Epstein: Marxistische Antworten
Die Enthüllung einiger der E-Mails und Dateien des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein hat in der US-amerikanischen politischen Landschaft wie eine Bombe eingeschlagen. Der rund 30.000 Daten umfassende Datensatz ist dabei nur ein kleiner Teil der „Epstein-Files“, die überraschenderweise am 18. November nach jahrelanger Verzögerung durch den „Epstein Files Transparency Act“ im US-Repräsentantenhaus mit 427 Ja-Stimmen (bei einer Gegenstimme) beschlossen wurden und im Laufe der nächsten 30 Tage veröffentlicht werden sollen.
Die Daten, die dann offengelegt werden, werden natürlich große Teile der belastenden Details geschwärzt haben – dennoch lassen sich daraus wahrscheinlich Erkenntnisse gewinnen.
Während die ganze Welt über die Verstrickungen des Serien-Sexualstraftäters spricht, ist gerade die marxistische Welt überraschend leise. Das finden wir sehr schade, denn die Epstein-Angelegenheit bietet gerade gefundenes Fressen für reaktionäre Idealisten, die in Epsteins geopolitischem Mehrwert Beweise für eine jüdische Weltverschwörung und für Moloch anbetende Adrenochrom-Eliten sehen.
Missbrauchs-Lobbyist
Einen ausführlichen Überblick über Epsteins außenpolitische Bedeutung veröffentlichen wir morgen (23. Nov.) in Zusammenarbeit mit einem Gastautor.
Es ist gleichzeitig tatsächlich sehr wahrscheinlich, dass Epstein im Auftrag eines oder mehrerer Geheimdienste arbeitete, um die verwickelten Politiker, Monarchen und Besitzenden mit Druckmitteln zu belasten und im Umkehrschluss als Missbrauchs-Lobbyist die Interessen seiner Auftraggeber zu fördern („Honey Trapping“). In den bisher veröffentlichten E-Mails spricht Epstein wiederholt, jedoch in sehr unterschiedlichen Kontexten, von einer Autorität, auf deren „D’accord“ er warten müsse. Wer genau diese Autoritäten waren, lässt sich nur vermuten.
Dylan Howard behauptete bereits in seinem 2019 erschienenen Buch „Epstein: Dead Men Tell No Tales“, Epstein habe unter anderem im Auftrag des israelischen Geheimdienstes Mossad gehandelt. Ähnliches behaupten auch der rechte amerikanische Podcaster Tucker Carlson und die America First-Bubble um Nick Fuentes.
Wir bezweifeln ein direktes Anstellungsverhältnis, doch Epsteins Rolle in der israelischen Außenpolitik ist bereits bekannt: E-Mails zwischen Epstein und dem ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten und Verteidigungsminister Ehud Barak legen offen, dass sie gemeinsam nach „Gelegenheiten [suchten], um US-Angriffe auf den Iran zu fördern“.[1]
Epstein half Israel dabei, einen Kanal zu Russland aufzubauen, um mögliche Unterstützung für ein Ende Assads zu gewinnen – mit dem Ziel, die Hisbollah zu schwächen. Durch das Aufkommen von Daesh wandelten sich die Prioritäten in Syrien, wodurch dieser Plan zunächst scheiterte. Inwiefern diese von Epstein etablierten Kanäle genutzt wurden, um zehn Jahre später russische Unterstützung für Assad während der Offensive der türkisch finanzierten und pro-israelischen Miliz al-Jolanis zu verhindern, lässt sich nur spekulieren.
Eindeutigere Verbindungen hatte Epstein zu russischen Offiziellen, denen er scheinbar während des Kriegs in der Ukraine „Insights“ zu Trumps Ukrainepolitik lieferte.[2] Epstein pflegte Kontakte zum russischen UN-Botschafter Vitaly Churkin, wohl zu Außenminister Sergei Lawrow und hätte sogar beinahe Putins Rasputin, Alexander Geljewitsch Dugin, getroffen.
Ähnliche Kontakte bestanden zu Saudi-Arabien, dessen heutiger Kronprinz Mohammed bin Salman ihm aus Dankbarkeit (worüber ist noch unklar) mit einem luxuriösen Zelt beschenkte, wohlmöglich mit dem Europarat-Chef[3] und selbstverständlich einer ganzen Reihe an US-Amerikanischen Kapitalvertretern, Politikern und Präsidenten.
Nun wird es vielleicht den einen oder anderen wundern, was wir sagen werden: Nichts hiervon ist auch nur im Ansatz ungewöhnlich:
Bei allem, wohl auch Schockierenden, was sich in den kommenden Wochen noch offenbaren wird, lässt sich Folgendes mit Sicherheit festhalten: Jeffrey Epstein fungierte als Vermittlungsinstanz zwischen verschiedenen imperialistischen Staaten, die durch die Zusammenarbeit mit ihm zum einen Zugang zu einem extrem gut vernetzten Vertreter des Kapitals hatten und zum anderen vermutlich über Druckmittel gegenüber konkurrierenden Staaten verfügten. Mit diesen konnten sie ihre partikularen nationalen Interessen gegenüber anderen durchsetzen, um in der globalen kapitalistischen Konkurrenz nicht den Kürzeren zu ziehen. Dahinter steckten nicht „die Juden“ oder Ähnliches, sondern die globale Rechenlogik, aus der sich wiederum die Konkurrenz ergibt.
Das nüchtern zum einen. Auf der anderen Seite steht die eigentliche Absurdität dieser „Honey Trapping“-Taktik, also dem Gewinn von Druckmitteln durch das Vermitteln meist sexueller Beziehungen. „Honey Trapping“ ist dabei nichts Neues: Die sowjetischen Mozhno-Agentinnen verführten Politiker und Kapitalvertreter zur Informationsgewinnung, die französische Doppelagentin Nathalie Sergueiew spionierte durch Verführung von Nazis für den britischen Geheimdienst, und erst 2010 veröffentlichte der MI5 das Dokument „The Threat from Chinese Espionage“, das britische Kapitalvertreter vor chinesischer Erpressung über Affären mit Spioninnen warnte.[4]
Libertins
Was die Epstein-Sache nun natürlich unterscheidet, ist, dass die Opfer seines Missbrauchsrings meist minderjährig waren und wohl gerade deshalb dem Missbrauch der Täter zum Opfer fielen.
Die Absurdität dieses „Honey Trapping“ besteht – wenn wir davon ausgehen, dass jene Druckmittel, von denen Epstein in seinen Mails ständig spricht, tatsächlich der Kern seines Missbrauchssystems waren -darin, dass hier nicht wie bei klassischen Spionagemethoden die Verführung erwachsener, normschöner Personen genutzt wurden, sondern der Missbrauch an Minderjährigen; Eine „Honey Trap“, die für die überwältigende Mehrheit der arbeitenden Menschen niemals eine wäre.
Es ist nichts neues und auch kein Geheimnis, dass die reichsten und mächtigsten dieser Welt oft in einem Zustand der gesetzlichen Unantastbarkeit handeln und aus jener Immunität Dinge tun, die der Moral der arbeitenden Menschen völlig fremd ist.
In Marquis de Sades Die 120 Tage von Sodom (1785)treffen sich Vertreter des Kapitals, der Kirche, der Justiz und des Adels vier Monate lang in einem abgeschotteten Schloss, um junge Opfer – Jungen wie Mädchen – auf die perfideste Weise zu missbrauchen. Dem Leid dieser Opfer begegnen sie mit vollständiger Apathie: Die Qual ist Selbstzweck. Sie dient weniger der Lustbefriedigung der Libertins als der Erkenntnis, dass diese Reichen und Mächtigen in einem rechtsfreien Raum alles tun können, was sie wollen. Die Libertins trennen sich vollständig von den missbrauchten Subjekten – schlicht, weil sie es können.
Pier Paolo Pasolini, der de Sades Buch 1975 kontrovers verfilmte, begründete seine Entscheidung, die grotesken Beschreibungen de Sades auf ebenso groteske Weise visuell darzustellen, mit einem Verweis auf Marx: Der Film sei eine „oneirische Darstellung dessen, was Marx die Verdinglichung des Menschen nannte, die Reduktion des Körpers (durch Ausbeutung) zu einem Ding.“[5]
Kapitalbesitz ist untrennbar mit der Verdinglichung der Arbeit verbunden. Pasolini argumentiert, dass die Verdinglichung des Körpers durch Misshandlung nur die nächste, private Konsequenz der grundsätzlichen Verdinglichung aller Lebensbereiche im Kapitalismus ist.
Es ist daher unwahrscheinlich, dass alle, die in Epsteins Missbrauchsring verwickelt waren, tatsächlich pädophile Neigungen hatten. Nur etwa 1 % der Bevölkerung weist ausgeprägte pädophile Tendenzen auf[6] – ein Wert, der nicht mit dem Ausmaß an Pädokriminalität in den Kreisen der besitzenden Klasse übereinstimmt. Die Häufigkeit von Missbrauch in den manager- und besitzenden Klassen ist demnach nicht primär Ausdruck sexueller Triebe, sondern der totalen Verfügbarkeit über den Körper der Opfer, die den sexuellen Trieb in dieser sozialen Praxis ersetzt.
Gleiches gilt für die Misshandlung erwachsener Personen, wobei die Tatsache der Hilflosigkeit eines Kindes den Mechanismus verstärkt. Dabei ist die Ungleichheit an sich erotisiert – Catharine MacKinnon schreibt:
„I think men rape women because they get off on it in a way that fuses dominance with sexuality. I think that when men sexually harass women it expresses male control over sexual access to us. It doesn’t mean they all want to fuck us, they just want to hurt us, dominate us, and control us, and that is fucking us. They want to be able to have that and to be able to say when they can have it, to know that. That is in itself erotic.“[7]
Eine Parallele findet sich in den grotesk anmutenden Berichten über die sogenannten „Porta-Potty-Parties“ der Ölkapitalisten in Dubai. Junge arbeitende Frauen, häufig aus der Modelszene, werden dort – sei es durch hohe Geldsummen, bei denen von „Freiwilligkeit“ nicht gesprochen werden kann, oder durch offene Nötigung – dazu gezwungen, sich von diesen Eliten schwer misshandeln zu lassen. Teil dieser Erniedrigungen ist das Defäkieren auf die Frauen, wovon sich der Name ableitet. Mehrere der betroffenen Frauen wurden nach diesen Misshandlungen sogar ermordet.[8]
Die Misshandlung und Demütigung der Frau, im Kontext der Epstein-Situation minderjährige Mädchen, ist ein äußerster Ausdruck der bürgerlichen Moral, nach der sich die Verdinglichung auf jeden Aspekt des Lebens ausbreitet.
Ein Opfer Epsteins berichtete gegenüber dem Miami Herald;
„Jeffrey preyed on girls who were in a bad way, girls who were basically homeless. He went after girls who he thought no one would listen to and he was right. […] Most of the girls came from disadvantaged families, single-parent homes or foster care. Some had experienced troubles that belied their ages: They had parents and friends who committed suicide; mothers abused by husbands and boyfriends; fathers who molested and beat them.“[9]
Die Opfer Epsteins, der arbeitenden Klasse entstammend, liefern den Tätern einen Homo Sacer, einen Körper, über den sie ihre Kapitalherrschaft ohne Restriktion in direkte körperliche Herrschaft tauschen können. Das „Honey Trap“-Argument legt dabei zugrunde, dass die „Verlockung“ durch Minderjährige ein in irgendeiner Form gesamtgesellschaftliches Phänomen ist, dabei ist die absolute Dominanz über das Epitome des Schutzlosen (Minderjährige) alleiniger Ausdruck der Klasse, die prinzipiell durch Ungleichheit funktioniert.
So verkehrt die Annahme, „die Welt wird von Pädophilen negiert“, weil sie Ursache und Wirkung vertauscht. Nicht die Pädophilie macht mächtig, sondern die Macht erzeugt jene verzerrten Formen des Begehrens, die sich in Misshandlung und Ausnutzung ausdrücken. In der Logik von Deleuze und Guattari (Schizoanalyse) ist Begehren kein privates, familiäres Innenleben, sondern von Anfang an gesellschaftlich strukturiert. Die Libido besetzt unmittelbar das ökonomische und politische Feld; sie wird nicht trotz, sondern durch gesellschaftliche Machtformen geformt.
Der Epstein-Komplex ist die extreme Form jener „freien Zone“, die Macht sich schafft: ein Raum, in dem gesellschaftliche Normen suspendiert sind und in dem sich das Begehren ungehindert unter der Logik der Hierarchie formt. Gerade dieser Raum produziert ein pervertiertes Begehren – nicht, weil dort Menschen mit „abweichenden Neigungen“ zusammenkommen, sondern weil die völlige Abwesenheit von Konsequenzen, die Verfügbarkeit sozial abhängiger und die ökonomische Übermacht selbst das Begehren in Richtung Misshandlung, Entmenschlichung und absolute Verfügung verschieben. Die Macht schafft also ein Labor, in dem das Begehren nicht befreit, sondern deformiert wird.
Bürgerliche Erklärungsfiguren, die entweder von einer „Herrschaft der Pädophilen“ sprechen oder die Vorfälle als „Einzelfälle“ abtun, setzen voraus, dass Sexualität von Macht getrennt sei – im Sinne eines frühsozialisierten, dann statischen Ödipus. Doch so ist es nicht: Marc Dutroux, die katholische Kirche, der Franklin-Skandal – Herrschaft, insbesondere bürgerliche Herrschaft, produziert Missbrauch und die Räume, in denen er möglich wird.
[1] https://www.dropsitenews.com/p/jeffrey-epstein-ehud-barak-putin-israel-russia-syria-war-depose-assad?utm_source=post-email-title&publication_id=2510348&post_id=177588780&utm_campaign=email-post-title&isFreemail=true&r=25ytrh&triedRedirect=true&utm_medium=email
[2] https://www.politico.com/news/2025/11/12/jeffrey-epstein-donald-trump-russia-emails-00648919
[3] https://www.berliner-zeitung.de/news/us-sexualstraftaeter-epstein-suchte-kontakt-zu-europarat-wegen-russland-verbindungen-li.10005600
[4] https://foreignpolicy.com/2010/03/12/the-history-of-the-honey-trap/
[5] https://www.criterion.com/current/posts/511-salo-breaking-the-rules?srsltid=AfmBOoosWa-7oXOCZoRjikqwnvw72UWQQWC6LWFSj0YIipF02kDRwPOM
[6] https://www.bbc.com/news/magazine-28526106
[7] MacKinnon, C.A. (1987). Feminism Unmodified: Discourses on Life and Law. Cambridge, Massachusetts: Harvard University Press. 91.
[8] https://www.bbc.com/news/articles/cx2r9y3kxy9o
[9] https://www.wsws.org/en/articles/2025/07/18/fpde-j18.html

