Nein, “die Juden” sind nicht schuld

Dieser Beitrag war deutlich schwerer zu schreiben, als wir zunächst angenommen hatten, zumal uns zunächst nicht klar war, wer genau die Zielgruppe sein sollte. Wir gehen davon aus, dass die meisten unserer Leser ohnehin bereits gegen Antisemitismus eingestellt sind. Deshalb ist der Text so gestaltet, dass er sowohl für Menschen, die sich über Antisemitismus informieren wollen, als auch für diejenigen, die noch überzeugt werden könnten, verständlich ist. Er dient so als Informations- und Agitationsstück sowie als Diskussionshilfe. An einigen Stellen erklären wir Zusammenhänge, die dem Durchschnitts-Marxisten bereits bekannt sind und die wir sonst in unseren Beiträgen nicht ausführen würden – für die vermutlich eher nicht-marxistische Leserschaft, die dieser Beitrag anziehen wird, sind diese Erklärungen jedoch hilfreich.

Schrödingers Jude

Das Verhältnis von Marx zum Judentum ist eins, dass sich sowohl unter bürgerlichen und faschistischen anti-Kommunisten, auf vollkommen Gegenständige Weise, als vermeintliche Kritik am Marxismus manifestiert.

Für bürgerliche Antikommunisten war Marx ein verbissener Antisemit, der dem Judentum eine besondere Rolle innerhalb des Kapitalismus eingeordnet habe. Laut Jüdischer Allgemeiner war Marx sowohl „Jude [und] Antisemit“ zugleich. Hierbei wird auf Marx’ Antwort an seinen junghegelianischen Ex-Kollegen Bruno Bauer Zur Judenfrage verwiesen, mit der Marx den „geistigen Grundstein für blanken antisemitischen Hass“ gesät habe. NTV behauptet, „Marx [sei] Antisemit und Rassist“ (dazu „aggressiver Schmarotzer“) gewesen; „die Passagen von Marx über Juden lesen sich zuweilen wie Originaltexte von Nazis“.

Auf der anderen Seite steht der faschistische Antikommunismus, der Marx als Abstammenden der Rabbinerfamilie seines Vaters der jüdischen Weltverschwörung zuordnet, die später mit dem Völkermord an 60 Millionen „Weißen Christen“ durch den „jüdischen Bolschewismus“ zum Ausdruck gekommen sei.

Marx war tatsächlich Enkel eines jüdischen Rabbiners, konvertierte jedoch im Alter von sechs Jahren gemeinsam mit seiner Familie zum Protestantismus, da Juden im Preußen des 19. Jahrhunderts nur eingeschränkte Berufsmöglichkeiten hatten. Marx selbst blieb zeitlebens Atheist und war ein entschiedener Gegner jeglicher Religion, wie er später in der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie ausarbeiten würde.

Die geschichtsrevisionistische (belachenswerte) zwölfstündige neonazistische Filmreihe Europa: The Last Battle beginnt mit einer Montage von Marx‘ Stammbaum, die belegen soll: Die Abschaffung von Privatbesitz diene einzig der jüdischen „Zentralbankmafia“, Lenin und Co. seien von „den Rothschilds“ finanziert worden (man könnte meinen, hier herrsche ein Interessenskonflikt) und hätten so nur haarscharf die deutsche Hoffnung, Adolf Hitler, bekämpfen können. Auf dem Neonazi-Forum Stormfront schreibt ein Nutzer: „[…] jewish Cultural Marxists rule the west, they want to destroy and replace our race, which is the only thing standing in the way of jewish domination. Marx was a jew and funded by jews, marxism = jewish new world order.“ Wieder was gelernt!

Nun, was ist es denn jetzt? Selbstverständlich nichts von beidem, wobei beim ersteren wohl mehr dran ist. Zu verneinen, Marx sei, wie die Masse seines Umfelds, nicht zumindest Alltags-Antisemit gewesen, wäre falsch. Die privaten Korrespondenzen zwischen Marx und Engels zeugen von einer ganzen Reihe an reaktionären, rassistischen, chauvinistischen und antisemitischen Beschreibungen politischer und philosophischer Gegner.

Der Klassiker ist wohl Marx’ Bezeichnung Friedrich Lasalles als „jüdischen N*** [sic]“, dessen „Verbindung von Judentum und Germanentum mit der n*gerhaften [sic] Grundsubstanz“ das „sonderbare Produkt“ seiner politischen Theorie hervorgebracht hätte – „Die Zudringlichkeit des Burschen ist auch ni*gerhaft [sic]“. Seinen Schwiegersohn Paul Lafargue, Sohn einer kubanischen Kreolin, benennt Marx als „Abkömmling eines Gorillas“, er habe „die üble Narbe von dem N*gerstamm [sic]: kein Gefühl der Scham“.

In ihren Gesprächen über Indien meint Marx festzustellen, „Die indische Gesellschaft [habe] überhaupt keine Geschichte“, Engels ist der Meinung, „die Wiedereroberung der Deutsch sprechenden linken Rheinseite“ von Frankreich, sei „eine nationale Ehrensache, die Germanisierung des abtrünnigen Hollands und Belgiens eine politische Notwendigkeit für uns“ und Willhelm Hasselmann wird durch seinen Einfluss im Gothaer Programm zum „Arschficker“, vermutlich in vermeintlicher Partnerschaft mit Wilhelm Liebknecht, weil beide sich für eine Lockerung der Homosexuellen-Gesetze aussprachen.[1]

Manch einer verneint diese Tatsachen mit dem „Mainstream seiner Zeit“ oder damit, Marx habe in privater Korrespondenz nur gescherzt. Beides mag stimmen. Nichtsdestotrotz: Marx war ein Arschloch – das ist klar. So sehr, dass Engels (wohl das kleinere Arschloch der beiden) ihm immer wieder widersprechen musste.

Das Argument jedoch, das bürgerliche Antikommunisten daraus zu basteln versuchen, ist falsch. Für Marxisten ist Marx als Person weitgehend irrelevant. Marx war kein außergewöhnlicher Mensch, im Gegenteil: menschlich oft eher abstoßend.

Entscheidend ist einzig, dass er erkannte, was ohnehin objektiv in der Gesellschaft existierte. Darwins Ausführungen zur menschlichen Evolution waren von Rassismus und Chauvinismus durchzogen, Isaac Newton war ein egomanischer Tyrann, Konrad Lorenz und Werner Heisenberg waren wortwörtlich Nationalsozialisten – das ändert nichts an Evolution, Gravitationsgesetz, Prägung oder Unschärferelation. Dasselbe gilt gegenüber jenen, die Marx’ jüdische Herkunft als Argument gegen seine Erkenntnisse anführen –, obwohl mit diesem Argument ohnehin noch einiges mehr nicht stimmt, dazu aber gleich mehr.

Antisemitismus und Antijudaismus

Eine materialistische Geschichtsbetrachtung geht davon aus, dass Ideologien – also auch der Hass auf Juden – nicht im luftleeren Raum entstehen. Sie sind vielmehr Reflexionen gesellschaftlicher Widersprüche und dienen oft dazu, bestehende Herrschaftsverhältnisse zu stabilisieren, ökonomische Konkurrenz auszuschalten oder sozialen Unmut auf eine Minderheit umzuleiten.

Um diese Dynamik im Fall des Judenhasses zu verstehen, muss zunächst eine grundlegende Unterscheidung getroffen werden: Obwohl Antijudaismus und Antisemitismus häufig synonym verwendet werden, bezeichnen sie historisch wie phänomenologisch unterschiedliche Ausprägungen der Judenfeindschaft.

Der vormoderne, religiös motivierte Antijudaismus beruht im Kern auf dem „Christusmörder“-Vorwurf; entscheidend ist dabei, dass dieser Makel durch die Taufe überwindbar galt, sodass ein konvertierter Jude theoretisch vollständig in die christliche Gemeinschaft aufgenommen werden konnte.

Dem gegenüber steht der seit dem 19. Jahrhundert im Kontext von Nationalstaatsbildung und Kapitalismus entstandene Antisemitismus, der Juden nicht mehr über Religion, sondern über angebliche biologische oder kulturelle Wesensmerkmale definiert. In dieser modernen, rassistisch-strukturellen Logik wird das „Jüdische“ als unveränderliche, quasi-natürliche Gefahr konstruiert, wodurch Assimilation oder Konversion als unmöglich gelten.

Beide Formen sind nicht klar voneinander zu trennen: Der Antisemitismus ist im Grunde die mit der Industrialisierung einhergehende Säkularisierung des Antijudaismus, wobei religiöse Stereotype weltlich gemacht wurden. Heutige Vorstellungen von einem monolithischen jüdischen Block („die Juden“), der nach eigenen Gesetzen und Instinkten handeln soll, stammen nahtlos aus antijudaistischen Vorstellungen wie den Ritualmordlegenden („Blutdurst“), der vermeintlichen Misanthropie durch den Mord an Jesus und den Zwangstaufen während der Inquisition in Spanien, wo erstmals die Idee aufkam, Juden seien außerhalb ihrer Religion von Natur aus „verschmutzt“ (vgl. Marranen).

Kurzer Überblick

Während die jüdische Geschichte in der ersten Hälfte des Mittelalters noch weitgehend ruhig verlief – sowohl im islamischen Raum, wo religiöse Vielfalt stabile Rahmenbedingungen ermöglichte, als auch im christlichen Europa, wo die Kirche Gewalt gegen Juden weitgehend unterband – veränderte sich die Lage ab dem 11. Jahrhundert grundlegend.

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Westeuropas nach dem Jahr 1000 benötigten Fürsten und Bischöfe Menschen, die Kapital mobilisieren, Handel organisieren und neue Städte beleben konnten. Viele jüdische, in islamischen Gebieten sozialisierte Kaufleute waren bereits an alte Handelsnetze angebunden, die von al-Andalus über Nordafrika bis in den Nahen Osten reichten.

Aus dem Umfeld der Córdobaer Hofelite um Hasdai ibn Schaprut, aus Familien wie den Ibn Yahya, den Handelskreisen in Narbonne oder Bari, kamen Händler, die mehrsprachig waren, Schreiben und Buchführung beherrschten und Erfahrung im Fernhandel und Geldwechsel.

In einer Zeit, in der nur ein kleiner Teil der Bevölkerung West- und Nordeuropas lesen, rechnen und Verträge ausstellen konnte, waren solche Fähigkeiten hochgradig selten und für junge Städte extrem wertvoll. Auch einzelne Herrscher erkannten das früh. Bischof Rüdiger von Speyer lockte mit Zustimmung Heinrich IV. 1084 gezielt jüdische Kaufleute an, versprach ihnen Sicherheit, Handelsfreiheit und eine eigene Gerichtsbarkeit – ausdrücklich, um seine Stadt wirtschaftlich konkurrenzfähig zu machen (Ähnliches sollte einige Jahrhunderte später der Edikt von Potsdam gegenüber den Hugenotten bewirken).

Ähnliche Privilegien vergaben die rheinischen Salier, aber auch früh die normannischen Herrscher in Italien. Juden boten Vorteile: Sie waren mobil, verfügten über weitreichende Handelskontakte, konnten Kapital transferieren und füllten damit genau die ökonomische Lücke, die in den erst entstehenden nordeuropäischen Städten klaffte.

Die jüdischen Neuankömmlinge unterschieden sich religiös, kulturell und sprachlich; sie kamen gezielt und sichtbar als städtische Händler in überwiegend agrarische, homogene Gesellschaften; und sie standen unter dem besonderen Schutz der Obrigkeit. Es entstand Misstrauen, Konkurrenzängste und religiös aufgeladene Feindbilder.

Die Agrarkrisen des 11. Jahrhunderts, der Expansionsdrang der italienischen Handelsmetropolen und der Kirche führte im selben Jahrhundert zum ersten Kreuzzug Urban II., der intern die Behandlung von nicht-Christen beeinflusste. In Worms, Mainz und Köln kam es zu Pogromen gegen die jüdischen Arbeitsmigranten, die Expansion gen Jerusalem wurde nach Innen durch die Gewalt gegen Juden getragen.

Der nordeuropäische mittelalterliche Jude war von nun an aufgrund des Antijudaismus grundsätzlich dem König untergeordnet und somit seinem Besitz nach dem König unterstellt (servi regis). Für den Geldverleih, den die Kirche im 12. Jahrhundert den Christen gänzlich verbat, boten sich die Juden so doppelt an: Da sie vielerorts kein Land besitzen durften, konnten sie bei Krediten keine Grundstücke verlieren, die als Sicherheit dienten, selbst wenn christliche Schuldner zahlungsunfähig wurden. Stattdessen fielen diese Ländereien an den König oder christliche Höflinge, die die Schulden der Juden aufkauften – Visualisiert: Ein jüdischer Geldverleiher leiht einem christlichen Händler Geld, kann der Händler nicht zurückzahlen, fällt sein Land nicht dem Juden, sondern dem König oder dessen Höflingen zu, weil der Jude kein Land besitzen durfte.

Sowohl das Verbot von eigenem Vermögen als auch die Rolle als Knecht (servus) wurden damit begründet, dass der Jude durch den Mord an Jesus nur noch der Obrigkeit dienen sollte, niemals mehr sich selbst. Papst Innozenz III. folgerte hieraus 1205: Der Jude ist der Diener des Christen.

Für die Herrschaftssicherung in der Krise war das ein Traum: Die Juden verliehen Geld an die Bevölkerung (Bauern, Handwerker, niederen Adel) und saugten über Zinsen Kapital auf. Da ihr Vermögen durch den Status als servi (Knechte) faktisch der Krone gehörte, musste der Herrscher diesen Kapital-Schwamm bei Finanzbedarf lediglich über der eigenen Schatzkammer ausdrücken.

Wenn der Unmut über die Schuldenlast in der Bevölkerung stieg, wurden die Juden enteignet, vertrieben oder Pogrome geduldet. Dies geschah, obwohl Juden selbst in Zeiten der stärksten Ausgrenzung nie die dominante Rolle in den großen Finanzinstitutionen spielten, die ihnen oft zugeschrieben wird. Doch da die Kirche Christen das Zinsnehmen verbot, die europäischen Wirtschaften aber zwingend Kredite brauchten, wurde der entrechtete Jude, dem de facto andere Berufe versperrt waren, zu diesem funktionalisierten Subjekt degradiert. Der Zorn der Unterschichten richtete sich so nicht gegen den christlichen Feudalherrn, der die Steuern erhob und die Rahmenbedingungen schuf, sondern gegen den unmittelbaren Gläubiger, den Juden. Die herrschende Klasse konnte sich somit bereichern und gleichzeitig als Beschützer des Volkes vor dem „Wucher“ inszenieren.

Mit dem Aufstieg des Bürgertums und der Städte verlor der Adel allmählich seine ökonomische Alleinstellung. In den Städten sah das junge christliche Bürgertum und dessen Zünfte die Juden zunehmend als lästige Konkurrenz. Die jahrhundertelange Beschränkung der Juden auf die Geldwirtschaft bedeutete, dass sie nun über Netzwerke und Know-how verfügten, die für die Wettbewerbsfähigkeit der zunehmend marktorientierten Zünfte essenziell waren.

Die eingeschränkte Möglichkeit, Land zu besitzen, und das ständige Risiko, dass ihr Vermögen von ihren Herren beschlagnahmt wurde, veranlasste viele Juden, ihre Gewinne aus der Geldverleihung in bewegliches Kapital wie Edelmetalle zu investieren. Mit der Industriellen Revolution und später dem Aufstieg der Dienstleistungsgesellschaft verlor der Landbesitz, vormals die Domäne des alten Adels, an Bedeutung, während Finanzkapital, juristische Expertise, internationaler Handel und wissenschaftliche Innovation, Bereiche, in die Juden gedrängt worden waren, an Wichtigkeit gewannen.

Die jüdische Bevölkerung war zu diesem Zeitpunkt bereits überdurchschnittlich stark urbanisiert. Während die christliche Bevölkerung im 18. und 19. Jahrhundert noch zu großen Teilen auf dem Land lebte, wohnten Juden bereits in den Städten – den Zentren der neuen Wirtschaft. Sie besaßen durch ihre (Vertreibungs-bedingten) Diaspora-Netzwerke bereits internationale Handelsbeziehungen und beherrschten die Mechanismen des Kreditwesens, die für die Industrialisierung plötzlich unverzichtbar wurden.

Ein konkretes Beispiel für diese Dynamik bietet die Entstehung der amerikanischen Filmindustrie. Als jüdische Einwanderer im frühen 20. Jahrhundert in die USA kamen, waren die etablierten, prestige-trächtigen Industrien an der Ostküste – wie Stahl, Kohle oder die großen Bankhäuser – fest in der Hand der protestantischen Elite (WASPs) und für Juden oft durch informelle Kartelle verschlossen. Den Einwanderern blieb nur der Ausweg in neue, risikoreiche und damals gesellschaftlich wenig geachtete Felder. Das Kintopp (Kino) galt als billige Jahrmarktunterhaltung. Da es keine etablierten Strukturen gab, die sie ausschlossen, bauten jüdische Unternehmer (wie die Gründer von Universal, Paramount oder MGM) diese Industrie von Grund auf neu auf. Als der Film zum globalen Leitmedium wurde, saßen sie plötzlich am Hebel einer kulturellen Supermacht.

Für die Zünfte des in den Startlöchern stehenden Kapitalismus repräsentierten die „Geldjuden“, die sich als Verwaltungsinstanz der rasch entwickelnden Produktivkräfte etabliert hatten, die Angst des Kleinbürgertums vor der Modernisierung. Die Ausgrenzung jüdischer Händler aus den Zünften war so eine protektionistische Maßnahme des christlichen Kleinbürgertums, um sich vor Wettbewerb zu schützen.

Im 18. Jahrhundert, zur Zeit der Entstehung der säkularisierten Nationalstaaten, kämpfte das jüdische Bürgertum um Emanzipation; sowohl in menschlicher als wirtschaftlichem Betracht erreichten Juden bis 1874 in allen West- und Mitteleuropäischen Staat die staatsbürgerliche Emanzipation der Juden. Im Kontext dieser Streits um die Judenemanzipation, der insbesondere die Vertretung des christlichen Bürgertums (in Sorge vor Konkurrenz) entgegenstand (die sich eben um die wirtschaftliche Gleichmachung in Anbetracht des Ende des Ständegesellschaft drehte), verfasste Marx seine Antwort auf Bruno Bauers antisemitische Schrift Judenfrage. In Marx‘ Antwort (Zur Judenfrage), schrieb er:

„Die politische Emanzipation des Juden, des Christen, überhaupt des religiösen Menschen, ist die Emanzipation des Staats vom Judentum, vom Christentum, überhaupt von der Religion. In seiner Form, in der seinem Wesen eigentümlichen Weise, als Staat emanzipiert sich der Staat von der Religion, indem er sich von der Staatsreligion emanzipiert […] Der Mensch emanzipiert sich politisch von der Religion, indem er sie aus dem öffentlichen Recht in das Privatrecht verbannt.“

Das klingt, wie bei Marx üblich, komplexer als gemeint; Marx argumentierte also entgegen Bauers Vorstellung, die Emanzipation des Juden sei unmöglich (auf der gleichen Vorstellung entstand später der Zionismus), dass es in dieser fortschrittlicheren Staatsform (dem Nationalstaat) auf die Trennung des Staates von der Religion ankomme, nicht des Religiösen vom Staat.

Der entwickelnde Kapitalismus brachte Krisen und eine unsichtbare Macht des Geldes mit sich. Für viele Menschen war das abstrakte Wirken des Kapitals (Börse, Zinsen, Finanzströme) unverständlich und bedrohlich. Der Antisemitismus bot hier eine verkürzte, falsche Kritik an. Man trennte den Kapitalismus ideologisch in zwei Sphären: Das „schaffende Kapital“: Fabriken, Maschinen, „deutsche Arbeit“ und das „raffende Kapital“: Zinsen, Börse, Banken. Den Juden wurde das „raffende“, abstrakte Finanzkapital zugeschrieben.

August Bebel nannte den Antisemitismus daher den „Sozialismus des dummen Kerls“. Für die herrschende Klasse (das Bürgertum und den konservativer Adel) war dieser Antisemitismus nützlich: Er lenkte die Wut der Arbeiter und des abstiegsbedrohten Mittelstandes von den strukturellen Problemen des Kapitalismus und der Klassengesellschaft ab und projizierte sie auf eine Minderheit. Statt den Kapitalismus als System zu bekämpfen, bekämpfte man den „jüdischen Kapitalisten“.

Mit der Niederlage des deutschen Imperialismus gegen seine imperialistische Konkurrenz im Ersten Weltkrieg, der Hyperinflation und der Weltwirtschaftskrise 1929 trat der Klassenwiderspruch deutlicher denn Jeh auf. Besonders das Kleinbürgertum geriet hierbei in eine ausweglose Lage: Von der Monopol-Konzentration des Kapitals erdrückt und bankrott, blieb ihm selbst der Abstieg ins Proletariat verwehrt, da dieses bereits von massiver Arbeitslosigkeit betroffen war.  In dieser Zwangslage setzte das Kleinbürgertum auf Antisemitismus, um die drohende Vernichtung von sich selbst abzuwenden und auf eine spezifische Gruppe, die Juden, zu konzentrieren.

Als sich das deutsche Kapital sowohl in der äußeren Krise durch den Versailler Vertrag als auch in der inneren Krise durch die erstarkende Arbeiterbewegung befand, nahm es den Antisemitischen Vorstoß des Kleinbürgertums dankend an. Es beschloss, sich ganz direkt an die dem Bankrott nahe NSDAP zu wenden, da es in ihr die besten Chancen für den Schutz seiner Interessen sah und sie nutzte, um das Kleinbürgertum für seine Zwecke zu mobilisieren.

Um den revolutionären Arbeitern und deren Organisationsformen etwas entgegenzusetzen, setzte die NSDAP auf die Gleichsetzung des Judentums und des Marxismus, um diesen als jüdische Bewegung zu diskreditieren. Selbst wenn man das als Argument anerkennen würde, stimmte das selbstverständlich nicht; 1927 waren rund 0.7% der KPD-Parteimitglieder jüdisch, unter den 62 kommunistischen Reichstagsabgeordneten gerade einmal Drei.[2]

Die bis zur Nationalsozialistischen Machtergreifung zerstrittene Arbeiterbewegung ging mit dem „jüdischen Bolschewismus“-Vorwurf unterschiedlich um. Die Ultralinken (am Beispiel Ruth Fischers), meinten, sich in ihrer Rhetorik fälschlicherweise dem Mode-Antisemitismus anzunähern.[3]  Andere meinten das Thema sei nicht von besonderer Wichtigkeit, wieder andere, wie Clara Zetkin, erkannten es früh, wie Bebel, als radikal vereinfachte Kritik am Kapital, die gerade aus ihrer Einfachheit hinaus ihre Gefahr gewann. Stalin, dessen eigenes Verhältnis zum Antisemitismus später oft undurchsichtig war, schrieb 1936 in der Pravda treffend:

„Der Antisemitismus ist für die Ausbeuter von Vorteil, da er als Blitzableiter dient, der die von den arbeitenden Menschen gegen den Kapitalismus geführten Schläge umlenkt. Für die arbeitenden Menschen ist der Antisemitismus gefährlich, weil er ein falscher Weg ist, der sie vom richtigen Pfad abbringt und im Dschungel landen lässt.“[4]

Letztlich siegte das Kapital über die Arbeiterbewegung und stürzte Deutschland erneut in einen imperialistischen Krieg gegen seine imperialistische Konkurrenz und gegen die Sowjetunion. Mit dem propagierten Kampf gegen das Judentum konnte der Nationalsozialismus den durch den Versailler Vertrag, die Krise des Weimarer Kapitals sowie Armut und Elend produzierten sozialen Unmut bündeln und ideologisch umlenken. Verbunden war dies mit einer bewusst eingesetzten sozialistischen Rhetorik, mit der die NSDAP Teile der Arbeiterbewegung für sich gewinnen konnte. Diese Taktik stellte Hitler den Wirtschaftseliten bereits 1932 in seiner Rede vor dem Industrie Club Düsseldorf offen dar.[5] Das deutsche Kapital, das in Hitler seine Rettung vor der Arbeiterbewegung sah, bekam, was es wollte – zumindest bis 1939.

Es folgten der zweite imperialistische Weltkrieg und die Schoah, ebenso wie die gezielte Ermordung von rund fünf Millionen Slawen, Sinti und Roma, queeren Personen, Gewerkschaftern, Kommunisten, Menschen mit Behinderung, Zeugen Jehovas und widerständigen Arbeitern. Dieser Komplex stellt den wohl am besten dokumentierten Völkermord der Geschichte dar. Der Raubzug des deutschen Kapitals, bei dem die konkrete Praxis der Schoah nicht den unmittelbaren ökonomischen Interessen des Kapitals entsprach, kostete insgesamt zwischen 80 und 100 Millionen Menschen das Leben.

Erzählungen, die Zahlen der Schoah seien übertrieben, mit Verweis auf Holztüren in Konzentrationslagern, Schwimmbädern (für die Aufseher) oder ein Rotes Kreuz Dokument, das kurz nach der Befreiung der Konzentrationslager knapp 280.000 Leichen (in sechs Lagern) identifizieren konnte[6], sind falsch:

Interne SS-Berichte mit konkreten Zahlen, etwa das Höfle-Telegramm, das bis 1942 1.274.166 Tote in vier Lagern auflistet, der Korherr-Bericht, der Statistiken für Himmler lieferte, oder der Jäger-Bericht mit exakten Erschießungslisten der Einsatzgruppen; demografische Analysen, bei denen der Vergleich von Volkszählungen und Steuerlisten von 1939 und 1945 eine Differenz von rund sechs Millionen Menschen zeigt, die weder durch Flucht noch natürliche Sterblichkeit erklärbar ist; Tätergeständnisse, etwa Eichmanns oder Höß‘; materielle Beweise wie Massengräber, die Ruinen von Gaskammern und Krematorien sowie die Berge persönlicher Hinterlassenschaften der Opfer wie Schuhe, Brillen oder Haare; und schließlich die namentliche Identifizierung, wobei Yad Vashem bis heute über 4,8 Millionen einzelne Opfer namentlich und biographisch verifiziert hat. Weiter darauf einzugehen, warum Leugnung der Schoah irrsinnig ist, scheint nicht nötig – falls doch, bitte hier lesen.

Wobei uns bewusst ist, dass solche, die die Schoah leugnen, nicht an Gegenargumenten oder den konkreten Beweisen interessiert sind. Schoah-Leugnung ist Folge eines widersprüchlichen epistemologischen Bruchs, dazu mehr im Folgenden.

Dabei ist anzumerken, dass die exzeptionelle Erinnerung an die Grauen der Schoah für den bürgerlichen Staat, insbesondere für Deutschland, der vermeintlichen Abgrenzung des faschistischen Deutschland von der Bundesrepublik unterstreichen soll. Funktional, im Sinne der Profitrechnung, unterscheidet sich die Bundesrepublik nicht im Wesentlichen vom dritten Reich. Die Lehre, die der bürgerliche Staat aus der Schoah gezogen hat, ist nicht die, es solle kein Völkermorden mehr geben, sondern dass diese einer feinen Sache dienen sollten.

Israel Glauben schenken

Heute finden wir uns wieder in einer von zugespitzten Widersprüchen geprägten Welt wieder. Das amerikanische Kapital, dass rund Dreißig Jahre den Hegemon spielen durfte, steht sich dem erwachten Drachen China gegenüber. Das europäische, amerikanische und russische Kapital stehen sich im offenen Konflikt in der Ukraine gegenüber. Die imperialistischen Zentren sehen sich um ihre Dominanz globalen Handels bedrohter wie nie zuvor, die Folge sind Aufrüstung, Kürzung und politisches Verkommen.

Mit dem Völkermord im Sudan, dem Volkskrieg in Burma, dem Daesh-Vorstoß in Westafrika und dem genozidalen Feldzug Israels gegen Palästina, Jemen und Libanon steht das „Neue Medien“-sozialisierte Subjekt Grauen gegenüber, die es mit dem Status-Quo der letzten 80 Jahre nicht erklären kann.

Das gilt besonders im Falle Israels, das dem westlichen Subjekt als einzige Demokratie im Nahen Osten, und auch ansonsten besten Freund des friedliebenden Menschen vermittelt wurde. Diese Vorstellung ist durch Zweieinhalb Jahre allpräsenten Völkermord gebrochen. Im Sinne des Themas dieses Beitrages, soll dieser Bruch mit Israel Objekt dieser Betrachtung werden:

Die Antworten auf die Fragen, die sich aus diesem Bruch mit dem Alltagswissen ergeben, liegen auf der Hand; ein bürgerlicher Nationalstaat misst sich in Konkurrenz mit seinesgleichen, nicht am Dienst an den Menschen in seinem Staatsgebiet. Um diese Konkurrenzfähigkeit zu sichern, tut ein Staat alles, um sein nationales wie transnationales Kapital abzusichern. Israel – beziehungsweise die Unterstützung Israels – bietet sich hierfür ideal an: als Interessenvertretung im Nahen Osten, lange Zeit (und immer noch, wenn auch verändert) umgeben von konkurrierenden Staaten, die westliche Kapitalinteressen gefährdeten. So stimmt es zwar, dass Israel der beste Freund der amerikanischen und europäischen Nationen ist – nur bin ich eben nicht die Nation. Das sind nicht meine Interessen, die dort vertreten werden.

Aber diese Konsequenz zu ziehen, braucht auch einen Bruch mit der Identifikation mit der Nation, mit dem bürgerlichen Staat, mit dem Kapitalismus. Ein Bruch mit dem also, dass Gott gegeben, alternativlos, Status-Quo ist. Diesen Bruch zu durchziehen, heißt auch, vieles zu hinterfragen, was man sich schon zu eigen gemacht hat.

Viel leichter ist es, Israel einfach zu glauben: Israel behauptet, der Staat der Juden zu sein – obwohl nicht einmal die Hälfte der Juden auf der Welt in Israel leben. Diese Gleichsetzung des Staates Israels und des Judentums, die übernehmen auch dessen Unterstützerstaaten – an der Seite Israels zu stehen ist dann nicht einfach im Sinne der nationalen Kapitalinteressen, sondern Pflicht aus historischen Lehren, die Staatsräson. Nun verbindet man das kapitalistisch sozialisierte Subjekt und die Selbstbezeichnung Israels als jüdischen Staat – da ist es um einiges simpler, den Schluss zu ziehen, Israel habe eben recht; der Jude sei schuld.

Aus diesem Schluss, der Jude sei schuld, lassen sich etliche Folgeschlüsse ziehen; gerade verbunden mit der geopolitischen Rolle Israels. Auf TikTok und Co. gehen dann Montagen umher, wie westliche Politiker Kippa-tragend die Westmauer in Jerusalem berühren, als Beweis dafür, dass sie „den Juden“ unterstehen. Wobei ähnliche Aufnahmen, wie dieselben Politiker vor anderen nationalen Wahrzeichen Respekt zeugen (dem Brandenburger Tor, der Akropolis[7], dem Taj Mahal[8]), gekonnt ignoriert werden.

Die westliche Unterstützung des Staates Israels scheint dann für ein bürgerliches Weltverständnis, dass Kooperationen mit idealistischen Vorstellungen verstehen mag, ziemlich absurd: Solch ein kleiner Staat, weit weg von der eigenen Nation, verfügt über eine außenpolitische Sonderrolle, die rund 300 Milliarden US-Dollar (inflationsbereinigt) amerikanischer Unterstützung seit 1951[9] rechtfertigt – das wird dann von der bürgerlichen Geschichtserzählung mit irgendeiner „historischen Verantwortung“ oder „gemeinsamen Werten“[10], und von der faschistisch-bürgerlichen Geschichtserzählung mit der Übermacht „der Juden“ erklärt.

Dabei ist, um das noch einmal zu sagen, die Verbindung zu Israel für einen bürgerlichen Nationalstaat von äußerstem Vorteil; als zugleich militärischer Vorposten des Westens im Nahen Osten, sicherheitspolitisches Labor und ideologischer Anker. Israel liefert kampferprobte Waffen- und Überwachungstechnologien, polizeiliches und militärisches Know-how und strategische Anbindung der Region an die Vereinigten Staaten. US-Präsident Joe Biden sagte im dem Sinne überraschend klar; „[Die Unterstützung Israels] ist das beste Investment, das wir machen. Gäbe es kein Israel, würden die Vereinigten Staaten ein Israel erfinden müssen, um die US-Interessen in der Region zu verteidigen.“[11] – das unterschreiben wir so.

Diese Investitionen folgen dabei einer doppelten Logik: Sie stabilisieren amerikanische Hegemonie in der Region und fungieren zugleich als indirekte Subvention der unheimlich mächtigen amerikanischen Rüstungsindustrie, da rund 75 % der US-Militärhilfen an Israel an den Erwerb amerikanischer Waffen gebunden sind.[12] Der politische Einfluss Israels auf den US-Kongress, etwa über AIPAC, ist für einen Klientelstaat Voraussetzung des eigenen Fortbestands. AIPAC agiert folglich nicht außerhalb, sondern innerhalb jener parlamentarischen Mechanismen, die im US-System routinemäßig zur Durchsetzung kapitalförmiger Interessen genutzt werden. Das ist eben die Funktionslogik imperialer Herrschaft: Israel fungiert als regionale Ordnungsmacht, die USA liefern Kapital, Schutz und politische Absicherung – eine Beziehung, die so lange trägt, wie sie sich für das amerikanische Kapital auszahlt. Natürlich nutzt Israel diese besondere Rolle auch zur Sicherung seiner eigenen Interessen, ob man bei diesem Verhältnis besser von gegenseitiger Abhängigkeit reden kann, lässt sich streiten – klar ist das Machtverhältnis.

Und selbstverständlich ist die israelische Involvierung in verschiedenste globale (mehr oder weniger dubiose) Handlungsabläufe auch Ausdruck dieser Logik, so beispielsweise im Sinne Epsteins, wobei wir dringend auf diesen Artikel von uns verweisen möchten.  

Insofern ist die Vorstellung, die auch Linke gerne skizzieren, die Vereinigten Staaten seien von Israel kontrolliert, verkehrt. Israel ist ein „stationärer Flugzeugträger“ des Amerikanischen und Europäischen Kapitals, in dessen Existenz absolut abhängig von US-Amerikanischer Unterstützung, dass in jedem Amerikanischen Interesse in der Region massive strategische Vorteile brachte.

Israel ist dabei keine Anomalie – seit dem Sieg der Kommunisten im chinesischen Bürgerkrieg fungiert die „Republik China“ (Taiwan) einer ähnlichen Rolle als Interessensvertretung des westlichen Kapitals in der Region um China. Taiwan erreichen jährlich hunderte Millionen an militärischer und monetärer Unterstützungsgelder zu dessen Aufrüstung und verfügt mit FAPA und anderen Lobbygruppen über ähnliche Interessensvertretung wie Israel in den Vereinigten Staaten[13]. Unser Argument scheint klar zu sein; Hoklo-Han-Chinesen regieren die Welt.

Judenfeindschaft mit anti-zionistischer Solidarität zu verbinden ist dabei natürlich doppelt ironisch, wo selbst die reaktionärsten Gruppen des palästinensischen Widerstands, wie die Hamas[14], wiederholt explizit auf die Trennung zwischen Judentum und Zionismus hinweisen. In ihrer Charta (2017) bekräftigt die Hamas, „dass ihr Konflikt mit dem zionistischen Projekt und nicht mit den Juden aufgrund ihrer Religion besteht.“[15]

Gleichermaßen gibt es Massen an Juden, die sich gegen das zionistische Projekt richten. Wobei die Vorstellung, ein Jude müsse sich durch eine anti-zionistische Haltung erst „beweisen“, ebenso schwachsinnig ist; denn „den Juden“ gibt es nicht. Es gibt keine homogene jüdische Gruppe, so wie es grundsätzlich keine homogenen gesellschaftlichen Identitäten gibt. Den Zionismus mit dem Judentum gleichzusetzen, indem man die Verbrechen Israels „den Juden“ zuweist, legitimiert den Zionismus mit seiner eigenen Propaganda. Dabei ist ebenso anzumerken, dass die absolute Masse an Zionisten selbst nicht jüdisch, sondern evangelische und katholische Christen sind.[16]

Ein jüdisches Subjekt unterscheidet sich in seiner Umfeld bedingten Sozialisierung nicht von anderen Subjekten; insofern ist es wenig überraschend, dass zionistische Vorstellungen unter Juden weit verbreitet sind. Diese sind jedoch keineswegs naturgegeben, sondern lassen sich soziologisch als Resultat historisch-materieller Bedingungen begreifen: als Folge der realen politischen Verfolgung des letzten Jahrtausends sowie als Effekt hegemonialer Diskurse, in denen bürgerliche Medien wiederholt eine Gleichsetzung von Judentum und Zionismus produzieren und normalisieren. Diese diskursive Zuschreibung wird als symbolische Gewalt wirksam und kann von den betroffenen Subjekten internalisiert und schließlich als eigene Identitätsform reproduziert werden.

Zur jüdischen Übermacht

Als wir diesen Beitrag angekündigt haben, schrieb uns ein vermeintlicher Leser; „Not all Jews, but always a jew“, so seien die Menschen, die Konsequenzen tragende Entscheidungen treffen immer Juden.

Es stimmt, dass der Anteil jüdischer Personen in bestimmten ökonomischen oder politischen Spitzenpositionen nicht proportional zu ihrem Anteil an der Weltbevölkerung ist. Juden stellen weltweit rund 0,2 % der Bevölkerung, das entspricht etwa 15,7 Millionen Menschen. Die oft implizite Vorstellung, diese kleine Gruppe „kontrolliere“ globale Machtstrukturen, wird jedoch schon rechnerisch absurd: Sie würde bedeuten, dass einzelne Personen gleichzeitig zahlreiche Schlüsselpositionen besetzen müssten.

Eine rein globale Prozentrechnung greift zu kurz. In den Vereinigten Staaten etwa machen Juden rund 1,5 % der Bevölkerung aus; hier ist ihr Anteil an politischen und wirtschaftlichen Eliten entsprechend höher sichtbar als im Weltmaßstab. In weiten Teilen des globalen Südens hingegen – Asien (außer Israel), Afrika (außer Südafrika) und Lateinamerika (außer Argentinien) – sind Juden zahlenmäßig kaum vertreten und spielen in staatlichen oder ökonomischen Machtpositionen faktisch keine Rolle. In Asien (ohne Israel) etwa stehen rund 35.000 Juden einer nichtjüdischen Bevölkerung von etwa 4,7 Milliarden Menschen gegenüber.

Konkret – und bezeichnenderweise wird dies von den „Die Juden sind das Problem“-Narrativen ausgeblendet – stammen angeführte Beispiele fast ausschließlich aus westlichen Zentren. In den USA sind etwa 6,2 % der Kongressabgeordneten jüdisch, rund 1.7% der weltweiten Reichen (HNWIs) werden als jüdisch gezählt[17], und derzeit gibt es zwei jüdische Staats- bzw. Regierungschefs (Claudia Sheinbaum und Wolodymyr Selenskyj) – dennoch überproportional Werte (wie auch die Repräsentation von Iren, Indern, Mormonen, Episkopalen).

Bürgerliche Gesellschaftswissenschaftler (wie Richard Lynn, Satoshi Kanazawa) erklären diese Überproportionalität hauptsächlich mit kulturellen Werten, die wie im Fall Lynns selbst in Rassenlehre-Kategorien übergehen; Jüdische Familien würden mehr Wert auf Bildung und harte Arbeit legen, und deswegen häufiger in Spitzenpositionen landen – Webers protestantische Ethik revidiert. Kulturell analysiert mag das stimmen, wobei sich die kulturelle Bildungspriorisierung aus den materiellen Bedingungen jüdischer Geschichte ergibt.

Eine weitaus konsequentere Antwort liefert eine materialistische Betrachtung, wie oben gegeben. Die Überrepräsentation in Spitzenpositionen ist das Ergebnis eines historischen „Head Starts“ in Bereichen (Finanzen, Recht, Medien, Wissenschaft), die durch Entwicklung der Produktivkräfte von Randerscheinungen zu den zentralen Säulen der modernen Weltwirtschaft aufstiegen.

Eine Parallele zu dieser Dynamik lässt sich bei Diaspora-Chinesen in Südostasien und den indischen Minderheiten in Ostafrika finden. Das präziseste Gegenstück bildet das sogenannte „Bambus-Netzwerk“ in Malaysia, Indonesien und Thailand. Ähnlich wie die Juden in Europa waren chinesische Migranten dort über Jahrhunderte hinweg eine politisch machtlose Minderheit, der der Zugang zu staatlichen Ämtern oder traditionellem Landbesitz oft verwehrt blieb. Um zu überleben, mussten sie zwangsläufig die Lücken füllen, die die Agrargesellschaften offenließen: den Zwischenhandel, den Geldverleih und die Logistik. Sie fungierten als ökonomischer Puffer zwischen den europäischen Kolonialherren und der lokalen Bevölkerung. Diese historische Notwendigkeit führte dazu, dass ethnische Chinesen heute, obwohl sie in Indonesien oder Malaysia nur eine kleine Minderheit der Bevölkerung stellen, einen überproportionalen Anteil des privaten Kapitals und der Unternehmensführungen kontrollieren (obwohl natürlich auch hier die absolute Masse an Chinesen in Malaysia arbeitende Menschen sind). So ergibt sich in Malaysia ein verbreitetes anti-chinesisches Ressentiment, vergleichbar mit der ideologischen Entwicklung des europäischen Antisemitismus, das sich in der Radikalisierung der Auslegung des Islam unter Teilen der Bevölkerung (Stärkung des „Wir“ gegen das nicht-islamische, chinesische (bzw. indische) „Andere“) ausdrückt.[18]

Dass diese Ressourcen (Finanzwissen, medizinische Expertise, technische Netzwerke) in der modernen, globalisierten Weltwirtschaft wertvoller geworden sind als Landbesitz oder lokale politische Posten, ist schlicht der Produktivkraft-Entwicklung zu schulden.

Nun folgt, selbst bei Annahme dieser dargelegten Erkenntnis, seitens der Groyper und Co., dass nun, wo „die Juden“ an der Spitze stehen (das ist wie dargelegt inkorrekt), eine Beseitigung dieser Juden aus diesen Spitzenpositionen irgendetwas ändern würde. Der offen faschistische Streamer Nick Fuentes etwa behauptet, die vermeintliche Dominanz „der Juden“ sei aufgrund ihrer angeblich gierigen Natur das zentrale Problem; würden stattdessen nicht-Juden diese Posten einnehmen, wäre das „Problem“ (die Symptomatik kapitalistischer Widersprüche) gelöst.

Dieses „Argument“ ist fast lustig: Es stellt das direkte Gegenstück zur linksliberalen Identitätspolitik dar, die behauptet, die bloße Präsenz von Frauen oder Minderheiten in Führungspositionen bringe eine positive gesellschaftliche Veränderung entgegen der Profitmaximierungstendenz mit sich. Beide Argumente, die sich ideologisch gegenüberstehen, jedoch auf demselben idealistischen Fundament beruhen, gehen davon aus, dass die kapitalistische Rechenweise – also Mehrwertproduktion und Kapitalakkumulation – vom jeweiligen Akteur abhängig sei.

Man stelle sich etwa vor, der jüdisch geborene Sam Altman (CEO von OpenAI) würde durch einen Nichtjuden ersetzt – und nun? Die Regeln der Konkurrenz blieben unverändert bestehen. Die Pflicht des Kapitals ist immer und überall – innerhalb der Marktlogik – das Übertrumpfen der Konkurrenz, die kontinuierliche Profitmaximierung und die Akkumulation von Kapital; die Identität des Kapitals beziehungsweise seiner personifizierten Träger ist dabei für seine Funktion irrelevant.

Diesen Mechanismus der angeblichen „Gier“ (oder sonstigen Merkmalen) von einzelnen selektiven Akteuren zuzuschreiben, folgt wiederum der bürgerlichen Logik von „guten“ und „schlechten“ Kapitalisten. Ein Kapitalist mag persönlich noch so freundlich oder noch so „gierig“ sein – das ändert nichts daran, dass er der Profitmaximierung folgen muss, sofern er gegenüber der Konkurrenz nicht untergehen will.

So schreiben die Groyper etwa die Verschlechterung der Essensqualität in den Vereinigten Staaten nicht der offensichtlichen Profitlogik der kapitalistischen Lebensmittelproduktion zu, sondern dem vermeintlichen Einfluss jüdischer Geschäftsleute, die angeblich dahinterstünden. Die Produktion affektorientierter populärkultureller Massenformate wie Love Island oder Marvel Filme wird einem angeblichen jüdischen Plan zur Verdummung von Nicht Juden zugeschrieben. Jeder globale Ausdruck imperialistischer Konkurrenz, ebenso wie jedes Attentat oder jeder Anschlag, wird „den Juden“ angelastet, die dabei zugleich als allmächtig und als Untermenschen konstruiert werden.

Phänomene, Symptome der Profitmaximierungspflicht und damit des Kapitalismus, werden aus ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang gerissen, isoliert betrachtet und nach jüdischen Protagonisten abgesucht, die dann als Schuldige fungieren. Genau darin zeigt sich Bebels „Sozialismus des dummen Kerls“.

Die absolute Masse der Juden sind arbeitende Menschen, die denselben Klassenstandpunkt und daraus dieselben Bestreben haben wie ihre nicht-jüdischen Gegenüber. Die Identität einer arbeitenden Person, die sich erst aus ihrer Stellung im Produktionsprozess ableitet, ist entgegen ihre gesellschaftlichen Rolle nicht relevant. Engels schrieb 1890 in der Arbeiterzeitung:

„Dazu kommt, daß der Antisemitismus die ganze Sachlage verfälscht. Er kennt nicht einmal die Juden, die er niederschreit. Sonst würde er wissen, daß hier in England und in Amerika, dank den osteuropäischen Antisemiten, und in der Türkei, dank der spanischen Inquisition, es Tausende und aber Tausende jüdischer Proletarier gibt; und zwar sind diese jüdischen Arbeiter die am schlimmsten ausgebeuteten und die allerelendesten. Wir haben hier in England in den letzten zwölf Monaten drei Streiks jüdischer Arbeiter gehabt, und da sollen wir Antisemitismus treiben als Kampf gegen das Kapital?“[19]

Aus der Tatsache heraus, dass die absolute Masse an weltweitem Vermögen in den Händen von Christen gehalten wird (55%), gefolgt von nicht-religiösen Personen (34.8%) gefolgt von Muslimen (5.8%), Hindus (3.3%) und Juden mit 1.1% erst an fünfter Stelle stehen[20], müsste die Konsequenz für einen Identitätspolitiker doch lauten, erst einmal alle Christen aus ihrer Herrschaft zu entfernen? Aber das scheint auch nicht richtig.


[1] https://www.deutschlandfunkkultur.de/unzensiertes-von-marx-und-engels-100.html

[2] https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Utopie_kreativ/173/173_Kessler.pdf

[3] Vgl.: „Sie rufen auf gegen das Judenkapital, meine Herren?« Ihre Antwort lautete: »Wer gegen das Judenkapital aufruft, meine Herren, ist schon Klassenkämpfer, auch wenn er es nicht weiß. Sie sind gegen das Judenkapital und wollen die Börsenjobber niederkämpfen. Recht so. Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie. Aber, meine Herren, wie stehen sie zu den Großkapitalisten, den Stinnes, Klöckner…?“ https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Utopie_kreativ/173/173_Kessler.pdf

[4] https://www.marxists.org/reference/archive/stalin/works/1931/01/12.htm

[5] https://www.ns-archiv.de/personen/hitler/reden/1932/industrieclub-duesseldorf.php

[6] https://www.reddit.com/r/AskHistorians/comments/16agdsd/comment/jz7gcu7/

[7] https://greekcitytimes.com/2022/09/30/putin-to-marlon-brando-acropolis/

[8] https://www.news18.com/photogallery/world/top-world-leaders-who-visited-the-taj-mahal-in-pictures-2505541.html

[9]https://home.watson.brown.edu/sites/default/files/Research/Research%20Briefs/2024/Costs%20of%20War_US%20Support%20Since%20Oct%207%20FINAL.pdf

[10] https://www.youtube.com/shorts/2HZs-v0PR44

[11] https://www.youtube.com/shorts/2HZs-v0PR44

[12] https://www.jungewelt.de/artikel/511675.usa-und-israel-eintr%C3%A4gliches-gesch%C3%A4ft.html

[13] https://kops.uni-konstanz.de/server/api/core/bitstreams/99f8d8b0-06f2-4062-a5c9-abdb0757952c/content

[14] Hamas und Islamischer Dschihad sind Terrororganisation, die wir in Wort und Tat ablehnen.

[15] https://www.kritiknetz.de/images/stories/texte/charta%20der%20hamas.pdf

[16] https://www.jungewelt.de/artikel/511675.usa-und-israel-eintr%C3%A4gliches-gesch%C3%A4ft.html

[17] https://economictimes.indiatimes.com/news/company/corporate-trends/christians-hold-largest-percentage-of-global-wealth-report/articleshow/45886471.cms

[18] https://onlinelibrary.wiley.com/doi/pdf/10.1111%2F1467-923X.13145

[19] https://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1890/04/19-ansem.htm

[20] https://economictimes.indiatimes.com/news/company/corporate-trends/christians-hold-largest-percentage-of-global-wealth-report/articleshow/45886471.cms

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