded the spectrum of what these loans were used for: 50 per cent went to meet daily subsistence needs; 27 per cent to repay previous loans; 6 per cent for housing; 5 per cent for hospitalization, school, or university costs; and 3 per cent for household needs.“ (Daher 2019: Hezbollah Mobilization and Power)

Was als kontinuierliche soziale Architektur die Hisbollah über die zwischen 2019 und 2020 zerbrechende Republik hinwegtrug, sah sich zugleich mit einem Aufstand konfrontiert, der die libanesische Republik erstmals ganz in Frage stellte. Die Thawra („Revolution“) des 17. Oktober 2019 entzündete sich an einer Kabinettsentscheidung, die kleinlicher kaum hätte sein können: einer Sondersteuer von sechs US-Dollar[26] im Monat auf WhatsApp- und ähnliche Internet-Anrufe; in einem Land, in dem das offizielle Telefonnetz ohnehin nur noch als Beute der konfessionellen Eliten wahrgenommen wurde und in dem zwei Drittel der erwerbstätigen Bevölkerung im informellen Sektor arbeiteten (Salloukh 2020).

Die strukturellen Ursachen der Thawra reichten in jenes Wirtschaftsmodell zurück, das nach dem Taif-Abkommen als „libanesisches Wirtschaftswunder“ inszeniert worden war: ein Rentierkapitalismus, der auf Hochzinsanleihen, ausländischen Investitionen aus den Golfstaaten und einer Pyramide um die libanesische Zentralbank (Banque du Liban, BDL) unter ihrem langjährigen Gouverneur Riad Salameh aufgebaut war. Die libanesische Lira war seit 1997 künstlich an den US-Dollar gekoppelt; um diesen Wechselkurs zu halten, lockte Salameh über Jahre hinweg ausländische Devisen mit zweistelligen Zinsen, die er aus immer neuen Anleihen finanzieren musste. Ein Schneeballsystem in staatlichem Maßstab, das die Weltbank im Rückblick als „Ponzi finance scheme“ einstufte (World Bank 2021; Achcar 2020).

Die Banken, die diese Renditen den Sparern der Mittelschicht versprachen, machten deren Guthaben gleichzeitig dem Staat verfügbar, der sie wiederum an dieselben politischen Familien zurückreichte, die das System eingerichtet hatten; Hariri, Mikati, Salam, Frangieh, Berri, Aoun und ihre jeweiligen Klientelnetzwerken.[27]

Als nach 2016 die ausländischen Devisenströme aus den Golfstaaten infolge der Hisbollah-Intervention in Syrien sowie der saudischen Sanktionen versiegten, brach diese Pyramide zusammen. Die Banken verfügten über kein Dollarkapital mehr, um Auszahlungen zu garantieren; die Lira begann unter ihrem offiziellen Wechselkurs zu verlieren, ein paralleler Schwarzmarktkurs entstand. Bereits im Sommer 2019 lieferten Tankstellen kein Benzin mehr aus, Bäckereien rationierten Mehl, die Stromabschaltungen weiteten sich auf zwölf, dann sechzehn Stunden täglich aus (Salloukh 2020; UN-ESCWA 2021). Die WhatsApp-Steuer, in diesem Zustand verkündet, erschien als das, was sie war: das routinemäßige Gefäß einer Klasse, die selbst noch die letzten Cent aus den Taschen jener kratzte, von denen nun rund ein Drittel unter der Armutsgrenze lebte und dessen Jugend zu 37% Arbeitslos war.[28]

Thawra

Im November 2019 gingen über zwei Millionen Menschen (fast die Hälfte der libanesischen Bevölkerung) über Wochen hinweg auf die Straße: in Beirut, Tripoli, Sidon, Tyrus, Nabatiyeh, Baalbek, Hermel und Akkar. Erstmals seit dem Bürgerkrieg fanden sich Sunniten, Schiiten, Maroniten, Drusen, Griechisch-Orthodoxe und Säkulare unter denselben Parolen zusammen. „Kullun yaʿni kullun“ („alle, das heißt alle“) richtete sich gegen die gesamte herrschende Klasse, ohne Ausnahme: gegen Saad Hariri ebenso wie gegen Nabih Berri, Michel Aoun, Samir Geagea, Walid Dschumblatt – und gegen Hassan Nasrallah (Tricontinental 2020; Bayoumi 2020).

Sie forderten die Auszahlung der eingefrorenen Sparguthaben, Strafverfolgung der korrupten Eliten, Aufhebung des konfessionellen Proporzsystems (Ämter & Sitze an Konfessionen gebunden), Bildung einer technokratischen Übergangsregierung. Der Volksaufstand verlangte das Ende eines Modells, das die libanesische Republik seit ihrer Gründung 1943 strukturierte und das in Taif 1989 lediglich konfessionell rebalanciert, nicht aber überwunden worden war. Das Middle East Research and Information Project konkludierte am 19. Dezember 2019:

„The uprising is a broad-based revolt against Lebanese-style neoliberalism […] The uprising is the first time since the end of the civil war in 1990 that large numbers have protested against both the ruling sectarian elites and the financial elites and banks they see as responsible for the crisis. Hundreds of thousands of protesters are speaking an increasingly class-based “us versus them” language: The few in power are seen as ruthlessly suffocating the many for their own benefits and interests. […] Prior to 2019, sectarian divisions were maintained even as exploitative neoliberal policies and a mounting economic crisis threatened to connect the dispossessed across sectarian lines. […] The revolution of October 2019, however, marks a turning point, as the escalating financial crisis made the economic situation appear irreparable to Lebanese across wide sectors of society. A broad swath of Lebanese citizens saw that the neoliberal sectarian system was unsalvageable and took to the streets, aiming to force a major turning point in the post-1990 Lebanese political and economic order.”

Ministerpräsident (und Saudi-naher Multimiliardär) Saad Hariri trat am 29. Oktober 2019 zurück; die Bewegung hielt sich darüber hinaus, bis die Pandemie und der weiter beschleunigte ökonomische Kollaps des Frühjahrs 2020 die physische Anwesenheit auf den Plätzen unmöglich machten.

Erst im Januar 2020 kam mit dem sunnitischen Hassan Diab (einer technokratischen Figur ohne eigene Hausmacht) eine neue Regierung zustande, die wesentlich von Hisbollah und ihren Verbündeten getragen wurde [29] und die Forderungen der Thawra in keiner ihrer Dimensionen erfüllte (L’Orient-Le Jour 2020).

Diese strukturelle Kontinuität war das Resultat einer aktiven Verteidigung des Status quo durch die etablierten Kräfte – allen voran durch die Hisbollah. Bereits am 25. Oktober 2019 hatten Anhänger von Hisbollah und Amal das Protestlager am Beiruter Märtyrerplatz gestürmt, Zelte zerstört und Demonstranten unter dem Schlachtruf „Schiʿa, Schiʿa“ zusammengeschlagen – ein Bild, das schwer mit der Selbstinszenierung der Gruppe als überkonfessionelle Widerstandsbewegung zu vereinen war (Achcar 2020; Daher 2024: 107). Währenddessen beschuldigte die Hisbollah die Vereinigten Staaten die Regierungsbildung verhindern zu wollen.[30] Dazu muss gesagt werden, dass parlamentarische Macht der Hisbollah durch eine Regierung Hassan Diabs offensichtlich entgegen der Interessen der Vereinigten Staaten und Israel stand, wobei eine Einmischung (in welchem Maß auch immer) in die Protestbewegung nicht unwahrscheinlich war, letztlich aber nichts an den materiellen Bedingungen der Thawra änderte.

Die Übergriffe der Hisbollah- und Amal-Anhänger beschränkten sich nicht auf das Märtyrerplatz-Camp in der Hauptstadt, sondern setzten sich gleichermaßen in der südlibanesischen Stadt Nabatiyeh fort – also mitten in einem Hisbollah-Kerngebiet, in dem auch die schiitische Basis selbst auf die Straße gegangen war (Daher 2024: 107). Mit der gewaltsamen Verteidigung des Status quo wandelte sich die Partei in der Wahrnehmung vieler vom einstigen Verteidiger der Entrechteten zum physischen Beschützer eben jener herrschenden politischen Elite, die sie über drei Jahrzehnte rhetorisch denunziert hatte (Daher 2024: 107).

Den Schock, den die Thawra und das offensichtlich widersprüchliche Verhalten der Hisbollah auch auf deren schiitische Basis hatte, lässt sich an Meinungsforschungen dieser Zeit beobachten. Eine in Middle East Transparent ausgewertete Studie legt da, wie die „sehr positive“ Einschätzung der libanesischen Schiiten zwischen 2017 und 2020 um fast 20%-Punkte auf 66% gesunken war.[31] Im gleichen Zeitraum hat sie die niedrigsten jemals verzeichneten Werte unter den Christen und Sunniten des Landes erhalten:

„At the same time, Hezbollah’s popularity has plummeted even further among Lebanon’s Christian and Sunni communities. Just 16% of Christians and 8% of Sunnis now report even a „somewhat positive“ view Hezbollah. That sentiment seems the same among the country’s tiny but disproportionately influential Druze minority as well, of whom a mere 14% report a favorable attitude toward Hezbollah at this time. However, this subsample is too small, in line with its proportion of the total population, for firm statistical conclusions.“[32]

Die Hafenexplosion

Am 4. August 2020 wurde die ohnehin taumelnde Republik durch die Katastrophe im Hafen von Beirut erschüttert. Um exakt 18:07 Uhr Ortszeit (Majdalani 2021: 124) detonierten rund 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat in der stärksten nicht-nuklearen Explosion des 21. Jahrhunderts – und einer der gewaltigsten unbeabsichtigten Detonationen der modernen Geschichte (Majdalani 2021: 3, 121).

Die unmittelbaren Auswirkungen waren apokalyptisch: 200 Tote, 150 Vermisste, 6.000 Verletzte sowie 200.000 zerstörte Wohneinheiten (Majdalani 2021: 121), während abschließende Berichte später von mindestens 218 Toten, über 7.000 Verletzten, 300.000 Obdachlosen und einem materiellen Schaden von rund 15 Milliarden US-Dollar ausgingen, da die Druckwelle halb Beirut zertrümmerte (Human Rights Watch 2021; Amnesty International 2021).

Das Ammoniumnitrat stammte von dem unter moldawischer Flagge fahrenden Frachter MV Rhosus, der im September 2013 auf dem Weg nach Mosambik in Beirut festgesetzt und von seinem russischen Besitzer Igor Grechushkin mitsamt der Fracht und unbezahlten Rechnungen schlichtweg aufgegeben wurde, bevor das Schiff im Hafenbecken sank (Majdalani 2021: 121).

Die Absurdität dieser Tatsache muss man sich einmal vor Augen führen: Die explosive Ladung lagerte nach ab März 2014 ohne nennenswerte Sicherheitsvorkehrungen im Hangar 12 des Hafens (Majdalani 2021: 121). Verschiedene Büros, Ministerien und schließlich die höchsten Regierungsebenen hatten in diesen sechs Jahren Memos und Hinweise auf die Gefahr erhalten, die dort aber mit vollkommener Gleichgültigkeit ignoriert wurden (Majdalani 2021: 121):

„Nobody cares, or only vaguely, and memos, but only memos, are sent by various offices to their overseeing ministries, without ever being taken any further. Some of these memos do reach the highest levels of the government, which accords them no attention whatsoever, and the cataclysmic cargo continues sleeping there for six years in the most perfect indifference.“ (Majdalani 2021: Diary of the Collapse)

Die Verantwortung war ein verschlungenes Geflecht aus russisch-zyprischem Schiffsbesitzer, libanesischem Zoll, der Allgemeinen Sicherheit (Sûreté Générale), den Hafenbehörden und den Geheimdiensten – und am Ende den politischen Spitzen des Landes, einschließlich des Präsidenten Michel Aoun und der Premierminister Saad Hariri und Hassan Diab, die nachweislich vor den Risiken gewarnt worden waren (Majdalani 2021: 121, 124).

Die Frage, ob die Lagerung über die Fahrlässigkeit hinaus auch operativen Zwecken diente, ist bis heute ungeklärt. In ihren Buch „Diary of the Collapse“ spricht Charif Majdalani davon, dass die notierte Menge an 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat eine noch weitaus größere Explosion hätte herbeiführen müssen:

„A portion of the ammonium nitrate might have been taken away and used in between times, which would mean that the cargo was not forgotten, was not sleeping, but was actually being used by a party whose identity remains a mystery, and used thanks to the complicity, corruption, collusion, political calculations, or strategies of a countless number of people.“ (Majdalani 2021: Diary of the Collapse)

Dabei muss angemerkt werden, dass der Hafen unter Kontrolle der Hisbollah stand, ein schrittweiser Abtransport des Ammoniumnitrat (das u.a. häufig in IEDs verarbeitet wird) also nur durch die Hisbollah oder Hisbollah-nahe Kräfte hätte passieren können. Das ist jedoch letztlich Spekulation – Sicher ist, dass der libanesische Staat in seiner kompletten Architektur versagt hatte und die Katastrophe die apokalyptische Synthese aus dreißig Jahren Korruption, zwischen allen Regierungszweigen und Parteien war.

Jede ernsthafte juristische Aufarbeitung zerschellt im Libanon seit 1990 an der strukturellen Immunität der politischen Klasse, die sich seit dem Ende des Bürgerkriegs durch mafiöse Praktiken, ein tief verwurzeltes Klientelsystem und eine selbst gewährte Amnestie systematisch unangreifbar gemacht hat.

Bereits im September 2021 trat der Hisbollah-Sicherheitsbeamte Wafiq Safa unmittelbar an den Untersuchungsrichter Tarek Bitar heran und drohte ihm offen mit Konsequenzen, sollte er die Anklage gegen die politischen Verbündeten der Gruppe fortsetzen.[33] Dass die Demonstration vor dem Justizpalast am 14. Oktober 2021 anschließend in eine Schießerei mündete, hat zudem einen genauen geographischen Ort und eine zweite Konfliktpartei: Die Gefechte konzentrierten sich im Beiruter Bezirk Tayouné, an dessen Frontlinien während des Bürgerkriegs schon einmal christliche und schiitisch-palästinensische Kräfte einander gegenüberstanden. 2021 waren es Anhänger von Hisbollah und Amal auf der einen, mutmaßlich den rechten Lebanese Forces nahestehende Milizionäre auf der anderen Seite (Daher 2024: 107). Im Land breitete sich für mehrere Tage die berechtigte Sorge vor einer Wiederkehr des Bürgerkriegs aus.

Trotz der massiven Empörung gegenüber der Explosion weitreichender Skepsis gegenüber der Rolle der Hisbollah schien ihre allgemeine Popularität nicht weiter zu sinken. Zu dem Parlamentswahlen 2022 ergatterten sie mit 18.56% der Gesamtstimmen ihr stärkstes Ergebnis bis dato (16.44% bei der vorherigen Wahl)[34]. Dabei verloren sie zwar die koalitionsbedingte absolute Mehrheit, blieben aber weiterhin die größte Fraktion im libanesischen Parlament. Erklären lässt sich das durch die Tatsache, dass die Wohlfahrtsangebote der Hisbollah durch Gelder aus dem Iran und eigene Einnahmen aus Drogen- und Waffenhandel de-facto die einzigen waren, auf die große Teile der libanesischen Bevölkerung in den prekärsten Zeiten der Krise zurückgreifen konnten. Gleiches gilt für die Arbeitsplätze: in den Einrichtungen der Hisbollah (Armee ausgeschlossen) arbeiten rund 50.000 Libanesen, damit ist die Hisbollah der größte Arbeitgeber Libanons.[35]

Der Vorabend des 7. Oktober

Die Zeit zwischen 2021 und dem Vorabend des 7. Oktober 2023 war im Libanon von massiven innenpolitischen Spannungen, der Blockade der Justiz sowie einer stetigen militärischen Eskalation und gegenseitigen Bedrohungen an der Grenze zu Israel geprägt.

Israel verletzte die libanesische Souveränität regelmäßig durch Aufklärungsflüge mit Überwachungsdrohnen und Kampfflugzeugen, die nahezu täglich den Luftraum durchquerten und wiederholt Gegenstand von Beschwerden bei den Vereinten Nationen waren. Auch in den Jahren 2022 und 2023 blieb diese Praxis konstant: UN- und libanesische Berichte dokumentieren fortlaufende Verletzungen des libanesischen Luftraums, der Territorialgewässer und der Grenze durch israelische Streitkräfte.[36] Allein zwischen dem 3. November 2022 und dem 20. Februar 2023 nennt der UN-Bericht 182 Luftraumverletzungen israelischer Luftfahrzeuge, davon 73% unbemannt (Drohnen).[37]

Darüber hinaus baute Israel eine massive Drohkulisse auf, indem es gezielt angebliche Hisbollah-Einrichtungen für präzisionsgelenkte Raketen, die sich unter dicht besiedelten städtischen Wohngebieten des Libanons befanden, öffentlich enthüllte und mit deren Zerstörung drohte (Levitt 2024: 540). Parallel dazu setzte Israel seinen sogenannten „Schattenkrieg“ fort und griff regelmäßig Waffenkonvois sowie Stützpunkte der Hisbollah und iranischer Kräfte auf syrischem Territorium an, um den Waffentransfer in den Libanon zu unterbinden (Levitt 2024: 540).

Zusätzlich blieb die fortgesetzte israelische Kontrolle über umstrittene Grenzgebiete wie den nördlichen Teil des Dorfes Ghajar ein permanenter Konfliktpunkt und Ausdruck ungelöster territorialer Fragen.

Im Sommer 2022 eskalierte der Streit um die maritimen Gasfelder massiv: Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah drohte im Juli 2022 damit, die israelischen Offshore-Erdgasplattformen im Karish-Feld anzugreifen, falls Israel mit der illegalen Förderung beginnen sollte, bevor ein Seegrenzenabkommen mit dem Libanon unterzeichnet sei (Levitt 2024: 545). Die Hisbollah schickte daraufhin drei Drohnen in Richtung der israelischen Plattform, woraufhin Nasrallah betonte, dies sei „nur der Anfang“, und offen mit einem Krieg um das Gas drohte (Levitt 2024: 545). Diese Risikobereitschaft war teils durch den innenpolitischen und wirtschaftlichen Druck im Libanon motiviert, basierte aber auch auf Nasrallahs Kalkül, dass Israel auf diese Drohungen nachgeben und nicht mit einem umfassenden Krieg reagieren würde (Levitt 2024: 546).

Im Jahr 2023 spitzte sich die Lage an der südlichen Landesgrenze (der sogenannten Blauen Linie) schließlich drastisch zu und erreichte ein Spannungsniveau, das in diesem Ausmaß seit dem Krieg von 2006 nicht mehr verzeichnet worden war (Levitt 2024: 548).

Die Hisbollah errichtete neue militärische Außenposten aus Beton und führte Militärübungen mit scharfer Munition durch. Gleichzeitig blieb auch die israelische Militärpräsenz entlang der Grenze hochgradig aktiv: Aufklärungsoperationen, technische Überwachungssysteme sowie punktuelle militärische Aktivitäten verstärkten die Eskalationsdynamik zusätzlich.[38]

Diese jahrelangen beidseitigen Aggressionen, militärischen Drohgebärden, strukturellen Souveränitätsverletzungen und permanenten Grenzverletzungen schufen ein hochgradig instabiles Gleichgewicht und bereiteten den hochbrisanten Boden für die unmittelbare Eskalation, die nach dem 7. Oktober 2023 und dem israelischen Völkermord in Palästina folgen sollte.

Der 7. Oktober und die „Unterstützungsfront“

Der 7. Oktober 2023 markierte nicht nur den Beginn der Operation „Al-Aqsa-Flut“ der palästinensischen bewaffneten Bewegungen, sondern stellte die Hisbollah unmittelbar vor die Entscheidung, die sie seit ihrer Gründung im Feuer der israelischen Invasion von 1982 stets begleitet hatte: Wie weit reicht die Solidarität, ohne die eigene Bewegung und die Gesellschaft, aus der sie hervorgeht, zu zerreißen?

Eine Umfrage von Statistics Lebanon vom Oktober 2023 zeigte, dass 73 Prozent der Libanesen einen Krieg mit Israel entschieden ablehnten, eine Antikriegshaltung, die nicht nur christliche und drusische Bevölkerungsgruppen umfasste, sondern auch die Mehrheit der Schiiten, einschließlich derer im stark betroffenen Südlibanon.[39] Es ist diese innere Spannung zwischen ideologischem Auftrag und materieller Rücksichtnahme, die das Handeln der Hisbollah in den folgenden Jahren prägte.

Am 8. Oktober 2023, einen Tag nach Beginn der Offensive in Gaza, trat die Hisbollah ihre historisch begründete Rolle als Widerstandsbewegung an und eröffnete mit (limitiertem) Raketen- und Artillerieangriffen auf die von Israel besetzten Schebaa-Farmen die sogenannte „Unterstützungsfront“.

Diese Entscheidung war der Auftakt einer graduell eskalierenden Strategie, die auf einer nüchternen Lagebeurteilung beruhte: Durch die Eröffnung einer nördlichen Front sollte die Aufmerksamkeit und der militärische Druck der Besatzungstruppen gespalten werden, um den palästinensischen Gruppen in Gaza operative Luft zu verschaffen. Das primäre Ziel bestand darin, den vollen militärischen Fokus Israels von Gaza abzulenken und so den Druck auf die Hamas und Co. zu verringern.

Generalsekretär Hassan Nasrallah, dessen Führungsstil seit seiner Amtsübernahme 1992 immer durch ein Gespür für die Grenzen des politisch Durchsetzbaren geprägt war, verfolgte in dieser Phase eine äußerst nuancierte Strategie. Er tarierte das Vorgehen sorgfältig aus, indem er einen umfassenden Krieg mied, aber gleichzeitig ständige Bereitschaft für ein vollumfängliches Eingreifen signalisierte (Duman 2025: 262).

Durch bewusst begrenzte, kalkulierte Schläge versuchte die Hisbollah, die Risiken einer massiven israelischen Vergeltung, weitreichender Zerstörungen der Infrastruktur und bedeutender ziviler Opfer zu minimieren, während sie gleichzeitig ihre operative Kapazität und Abschreckungsposition intakt hielt:

„Engaging in a full-scale war with Israel posed substantial risks, including severe military retaliation, widespread destruction of infrastructure, and significant civilian casualties. Consequently, Hezbollah’s initial decision to limit its engagement constituted a strategic ma- neuver aimed at mitigating these risks while preserving both its deterrence posture and operational capacity.“ (Duman 2025: Hezbollah’s Escalating War Strategy)

Israel reagierte mit einer massiven Bombardierungskampagne, die den gesamten Südlibanon überzog (Förch Saab 2024: 2). Diese Angriffe auf Städte und Dörfer trieben in den folgenden Monaten 92.000 libanesische Zivilisten in die Flucht, die die Grenzregion verlassen mussten, um in weiter nördlich gelegenen Gebieten Schutz zu suchen (Förch Saab 2024: 2). Das Muster war aus dem Sommer 2006 bekannt: Israel setzte nicht auf die militärische Vernichtung des Gegners allein, sondern auf die gezielte Zerstörung der zivilen Infrastruktur als Druckmittel gegen die Bevölkerung – eine Doktrin, die wie oben dargelegt nach dem Dahiya-Stadtteil in Beirut benannt ist und schon beim Wiederaufbau nach 2006 den Wohlfahrtsstaat der Hisbollah als Auffangbecken gestärkt hatte, nun aber dasselbe Spiel unter verschärften Bedingungen wiederholte.

In der ersten woche nach dem 7. Oktober feuerte die israelische Armee völkerrechtswidrige Phosphorbomben in die südlibanesische Grenzregion Dhayra[40], schoss mit Panzern direkt auf Reuters- und Al-Jazeera-Journalisten[41] und schoss laut libanesischer Armee mit Maschinengewehren in die Menge aufzeichnender Nachrichtenteams an der libanesischen Grenze.[42] Bis zum 24. Oktober tötete die israelische Armee fünf libanesische Zivilisten und neun Hisbollah-Kämpfer, die wiederum vier israelische Soldaten töteten.

Die innerlibanesische Reaktion spiegelte dabei exakt jene Bruchlinien wider, die im konfessionellen System des Landes seit 1943 strukturell angelegt sind und im Verlauf der Jahrzehnte immer wieder offen brachen: Die libanesische Regierung trug die Entscheidung zur militärischen Solidarität mit Gaza nicht mit. Insbesondere die prowestlichen Lebanese Forces und andere Oppositionsparteien nutzten die Situation, um die Beziehungen zwischen Hezbollah und Hamas (die nun durch die Etablierung der Hamas-Hisbollah-kooperativen „al-Aqsa Flood Vanguards unit“ auf libanesischen Staatsgebiet vertieft werden sollte) als Angriff auf die Souveränität Libanons und das Taif-Abkommen (siehe oben) darzustellen.[43]

Auch Teile des Free Patriotic Movement unter Gebran Bassil, jener Fraktion, die 2006 durch das „Memorandum of Understanding“ eine historische Allianz mit der Hisbollah besiegelt hatte, äußerten zunehmend Kritik an den militärischen Aktionen. Die Hisbollah agierte in dem Bewusstsein, dass ein Eintreten in einen unbegrenzten Krieg ihr politisches Ansehen im Libanon stark beschädigen würde, und musste daher ihre ideologische Identität als Widerstandsbewegung stets mit den geopolitischen und innerlibanesischen Realitäten ausbalancieren. Bassil schrieb auf Twitter:

„We categorically reject the creation of this unit by Hamas and believe that any armed action originating from Lebanese territory as an attack on national sovereignty, Lebanon has rights and its ’national resistance‘ against Israel empowers it to defend itself, but the creation of a Hamasland in the South weakens it“[44]

Staatsterrorismus und die Grenzen der Dekapitationsstrategie

Im Sommer und Herbst 2024 erreichte Israels Dekapitationsstrategie, die nicht primär auf die militärische Niederlage des Gegners im konventionellen Sinne abzielte, sondern auf die planmäßige Vernichtung seiner Kommando- und Führungsstrukturen, ihren Höhepunkt.

Begonnen hatte diese Kampagne im Januar 2024, als Israel am 2. Januar einen Luftschlag auf den Dahieh-Stadtteil im Herzen Beiruts durchführte und dabei Saleh al-Arouri, den stellvertretenden Vorsitzenden des politischen Büros der Hamas, tötete – mitten in einer dicht besiedelten Zivilgegend der libanesischen Hauptstadt, inmitten eines nominell noch „begrenzten“ Konflikts.[45] Der Anschlag erfolgte einen Tag bevor die Hisbollah den vierten Jahrestag der Ermordung Qasem Soleimanis beging. Am 8. Januar folgte die gezielte Tötung von Wissam al-Tawil, dem stellvertretenden Kommandeur der Radwan-Eliteeinheit – dasselbe Sonderkommando, dessen Anführer Ibrahim Aqil Monate später ebenfalls einem israelischen Luftschlag zum Opfer fallen sollte (siehe oben). Was folgte, war ein schrittweises Abarbeiten von Zielpersonen mit massiven zivilen Opfern.

Am 14. Februar 2024, dem bis dahin tödlichsten Tag des Konflikts, töteten israelische Luftschläge in Nabatieh sieben Mitglieder einer Familie, darunter ein Kind; in der Stadt al-Suwana wurden eine Frau und ihre beiden Kinder ermordet.[46] Die Angriffe richteten sich formell gegen Hisbollah-Infrastruktur, getroffen wurden zivile Wohnhäuser. Ende März 2024 griff Israel ein Sanitätszentrum der Libanesischen Ambulanzvereinigung an und tötete dabei sieben Sanitäter – Freiwillige, wie Libanons Gesundheitsministerium feststellte und öffentlich verurteilte.[47]

Wenig später, am 27. März, bombardierte das israelische Militär erneut ein Rettungszentrum in Hebbariye und tötete dabei sieben Menschen, die es als Kämpfer bezeichnete; Hisbollah widersprach und erklärte, es habe sich um Ersthelfer gehandelt. Am 23. Februar war ein mit der Hisbollah verbundenes Gesundheitszentrum in Blida getroffen worden – zwei Zivilsanitäter und ein Kämpfer starben.[48] Die gezielte Zerstörung medizinischer Infrastruktur war dabei ihr integraler Bestandteil der Anschläge; wie oben erläutert waren die zivilen Einrichtungen der Hisbollah ein zentrales Anliegen in ihren stabilen Umfragewerten trotz wachsender Ablehnung gegenüber ihren militärischen Kapazitäten.

Am 30. Juli 2024 wurde der hochrangige militärische Kommandant Fuad Shukr (neben fünf Zivilisten) bei einem israelischen Luftschlag auf Beirut ermordet [49]. Kurz darauf fiel auch Ibrahim Aqil, der stellvertretende Kommandeur der bewaffneten Kräfte und hochrangige Anführer der Eliteeinheit Radwan, am 20. September 2024 einem weiteren gezielten israelischen Luftangriff auf die dicht besiedelte Hauptstadt zum Opfer. Bei dem Angriff auf Aqil wurden mindestens 29 Zivilisten getötet, darunter mindestens drei Kinder und sieben Frauen.[50]

Am 17. und 18. September 2024 brachte Israel in einem koordinierten Anschlag Tausende von Pagern und Funkgeräten im Libanon zur Explosion. Diese Angriffe forderten das Leben von Dutzenden Zivilisten, verstümmelten unzählige weitere schwer und setzten schätzungsweise 1.500 Kämpfer des Hisbollah verletzungsbedingt außer Gefecht.[51] Insgesamt wurden bei dem Anschlag mindestens 4.000 Menschen getötet oder verletzt.[52] Die weitreichende Sabotage der Kommunikationsinfrastruktur sollte Chaos stiften und die operative Handlungsfähigkeit der Hisbollah lähmen. Eine Vielzahl von UN-Sonderberichterstattern kam gemeinsam mit dem Hochkommissariat für Menschenrechte zu dem Schluss, dass die Angriffe möglicherweise als Kriegsverbrechen gewertet werden können, weil sie offenbar darauf ausgerichtet waren, gezielt Furcht unter Zivilisten zu verbreiten (Das ist nunmal der Punkt der Dahiya-Doktrin).[53]

Der Höhepunkt dieser Dekapitationsstrategie war die Ermordung des Generalsekretärs Hassan Nasrallah am 27. September 2024 durch schwerste israelische Bombardements in Beirut. Nasrallah hatte die Hisbollah über drei Jahrzehnte geführt, hatte sie durch den Sommerkrieg 2006, die Syrien-Intervention mit ihren massiven Verlusten von über 1.700 Toten, die Finanzsanktionen und die innerlibanesischen Krisen nach 2019 gesteuert. Seine Beerdigung wurde von 1.4 Millionen Libanesen[54] besucht, entsprechend rund 30 Prozent der libanesischen Bevölkerung (rund 30% der libanesischen Bevölkerung sind Schiiten).

Nasrallahs Tod sollte – ähnlich wie der Tod seines Sohnes Jahrzehnte zuvor (siehe Oben) – die allgemeine Einstellung der libanesischen Gesellschaft gegenüber der Hisbollah verändern, ebenso wie die Haltung der schiitischen Bevölkerung gegenüber dem Iran: Eine im April 2025 veröffentlichte Umfrage von Information International und Annahar ergab, dass nun 50,7 % der schiitischen Bevölkerung im Libanon eine negative Haltung gegenüber dem Iran einnehmen würden [55]; ein massiver Anstieg im Vergleich zu den Daten der 2020 von Middle East Transparent veröffentlichten Studie, in der sich noch 94 % der schiitischen Libanesen für „gute Beziehungen“ zum Iran aussprachen[56]. Als zentraler Grund für diesen deutlich dokumentierten Stimmungswandel gilt die verbreitete Auffassung, Teheran habe Nasrallah faktisch im Stich gelassen, um eigene machtpolitische Interessen in der Region zu wahren.[57]

Trotz der Enthauptungsschläge gegen ihre Führung und der immensen Zerstörungen bewies die Hisbollah während im September 2024 begonnenen 57-tägigen israelischen Bodeninvasion eine bemerkenswerte Standhaftigkeit: Sie nahm schwerste Verluste in Kauf und verlor schätzungsweise 5.000 Kämpfer. Dennoch leisteten die Einheiten der Hisbollah massiven Widerstand, durch den der Vormarsch der israelischen Besatzungstruppen erfolgreich gestoppt und jeglicher bedeutsame territoriale Gewinn Israels verhindert werden konnte. Die Dekapitationsstrategie hatte damit dasselbe Ergebnis wie ihre Vorläufer in anderen Konflikten: Sie vernichtete Menschen, aber keine Strukturen:

Bis zum November 2024 sollten 1.4 Millionen Libanesen durch die israelischen Luftschläge und Bodeninvasion aus ihrer Heimat vertrieben worden sein. Dabei töteten sie zwischen 3.000 und 4.017 Menschen[58] und zerstörten 42% aller Gebäude in denen von ihn eingenommenen Gebieten Südlibanons.[59]

Der IRGC-Reboot

Nach dem (unter Zustimmung der Hisbollah von der libanesischen Regierung vereinbarten) de-jure Waffenruhe zwischen Hisbollah und Israel vom 27. November 2024 begann unter israelischer Belagerung eine Phase der geheimen, aber intensiven Reorganisation, in der das iranische IRGC einen weitreichenden Umbau der Hisbollah orchestrierte:

Im Zuge des „Waffenruhe“ sollten sich die Hisbollah sowie die israelische Besatzung sich innerhalb von 60 Tagen aus dem Südlibanon (bzw. südlich des Litani Flusses) zurückziehen. Israel entschied sich jedoch nach Abkommensbeschluss doch noch fünf Kontrollpunkte im Süden zu behalten[60], woraufhin auch die Hisbollah sich nicht völlig südlich des Litani zurückzog.

Rund 100 iranische Offiziere wurden in den Libanon entsandt, um die von israelischen Schlägen getroffene, klassisch hierarchische Kommandokette der Hisbollah tiefgreifend umzugestalten.[61] Unter ihrer Aufsicht wurde das bestehende System durch eine dezentrale „Mosaic Defense“ nach iranischem Vorbild ersetzt, die auf kleinen, operativ isolierten Zellen basiert, um absolute Geheimhaltung zu gewährleisten:

„Changes implemented at their behest included replacing a hierarchical command structure with a decentralised one, comprising small units with limited knowledge of each other’s operations, helping to preserve operational secrecy. They said IRGC officers also drew up plans for missile attacks against Israel that would be launched simultaneously from Iran and Lebanon – a scenario executed for the first time on 11 March.“[62]

Die Lehre, die die Hisbollah aus dem September 2024 zog, war, dass die Integration moderner Kommunikationstechnologie die Organisation angreifbar gemacht hatte. Um der weitreichenden elektronischen Überwachung durch Israel zu entgehen, verbot sie Mobiltelefone an der Front und setzte auf menschliche Kuriere für wichtige Botschaften.[63] Der Pager-Angriff hatte damit eine organisatorische Rückbesinnung erzwungen, die die Bewegung für künftige elektronische Sabotageakte schwerer verwundbar macht.

Währenddessen setzte Israel seine Angriffe ungeachtet des de-jure Waffenstillstands fort. Das Besatzungsregime flog in diesem Zeitraum nahezu täglich[64] Luftschläge, die explizit darauf abzielten die verbleibende Infrastruktur und jeglichen zivilen Wiederaufbau im Südlibanon im Keim zu ersticken. Dabei töteten die israelischen Angriffe mindestens 397 Menschen.[65] Unter anderem in Schlägen gegen Flüchtlingslager[66], dicht besiedelte Wohngebiete[67] und einem Massaker nahe der Grenze, bei dem israelische Soldaten 22 Menschen töteten und 124 verletzten, die zurück zu ihren Dörfern im Südlibanon reisten.[68] Hisbollah warf der libanesischen Regierung vor, versagt zu haben, Israel zur Einhaltung des Waffenstillstands zu zwingen.

Gleichzeitig geriet die Hisbollah an der innerlibanesischen politischen Front zunehmend unter Druck, da politische Gegner die Schwächephase nach dem Krieg auszunutzen versuchten. Präsident Joseph Aoun und Teile der Regierung trieben die Forderung nach einem staatlichen Waffenmonopol voran und erließen ein Verbot der militärischen Aktivitäten der Hisbollah. Die Hisbollah widersetzte sich diesen Bestrebungen, da eine Entwaffnung den Libanon auf dem Papier de facto wehrlos zurückgelassen und der ständigen israelischen Zerstörung sowie Besatzung schutzlos ausgeliefert hätte.[69]

Exkurs: Der Fall Assads

Wir haben in Kollaboration mit unserem Syrien-Korrespondenten unzählige Artikel und Analysen zu dem Fall Assads und der neuen syrischen Führung, sowie Rojava und Kurdistan geschrieben. Zur Vertiefung; hier findest du unsere Syrien-Beiträge.

Die Türkisch-finanzierte Al-Qaida-Ablegerin Haiʾat Tahrir asch-Scham (HTS) begann seinen Vorstoß auf Aleppo an dem Tag, an dem Israel und die Hisbollah in Libanon einen Waffenstillstand vereinbarten. Die Schwächung der Hisbollah durch den israelischen Krieg war eine notwendige Bedingung für den Erfolg der Blitzoffensive.

Russland war durch den Ukrainekrieg militärisch gebunden und hatte seine Bodentruppenpräsenz in Syrien seit 2022 deutlich reduziert. Iran hatte seine Militärpräsenz in Syrien in den Vorjahren schrittweise verringert; teils auf Druck Assads, der sich mit arabischen Staaten normalisieren wollte, teils wegen israelischer Luftschläge, die Teheran zwangen, Schlüsselpersonal abzuziehen. Ende 2024 verfügte der Iran in Syrien nur noch über einen Notfallverband. Als die Terroristen der HTS vorrückten, leisteten Assads Truppen kaum Widerstand; iranische Kommandeure erklärten, man könne nicht stellvertretend für eine kampfunwillige Armee kämpfen. Weder die Hisbollah noch irakische Milizen griffen ein.

Für die Hisbollah bedeutete Assads Sturz den Verlust einer Infrastruktur, die ihre militärische Handlungsfähigkeit seit Jahrzehnten fundierte. Syrien war der Landkorridor, über den der Iran Waffen, Munition und logistische Unterstützung in den Libanon transferierte – über Irak nach Syrien und dann weiter in den Libanon. Mit der neuen, jedem Widerstand zur US-Hegemonie in der Region feindlich gesinnten Regierung in Damaskus ist diese Route unterbrochen. Der Iran ist seitdem auf deutlich teurere, indirekte Wege angewiesen; Lufttransporte über Beirut sind riskanter geworden, und der Iran operiert ohnehin unter massivem Sanktionsdruck.[70] Hisbollah-Generalsekretär Naim Qassem räumte den Verlust der Versorgungsroute in einer Rede ein und spielte ihn als „Detail im Widerstand“ herunter – man werde alternative Wege suchen:

„Yes, Hezbollah has lost the military supply route through Syria at this stage, but this loss is a detail in the resistance’s work […] A new regime could come and this route could return to normal, and we could look for other ways […] We also hope that this new ruling party will consider Israel an enemy and not normalise relations with it. These are the headlines that will affect the nature of the relationship between us and Syria.“[71]

Die Hisbollah verlor ihre Positionen in Syrien, von Qusayr bis Hama und Ostghuta. Gleichzeitig brachen die Schmuggelnetzwerke weg, über die die Hisbollah gemeinsam mit Assad-nahen Akteuren die Captagon-Produktion[72] betrieben hatte; ein bedeutender Finanzierungsstrang, der über Jahre die Parallelökonomie der Bewegung mitfinanziert hatte.

Der Verlust Syriens traf die Hisbollah auf drei Ebenen: militärisch durch die unterbrochene Waffenversorgung, geographisch durch den Wegfall der strategischen Möglichkeiten und ökonomisch durch den Kollaps der über Syrien organisierten Finanzierungsstrukturen. Der libanesische Journalist Omar Harkous formulierte es so:

„With Assad gone, Hamas weakened, Iraqi factions fractured, and the Houthis consumed by their own battles, the engine that once sustained the axis no longer exists. Hezbollah cannot play the same regional role without that structure around it.“[73]

Israel nutzte das entstandene Machtvakuum sofort. Noch am Wochenende des Assad-Sturzes erklärte die israelische Regierung das Waffenstillstandsabkommen zwischen Syrien und Israel von 1974 für hinfällig und startete die Operation „Pfeil von Baschan“. Israelische Truppen übernahmen illegal die Kontrolle über die demilitarisierte Zone und den Gipfel des Hermon – beides syrisches Territorium jenseits der seit 1967 besetzten und 1981 annektierten Golanhöhen.

Die israelische Luftwaffe flog über 130 Angriffe quer durch Syrien und vernichtete nach eigenen Angaben innerhalb von 48 Stunden 70 bis 80 Prozent der syrischen Militärkapazitäten, darunter nahezu die gesamte Luftabwehr und alle Radarsysteme – womit eine zentrale Barriere gegen künftige israelische Angriffe auf den Iran wegfiel. Im Dezember 2024 kündigte die Netanyahu-Regierung an, die Siedlungen auf den Golanhöhen auszubauen und die israelische Bevölkerung dort zu verdoppeln.[74]

Der Salam-Plan: Offensive zur Entwaffnung (2024–2026)

Die andauernde Waffenruhe legte abseits der Hisbollah den Grundstein für eine radikale Umgestaltung der libanesischen Sicherheitsarchitektur. Während das israelische Sicherheitskabinett das Abkommen mit 10:1 Stimmen[75] billigte und der libanesische Parlamentspräsident Nabih Berri die libanesische Zustimmung sicherte, begann im Schatten dieses „Friedens“ (UNIFIL registrierte (kein Witz) 10.000 israelische Verletzungen der Waffenruhe[76]) ein diplomatisches Ringen um das staatliche Gewaltmonopol Libanons.

Der Kern des Abkommens sah vor, dass sich Israel innerhalb von 60 Tagen aus dem Südlibanon zurückzieht, während die libanesische Armee (LAF) gemeinsam mit der UNIFIL die Kontrolle südlich des Litani übernimmt. Die Hisbollah wurde verpflichtet, ihre Kämpfer und schweren Waffen vollständig hinter den Fluss zu verlegen – eine Forderung, die bereits die implizite Entwaffnung in sich trug.

Diese Dynamik verschärfte sich drastisch durch den Fall des Assad-Regimes im Dezember 2024 (siehe oben), der die wichtigste logistische Lebensader der Hisbollah kappte. In diesem Moment der strategischen Verwundbarkeit verabschiedete die libanesische Regierung unter Premierminister Nawaf Salam am 17. September 2025 einen historischen fünfphasigen Entwaffnungsplan.

Trotz des demonstrativen Austritts der schiitischen Minister – wie Arbeitsminister Mohammad Haidar – aus der Kabinettssitzung wurde der Plan mit 18:4 Stimmen durchgesetzt. Unterstützt durch massive US-Waffenlieferungen, darunter Abrams-Panzer und modernste Munition, begann die LAF mit der systematischen Demilitarisierung der Organisation.

Der Plan war in folgende Phasen unterteilt:

  • Phase 1 (bis 31.12.2025): Vollständige Räumung des Gebiets südlich des Litani bis zur israelischen Grenze. Dies umfasste die Zerstörung von Tunneln und Raketenlagern in über 50 Grenzdörfern wie Aitaroun und Kfarkela.
  • Phase 2 (März 2026): Ausweitung der Inspektionen und Waffenkonfiszierungen in das Gebiet nördlich des Litani bis nach Nabatiyeh.
  • Phase 3 (Juni 2026): Vorstoß in die zentralen Basen im Beiruter Dahieh-Viertel.
  • Phase 4 (September 2026): Auflösung der iranischen Depots im Bekaa-Tal und Baalbek.
  • Phase 5 (Ende 2026): Die vollständige Integration der verbleibenden Kämpfer in die LAF unter Gewährung einer allgemeinen Amnestie.

Die Hisbollah reagierte auf diesen Plan mit einer Mischung aus öffentlicher Verachtung und militärischem Pragmatismus. Während Naim Qassem die Entwaffnung als „Verrat an der Widerstandsachse“ brandmarkte, zwang die Realität die Führung zur Kooperation in Phase 1.

Bis zum 7. Januar 2026 meldete die LAF den Vollzug: Über 200 Kilometer des Tunnelnetzes (darunter 196 identifizierte Hochburgen) wurden geräumt oder gesprengt, und rund 5.000 Raketen sichergestellt.[77] Die Hisbollah bestätigte, keine militärische Präsenz südlich des Litani mehr zu unterhalten.

Dieser Rückzug war jedoch weniger ein Bekenntnis zum Staat als vielmehr das Resultat der Schwächung der Hisbollah durch die andauernden israelischen Angriffe.

Bis März 2026 war das Arsenal zwar merklich dezimiert, doch die Organisation verfügte weiterhin über relevante Raketenvorräte und Startkapazitäten. Entgegen mancher Annahmen über einen totalen Zusammenbruch (wie gerne von Seiten der libanesischen Regierung behauptet wird) wird die Zahl der verbleibenden Kämpfer (inklusive Reservisten) noch immer auf etwa 50.000 geschätzt[78] – was nahe an der ursprünglichen Stärke von 45.000 bis 60.000 liegt. Im Krieg 2024 sollen rund 5.000 Hisbollah-Kämpfer getötet worden sein.[79]

Dabei bleibt festzuhalten, dass verlässliche Daten kaum zugänglich sind: Informationen von israelischer Seite, libanesischen Regierungsstellen und der Hisbollah selbst widersprechen sich oft massiv, da jede Partei die Zahlen im Sinne der eigenen Interessen instrumentalisiert.

Die Kooperation der Hisbollah mit staatlichen Plänen diente der Organisation primär als taktische Atempause, um sich gemäß ihrer Strategie der „Verweigerung“ neu zu formieren. Der Übergang zu Phase 2 des Abkommens wurde mit dem völkerrechtwidrigen US-israelischen Angriff auf den Iran im März 2026, gebrochen. Der Versuch der LAF in die Phase 2 überzugehen wurde seitens der Hisbollah verweigert. Am 5. März registrierte die LAF die Rückkehr von Kämpfern der Hisbollah-Spezialeinheit südlich des Litani.[80]

2026 – Operation „Eaten Straw“

Als die Hisbollah am 2. März 2026, fünf Tage nach Beginn des völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Iran, erstmals seit der „Waffenruhe“ vom November 2024 wieder Raketen auf ein Raketenabwehrsystem Israels abfeuerte, bezeichnete sie den Angriff selbst als Reaktion auf die Tötung Ali Khameinis und die den de-jure Waffenstillstand andauernden Angriffe Israels.[81]

Die Bewegung wollte Israel zum Abzug aus besetzten libanesischen Gebieten zwingen, die das israelische Militär trotz der Waffenstillstandsbedingungen weiter besetzt hielt (siehe oben). Natürlich muss man den Zeitpunkt (wie bereits 2023) auch als Öffnung einer zweiten Front zur Unterstützung des Irans betrachten. Dabei kündigte die Hisbollah bereits im Vorhinein an, Raketenangriffe wieder aufzunehmen, sollte Ali Khameini getötet werden – sie hielten ihr Wort.[82]

„Hezbollah finally ended this uncertainty when it attacked Israel. In the first statement issued by its Islamic Resistance, the group framed the operation as „retaliation the criminal Zionist enemy cruelly and treacherously shedding the pure blood of…Khamenei.“ The statement then also described the barrage as a delayed act of self-defense against Israel’s ongoing operations in Lebanon, which is how the group has since tried to reframe its decision to attack Israel.“[83]

In Reaktion bombardierte Israel über siebzig Ziele in Dahieh und im Südlibanon, mehr als fünfzig Dörfer wurden evakuiert, Hisbollahches Geheimdienstchef Hussein Makled getötet. Quasi über Nacht wurden 1.2 Millionen Libanesen südliche des Litani evakuiert.[84] Über 50 wurden getötet, hunderte Weitere verletzt[85].

Premierminister Nawaf Salam antwortete auf den Wiedereintritt der Hisbollah mit einem vollständigen Verbot aller militärischen Aktivitäten der Bewegung. In der Antwort der Hisbollah heißt es:

„We understand the Lebanese government’s impotence in the face of the brutal Zionist enemy, which violates national sovereignty, occupies land, and poses a continuous threat to the country’s security and stability […] However, given this clear weakness and deficiency, we see no justification for Prime Minister Salam and his government to take such aggressive measures against the Lebanese who reject the occupation.“[86]

Bereits am 3. März nahm Israel die Bodenoperationen wieder auf. Die israelische Luftwaffe griff Waffenlager, Kommandozentren und Kommunikationsinfrastruktur an und zerstörte die Studios der hisbollahnahen Sender Al-Nour und Al-Manar.

Getrennt davon tötete Israel Davoud Alizadeh, den Kommandeur des Quds-Force-Libanon-Korps, in Teheran selbst. Als am 4. März im Dorf Yohmor Wohngebäude in Flammen aufgingen, stellte sich heraus, dass Israel dort erneut völkerrechtswidrige Phosphorbomben eingesetzt hatte.[87]

Am selben Tag marschierten die ersten Hisbollah-Spezialeinheiten zurück südlich des Litani, die Entwaffnung war beendet – der Krieg zwischen Hisbollah und Israels durch den illegalen Angriff der Vereinigten Staaten und Israel auf den Iran wieder aufgenommen.

Sanität, Brücken, Journalisten

In der Nacht des 7. März führte das israelische Militär in der ostlibanesischen Ortschaft Nabi Chit in der Bekaa-Ebene eine verdeckte illegale „Kommandooperation“ durch. Offiziell mit dem, nach den sterblichen Überresten des seit 1986 vermissten israelischen Piloten Ron Arad zu suchen. Nach Angaben der Hisbollah begann die Operation mit dem Eindringen von vier israelischen Hubschraubern, die aus Richtung der syrischen Grenze kamen und Soldaten im Gebiet zwischen den Dörfern Yahfoufa, al-Khraiba und Maarbon absetzten.

Die israelische Einheit habe anschließend versucht, in Richtung des östlichen Viertels von Nabi Chit vorzurücken. Hisbollah-Kämpfer erklärten, sie hätten die israelischen Truppen bereits während der Landung beobachtet und ihnen im Bereich des Friedhofs von Nabi Chit einen Hinterhalt gelegt. Dort sei es zu direkten Gefechten auf kurze Distanz gekommen. Durch das überraschende Feuergefecht sei die israelische Einheit in Unordnung geraten und ihre Präsenz den Widerstandskräften in der gesamten Grenzregion bekannt geworden.[88]

Nach Sichtung der israelischen Truppen eröffneten Hisbollah-Einheiten das Feuer, woraufhin Israel massive Luftunterstützung einsetzte. Bei den anschließenden israelischen „fire belt“-Angriffen (massive Bombardierung des Umkreises zur Einkesselung) wurden 41 Menschen getötet, darunter drei Soldaten der libanesischen Armee sowie zahlreiche Zivilisten. Die israelischen Truppen zogen sich schließlich ohne die Überreste Arads zurück.[89]

Am folgenden Tag griff die israelische Marine ein Hotel im Zentrum Beiruts an und tötete dabei mehrere hochrangige Kommandeure des Quds-Force-Libanon-Korps der IRGC. Die gezielte Ausschaltung iranischer Offiziere in der libanesischen Hauptstadt signalisierte, in welchem Ausmaß Israel den Krieg als Gelegenheit nutzte, die gesamte operative Infrastruktur des iranisch-libanesischen Militärbündnisses zu zerstören – unabhängig von (offiziell weiterhin bestehenden) Waffenruhevereinbarungen.

Am 13. März traf ein israelischer Luftschlag ein Gesundheitszentrum in Burj Qalaouiyah und tötete dabei nahezu das gesamte medizinische Personal aus Sanitätern, Ärzten und Krankenschwestern; nur ein schwer verletzter Mitarbeiter überlebte, weitere Personen galten als vermisst.[90]

Das Muster war bekannt: Bereits in den Vormonaten hatte das israelische Militär systematisch Rettungszentren, Krankenhäuser und Sanitäterteams angegriffen und dabei Dutzende Schulen, Krankenhäuser, Primärgesundheitszentren und Krankenwagen beschädigt oder zerstört. Dabei ist es natürlich nicht so, dass Israel dass einfach aus „Bosheit“ tue (wobei man das zerstören von Krankenhäusern mit Sicherheit so bezeichnen könnte), sondern damit kalkuliert, dass sich bei Genügend Zerstörung humanitärer Strukturen die dortige Gesellschaft (bzw. Regierungen) gegen die proklamierte Begründung der Zerstörung (in diesem Falle die Hisbollah) erhebt – eine Taktik die bei Israels Kriegsführung soweit Teil des Normzustands ist, dass sie (wie oben dargelegt) als „Dahiya-Doktrin“ der israelischen Zerstörung Südbeiruts („Dahiya“) 2006 benannt ist.

Im März zerstörte Israel die Qasmiyeh-Brücke, die wichtigste Brücke über den Litani-Fluss und zentrale Verbindungsachse zwischen dem Südlibanon und dem Rest des Landes. Verteidigungsminister Israel Katz hatte zuvor angekündigt, alle Litani-Übergänge zu vernichten.[91] Wochen später zerstörte Israel auch die letzte verbleibende Brücke über den Fluss. Der Südlibanon war damit von der Versorgungsinfrastruktur des Landes abgeschnitten – die humanitäre Belagerung vervollständigte die militärische.

Ende März tötete ein israelischer Luftschlag in Jezzine zwei Journalisten: Ali Choeib, der für den hisbollahnahen Sender Al-Manar arbeitete, und Fatima Ftouni vom hisbollahnahen Al Mayadeen.[92] Das israelische Militär bezeichnete Choeib als Mitglied der Radwan-Einheit und veröffentlichte ein Foto als Beleg – ein Foto, das ein Militärsprecher anschließend als „photoshoppt“ einräumte:

„The Israeli military also posted a photograph of Shoaib dressed in military fatigues, but when asked by Fox News to provide the image, a spokesperson said: „Unfortunately there isn’t really a picture of it, it was photoshopped.““[93]

Bis Ende März töteten die israelischen Angriffe über 1.100 Menschen, darunter mindestens 200 Zivilisten.[94] Eine Zahl, die bereits von der ersten Woche Aprils übertroffen werden sollte.

Regierung, Hisbollah und die Frage der Souveränität

Die israelische Offensive provozierte nicht nur eine militärische Antwort, sondern eine innenpolitische Krise von historischer Dimension. Premierminister Nawaf Salam verbot der Hisbollah alle militärischen Aktivitäten, forderte die Bewegung zur Entwaffnung und zur Übergabe ihrer Waffen an den Staat auf.[95]

Der libanesische Justizminister forderte die Staatsanwaltschaft auf, diejenigen zu verhaften, die vom Südlibanon aus Raketen abgefeuert hatten. Das Kabinett beschloss, alle in Beirut anwesenden IRGC-Offiziere zu verhaften und auszuweisen – innerhalb kurzer Zeit verließen Dutzende iranische Offiziere, überwiegend Mitglieder der Quds Force, das Land.[96]

Ende März erklärte die libanesische Regierung den iranischen Botschafter im Land ab, da dieser mit der Unterstützung der Hisbollah den Libanon in den Amerikanischen Krieg gegen den Iran hineingezogen hätte:

„The ministry said in a statement that it had summoned the Iranian charge d’affaires in Lebanon and informed him of „the Lebanese state’s decision to withdraw approval of the accreditation of the appointed Iranian ambassador, Mohammad Reza Sheibani, and declare him persona non grata, demanding that he leave Lebanese territory no later than next Sunday“.[97]

Der Informationsminister erließ eine Direktive, die allen staatlichen und privaten Medien verbot, die Hisbollah weiterhin als „Widerstand“ zu bezeichnen. Die parlamentarischen Wahlen wurden um zwei Jahre, in den März 2028, verschoben, um sich auf die „Nachkriegsphase“ vorzubereiten.[98]

Die Hisbollah antwortete auf diese Maßnahmen mit offenen Drohungen. Der Hisbollah-Sicherheitsbeamte Wafiq Safa erklärte, die Bewegung werde die Regierung dazu bringen, das Verbot zurückzunehmen, „ungeachtet der Methode“, und drohte eine Rückkehr zur Straßengewalt der Mai-Unruhen von 2008 an.[99] Ein weiterer Funktionär verglich Präsident Aoun mit Anwar Sadat – jenem ägyptischen Staatschef, der nach dem Camp-David-Abkommen mit Israel von der ägyptischen al-Dschihad (später in Al-Qaida aufgegangen) ermordet worden war.[100] Mahmoud Qamati, stellvertretender Vorsitzender des politischen Rates der Hisbollah, drohte:

„Eine indirekte Konfrontation mit dem politischen Establishment ist nach dem Ende des Krieges unvermeidlich […] die Vichy-Regierung hat Widerstandskämpfer verhaftet und hinrichtete, bevor sie gestürzt wurde und die Verräter in ihr hingerichtet wurden […] [die Hisbollah] ist in der Lage, das Land und die Regierung zu stürzen, unsere Geduld hat Grenzen […] die Verräter werden den Preis für ihren Verrat zahlen“.[101]

Die rechten Lebanese Forces brachten im Gespräch mit dem französischen Präsidenten Macron sogar die Wiederbewaffnung ihrer eigenen Parteiarmeen ins Gespräch, um die als unzureichend empfundene staatliche Aktion gegen die Hisbollah zu kompensieren.[102]

Operation Ewige Dunkelheit

Am 8. April einigten sich Israel und der Iran auf einen zweiwöchigen Waffenstillstand im Irankrieg. Der pakistanische Premierminister Shehbaz Sharif erklärte, das Abkommen schließe alle Fronten des Krieges ein, auch den Libanon. Israel wies diese Darstellung umgehend zurück.[103] Die USA bestätigten Israels Position. Bis zu diesem Zeitpunkt töteten israelische Angriffe auf den Libanon 1.500 und vertrieb 1.2 Millionen aus ihrer Heimat.

Stunden nach der Ankündigung des Waffenstillstands startete das israelische Militär Operation „Ewige Dunkelheit“: Innerhalb von wenigen Minuten wurden nach israelischen Angaben über hundert Ziele getroffen.[104] Es waren die schwersten Einzelschläge seit den Pager-Angriffen des Vorjahres und töteten mindestens 357 Menschen in zehn Minuten.[105] Die Hisbollah hatte ihre eigene Feuerpause erklärt, nachdem der Iran den Waffenstillstand akzeptiert hatte. Sie schoss nicht. Israel schoss dennoch. Der Waffenstillstand mit dem Iran hatte als diplomatische Abdeckung für den massivsten Angriff des Krieges auf den Libanon gedient. Der Iran nannte die Angriffe als Begründung für die Blockade der Straße von Hormus.[106]

Die Angriffe des 8. April (der „schwarze Mittwoch“[107]) waren in ihrer Gräuel und Dreistigkeit seitens der israelischen Armee so ausschlaggebend, dass er neben dem Generalsekretär der Vereinigten Nationen António Guterres und einer langen Liste von Staatschefs auch von Papst Leo XIV. und selbst der Europäischen Union verurteilt wurde.[108] Für letztere wohl auch, weil Israel mit ihrer Aktion und der darauffolgenden Blockade der Straße von Hormus nun die gesamte Weltwirtschaft ins Wanken gebracht hatte.

Mitte April verkündete Trump nach Gesprächen mit Netanyahu und Aoun eine zehntägige Waffenruhe zwischen Israel und dem Libanon. Israelische Truppen behielten ihre Positionen im Südlibanon, und das israelische Militär warnte die Bevölkerung, nicht in die besetzten Gebiete zurückzukehren. Die Zahl der Ortschaften, aus denen Rückkehr verboten war, belief sich auf Dutzende.

Was folgte, dokumentierten Journalisten und UN-Beobachter im Detail: Artilleriebeschuss, Drohnenangriffe, Hausdurchsuchungen, das Legen von Sprengfallen und systematische Brandrodung von Wäldern. Israel setzte die Abrissarbeiten an Häusern in besetzten Gebieten im Großmaßstab fort.[109]

In Bint Jbeil, der Hauptkampfzone der Bodenoffensive, wurden Wohngebiete systematisch dem Erdboden gleichgemacht. Netanyahu besuchte die israelischen Truppen im Libanon und erklärte, Israel werde „genau wie in Gaza“ vorgehen, einschließlich des Abrisses von Häusern, damit sie nicht als „Terrorbastionen“ dienen könnten.

Ein französischer UNIFIL-Soldat wurde bei einem Angriff in Deir Kifa getötet, drei weitere verletzt. Frankreich machte die Hisbollah verantwortlich, die dies bestritt. Das israelische Militär veröffentlichte eine Karte der sogenannten „Gelben Linie“; einer selbst deklarierten Kontrollzone im Südlibanon, die über das tatsächlich von israelischen Bodentruppen besetzte Territorium hinausging und auch Gebiete nördlich des Litani einschloss.

Ein israelischer Soldat zerschlug wenige Tage nach Inkrafttreten der Waffenruhe eine Jesusstatue in der südlibanesischen christlichen Ortschaft Debel; ein Vorgang, der durch ein viral gegangenes Video dokumentiert wurde und internationale Verurteilung auslöste, einschließlich einer Reaktion der israelischen Regierung selbst.

Ende April verlängerte Trump die Waffenruhe um drei Wochen[110] – nach einem Treffen des libanesischen und des israelischen Botschafters in Washington, das selbst eine historische Neuerung darstellte: Jegliche Kontakte zu Israel waren bis zu diesem Zeitpunkt für alle politischen Hauptkräfte des Libanons tabu gewesen. Die Hisbollah lehnt jegliche Gespräche unter Befeuerung ab.

Dass man sich nun mit Israel an den Tisch setzt, hat letztlich auch damit zu tun, dass dieser Krieg selbst innerhalb der schiitischen Basis immer unbeliebter wird. Die Dahiya-Doktrin wirkt. Die Amal-Bewegung lehnt diesen Krieg ab und erklärt die Militäraktionen der Hisbollah für illegal. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, an dem die anderen im Parlament vertretenen Parteien Gespräche mit Israel als sinnvolle Alternative zu der, selbst von immer größeren Teilen der schiitischen Basis, als permanentem Krieg empfundenen Politik der Hisbollah darstellen können.

Wie beliebt die Politik der Gespräche mit Israel mittlerweile ist, zeigt eine Gallup-Umfrage aus dem September 2025: Die Zustimmung zur libanesischen Führung war im Frühjahr 2025, nur wenige Monate nach dem Abschluss eines Waffenstillstands mit Israel im vorangegangenen Herbst sowie der Bildung einer neuen Regierung im Februar, auf ein Rekordhoch von 62% gestiegen, ein massiver Anstieg gegenüber den lediglich 16 % im Jahr 2024.[111] Der Bericht verdeutlicht, dass diese politische Neuausrichtung (auch hinsichtlich einer Neuausrichtung der Israelisch-Libanesischen Beziehungen) bei vielen Libanesen eine seltene Hoffnung auf echten Wandel geweckt hat. Die Dahiya-Doktrin wirkt.

Auf dem Schlachtfeld töteten israelische Angriffe Anfang Mai abermals Dutzende Menschen. Die Waffenruhe bestand auf dem Papier. So zerstörte die israelische Armee am 10. Mai binnen 24 Stunden 85 Infrastruktur-Einrichtungen (vermeintlich) der Hisbollah und tötete dabei mindestens neun Menschen, darunter ein kleines Mädchen.[112]

Auf der anderen Seite zeigt sich der IRGC-Umbau der Hezbollah (siehe oben) in einem qualitativen und quantitativen Anstieg der Hisbollah-Schläge. Zwischen dem 2. und 30. März feuerte die Hisbollah laut israelischen Quellen über 5.000 Raketen, Drohnen und Marschflugkörper auf Israel ab. Gleichzeitig gelang es ihren Bodeneinheiten, entlang der Südfront erhebliche materielle Verluste zu verursachen. Nach Angaben der Hisbollah wurden 136 Merkava-Panzer sowie weitere 26 Militärfahrzeuge zerstört – das entspricht den „Heaviest Tank Losses in Over 40 Years“ [113] für Israel. Darüber hinaus sollen mindestens elf israelische Soldaten getötet und über 300 verwundet worden sein.

Die militärische Bedeutung dieser Zahlen liegt weniger in der absoluten Höhe israelischer Verluste als vielmehr darin, dass die Hisbollah trotz jahrelanger Luftschläge, der Tötung großer Teile ihrer Führung und massiver Zerstörungen weiterhin in der Lage blieb, koordinierte, technisch komplexe und materialintensive Operationen gegen eine konventionell weit überlegene Armee durchzuführen.

Wie es für die Hisbollah weitergeht, wird letztlich nicht auf dem Schlachtfeld entschieden, sondern durch die libanesische Bevölkerung selbst. Der wachsende innenpolitische Druck auf die Hisbollah, die inzwischen selbst in Teilen ihrer schiitischen Basis immer stärker als Teil des korrupten Establishments gilt, stellt für die Organisation eine größere Gefahr dar als jeder Merkava-Panzer.

Schluss: Bonapartismus der Besatzung

Die Partei Gottes ist – das lässt sich nach vier Jahrzehnten ihrer Existenz mit einiger Gewissheit sagen – kein islamistischer Geheimdienst, kein exportiertes Revolutionsprojekt, kein bloßes Werkzeug Teherans. Sie ist das materielle Sediment einer langen Kette von Aggressionen, von denen der überwiegende Teil nicht aus dem Iran, sondern aus Tel Aviv und Washington seinen Ausgang nahm.

Der entscheidende Nachweis liegt im Zeitverlauf. Die schiitische Bevölkerung Südlibanons begrüßte 1982 die einrückenden israelischen Truppen mit Reis und Blumen. Sie hatte keinen Willen zur Konfrontation, keinen bewaffneten Widerstand, letztlich weil bevor Israel zum Besatzungsstaat wurde, die PLO von vielen als solche wahrgenommen wurde. Die Hisbollah existierte nicht. Was existierte, war eine in Jahrzehnten des Staatsversagens, der konfessionellen Marginalisierung und der durch (wiederum von der israelischen Gewalt gegen Palästina verursache) palästinensischen Präsenz zerrüttete Bevölkerung, die von Israel zunächst schlicht als potenzielle Verbündete gegen die PLO wahrgenommen worden war.

Was die Besatzung daraus aus der Bevölkerung Südlibanons machte, hat der ehemaliger israelische Ministerpräsident Ehud Barak selbst auf den Punkt gebracht: „Wir haben die Hisbollah durch unsere Präsenz erschaffen.“ Yitzhak Rabin sprach vom „schiitischen Flaschengeist“, den man aus der Flasche gelassen habe. Diese Einsicht wird im bürgerlichen Diskurs über die Hisbollah ausgeblendet.

Das imperialistische Fundament

Die US-amerikanische Nahostpolitik der Nachkriegszeit verfolgte ein konsistentes Ziel: die Sicherung des israelischen Staates als strategischem Vorposten westlicher Hegemonieinteressen in einer ölreichen, geopolitisch sensiblen Region.

Die Unterstützung für Israels Invasionen 1978 und 1982, die Billigung der syrischen Besatzung als Gegenleistung für arabische Unterstützung im Golfkrieg 1991 sowie der grüne Hügel für Sharon bei seinem mörderischen Vorgehen in Beirut waren rationale Entscheidungen einer Macht, die ihre Interessen sehr wohl kannte. Dass die Trümmer dieser Politik die Hisbollah hervorbrachten, war keine Absicht, sondern eine Konsequenz – ebenso wie dieselbe Politik anderswo auch andere Widerstands- und Terrorgruppen hervorgebracht hat: jene Art von Konsequenz, die der US-Imperialismus in Gestalt seines israelischen Partners stets bereit war, anderen aufzubürden.

Dabei ist der Kausalzusammenhang nicht auf die Gründungsphase beschränkt. Die Chronologie dieses Artikels zeigt, wie jede israelische Eskalation die Hisbollah reproduzierte, wo sie sie vernichten sollte. Die Invasion von 1982 schuf sie. Die Besatzung der 1990er Jahre professionalisierte sie. Der Abzug von 2000, herbeigebombt durch einen Zermürbungskrieg, festigte sie. Der Krieg von 2006 scheiterte an ihrer Standhaftigkeit und hinterließ eine Dahiya-Doktrin, die Israel bis heute anwendet: die systematische Zerstörung ziviler Infrastruktur als Kollektivstrafe, die die Bevölkerung gegen die Hisbollah aufbringen soll – und die, wie 2006 und erneut 2024, die Bevölkerung in die Arme ihres Wohlfahrtsapparats treibt. Die Ermordung Nasrallahs, der Pager-Anschlag, die Dekapitation der Führungsstruktur: Das alles hat die Hisbollah geschädigt, aber nicht aufgelöst. Was bleibt, ist eine Organisation, die trotz massiver Verluste über ausreichend soziale Verwurzelung verfügt, um externe Vernichtungsversuche zu überleben.

Vom Widerstand zum Establishment

Die innere Geschichte der Hisbollah ist dabei komplizierter als die äußere. Eine Bewegung, die aus dem Elend der schiitischen Peripherie hervorging, aus der sozialen Mobilisierung durch Musa al-Sadr, aus der Radikalisierung durch iranische Ausbilder und dem Schock der Invasion, hat in den vier Jahrzehnten ihres Bestehens eine vollständige Metamorphose durchlaufen. Die islamistische Gegenkultur der Bekaa-Ebene wurde zur Parlamentspartei, die parlamentarische Partei zum Wohlfahrtsstaat, der Wohlfahrtsstaat zur parallelen Ökonomie und zur Schutzschirmorganisation einer korrupten Ordnung, die sie rhetorisch stets bekämpfte.

Marx beschrieb den Bonapartismus als jene Herrschaftsform, in der ein starker Staat – oder eine Bewegung mit staatlicher Ambition – über dem Klassenkonflikt zu schweben scheint, weil keine der gesellschaftlichen Kräfte die nötige Dominanz erreicht, um die Ordnung aus eigener Stärke zu stabilisieren. Auf den Libanon gemünzt: Die schiitische Bevölkerung konnte im konfessionellen System niemals Hegemonie erlangen, die anderen Gemeinschaften waren zerstritten oder geschächt, der Staat zerbrochen. In dieses Vakuum trat die Hisbollah als Kraft, die vorgab, die „allgemeinen“ Interessen zu vertreten – Widerstand gegen Israel, Schutz der Entrechteten, nationale Souveränität – während sie in Wirklichkeit das konfessionelle System sicherte, das sie zu überwinden behauptete.

Linke Kräfte, allen voran die Kommunistische Partei Libanons, haben diesen Widerspruch früh benannt: Die Hisbollah kämpft mit der Waffe gegen die Besatzung, aber nicht mit der Politik gegen die Ausbeutung. Sie strebt an, das Land zu befreien, ohne die Menschen zu befreien, die auf diesem Land leben. Dieser Befund, geschärft durch die Thawra von 2019 und die katastrophale ökonomische Implosion, die an ihr scheiterte, ist heute breiter gesellschaftlich verankert als je zuvor. 79 Prozent aller Libanesen befürworten die Entwaffnung der Hisbollah, auch in der schiitischen Basis wächst die Entfremdung.

Das Symptom und seine Ursache

Die Frage, ob die Hisbollah eine Terrororganisation oder eine Widerstandsbewegung ist, beantwortet sich in diesem Rahmen nicht durch Klassifikation, sondern durch Kontextualisierung. Sie ist das Symptom einer imperialistischen Politik, die den Nahen Osten seit Jahrzehnten als Spielfeld eigener Interessen behandelt und dabei regelmäßig jene Kräfte produziert, gegen die sie vorgibt zu kämpfen. Gleichzeitig ist sie selbst zu einem Teil dieser Ordnung geworden, die sie aus dem Leiden der Entrechteten hervorgebracht hat.

Der Salam-Plan, die Gespräche mit Israel, der Abzug der IRGC-Offiziere, das Verbot militärischer Aktivitäten: Das sind keine Zeichen des Endes der Hisbollah, sondern Zeichen einer möglichen Verschiebung der Bedingungen, unter denen sie operiert. Ob diese Verschiebung mäßigend wirkt oder, wie so oft in ihrer Geschichte, neue Radikalisierungsschübe auslöst, hängt nicht primär von der Hisbollah selbst ab. Es hängt davon ab, ob Israel die besetzten Gebiete räumt, ob der libanesische Staat in der Lage ist, jene soziale Infrastruktur bereitzustellen, die die Hisbollah seit Jahrzehnten als ihr exklusives Herrschaftsinstrument nutzt, und ob die internationalen Garantiemächte – allen voran die Vereinigten Staaten – bereit sind, die Besatzungslogik aufzugeben, die die Partei Gottes historisch hervorgebracht hat.

Wer die Hisbollah überwinden will, muss den Boden beseitigen, auf dem sie wächst. Dieser Boden ist die Besatzung. Und die Besatzung ist das anhaltende Projekt jener Macht, die am lautesten nach Auflösung der Hisbollah ruft. Solange diese Paradoxie nicht aufgelöst wird, bleibt die Partei Gottes – geschwächt oder nicht – das, was sie von Beginn an war: die sichtbare Narbe eines Konflikts, dessen eigentliche Ursache anderswo liegt.


[1]https://www.washingtoninstitute.org/media/3195

[2]https://www.dailysabah.com/turkey/2013/05/27/the-name-hezbollah-should-be-changed-to-army-of-the-devil

[3] https://news.gallup.com/poll/699071/lebanese-say-army-weapons.aspx

[4]https://content.time.com/time/specials/packages/article/0,28804,2045328\_2045333\_2053630,00.html

[5]https://www.cia.gov/readingroom/docs/DOC\_0000361273.pdf

[6]https://www.cia.gov/readingroom/docs/DOC\_0000361273.pdf

[7]https://www.cia.gov/readingroom/docs/DOC\_0000361273.pdf

[8]https://middleeasttransparent.com/29-years-later-echoes-of-kuwait-17/

[9]https://www.nbcnews.com/news/world/hassan-nasrallah-hezbollah-leader-israel-says-killed-beirut-strike-rcna173053

[10]https://www.ibtimes.com/christian-sunni-shia-meet-hezbollahs-non-denominational-military-branch-defending-2169257

[11]https://web.archive.org/web/20080516070556/http://www.jeffreygoldberg.net/articles/tny/a\_reporter\_at\_large\_in\_the\_par.php

[12]https://web.archive.org/web/20080516070556/http://www.jeffreygoldberg.net/articles/tny/a\_reporter\_at\_large\_in\_the\_par.php

[13]https://english.alahednews.news/14178/446

[14]https://en.wikipedia.org/wiki/South\_Lebanon\_conflict\_(1985%E2%80%932000)

[15]https://www.inss.org.il/publication/annexation-and-the-withdrawal-from-lebanon/

[16]https://www.dw.com/de/tribunal-kein-beweise-gegen-hisbollah-und-syrien-bei-hariri-attentat/a-54605862

[17]https://www.sueddeutsche.de/politik/hariri-beirut-urteil-1.5002288

[18]http://news.bbc.co.uk/2/hi/middle\_east/5257128.stm

[19]https://web.archive.org/web/20060820090511/http://www.mfa.gov.il/MFA/Terrorism-+Obstacle+to+Peace/Terrorism+from+Lebanon-+Hizbullah/Israel-Hizbullah+conflict-+Victims+of+rocket+attacks+and+IDF+casualties+July-Aug+2006.htm

[20]https://www.hintergrund.de/wp-content/uploads/2015/09/15-The-New-Hezbollah-Manifesto-Nov09.pdf

[21]https://www.hintergrund.de/wp-content/uploads/2015/09/15-The-New-Hezbollah-Manifesto-Nov09.pdf

[22]https://www.hintergrund.de/wp-content/uploads/2015/09/15-The-New-Hezbollah-Manifesto-Nov09.pdf

[23]https://english.alarabiya.net/News/middle-east/2013/06/02/Top-cleric-Qaradawi-calls-for-Jihad-against-Hezbollah-Assad-in-Syria

[24]https://www.birgun.net/haber/socialists-of-middle-east-interview-with-the-lebanese-communist-party-156887

[25]https://jacobin.com/2026/02/lebanon-hezbollah-communists-israel-iran

[26]https://www.bbc.com/news/world-middle-east-50293636

[27]https://www.reuters.com/article/us-lebanon-economy/lebanon-banks-suck-in-dollars-to-maintain-peg-but-economy-stagnates-idUSKBN1L11IR/

[28]https://www.bbc.com/news/world-middle-east-50293636

[29]69 der insgesamt 128 Mandatsträger

[30]<https://www.reuters.com/article/world/uk/hezbollah-accuses-us-of-meddling-in-lebanons-crisis-idUSKBN1XW1YH/>

[31]https://middleeasttransparent.com/lebanon-poll-shows-drop-in-hezbollah-support-even-among-shia-majority-back-israel-boundary-talks/

[32]https://middleeasttransparent.com/lebanon-poll-shows-drop-in-hezbollah-support-even-among-shia-majority-back-israel-boundary-talks/

[33]https://www.mena-watch.com/hafenexplosion-in-beirut-hisbollah-droht-ermittelndem-richter/

[34]https://en.wikipedia.org/wiki/Hezbollah\#Electoral\_performance

[35]https://taz.de/Forscher-ueber-Libanon/!6043366/

[36]https://www.arabnews.com/node/1791476/%7B%7B

[37]https://reliefweb.int/report/lebanon/implementation-security-council-resolution-1701-2006-during-period-3-november-2022-20-february-2023-report-secretary-general-s2023184-enar

[38]https://www.hrw.org/news/2023/12/07/israel-strikes-on-journalists-in-lebanon-apparently-deliberate?utm\_source=chatgpt.com

[39]https://www.rosalux.de/en/news/id/52178/hezbollah-goes-it-alone

[40]https://web.archive.org/web/20231101005723/https://abcnews.go.com/International/wireStory/amnesty-international-israeli-forces-wounded-lebanese-civilians-white-104521713

[41]https://www.nytimes.com/2023/10/13/world/middleeast/lebanon-israel-reuters-issam-abdullah-killed.html

[42]Houla

[43]https://www.memri.org/reports/public-uproar-lebanon-following-hamas-lebanons-announcement-new-resistance-organization-we

[44]https://today.lorientlejour.com/article/1359928/al-aqsa-flood-vanguards-unit-hamasland-in-south-lebanon.html

[45]https://www.bbc.com/news/world-middle-east-67866346

[46]https://www.aljazeera.com/news/2024/2/14/mother-two-children-among-lebanese-killed-by-israel-in-air-raids

[47]https://www.bbc.com/news/world-middle-east-68675608

[48]https://www.barrons.com/news/hezbollah-says-2-paramedics-fighter-dead-in-israeli-strike-on-lebanon-632e6ec8

[49]https://www.barrons.com/news/lebanon-says-3-dead-74-injured-in-israeli-strike-on-south-beirut-2cc62bba

[50]https://www.aljazeera.com/news/2024/9/21/death-toll-from-israeli-strike-on-beirut-suburb-rises-to-31

[51]https://www.reuters.com/world/middle-east/hezbollahs-tunnels-flexible-command-weather-israels-deadly-blows-2024-09-25/

[52]https://www.aljazeera.com/news/2024/11/6/lebanon-files-complaint-against-israel-at-un-labour-body-over-pager-attacks

[53]https://www.ohchr.org/en/press-releases/2024/09/exploding-pagers-and-radios-terrifying-violation-international-law-say-un

[54]https://shafaq.com/en/World/Nasrallah-s-funeral-1-4-million-mourners-organizers-say

[55]https://www.al-monitor.com/originals/2025/12/hezbollah-still-dominant-among-lebanons-shiite-ground-shifting

[56]https://middleeasttransparent.com/lebanon-poll-shows-drop-in-hezbollah-support-even-among-shia-majority-back-israel-boundary-talks/

[57]https://www.al-monitor.com/originals/2025/12/hezbollah-still-dominant-among-lebanons-shiite-ground-shifting

[58]https://www.reuters.com/world/middle-east/israeli-attacks-have-killed-4047-people-lebanon-lebanese-minister-says-2024-12-04/

[59]https://www.nbcnews.com/specials/zone-destruction-israel-southern-lebanon-towns-idf/

[60]https://aurora-israel.co.il/de/Die-Entscheidung-Israels\–an-f%C3%BCnf-Punkten-an-der-Grenze-zum-Libanon-zu-bleiben\–bis-wann/

[61]https://www.jpost.com/middle-east/iran-news/article-890705

[62]https://www.tbsnews.net/worldbiz/middle-east/how-irans-irgc-rebooted-lebanons-hezbollah-be-ready-war-1391986

[63]https://www.reuters.com/world/middle-east/pagers-drones-how-hezbollah-aims-counter-israels-high-tech-surveillance-2024-07-09/

[64]https://www.nytimes.com/2025/11/26/world/middleeast/imperial-israel-in-the-new-middle-east.html

[65]https://www.cbc.ca/news/world/lebanon-israel-iran-displacement-middle-east-9.7125631

[66]https://news.sky.com/story/israeli-strike-on-palestinian-refugee-camp-kills-13-says-lebanon-13472484

[67]https://edition.cnn.com/2025/03/28/middleeast/israel-strikes-southern-beirut-intl

[68]

[69]https://www.reuters.com/world/middle-east/lebanon-tasks-army-with-limiting-arms-state-forces-challenge-hezbollah-2025-08-05/

[70]https://nowlebanon.com/how-the-fall-of-the-syrian-regime-has-rewritten-hezbollahs-reality/

[71]https://www.reuters.com/world/middle-east/hezbollah-chief-says-group-lost-its-supply-route-through-syria-2024-12-14/

[72]https://www.csis.org/analysis/mohanad-hage-ali-hezbollah-and-captagon-trade

[73]https://nowlebanon.com/how-the-fall-of-the-syrian-regime-has-rewritten-hezbollahs-reality/

[74]https://www.swp-berlin.org/10.18449/2025C09/

[75]https://www.reuters.com/world/middle-east/israel-hezbollah-ceasefire-takes-effect-2024-11-27/

[76]https://www.aljazeera.com/news/2026/1/8/lebanons-army-says-phase-one-of-hezbollah-disarmament-in-south-completed

[77]https://www.mena-watch.com/wie-geht-es-im-suedlibanon-weiter/

[78]https://blog.prif.org/2026/03/06/hezbollah-is-weak-but-not-yet-defeated/

[79]https://www.reuters.com/business/aerospace-defense/hezbollah-elite-fighters-return-south-lebanon-fight-israeli-troops-lebanese-2026-03-05/

[80]https://www.reuters.com/business/aerospace-defense/hezbollah-elite-fighters-return-south-lebanon-fight-israeli-troops-lebanese-2026-03-05/

[81]https://mondoweiss.net/2026/03/millions-at-risk-of-displacement-as-israel-bombards-lebanon/

[82]https://www.fdd.org/analysis/2026/03/06/why-hezbollah-joined-the-iran-war/

[83]https://www.fdd.org/analysis/2026/03/06/why-hezbollah-joined-the-iran-war/

[84]https://mondoweiss.net/2026/03/millions-at-risk-of-displacement-as-israel-bombards-lebanon/

[85]https://english.ahram.org.eg/NewsContent/2/8/563282/World/Region/Hezbollah-condemns-Lebanon-ban-on-its-military-act.aspx

[86]https://www.aljazeera.com/news/2026/3/2/lebanese-pm-nawaf-salam-announces-ban-on-hezbollah-military-activities

[87]https://www.hrw.org/news/2026/03/09/lebanon-israel-unlawfully-using-white-phosphorus

[88]https://www.alquds.com/en/posts/230679

[89]https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2026/3/7/iran-war-live-trump-says-no-deal-with-iran-until-unconditional-surrender?update=4374831

[90]https://www.nytimes.com/2026/03/14/world/middleeast/lebanon-medical-workers-killed.html

[91]https://english.aawsat.com/arab-world/5254038-israel-strikes-main-bridge-south-lebanon-orders-destruction-homes-near-border

[92]https://today.lorientlejour.com/article/1501197/the-israeli-army-says-it-is-responding-to-a-missile-launch-from-yemen-the-first-since-the-start-of-the-war-live.html

[93]https://time.com/article/2026/03/30/these-are-the-journalists-israel-has-killed-since-the-start-of-the-iran-war/

[94]https://en.yenisafak.com/world/lebanon-death-toll-tops-1100-as-israeli-strikes-continue-3716342

[95]https://www.reuters.com/world/middle-east/israeli-military-says-projectiles-were-fired-lebanon-2026-03-01/

[96]https://today.lorientlejour.com/article/1497711/dozens-of-irgc-officers-left-beirut-in-the-past-2-days-according-to-axios.html

[97]https://english.aawsat.com/arab-world/5254657-lebanon-orders-iran%E2%80%99s-ambassador-leave-country-drawing-hezbollah-condemnation

[98]https://today.lorientlejour.com/article/1498225/to-prepare-for-post-war-lebanese-parliament-extends-mandate-by-2-years.html

[99]https://www.aljazeera.com/features/2026/3/24/iranian-irgc-ties-hezbollah-deepen-tensions-lebanese-politics

[100]https://today.lorientlejour.com/article/1504143/unacceptable-threat-condemnations-after-hezbollah-official-compares-aoun-and-sadat.html

[101]https://www.lebanondebate.com/article/805213-%D8%A8%D8%B9%D8%AF-%D8%AA%D8%AF%D8%A7%D9%88%D9%84-%D9%83%D9%84%D8%A7%D9%85-%D8%AE%D8%B7%D9%8A%D8%B1-%D8%B9%D9%86-%D8%A5%D8%B9%D8%AF%D8%A7%D9%85%D8%A7%D8%AA-%D9%82%D9%85%D8%A7%D8%B7%D9%8A-%D9%8A%D9%88%D8%B6%D8%AD-%D9%88%D9%8A%D9%86%D9%81%D9%8A

[102]https://www.elnashra.com/news/show/1768621/%D8%A5%D8%B3%D8%B1%D8%A7%D8%A6%D9%8A%D9%84-%D8%A7%D9%84%D9%8A%D9%88%D9%85-%D9%82%D9%88%D9%89-%D9%84%D8%A8%D9%86%D8%A7%D9%86%D9%8A%D8%A9-%D8%B7%D8%B1%D8%AD%D8%AA-%D8%AE%D9%84%D8%A7%D9%84-%D8%A7%D9%84%D8%A7%D8%AA%D8%B5%D8%A7%D9%84%D8%A7%D8%AA-%D9%85%D8%A7%D9%83%D8%B1

[103]https://www.aljazeera.com/news/2026/4/8/netanyahu-says-us-iran-ceasefire-does-not-include-lebanon

[104]https://www.reuters.com/world/middle-east/hezbollah-pauses-attacks-under-us-iran-ceasefire-sources-close-group-say-2026-04-08/

[105]https://www.reuters.com/world/middle-east/hezbollah-pauses-attacks-under-us-iran-ceasefire-sources-close-group-say-2026-04-08/

[106]https://www.theguardian.com/world/live/2026/apr/08/iran-war-ceasefire-live-updates-trump-deadline-middle-east-crisis-latest-news?filterKeyEvents=false&page=with%3Ablock-69d68acc8f087b69e62b8462\#block-69d68acc8f087b69e62b8462

[107]https://www.france24.com/en/video/20260409-black-wednesday-lebanon-declares-day-of-mourning-amid-ongoing-israeli-attacks

[108]https://en.wikipedia.org/wiki/8\_April\_2026\_Israeli\_attacks\_on\_Lebanon\#Reactions

[109]https://infoweb-newsbank-com.srv-proxy1.library.tamu.edu/apps/news/document-view?p=AWNB&docref=news/1A7913744817E258

[110]https://www.zdfheute.de/politik/ausland/israel-libanon-angriffe-nahost-100.html

[111]https://news.gallup.com/poll/695462/lebanon-sees-leadership-approval-spike.aspx

[112]https://www.zdfheute.de/politik/ausland/israel-libanon-angriffe-nahost-100.html

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