Schumpeters Tod: du sorgst dich nicht genug über KI

Während sich einige Linke im Internet darüber aufregen, dass Menschen Bilder mit KI generieren, steht die Welt inmitten der im Sinne der Konkurrenz unaufhaltbaren, umfassendsten Produktivkraftentwicklung der letzten Jahrzehnte.

Künstliche Intelligenz, wobei dieser Begriff weit mehr beschreibt als generative KI (GenKI), wird in den nächsten Jahrzehnten den Klassenwiderspruch in den bürgerlichen Staaten und seinen Effekt nach Außen auf ein Maß zuspitzen, dass mit keiner anderen Krise der letzten Jahrzehnte zu vergleichen ist. Das ist kein Worst-Case-Szenario oder Möglichkeit einer fernen Zukunft, sondern einzig logische Erkenntnis einer Auseinandersetzung mit dem, was uns bevorsteht.

Diese Erkenntnis setzt sich aus drei Teilen zusammen; dem massiven Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen (illustriert an Schumpeters „Kreativer Zerstörung“), dem qualitativen Wandel, den KI im Imperialismus darstellt und der allgemeinen Verdummung der arbeitenden Klasse.

Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse

    Mit jedem großen Schub in Produktivkraftentwicklung, also der Mittel, die zum Produzieren von Waren benötigt werden, spitzt sich der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit weiter zu. Dieser Widerspruch, der sich hier primär durch Jobverlust und dessen Folgen für Mensch und Region auszeichnet, konnte in der Vergangenheit durch eine jeweils ähnliche Menge an benötigter Arbeitskraft in einem neuen Wirtschaftssektor langfristig (quantitativ) aufgefangen werden.

    Als die Dampfmaschine die Webstühle der Heimgewerbe ersetzte, wurde die industrielle Reservearmee an Millionen ehemals autarken Textilarbeitern, nach kurz- und mittelfristiger Verelendung (Reallohnhalbierung innerhalb einer Arbeitsleben-Spanne[1]), schließlich durch die Sogwirkung der neu entstehenden Industriezentren (Manchester, Ruhrgebiet) aufgefangen, die eine vergleichbare Menge an Arbeitskraft absorbierten. Die durch die Maschinen drastisch verringerten Produktionskosten ließen die globale Nachfrage nach Stoffen und Kleidung derart explodieren, dass die neuen Fabriken tausende Arbeiter für die Bedienung, Wartung und Logistik der Maschinenparks benötigten. Die Arbeiterschaft wanderte notgedrungen aus den sterbenden Stuben in die Hallen der Textilmetropolen ab, wodurch der fundamentale Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit zwar verschärft wurde, die rein quantitative Menge an Beschäftigung stieg jedoch langfristig an. Die Relokation der Arbeitskraft dauerte rund eine Generation.

    Als die Mikrochip-Technologie und die ersten Industrieroboter in die Werkshallen der 1980er Jahre einzogen, verlor die manuelle Arbeiterschaft ihre Existenzgrundlage. Langfristig, nach kurz- und mittelfristiger Verelendung, wurde diese Konsequenz durch das Wachstum des Dienstleistungs- und IT-Sektors gedämpft, der eine vergleichbare Menge an Arbeitskraft absorbierte. Die durch Automatisierung gesenkten Kosten setzten Kapital für Softwareentwicklung, Logistik und Finanzdienste frei, wodurch eine Nachfrage nach Arbeit in neuen Feldern entstand. Die Arbeiterschaft wanderte aus den Werkshallen in die Büros der Informationsgesellschaft ab, um die Infrastruktur der Wirtschaft zu verwalten. So verhinderte die Expansion des tertiären Sektors (Dienstleistungssektor) die Massenarbeitslosigkeit, indem sie die Reservearmee an Arbeitern in den Dienst der computergestützten Verwaltung stellte.[2]

    Eine Studie des bürgerlichen MIT-Ökonomen David Autor, die sich mit den Veränderungen US-amerikanischer Stellenbeschreibungen zwischen 1977 und 2018 auseinandersetzt, zeigt das 64.5% der im genannten Zeitraum weggefallenen Aufgaben „Routineaufgaben“ (regelmäßige, widerholbare Arbeitsabläufe) darstellten. Im Gegenzug waren 75.6% der neu hinzugekommen Aufgaben „abstrakt“, erforderten also Fähigkeiten wie logisches Denken, Kreativität und zwischenmenschliche Fähigkeiten. [3]

    Mit der nahezu gesamtwirtschaftlichen Inkorporation von künstlicher Intelligenz steht dieser Mechanismus, den Schumpeter als „Kreative Zerstörung“ verstand, nun vor mehrere Hürden. Vergangene sektorale Verschiebungen verdrängten spezifische Tätigkeiten der körperlichen Arbeit, repetitiver Bewegungen und sonstiger manueller Tätigkeit. Jene Arbeitskraft wurde innerhalb des Sektors durch die Automatisierung substituiert und in einem jeweils in einem anderen Sektor gemäß der gesteigerten Arbeitsproduktivität komplementiert. Der durch einen Lackierroboter substituiere (Idealtyp) Autolackierer wird (nach kurz- und mittelfristiger Verelendung) als Logistiker aufgefangen und schafft hier mehr Arbeitsproduktivität (die sich natürlich nicht in seinem Lohn widerspiegelt).

    Bei absehbarer gesamtwirtschaftlicher Nutzung von KI sind es jedoch nicht die niedrig- und mittelqualifizierten Berufe, die (wie bei vergangenen sektoralen Verschiebungen) dem Profitdrücken ausgesetzt sind, sondern hochqualifizierte Berufe des tertiären Sektors. Im Policy Brief des „ai:conomics“-Projekts der Universität Maastricht stellen die Forschenden empirisch dar, dass gerade der tertiäre Sektor von KI-bezogenen Rationalisierungen betroffen sein wird. KI sei „more likely to affect workers across a wider skill and wage spectrum than previous technologies“[4]. Dadurch fehlt ein neuer Sektor, der (wie in vergangenen Phasen „kreativer Zerstörung“) die rationalisierte Arbeitskraft des Dienstleistungssektors auffangen könnte.

    Kurz: Der Mechanismus der „kreativen Zerstörung“ scheitert langfristig an der Hürde, dass KI jene kognitiven und analytischen Tätigkeiten substituiert, die bislang das Ausweichziel früherer Automatisierungswellen waren. KI ist eine „General Purpose Technology“, die potenziell sämtliche Wirtschaftszweige umfassen wird – ironischerweise abgekürzt mit GPT.

    Der KI-Untersektor des tertiären Sektors (bzw. des quartären Sektors, wie die digitalen Berufe des tertiären Sektors häufig bezeichnet werden), der sich künftig etwa mit Prompt-Engineering und anderen KI-bezogenen Tätigkeiten beschäftigen wird, deckt jedoch nicht einmal annähernd die Masse der Arbeitskräfte ab, die durch KI rationalisiert und freigesetzt werden. Bei vergangenen kreativen Zerstörungen benötigte die entwickelte Produktivkraft letztlich eine vergleichbare Menge an Arbeitskraft für eine eben gesteigerte Produktivität, der Einsatz von KI benötigt das nicht. Während der mechanische Webstuhl weiterhin Arbeiter brauchte, um Maschinen zu bedienen, zu warten und Produktionsabläufe zu organisieren, kann eine KI viele kognitive Tätigkeiten (z. B. Textproduktion, Analyse, Programmierung oder Design) direkt selbst ausführen oder stark komprimieren. Dadurch entsteht kein neuer Massensektor der Beschäftigung im gleichen Umfang wie in früheren technologischen Umbrüchen.

    Bürgerliche Ökonomen ziehen aus den bereits vorhandenen empirischen Daten zur Veränderung des Arbeitsmarktes teils absurde Schlussfolgerungen. Die Anthropic-Studie „Canaries in the Coal Mine?“ vom vergangenen November dokumentiert, dass in den Vereinigten Staaten zwar schon heute „early-career workers“ (22–25 Jahre) einen relativen Beschäftigungsrückgang von 16% durch KI verzeichnen, dies jedoch nicht auf „experienced workers“ zutreffe[5]. Die Studie unterscheidet zwischen „automation“ und „augmentation“: In der ersten Kategorie automatisiert KI die Arbeit, in der zweiten ergänzt sie diese lediglich. In letzterer Kategorie seien derzeit keine Effekte auf Einstellungen zu beobachten.[6] Ich hoffe, dass das Problem beider Erkenntnisse der Studie bereits beim Lesen offensichtlich wird: Bürgerlich-ökonomische Studien zur KI-Nutzung betrachten KI punktuell als ein fixes technisches Objekt. Dabei würden beide oben genannten Thesen schon nach wenigen Jahren weiterer KI-Entwicklung hinfällig werden.

    Besonders spannend sind die Schlussfolgerungen bürgerlich-ökonomischer Thinktanks wie CEPR[7] und Yales Budget Lab[8], die wiederholt betonen, dass Gesamtwirtschaftliche KI-Integration noch keinen massiven Schub in Produktivität herbeigeführt hat und die Sorgen um Massenrationalisierung deshalb nicht fundiert sein. Eine CEPR-Studie von Februar, die 12.000 europäische Unternehmen untersucht hat, beobachtet, „that AI adoption increases labour productivity levels by 4% on average in the EU, with no evidence of reduced employment in the short run.“ Es stimmt, dass es bisher keine massiven Entlassungswellen durch KI-Integration gab, aber wie oben dargelegt; warum sollte ein Unternehmen, dass Arbeitsabläufe durch KI-Abläufe rationalisieren kann, dies nicht tun? Die aktuellen Hürden, vor denen insbesondere kleine- und mittlere Unternehmen bei der KI-Integration stehen, weichen von Tag zu Tag, mit jedem neuen KI-Modell, auf.

    Fiktives Kapital und Profitrate

    Die Schlussfolgerung aus dem bisher „geringen“ Produktivitätsschub sollte gerade die Gegenteilige sein. Elliot Goodell Ugalde der Queen’s University argumentiert in seiner Arbeit „Artificial Intelligence and Crisis Economics: Marx, Financial Concentration, and Strategic Risk“, dass das massive Investment in KI seitens Staaten und Unternehmen grundsätzlich nicht im Widerspruch zu den noch nicht entstandenen Produktionssteigerungen steht. Er schreibt:

    „Under conditions of stagnating productive returns, AI has become a privileged outlet for valorizing surplus capital […] the present conjuncture reflects a situation in which “the real barrier of capitalist production is capital itself” (Marx 1894, pt. III, ch. 15), such that capital unable to secure adequate returns in production multiplies “accumulated claim[s], [and] legal title[s], to future production” (Marx 1991, ch. 29, n.p.). The AI boom thus operates less as a durable resolution of stagnation than as a spatio-temporal displacement of overaccumulation pressures through enclave concentration, credit expansion, and promissory valuation.“[9]

    So ist das massive Investment in KI selbstverständlich ein Ausdruck der Überakkumulation, in diesem Fall der Spekulation um neue Technologie, mit der sich die fehlenden Profite in der Produktion mit fiktivem Kapital ausgleichen lassen – das steht aber nicht im Widerspruch zum sehr realen Produktionspotential, dass KI freisetzen wird. Hinzu kommt, dass eben gerade große Konzerne die Möglichkeit haben in (noch) oft spekulative KI-Systeme zu investieren:

    Aus der CEPR-Studie ergibt sich: Unter US-Amerikanischen Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten haben bereits rund 45% KI-Systeme voll eingeführt (im Vergleich: 90% aller deutschen Unternehmen experimentieren mit GenAI-Integration oder haben sie bereits eingeführt), während dies bei kleineren Firmen mit 10 bis 49 Beschäftigten nur etwa 24% sind. Größere Unternehmen verfügen in der Regel über mehr finanzielle Ressourcen, über die notwendige technische Expertise sowie über Skaleneffekte, die es ihnen erleichtern, die Integrationskosten neuer Technologien zu tragen.

    Während die bürgerliche Ökonomie in den zitierten Studien die KI lediglich als ein punktuelles, fixes Werkzeug betrachtet, vollzieht sich eine massive Verschiebung in der organischen Zusammensetzung des Kapitals. Das Verhältnis von technischem Aufwand (konstantes Kapital) zu menschlicher Arbeitskraft (variables Kapital) verschiebt sich so extrem, dass die menschliche Arbeit (nach Marx die einzige Quelle des Mehrwerts) systematisch aus dem Produktionsprozess verdrängt wird.

    KI besetzt mit dem tertiären und „quartären Sektor“ das letzte Refugium der Lohnarbeit, wodurch die Entstehung einer dauerhaften industriellen Reservearmee droht, für die es keinen neuen Auffangsektor mehr gibt. Da die KI kognitive Leistungen nicht nur ergänzt, sondern final substituiert, entzieht das Kapital sich langfristig selbst die Grundlage seiner Verwertung. Zwar erzielen einzelne Vorreiter durch die Automatisierung kurzfristig enorme Extraprofite, doch im gesamtwirtschaftlichen Maßstab schwindet mit der lebendigen Arbeit die Wertsubstanz des Systems.

    Der Widerspruch besteht darin, dass das System immer effizienter für einen Markt produziert, dessen zahlungskräftige Basis (die Lohnempfänger) es gleichzeitig wegrationalisiert. Der „Canary in the Coal Mine“ ist nicht nur der junge Angestellte, der keinen Einstieg mehr findet, sondern das gesamte Prinzip der Verwertung von Wert durch menschliche Arbeit, das an seiner eigenen technologischen Entwicklung scheitert, die im Widerspruch zu den Produktionsverhältnissen steht.

    Imperialismus

    Spätestens mit dem „One Big Beautiful Bill Act“ (OBBBA) der Vereinigten Staaten aus dem Juli 2025 begann das Zeitalter von KI als qualitative Entwicklung des Imperialismus. Das Gesetz band große Teile der militärischen Entwicklung an gleichzeitige Dominanz in KI-Vorreiterschaft und verbot gesetzliche Regulierungen von KI-Unternehmen auf Bundesstaat ebene, bezweckte also die Freisetzung der vollen, massiv subventionierten Entwicklung der Produktivkraft KI.[10] KI-Monopole, namentlich Anduril, Palantir, Nvidia und Meta, sind dabei enger an die US-amerikanische Politik gebunden, als all sonstige Äste des Kapitals. Die mit dem OBBBA einhergehenden massiven Kürzungen des Sozialhaushalts signalisieren dabei den Ernst der Lage um die Konkurrenz für den Imperialismus.

    Die Europäische Union ging dem zuvor und initiierte schon im Februar 2025 die „InvestAI“-Initiative zur „Mobilisierung von Investitionen in künstliche Intelligenz in Höhe von 200 Mrd. EUR“, sowie der Errichtung neuer EU-Fonds zur Errichtung von „KI-Gigafarbiken“ über 20 Mrd. Euro.[11]

    KI wird nicht, wie andere Entwicklungen digitaler Produktivkraft schlicht als Komplementation des Bestehenden, sondern gänzlich neue, fundamentale Produktivkraft begriffen, dessen Vorreiterschaft (und was es dazu braucht) in Zukunft über imperiale Kriege und die Aufteilung der Welt entscheiden wird. Marx beschreibt, wie das Kapital die Wissenschaft und die Naturkräfte unterwirft, um den relativen Mehrwert zu steigern. In der Ära der industriellen Revolution ersetzte die Maschine die menschliche Muskelkraft; in der Ära der KI zielt das Kapital auf die Subsumtion des „General Intellect“ – des gesellschaftlichen Gesamtwissens und dessen Überführung in fixe Formen des Kapitals:

    Lenin definierte den Imperialismus über fünf Merkmale, von denen die Konzentration der Produktion und die Herrschaft der Monopole an erster Stelle stehen. Im 21. Jahrhundert manifestiert sich diese Konzentration in einer Oligopolstruktur, die die gesamte digitale Wertschöpfungskette kontrolliert. Unternehmen wie Nvidia, Microsoft, Amazon und Alphabet kontrollieren nicht nur die Software, sondern auch die für das Training von KI notwendige Hardware und Cloud-Infrastruktur. Die EU versucht mit „InvestAI“, durch die Errichtung von vier bis fünf Gigafabriken mit jeweils 100.000 Hochleistungschips[12] einen eigenen monopolistischen Block zu bilden, um der US-amerikanischen und chinesischen Dominanz etwas entgegenzusetzen. Diese bilden das fixe Kapital, ohne das eine Teilnahme am Weltmarkt unmöglich wird.

    Die „InvestAI“-Initiative wird explizit als „CERN für KI“[13] bezeichnet, was den Charakter einer staatlich organisierten Großforschung und -produktion unterstreicht, die private Investitionen durch eine „First-Loss-Tranche“ (höchste Risiko bei potenziell höchster Rendite) des EU-Budgets absichert. Hier zeigt sich die von Lenin beschriebene Verschmelzung von Industrie- und Bankkapital zum Finanzkapital, das heute in Form von Venture Capital und Staatsfonds die technologische Richtung vorgibt.

    Finanzkapital und Blasenbildung

    Während die Aktienkurse der „Magnificent Seven“ (Alphabet, Amazon, Apple, Meta, Microsoft, Nvidia, Tesla) in astronomische Höhen steigen, bleibt das reale Produktivitätswachstum in der Gesamtwirtschaft wie oben erläutert hinter den Erwartungen zurück. Ohne die Spekulation auf KI wäre das US-BIP-Wachstum im Jahr 2025 lediglich bei 0,1 bis 0,2% gelegen.[14]

    Diese Abhängigkeit von einer technologischen „Wunderwaffe“ ist ein Merkmal des parasitären Charakters des Imperialismus. Das Kapital flieht aus der stagnierenden realen Produktion in spekulative Wetten auf „Artificial General Intelligence“ (AGI), um den tendenziellen Fall der Profitrate auszugleichen. Wenn diese Blasen platzen, wie es der „DeepSeek-Schock“ im Januar 2025 andeutete, als das effizientere chinesische Modell den Marktwert von Nvidia um fast 600 Milliarden Dollar einbrechen ließ, reagierte das imperialistische Zentrum nicht mit massiver staatlicher Intervention.[15] Dazu gehört die Bindung des KI-Kapitals an den „militärisch-industriellen Komplex“.

    Unternehmen wie Palantir und Anduril sind heute integraler Bestandteil der US-Kriegsarchitektur. Alex Karps Konzept der „Technological Republic“ fordert explizit, dass das Silicon Valley seine Skrupel gegenüber der Zusammenarbeit mit dem Pentagon ablegt, um die „Hard Power“ des Westens zu sichern.[16] Die realen Auswirkungen dieser Zusammenarbeit lassen sich am Einsatz von KI-Systemen in Gaza beobachten. Systeme wie „Lavender“ und „The Gospel“ fungieren als Genozidinstrumente, die Ziele mit minimaler menschlicher Aufsicht generieren. Diese Algorithmen markieren Tausende von Menschen als potenzielle Ziele, basierend auf Mustern in Massendaten, wobei „Fehlerraten“ von 10%[17] und hunderte zivile „Kollateralschäden“ pro hochrangigem Ziel billigend in Kauf genommen werden. Als Anthropic sich weigerte, seine Modelle für Massenüberwachung und autonome Waffen freizugeben, drohte das Pentagon mit der Einstufung als „Risiko für die nationale Sicherheit“ und der Anwendung des „Defense Production Act“[18], um das Unternehmen zur Kooperation zu zwingen.

    Die Überlegenheit des westlichen KI-Kapitals ist jedoch nicht absolut. Die Veröffentlichung des chinesischen DeepSeek-R1 Modells Anfang 2025 erschütterte die Annahme, dass nur massive Kapitalmengen und die neuesten Nvidia-Chips (die Exportbeschränkungen nach China unterliegen) zu Spitzenleistungen führen können. DeepSeek nutzte effizientere Algorithmen und ältere Hardware (H800), um Ergebnisse zu erzielen, die mit OpenAI’s o1 vergleichbar waren – zu einem Bruchteil der Kosten. Dies löste eine Krise des US-amerikanischen Finanzkapitals aus, da das gesamte Bewertungsmodell von Firmen wie Nvidia auf der Annahme einer dauerhaften technologischen Monopolstellung beruhte. Die imperialistische Reaktion auf DeepSeek war bezeichnend: Man versuchte nicht, durch bessere Produkte zu konkurrieren, sondern forcierte die Bindung anderer Länder an den „American Tech Stack“ durch kombinierte Hardware-Cloud-Modell-Pakete. Dies entspricht der von Lenin beschriebenen Taktik der internationalen Kartelle, Märkte aufzuteilen und Konkurrenten durch politische und ökonomische Erpressung auszuschalten.

    Verblödung

    Grundsätzlich „verdummt“ der Mensch mit jedem äußeren Hilfsmittel, dass er bei der Verrichtung seiner kognitiven Arbeit verwendet; jedoch nicht ansatzweise in dem Ausmaß, wie bei der Nutzung von GenAI, bzw. LLMs.

    Die umfangreiche Massachusetts Institute of Technology (MIT) Studie „Your Brain on ChatGPT“ aus dem Juni 2025 verglich mit von Elektroenzephalographie 54 Testpersonen, die über mehrere Monate Essays ohne Hilfsmittel (Gruppe a), mit Nutzung von Suchmaschinen (Gruppe b) sowie mit Hilfe von LLMs (Gruppe c) geschrieben haben[19]. Die Studie fand folgendes:

    Gruppe c verzeichnete beim Verfassen ihres Essays 55% reduzierte Signalinteraktionen im Hirn als Gruppe a. 83% der Schreiber aus Gruppe c hatten Schwierigkeiten, ihren eigenen Essay im Anschluss zu zitieren[20]. Gruppe a wiess die höchsten Signalinteraktionen in Alpha, Delta und Theta Hirnwellen nach; die Wellen verantwortlich für Gedächtnis, Semantik und Kreativität. Die Beteiligten der Gruppe c reduzierten ihren eigenen Arbeitsaufwand kontinuierlich im Verlauf der Studie und kopierten zum Ende häufig nur noch die Antworten, die ChatGPT ihnen lieferte. Gruppe b wies nicht ansatzweise vergleichbare Signalinteraktionen und Verhalten auf und verzeichnete im gesamten Studienverlauf einen „significant increase in brain connectivity across all EEG frequency bands“[21] Die Autoren der Studie schlussfolgern: „reliance on AI-driven solutions“, könnte zu „cognitive atrophy“ (der Schwund von Hirnfunktionen) beitragen[22].

    Der Lohnarbeiter ist prinzipiell entfremdet von dem Produkt seiner verrichteten Lohnabeit, so ist es nur nachvollziehbar, dass er in seiner kognitiven Arbeit auf jedes Hilfsmittel zurückgreift, dass er nur greifen kann. Die absolute Masse an Schülern, Studierenden und Lohnarbeitern des Tertiären Sektors greifen heute auf GenKI zurück. Gepaart mit der Kurzformvideo-Ökonomie entsteht ein Subjekt, dass es verlernt, Informationen produktiv aufzunehmen und zu verarbeiten.

    So ist es natürlich hilfreich, sich Hegel von Gemini erklären zu lassen, statt monatelang die Phänomenologie des Geistes durchzukauen. So ein Nutzen kann auch durchaus produktiv sein, indem es veraltete Sprache und komplizierte Sachverhalten zugänglicher macht. Die Gesamtwirkung im bestehenden Herrschaftsverhältnis ist aber eine andere: Ein unterwürfiges Subjekt, dass sich bis zum äußersten von seiner kognitiven Produktion entfremdet und in seiner Aufnahmefähigkeit sowohl eingeschränkt wie auf die Filter einiger großer Monopole angewiesen sind – Diesem Subjekt scheint es nicht in seinem Interessen zu sein, das bestehende zu hinterfragen oder gar verändern zu wollen.

    Was tun?

    Unter Teilen der Linken herrscht der Idealismus, man solle doch bitte aufhören generative KI zu benutzen, weil dies schlecht für die Umwelt sei und auch ansonsten unmoralisch. Das ist natürlich ein komischer Appell, wo ein nicht-benutzen von generativer KI keinen Mehrwert für den Widerstand gegenüber Ihr hat. Jede Produktivkraft und was sie für die Gesellschaft bedeutet, steht im Verhältnis der Produktionsverhältnissen und wie die Produkte dessen Produktivkraft verwaltet werden – der sich zuspitzende Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen ist unveränderlicher Bestandteil des Kapitalismus. Sich gegen generative KI als Sache zu wenden, ist so unsinnig, wie als hätte sich die kommunistische Bewegung der 1970er Jahre sich gegen Industrieroboter gewehrt.

    Ein individueller Widerstand durch das Nicht-Nutzen einer Sache basiert auf dem falschen Bewusstsein, das Subjekt könne durch eine individuelle Konsumentscheidung die Bewegung der materiellen Produktionsverhältnisse aufhalten oder moralisch korrigieren. Damit wird jedoch Ursache und Wirkung verkehrt. Nicht das Bewusstsein bestimmt das gesellschaftliche Sein, sondern das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein. Wenn also eine neue Produktivkraft, wie heute die generative KI, entsteht, dann geschieht dies nicht aus moralischer Laune einzelner Individuen, sondern aus der inneren Dynamik der kapitalistischen Produktion selbst. Der Kapitalismus ist gezwungen, fortwährend die Produktivkräfte zu revolutionieren, um Mehrwert zu steigern und im Konkurrenzkampf zu bestehen.

    Wer nun glaubt, der Verzicht auf die Nutzung einer solchen Technik stelle einen widerständigen Akt dar, verkennt die Struktur des Problems. Die Maschine (sei es mechanischer Webstuhl, Industrieroboter oder KI) ist an sich weder revolutionär noch reaktionär. Ihr gesellschaftlicher Charakter entsteht erst durch die Produktionsverhältnisse, innerhalb derer sie besteht. Der Widerspruch liegt daher nicht zwischen Mensch und Maschine, sondern zwischen den entwickelten Produktivkräften und den kapitalistischen Produktionsverhältnissen, die diese Möglichkeiten in Profitzwang, Eigentumskonzentration und Ausbeutung einzwängen. Unter anderen Produktionsverhältnissen, also solchen, die nicht nach der Konkurrenz des Kapitals organisiert sind, könnte KI große Teile der benötigten Arbeitskraft tatsächlich ersetzen und die Arbeiterklasse entlasten. Sie würde ein Leben mit mehr Freizeit ermöglichen, in der Menschen ihrer eigenen produktiven Tätigkeit nachgehen können. Auch grundlegende Probleme bei der Umsetzung einer Planwirtschaft bestehen unter Bedingungen KI-gestützter Produktion de facto nicht mehr. Dazu haben wir in „Die neue Planwirtschaft“ ausführlich geschrieben.

    Während sich ein Teil der Linken in moralischen Debatten über KI verliert, vollzieht sich bereits eine der umfassendsten Produktivkraftentwicklungen der letzten Jahrzehnte. Künstliche Intelligenz wird den Klassenwiderspruch in den kapitalistischen Staaten auf ein neues Niveau treiben, weil sie nicht nur körperliche oder repetitive Arbeit rationalisiert, sondern gerade jene kognitiven Tätigkeiten des Dienstleistungssektors angreift, die bisher als Auffangbecken früherer Automatisierungswellen dienten. Anders als bei früheren technologischen Umbrüchen entsteht dadurch möglicherweise kein neuer Massensektor, der die freigesetzte Arbeitskraft absorbieren kann.

    Gleichzeitig verschiebt sich die organische Zusammensetzung des Kapitals drastisch: lebendige Arbeit – die einzige Quelle des Mehrwerts – wird zunehmend aus dem Produktionsprozess verdrängt. Parallel dazu wird KI zum zentralen Feld imperialistischer Konkurrenz zwischen Staaten und Monopolen, die enorme Ressourcen in die Kontrolle dieser Technologie investieren. Zugleich verstärkt ihre Nutzung eine kulturelle Tendenz zur Entfremdung von eigener kognitiver Arbeit, da große Teile der Bevölkerung ihre geistige Produktion zunehmend an algorithmische Systeme delegieren.

    Der entscheidende Punkt bleibt jedoch: Diese Entwicklungen lassen sich nicht durch individuelle Boykotte aufhalten. KI ist Ausdruck der inneren Dynamik des Kapitals selbst. Wer ihre gesellschaftlichen Folgen verändern will, muss daher nicht die Technologie bekämpfen, sondern die Produktionsverhältnisse, innerhalb derer sie eingesetzt wird.


    [1] https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/00404969.2024.2437180

    [2] https://thevoice.bse.eu/2021/02/23/automation-sectoral-reallocation/

    [3] https://hai.stanford.edu/news/assessing-the-real-impact-of-automation-on-jobs

    [4] https://aiconomics.eu/en/findings-insights/policybrief-4

    [5] https://digitaleconomy.stanford.edu/app/uploads/2025/11/CanariesintheCoalMine_Nov25.pdf, S.1

    [6] https://digitaleconomy.stanford.edu/app/uploads/2025/11/CanariesintheCoalMine_Nov25.pdf, S.3

    [7] https://cepr.org/voxeu/columns/how-ai-affecting-productivity-and-jobs-europe

    [8] https://budgetlab.yale.edu/research/ai-productivity-boom-dont-count-your-productivity-data-chickens

    [9] https://www.queensu.ca/cidp/artificial-intelligence-and-crisis-economics-marx-financial-concentration-and-strategic-risk

    [10] https://www.nbcnews.com/tech/tech-news/big-beautiful-bill-ai-moratorium-ted-cruz-pass-vote-rcna215111

    [11] https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/ip_25_467

    [12] https://www.ga-alliance.eu/clien-alert-ai-continent-action-plan/

    [13] https://background.tagesspiegel.de/digitalisierung-und-ki/briefing/europa-fehlt-die-grosse-ki-vision

    [14] https://finance.yahoo.com/news/without-data-centers-gdp-growth-171546326.html?guccounter=1&guce_referrer=aHR0cHM6Ly93d3cucGVycGxleGl0eS5haS8&guce_referrer_sig=AQAAAGHdf2JUAMqUy7gQHAyBnwjhEHM7k_Y9Xdue-Bazp0fvbnD4AB9FQD2QlMxuh_h4tBs–dd97nX9pEIk76llxzbMdqeyBVOw-XXHyhGJKDkluU3MIDdjwRInyjGwME6h5zGrWS5cC3fQnFDyxZGltUL8yUESAQRgU0U91wafJx0s

    [15] https://socialistchina.org/2025/10/24/intelligence-artificial-profits-fictitious/

    [16] https://www.commonplace.org/p/alex-karps-technopolitik

    [17] https://madhyamamonline.com/world/thousands-targetted-killed-in-gaza-using-israels-killer-ai-algorithms-1277172

    [18] https://www.wsws.org/en/articles/2026/02/25/hhsk-f25.html

    [19] https://arxiv.org/pdf/2506.08872 S.145 f.

    [20] https://arxiv.org/pdf/2506.08872 S.146.

    [21] https://time.com/7295195/ai-chatgpt-google-learning-school/

    [22] https://arxiv.org/pdf/2506.08872 S.10

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