US-Imperialismus und iranische Revolution
1953 stürzen westliche Geheimdienste den linken iranischen Premier Mossadegh, weil er iranisches Öl verstaatlichen wollte. Sein Ersatz, der kapitaltreue Schah, verbietet das Kopftuch, verfolgt Oppositionelle und macht den Iran zur Halbkolonie der USA und Israels. Die Widersprüche seiner Herrschaft führen schließlich zur iranischen Revolution unter Ayatollah Chomeini – mit gehangen, mit gefangen!

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In diesem Artikel schauen wir uns ausführlich an, wie der US-Imperialismus mit dem Sturz Mossadeghs direkt ursächlich für die iranische Revolution war – falls dir der Artikel zu ausführlich ist, spring hier direkt zum Fazit.
„Es ist ein plausibles Argument, dass der Iran ohne den Putsch eine gefestigte Demokratie geworden wäre. Die Folgen des Putsches waren so traumatisch, dass viele Iraner bei der Abreise des Schahs 1979 eine Wiederholung von 1953 befürchteten – das war eine der Motivationen für die Besetzung der US-Botschaft durch Studenten. (…) Der Putsch von 1953 und seine Folgen bildeten den Ausgangspunkt für die politischen Kräfteverhältnisse im heutigen Nahen Osten und Innerasien. War die Islamische Revolution von 1979 im Rückblick unausweichlich? Oder wurde sie es erst dadurch, dass die Hoffnungen des iranischen Volkes 1953 vorübergehend zunichtegemacht wurden?“[1]
Britische Kapitalisten und der Schah
Seit der Konstitutionellen Revolution von 1906 und insbesondere nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde der Iran zu einem exemplarischen Schauplatz imperialistischer Ressourcenausbeutung durch westliche Monopolkapitale.
Im Zentrum dieser Entwicklung stand die 1909 in Berlin gegründete (später britische) Anglo-Persian Oil Company (APOC), die als erstes Unternehmen im Nahen Osten mit der industriellen Förderung von Erdöl begann und damit die Grundlage für die systematische Aneignung iranischer Rohstoffe durch das britische Kapital schuf. Die APOC, später umbenannt in Anglo-Iranian Oil Company (AIOC) und schließlich in British Petroleum Company (BP, Muttergesellschaft von Aral, Castrol, Gasolin etc.), entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Mineralölkonzerne weltweit.
Die Gründung der APOC resultierte aus der sogenannten D’Arcy-Konzession von 1901, die dem britischen Unternehmer William Knox D’Arcy weitreichende Förderrechte für persisches Öl zuäußerst günstigen Konditionen einräumte.
„Damals hatte der völlig verschuldete Schah von Persien, Mosaffar el-Din, dem Briten William Knox D’Arcy ‚ein spezielles und exklusives Privileg‘ gewährt, ‚für einen Zeitraum von 60 Jahren im gesamten Bereich des Persischen Reichs Erdgas, Asphalt und Erdwachs zu suchen, zu fördern, auszubeuten, für den Handel zu bearbeiten, auszuführen und zu verkaufen.“[2]
Die britische Regierung übernahm bereits 1914 eine Mehrheitsbeteiligung an der APOC, um die Versorgung der Royal Navy mit Treibstoff zu sichern und somit die militärische und ökonomische Vormachtstellung des Empires zu festigen.
Die Profite aus der Ölförderung flossen in überwältigendem Maße nach Großbritannien, während der iranische Staat und die Bevölkerung nur marginal an den Erträgen beteiligt wurden.
Im iranischen Parlament, dem Madschles („Versammlung“), formierte sich ab 1906 zunehmend Widerstand gegen die fortgesetzte Ausplünderung der nationalen Ressourcen durch den mehrheitsbritischen Konzern. Die Unzufriedenheit über die geringen Einnahmen aus den Konzessionen und die systematische Benachteiligung iranischer Arbeiter, führte zu wachsender Opposition gegen die APOC und ihre privilegierte Stellung:
„Die wiederholten Proteste im Madschles gegen die britische Dominanz in der Ölindustrie spiegelten den wachsenden Nationalismus und das Streben nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit wider. Die Forderung nach einer Revision der Konzessionen wurde zum zentralen Thema der politischen Debatte.“[3]
Die britischen Interessen reagierten auf die wachsende Oppositionsbewegung, indem sie aktiv in die iranische Innenpolitik eingriffen und einen Dynastiewechsel unterstützten.
Reza Khan, der Schah
Auserwählt für die Durchsetzung dieses Dynastiewechsels wurde der junge Militärkommandant Reza Khan, der zuvor durch einen weitgehend unblutigen Staatsstreich im Februar 1921 den Rücktritt des damaligen Premierministers Sepahdar erzwungen hatte.
In der Folge stieg Reza Khan rasch zum Verteidigungsminister auf und konsolidierte seine Machtposition innerhalb des iranischen Staatsapparats. Die Unterstützung durch die APOC und damit indirekt durch die britische Regierung spielte hierbei eine zentrale Rolle – die APOC stellte nicht nur finanzielle Ressourcen bereit, sondern fungierte auch als politischer Rückhalt für Khan, dessen Aufstieg im Kontext der imperialistischen Interessen Großbritanniens zu verstehen ist.
Mit massiver britischer Unterstützung initiierte Reza Khan eine umfassende Modernisierung und Reorganisation der iranischen Streitkräfte. Ziel dieser Maßnahmen war es, die Kontrolle des Zentralstaats über die Provinzen zu stärken und separatistische Bewegungen, die eine Bedrohung für die imperialistische Ausbeutung der iranischen Ressourcen darstellten, zu unterdrücken.
Besonders hervorzuheben ist die Niederschlagung der „Sozialistischen Sowjetrepublik Iran“ in Gilan im Norden des Landes, die 1920/21 mit Unterstützung sowjetischer Kräfte ausgerufen worden war. Diese kurzlebige sozialistische Räterepublik stellte eine direkte Herausforderung für die Interessen der APOC und der britischen Regierung dar – nicht nur widersetzte sie sich in ihrer kurzen Lebzeit erfolgreich der russischen Weißen Armee, die mit britischer Unterstützung die Ölfelder um Baku übernehmen wollte, sondern weitreichende gesellschaftliche Unterstützung bekam.
Die Sowjetrepublik fiel nur, weil sich die Sowjetunion mit der Unterschrift des Britisch-Sowjetischen Handelsabkommens (1921) verpflichtete, die Unterstützung der iranischen Sozialisten zu beenden – ein Schritt, der wiederum zum Schutz der Oktoberrevolution nötig war.[4]
Auch im Westen des Landes griff Reza Khan militärisch gegen separatistische Bestrebungen ein, etwa gegen die Ausrufung eines unabhängigen kurdischen Staates in Mahabad.
Die Zerschlagung dieser Bewegungen verschaffte Reza Khan nicht nur innenpolitisches Prestige, sondern sicherte zugleich die territoriale Integrität des Iran und damit die ungestörte Ausbeutung der Ölressourcen durch die APOC.
„Aus Angst, den Iran an die Russen zu verlieren, kamen britische Beamte im Land zu dem Schluss, dass ein Militärputsch notwendig sei, um ihre Interessen zu wahren. General Edmund Ironside, der ranghöchste britische Offizier im Iran, beauftragte Reza Khan, den Kommandeur der persischen Kosakenbrigade, damit, in Teheran einzumarschieren und die damalige Regierung zu stürzen. Es ist wahrscheinlich, dass Ironside Reza und seinen Männern im Gegenzug für ihre Teilnahme am Putsch Ausrüstung und Bezahlung zur Verfügung stellte.“ [5]
Die britische Unterstützung für Reza Khan war somit kein Ausdruck altruistischer Modernisierungsbestrebungen, sondern diente der Sicherung imperialistischer Interessen und der Stabilisierung eines Regimes, das bereit war, die kapitalistische Ordnung und die Profite westlicher Konzerne zu garantieren.
Chomeini sagte später: „The British appointed Reza Khan as a puppet to obey their orders. This is not deniable; it is not my claim; it is an evident part of history, both depicted by reporters and proved by documents that were published thirty, forty years later. […] Reza Khan had said: ‘I am not keen on politics; whatever you order, I obey the command!“[6]
Das politische Kapital, das Khan durch die erfolgreiche Niederschlagung separatistischer und sozialistischer Bewegungen erwarb, ermöglichte ihm 1923 den Aufstieg zum Premierminister.
Als Premierminister verfolgte Reza Khan das Ziel, Persien nach dem Vorbild der kemalistischen Türkei in einen säkularen, zentralistisch organisierten Nationalstaat zu transformieren. Diese Modernisierungsbestrebungen, die insbesondere auf die Schwächung der traditionellen Macht der Geistlichkeit und die Zurückdrängung religiöser Institutionen abzielten, stießen jedoch im Madschles auf erheblichen Widerstand – die Geistlichen, die einen bedeutenden Teil der politischen Elite stellten und als Träger der religiösen Legitimation fungierten, opponierten vehement gegen die Säkularisierungspolitik Khans.
Die APOC, deren ökonomische Interessen eng mit der politischen Stabilität und Berechenbarkeit des iranischen Staates verknüpft waren, betrachtete den möglichen Machtverlust Khans mit großer Sorge. Aus Sicht des Kapitals war Khan ein starker, autoritärer Herrscher, der die Interessen der ausländischen Monopole sicherte und oppositionelle Kräfte, seien sie religiös oder ökonomisch, unterdrückte, weitaus wünschenswerter als eine instabile, von inneren Konflikten zerrissene parlamentarische Ordnung. In diesem Kontext intensivierte die APOC ihre finanzielle und logistische Unterstützung für Khan, um dessen politische Position zu festigen und seine Gegner zu marginalisieren.
Mit Rückendeckung der APOC und der britischen Regierung gelang es Reza Khan, die Kadscharen-Dynastie, die seit Ende des 1789 formal an der Macht war, zu entmachten – Teil dieser Kampagne war die repressive Bekämpfung jeglicher Oppositioneller, u.a. durch Verhaftungswellen, Folter und politischer Entmachtung.
So wurde Khan 1925 durch das fast vollständig gleichgeschaltete Parlament zum neuen Schah (persische Wort für Herrscher) proklamiert und nahm den Titel „Reza Schah Pahlavi“ an.
Keep it in the Family
Nach mehreren Jahren einer im Sinne restaurativer und reaktionärer Ordnung als „erfolgreich“ geltenden Staatsführung, in deren Verlauf Reza Schah Pahlavi die Transformation Persiens in einen zentralisierten Nationalstaat unter dem neuen Namen „Iran“ vorantrieb, kam es während des Zweiten Weltkriegs zu einer abrupten Machtverschiebung. Unter dem Druck der alliierten Besatzungsmächte, insbesondere Großbritanniens und der Sowjetunion, wurde Reza Schah 1941 zur Abdankung gezwungen. Sein jüngster Sohn, Mohammad Reza Pahlavi, wurde als Nachfolger zum Schah ernannt.
Diese erzwungene Thronfolge war Ausdruck der geopolitischen Interessen der imperialistischen Mächte, die den Iran als strategisch bedeutsames Transitland für Nachschubwege und als Bollwerk gegen den Einfluss der Achsenmächte sowie der Sowjetunion betrachteten:
„Im August 1941 marschierten britische und sowjetische Truppen in den Iran ein, unter dem Vorwand der Präsenz deutscher Staatsangehöriger und der Notwendigkeit, Nachschublinien zur Sowjetunion zu sichern. Reza Schah, der versucht hatte, Neutralität zu wahren und den Forderungen der Alliierten zu widerstehen, wurde gezwungen, zugunsten seines Sohnes Mohammad Reza abzudanken. Die Alliierten betrachteten den Iran als eine entscheidende Transitroute für die Lieferung von Kriegsmaterial an die UdSSR und waren entschlossen, einen Einfluss des Achsenbündnisses zu verhindern. Die erzwungene Abdankung Reza Schahs war weniger das Ergebnis inneriranischer Politik als vielmehr Ausdruck der strategischen Überlegungen der Großmächte.“
Zum Ende des Krieges wuchs die Sorge Großbritanniens und der Vereinigten Staaten über die sowjetische Präsenz im Iran.
Wie vielerorts hatte das taktische Bündnis gegen den Hitlerfaschismus seinen Zweck bedient und stellte nun, insbesondere im Hinblick auf die angespannte Lage in Indien, ein Risiko für die weitere Herrschaft über die Kolonien, oder im Falle des Irans halb-Kolonien, da.
Großbritannien intensivierte also seine Bemühungen, den politischen Kurs im Iran zu beeinflussen und eine stärkere Beteiligung an der Regierungsführung zu erlangen.
Die britische Strategie zielte darauf ab, die politischen Institutionen des Iran zu reformieren, um sowohl die eigene Kontrolle über die wirtschaftlichen Ressourcen, insbesondere eben das Erdöl, zu sichern als auch einen Puffer gegen sozialistische und antiimperialistische Bewegungen zu schaffen.
Im Zuge dieser politischen Neuordnung wurde das Wahlsystem des iranischen Madschles formal liberalisiert. Die Einführung und Ausweitung bürgerlich-demokratischer Wahlrechte – wie etwa die Ausweitung des Wahlrechts auf größere Teile der männlichen Bevölkerung und die Einführung von Mehrparteiensystemen – sollte den Anschein von Partizipation und Legitimität wahren.
Gleichzeitig wurde die Macht des Schahs durch konstitutionelle Reformen partiell eingeschränkt, allerdings ohne die strukturelle Dominanz der Monarchie und der mit ihr verbundenen Klasseninteressen – insbesondere des Großgrundbesitzes, der Bürokratie und der durch westliches Kapital gestützten Kapitalklasse – grundlegend zu erschüttern.
Mossadegh
Die politische Öffnung des iranischen Parlaments nach dem Zweiten Weltkrieg markierte eine Phase intensiver gesellschaftlicher Mobilisierung und Polarisierung, in der erstmals seit Jahrzehnten verschiedene Klassen und politische Lager offen um die Ausrichtung des Landes rangen. Die Tudeh-Partei, die 1941 auf Kommando Stalins im Kontext der alliierten Besatzung des Irans und der Schwächung des autoritären Staates gegründet wurde, etablierte sich rasch als wichtigste marxistisch-leninistische Kraft im Iran. Sie organisierte Streiks, betrieb politische Aufklärung und setzte sich für die Rechte der Arbeitenden, Bauern und städtischen Unterschichten ein.
In den Jahren nach 1945 wuchs ihr Einfluss insbesondere in den industriellen Zentren, im Bildungssektor und innerhalb der Gewerkschaften. Die Tudeh verstand sich als Teil der internationalen kommunistischen Bewegung und knüpfte enge Kontakte zur Sowjetunion, was ihr einerseits politischen Rückhalt, andererseits aber auch Misstrauen von nationalistischen Kräften einbrachte.
Parallel dazu formierte sich mit der (von der Nationalen Front der DDR inspirierte) „Nationalen Front“ (Dschebhe melli) unter Führung von Mohammad Mossadegh ein breites Bündnis aus bürgerlich-demokratischen, nationalistischen, antiimperialistischen Kräften und kommunistischen Kräften. Die Nationale Front vereinte Intellektuelle, Teile der städtischen Mittelschicht, progressive Großgrundbesitzer und national gesinnte Militärs. Ihr gemeinsames Ziel war die Wiederherstellung der nationalen Souveränität, insbesondere durch die Kontrolle über die eigenen Ressourcen und die Zurückdrängung ausländischer Einflussnahme, allen voran der britischen Kontrolle über die Ölindustrie.
Die Phase zwischen 1949 und 1953 war geprägt von einer relativen politischen Offenheit: Parteien konnten agieren, Presse und Gewerkschaften gewannen an Bedeutung, und das Parlament wurde zum zentralen Forum gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Die Tudeh-Partei und die Nationale Front arbeiteten zeitweise taktisch zusammen, etwa bei der Unterstützung der Nationalisierung der Ölindustrie. Dennoch blieben die Differenzen groß: Während die Tudeh auf eine sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft abzielte und die Arbeiterklasse als revolutionäres Subjekt betrachtete, setzte die Nationale Front auf einen bürgerlich-demokratischen, antiimperialistischen Entwicklungsweg:
Diese Konstellation führte zu einer Dynamik, in der sich die Klasseninteressen immer deutlicher manifestierten – die Tudeh-Partei konnte durch ihre Verankerung in der Arbeiterbewegung und ihre konsequente antiimperialistische Haltung breite Teile der Bevölkerung mobilisieren. Gleichzeitig blieb sie durch staatliche Repression, antikommunistische Propaganda und die Rivalität mit nationalistischen Kräften verwundbar. Die Nationale Front wiederum war auf die Unterstützung der Massen angewiesen, musste aber stets den Spagat zwischen radikalen Forderungen und der Wahrung bürgerlicher Ordnungsinteressen meistern.
In den Jahren 1949 bis 1951 spitzte sich die politische Lage weiter zu: Die Forderung nach der Nationalisierung der Ölindustrie wurde durch Massenproteste, Streiks und eine breite politische Mobilisierung zunehmend zum zentralen Thema der öffentlichen Debatte. Die Tudeh-Partei unterstützte diese Forderung, auch wenn sie sich in zentralen Fragen von der Nationalen Front unterschied. Der politische Druck auf das Parlament und den Schah wuchs erheblich, da die Bevölkerung eine entschlossene antiimperialistische Politik verlangte.
„Die Jahre 1948-1959 waren gekennzeichnet durch eine immer stärker werdende antidiktatorische und nationale Bewegung zur Nationalisierung der Ölreserven und deren Förderung und hat im Okt. 1950 mit der Verabschiedung des Gesetzes der Nationalisierung des Erdöls ihren Höhepunkt erreicht. Der Beginn der 50er Jahre war geprägt von dieser Bewegung, der Realisierung des Ölgesetzes und der Amtszeit Dr. Mossadeghs als Regierungschef. Mit der Entwicklung und Vertiefung der Volksbewegung wurden auch die Reihen der gesellschaftlichen Kräfte deutlicher.“[7]
Im Kontext der gesellschaftlichen Polarisierung und der massiven Proteste gegen die britische Dominanz in der iranischen Ölindustrie sah sich das Parlament tatsächlich gezwungen, auf den öffentlichen Druck zu reagieren. Mossadegh wurde am 29. April 1951 vom Schah zum Premierminister ernannt und erhielt wenige Tage später mit 99 zu 3 Stimmen das Vertrauen des Parlaments. Bereits vor seiner Amtsübernahme hatte das Parlament die Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie beschlossen, was das fast 50-jährige britische Monopol beendete, und eine zentrale Forderung der Protestbewegung erfüllte.
Unter Mossadegh trat das iranische Parlament in offenen Konflikt zu den Profitinteressen des britischen Kapitals: Mossadegh setzte die bereits beschlossene Verstaatlichung der Ölindustrie konsequent um und beendete damit das jahrzehntelange britische Monopol auf die iranischen Rohstoffe. Ziel war nicht nur die wirtschaftliche Unabhängigkeit, sondern auch die Schwächung der vom Westen gestützten Monarchie und die Durchsetzung nationaler Souveränität:
„Während Mossadeghs Amtszeit wurden iranische Bauern von der Zwangsarbeit auf den Gütern ihrer Großgrundbesitzer befreit, Fabrikbesitzer wurden verpflichtet, kranken und verletzten Arbeitern Sozialleistungen zu zahlen, und eine Arbeitslosenversicherung wurde eingeführt. Ein Gesetz sorgte dafür, dass 20 % der Mieteinnahmen der Großgrundbesitzer in einen Fonds eingezahlt wurden, aus dem Entwicklungsprojekte wie Schädlingsbekämpfung, ländlicher Wohnungsbau und öffentliche Badehäuser finanziert wurden. Mossadegh unterstützte die Rechte der Frauen, verteidigte die Religionsfreiheit und ließ Gerichte und Universitäten frei arbeiten.“[8]
Großbritannien reagierte mit einem weltweitem Boykott iranischen Öls, wirtschaftlichen Sanktionen und verdeckten politischen Operationen, um Mossadeghs Regierung zu destabilisieren. Militärische Optionen wurden zwar erwogen, aber letztlich verworfen; stattdessen setzten die Briten auf eine enge Kooperation mit den USA, um einen Regimewechsel herbeizuführen.
Mossadegh deckte zudem auf, dass zahlreiche Parlamentsabgeordnete auf britischer Gehaltsliste standen, was die strukturelle Durchdringung des iranischen Staates durch imperialistische Interessen offenbarte. Angesichts der Blockadepolitik Großbritanniens und der Sabotageversuche gegen die iranische Wirtschaft entschloss sich Mossadegh, das Parlament mithilfe einer Volksbefragung aufzulösen und sich umfassende Vollmachten zu sichern, um seine antiimperialistische Politik fortzusetzen.
Operation Ajax
„Vor allem aber war Mossadegh unabhängig. Zu unabhängig. Er hatte die Briten hinausgeworfen, die iranische Ölindustrie verstaatlicht, damit die Iraner zuerst von ihren eigenen Ressourcen profitieren konnten, und plante weitere umfassende soziale Reformen. Und so entschied eines Tages im Jahr 1953 – zu einer Zeit, als die USA im Iran noch hohes Ansehen genossen –, die US-Regierung, dass Mossadegh nicht länger an der Macht bleiben dürfe. Und sie schmiedete und schmiedete und schmiedete ihre Pläne.“[9]
Gemeinsam mit dem britischen MI6 entwickelte die CIA unter dem Codenamen „Operation Ajax“ (bzw. „Operation Boot“ für die Briten) einen detaillierten Plan zur Beseitigung Mossadeghs.
Ziel war es, die Kontrolle über das iranische Öl wiederherzustellen und einen „Dominoeffekt“ der Nationalisierung in anderen Ländern zu verhindern (insbesondere mit Blick auf den Sturz König Faruqs in Ägypten und das Risiko der Nationalisierung des Suez-Kanals).
Die CIA setzte dabei auf ein breites Arsenal an Mitteln: Bestechung von Politikern, Offizieren und Geistlichen, das Anheuern von Schlägern und Provokateuren, die Organisation von Unruhen und Demonstrationen sowie eine gezielte Propagandakampagne in Medien und Moscheen.
Roosevelt sagte später; „We really had the Tudeh [communists] under control. We had the press under control. We had the streets under control. (…) We had newspapers, we had mobs, we had clerics, all on our side.“[10]
Im August 1953 erreichte die Operation ihren Höhepunkt: Die CIA und der MI6 mobilisierten sowohl islamistische Gruppen als auch kriminelle Banden, um in Teheran Chaos zu stiften und Pro-Schah-Demonstrationen zu inszenieren. Der Schah, der zunächst gezögert hatte, unterstützte schließlich den Putsch und floh nach einem ersten gescheiterten Versuch ins Ausland.
Nach wenigen Tagen kehrte er zurück, als die Putschisten unter General Fazlollah Zahedi, unterstützt von Teilen des Militärs, Mossadeghs Regierung stürzten. Die Straßenkämpfe forderten zwischen 200 und 300 Tote. Mossadegh wurde verhaftet, in einem Schauprozess wegen Landesverrats verurteilt, drei Jahre inhaftiert und anschließend bis zu seinem Tod 1967 unter Hausarrest gestellt. Zahlreiche Unterstützer Mossadeghs wurden ebenfalls verhaftet, viele erhielten langjährige Haftstrafen oder die Todesstrafe.
„Wo die US-Regierung „einen glorreichen Tag“ sah, schrieb der exilierte iranische Intellektuelle Sasan Fayazmanesh fünfzig Jahre später, „sahen wir einen Tag der Schande“. Wo US-Beamte „sich wünschten, der Tag hätte nie geendet, wünschten wir, er hätte nie begonnen“. Wo die USA „ein strahlendes Bild der Wiederherstellung seiner Majestät an die Macht“ sahen, sahen wir groteske Bilder einer brutalen Diktatur, von Spitzeln, Verliesen, Folter und Hinrichtungen.“.[11]
Mit dem erfolgreichen Putsch wurde der Schah, Mohammad Reza Pahlavi, als autoritärer Herrscher wiedereingesetzt.
„In order to prevent the reemergence of organized opposition, the shah, with assistance from US and Israeli advisers, established an internal security organization, SAVAK, that became notorious for its pervasive surveillance operations and its brutal treatment of the political prisoners who packed Iran’s jails“[12]
Es wäre falsch, Mossadegh als eine makellose revolutionäre Persönlichkeit zu benennen – Ervand Abrahamian, der Nonplusultra Historiker des modernen Iran, beschreibt präzise, dass allein die Tatsache, dass Mossadegh überhaupt vom Schah zum Premierminister ernannt werden konnte, ihn allein zu keinem kompromisslosen Antiimperialisten gemacht haben konnte.
Abrahamian stellt die These auf, dass die Tatsache, dass Mossadegh in seiner Amtszeit „nicht bereit war, diktatorische Methoden anzuwenden“, letztendlich die imperialistische Intervention ermöglicht hatte:
„Some people argue that if he had killed some people, the coup wouldn’t have occurred. In fact, after the first failed coup, there were people in his entourage who said “you should execute these guys since they are obviously trying to overthrow you” and he said, “you are crazy, we are not in the business of killing people.” [13]
Mossadeghs großer Fehler, einer der allzu häufig unter antiimperialistischer Herrschaft im Anblick imperialistischer Intervention ist, war die Ablehnung einer breiten Einheitsfront zwischen den Kommunisten der Tudeh und Mossadeghs Nationaler Front.
Mit einer breiten, organisierten und bewaffneten Einheitsfront wäre es, zumindest nach Abrahamian, sehr wohl möglich gewesen den imperialistischen Putsch zu verhindern – warum Mossadegh eine Einheitsfront genau ablehnte, wäre Spekulation.
Die realistischste Möglichkeit wäre, dass Mossadegh fürchtete, durch Allianz mit der Tudeh den Rückhalt in der breiten, aber heterogenen Nationalen Front, besonders bei den religiösen und bürgerlichen Kräften, zu verlieren. Die Nationale Front, die Mossadegh anführte, war zur Zeit seiner Herrschaft ein Bündnis verschiedener Klassenübergreifender Antiimperialisten; darunter Nationalisten, Liberale, Sozialdemokraten und auch der Klerus unter Ayatollah Kaschani.
„Mossadegh hat in seinen Memoiren unter anderem geschrieben: „Den Kommunismus haben sie uns ausgeredet, um weitere vierzig Jahre unsere Ölquellen auszubeuten und uns unserer Freiheit und Unabhängigkeit zu berauben.“ Verhaftung, Folterung und Erschießungen der Menschen, allen voran der Mitglieder und Sympathisanten der (Volksfront) waren die Folge. Die Tudehi haben sie zum Schlachthof geschickt, damit die Imperialisten unsere Reichtümer mit ruhigem Gewissen unter sich aufteilen können. Der Name aller dieser Helden, allen voran die Mitglieder des im Untergrund tätigen Militärkorps der Partei unter den iranischen Streitkräften wird für immer mit dem antiimperialistischen Kampf der iranischen Völker verbunden bleiben“[14]
Blaupause Mossadegh
Der Sturz Mossadeghs ist wohl einer der folgenreichsten Staatsstreichen des 20. Jahrhunderts und markiert einen Wendepunkt in der Geschichte imperialistischer Interventionen. Die Operation Ajax war nicht nur ein Präzedenzfall für die gewaltsame Beseitigung einer demokratisch legitimierten, antiimperialistischen Regierung, sondern diente westlichen Monopolkapitalen, insbesondere den USA, als strategische Blaupause für den Umgang mit Kapitaloppositionellen Regierungen weltweit.
Nach Mossadeghs Sturz wurde die Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie rückgängig gemacht. Die Kontrolle über die Ölressourcen wurde im Rahmen eines neuen Konsortiums aufgeteilt: 40% gingen an fünf US-amerikanische Firmen, 40% an British Petroleum (bzw. AIOC), 14% an Royal Dutch Shell und 6% an die französische CFP.
Damit sicherte sich das westliche Kapital nicht nur den Zugriff auf den iranischen Reichtum, sondern auch die politische Loyalität des Schahs, der fortan mit massiver US-amerikanischer und britischer Unterstützung eine autoritäre Diktatur errichtete. Über 10.000 US-Berater waren in den folgenden Jahren im Iran aktiv, und das Land wurde zu einem zentralen Stützpunkt westlicher Interessen im Nahen Osten
Entscheidend ist, dass der Mossadegh-Putsch eine globale Signalwirkung entfaltete: Das westliche Kapital lernte, dass wirtschaftliche Sanktionen, Embargos, politische Destabilisierung und letztlich der offene Putsch – unterstützt durch lokale Eliten, Militärs und bezahlte Provokateure – ein effektives Mittel zur Sicherung ihrer Profitinteressen sind.
Die „Mossadegh-Blaupause“ fand in den folgenden Jahrzehnten vielfach Anwendung gegen antiimperialistische und sozialistische Regierungen: Jacobo Arbenz in Guatemala (1954), Patrice Lumumba im Kongo (1961), Sukarno in Indonesien (1965–67), Salvador Allende in Chile (1973), Thomas Sankara in Burkina Faso (1987) – um nur einige prominente Beispiele zu nennen. In all diesen Fällen wurden demokratisch gewählte Regierungen durch verdeckte Operationen, wirtschaftlichen Druck und offene Gewalt gestürzt, um die Kontrolle westlicher Konzerne über strategische Ressourcen und Märkte zu sichern.
Die Folgen für den Iran waren gravierend: Die zweite Herrschaftsphase des Schahs war geprägt von massiver Repression, Folter, Zensur und der systematischen Ausschaltung jeglicher Opposition – insbesondere linker und antiimperialistischer Kräfte. Die Tudeh-Partei wurde zerschlagen, ihre Führer hingerichtet oder inhaftiert, und die politische Landschaft des Iran blieb bis zur Revolution von 1979 von autoritärer Herrschaft und sozialer Ungleichheit geprägt.
„Weiße Revolution“
Bereits 1963 initiierte Schah Pahlavi mit der sogenannten „Weißen Revolution“ ein umfassendes, von oben gesteuertes Modernisierungsprogramm, das explizit an westlichen Entwicklungsmodellen orientiert war und als Versuch einer präventiven Revolution gegen sozialistische und antiimperialistische Bewegungen verstanden werden muss.
Die „Weiße Revolution“ umfasste zentrale Maßnahmen wie eine Landreform, welche den weitreichend sozialisierten Landbesitz Mossadeghs rückgängig machte , die Privatisierung von Industrie, eine Bildungsoffensive sowie die Einführung des Frauenwahlrechts und die Reform des Scheidungsrechts.
Die Landreform sollte das überkommene Feudalsystem der Kadscharenzeit aufbrechen und den Bauern Eigentum verschaffen, doch in der Praxis profitierten vor allem Großgrundbesitzer, die für Enteignungen mit Anteilen an der expandierenden Industrie entschädigt wurden, während viele Bauern nur unzureichende Parzellen erhielten und mit hohen Krediten belastet wurden.
Aus dieser zweiten Herrschaft des Schah stammt die Vorstellung Einiger, unter dem Schah sei der Iran ein progressiver Staat gewesen.
Diese Vorstellung leitet sich aus der Erkenntnis ab, dass Frauen sich im Iran des Schah, missverständlich frei, entgegen islamischer fortschritten kleiden konnten – basiert also auf einer liberal-feministischen Vorstellung, die auf westlich patriarchalischen Frauenbildern fundiert.
Tatsächlich wurde die Frau unter dem Schah nicht befreit, sondern in ein anderes, gleichermaßen Enges Frauenbild geschoben, wie es heute in der islamischen Republik Iran herrscht.
Bereits ab 1936 war es iranischen Frauen verboten, jegliche Art religiöser Verschleierung zu tragen – von Niqab und Burka über gewöhnliche Hijabs und Shaylas.
95% der Frauen Irans waren auch unter dem Schah Musliminnen, die nach dem Bedeckung-Verbot häufig zu Hüten und Mützen griffen, um ihrem religiösen Verständnis trotz Repression nachzugehen.
Der radikale Widerspruch zwischen iranisch-persischer Kultur und dem „West-Wahn“ des Schahs führte u.a. zum Gegenstück der heutigen iranischen „Sittenpolizei“, bei der „bewaffnete Polizisten auf (Frauen) losgingen und ihnen die Tücher vom Kopfe rissen.“:
„Per Dekret verfügt er am 7. Januar 1936, dass Frauen und Mädchen nicht mehr mit Kopftüchern in der Öffentlichkeit erscheinen dürfen. Polizisten lauern mit Bajonetten, und wenn sie eine Frau mit Kopfbedeckung sehen, ziehen sie ihnen das Kopftuch oder den Umhang mit den Spitzen ihrer Bajonette herunter.“[15]
Die kulturelle und wirtschaftliche „Modernisierung“ erfolgte vor dem Hintergrund sich rapide zuspitzender materieller Widersprüche: Die kapitalistische Expansion führte zu einem Boom in den urbanen Zentren, doch die Schaffung produktiver Arbeitsplätze hielt mit dem Bildungs- und Urbanisierungsschub nicht Schritt.
Bereits Mitte der 1970er Jahre überstieg die Zahl der Hochschulabsolventen im Iran deutlich die Kapazitäten des Arbeitsmarktes, was insbesondere in Teheran zu wachsender Frustration und Arbeitslosigkeit unter der jungen, qualifizierten Bevölkerung führte. Die Konzentration des Kapitals in den Händen weniger Schah-naher Familien, die Bereicherung internationaler Ölkonzerne und die fortgesetzte Abhängigkeit von westlichem Kapital standen in scharfem Gegensatz zur Verarmung breiter Bevölkerungsschichten.
In diesem Kontext schrieb Ulrike Meinhof, zu diesem Zeitpunkt noch Redakteurin bei Konkret, ihren offenen Brief an Farah Diba und ihren Mann, den Schah:
„19 Millionen Dollar soll allein der Sturz Mossadeghs den CIA gekostet haben. Über den Verbleib der Entwicklungshilfe können nur Mutmaßungen angestellt werden, denn mit dem bißchen Schmuck, den er (der Schah, KP) Ihnen geschenkt hat – ein Diadem für 1,2 Millionen DM, eine Brosche für 1,1 Millionen DM, Diamantohrringe für 210.000 DM, ein Brillantarmband, eine goldene Handtasche -, sind 2 Milliarden ja noch nicht durchgebracht. Aber seien Sie unbesorgt, das westliche Ausland wird nicht kleinlich sein, den Schah wegen ein paar Milliarden Unterschlagungen, Opiumhandel, Schmiergeldern für Geschäftsleute, Verwandtschaft und Geheimdienstler, dem bißchen Schmuck für Sie zu desavouieren. Ist er doch der Garant dafür, daß kein persisches Öl je wieder verstaatlicht wird, wie einst unter Mossadegh, nicht bevor die Quellen erschöpft sind, gegen Ende des Jahrhunderts, wenn die vom Schah unterzeichneten Verträge auslaufen. Ist er doch der Garant dafür, daß kein Dollar in Schulen fließt, die das persische Volk lehren könnten, seine Geschicke selbst in die Hand zu nehmen; sein Öl für den Aufbau einer Industrie zu verwenden und Devisen für landwirtschaftliche Maschinen auszugeben, um das Land zu bewässern, des Hungers Herr zu werden. Ist er doch der Garant dafür, daß rebellische Studenten und Schüler jederzeit zusammengeschossen werden und Parlamentsabgeordnete, die das Wohl des Landes im Auge haben, verhaftet, gefoltert, ermordet werden. Ist er doch der Garant dafür, daß eine 200.000-Mann-Armee, 60.000 Mann Geheimdienst und 33.000 Mann Polizei, mit US-Geldern gut bewaffnet und wohl genährt und von 12.000 amerikanischen Armee-Beratern angeleitet, das Land in Schach halten. Damit nie wieder passiert, was die einzige Rettung des Landes wäre: die Verstaatlichung des Öls, wie damals am 1. Mai 1951 durch Mossadegh.“[16]
Ayatollah Chomeini
Die gesellschaftliche Unzufriedenheit wurde durch die allgegenwärtige Korruption und die als neokolonial empfundene Rolle des Schahs als Statthalter westlicher Interessen weiter verschärft.
Die autoritäre Modernisierung von oben, verbunden mit der Repression gegen linke, nationalistische und religiöse Opposition, führte ab 1978 zu einer massiven Protestwelle, an der sich Hunderttausende beteiligten.
Einer der profiliertesten Kritiker der „Weißen Revolution“ war der schiitische Geistliche Ruhollah Chomeini, der bereits 1963 als Gegner des Reformprogramms öffentlich hervortrat und die Maßnahmen als Angriff auf den Islam und die nationale Souveränität brandmarkte – im Verlauf der 1960er Jahre entwickelte er sich zu einer beispiellosen Persönlichkeit im Iran.
Chomeini kritisierte nicht nur die Säkularisierung und das Frauenwahlrecht, sondern vor allem die strukturelle Ungleichheit, die Korruption und die diktatorische Herrschaft des Schahs, die sich angesichts der sich zuspitzenden gesellschaftlichen Widersprüche weiter zentralisierte.
Chomeini unterschied sich von anderen Kritikern insofern, dass seine Bekanntheit und Schätzung in weiten Teilen der iranischen Bevölkerung es dem Schah schwer möglich machte, ihn mit weitreichenden Repressionen zu belegen – so sprach er 1963:
„Diese Regierung ist gegen den Islam gerichtet. Israel ist dagegen, dass im Iran die Gesetze des Korans gelten. (…) der Koran, die Geistlichkeit. Oh Herr Schah, oh erhabener Schah, ich gebe Ihnen den guten Rat, nachzugeben und (von den Reformen der Weißen Revolution) abzulassen. Ich will keine Freudentänze der Bevölkerung sehen, an dem Tag, an dem Sie das Land auf Befehl Eurer Meister verlassen werden, so wie alle jubelten, als Ihr Vater das Land einst verlassen hat.“[17]
An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass das israelische Kapital und sein Geheimdienst, tatsächlich eine bedeutende Rolle in der Aufrechterhaltung des Schah-Regimes spielten – ob sich Chomeinis regelmäßige Erwähnung Israels nicht aber auch auf einem gewissen Antisemitismus fundierten, wollen wir bezweifeln.
Es ist jedoch wichtig zu begreifen, dass in den 1960er Jahren Israel der einzige und treuste Partner der Vereinigten Staaten in der Region war – diese Erkenntnis, verbunden mit der tragenden Rolle Mossads während des Schah-Regimes, ist unheimlich wichtig, wenn man die islamische Republik Iran heute begreifen will.
Mossad bildete unteranderem das Repressionsorgan des Schah, die Geheimpolizei SAVAK, in Israel aus und führte moderne Überwachungs- und Verhörmethoden ein, die u.a. gegen religiöse Frauen im Iran angewandt wurden.
Nach Chomeinis Rede versammelten sich Zehntausende Menschen auf den Straßen Teherans in Protest gegen die Reformationen und Repressionen des Schah.
Die Proteste mündeten in brutalen Niederschlagungen durch das Regime im ganzen Land:
„Die Zahl der Toten ist bis heute umstritten. Regierungsnahe Quellen sprachen von etwa 80 Toten, während oppositionelle Gruppen von mehreren Tausend Opfern ausgingen.“
Die brutale Niederschlagung der Proteste von 1963, bei denen zahlreiche Demonstrierende getötet und Chomeini verhaftet und ins Exil geschickt wurde, markierte einen Wendepunkt: Die Ereignisse gelten heute als Geburtsstunde der islamischen Revolution, deren soziale Basis in der Unfähigkeit des Regimes wurzelte, die antagonistischen Klasseninteressen im Rahmen der kapitalistischen Modernisierung zu befrieden.
Chomeini wurde durch seine Verhaftung zur Symbolfigur des Widerstands gegen das Schah-Regime. Seine Inhaftierung verlieh ihm in der Öffentlichkeit einen Märtyrerstatus, der ihn weit über die religiösen Kreise hinaus bekannt machte – durch die Unterstützung vieler Geistlicher wurde er zum höchsten religiösen Autoritätsträger, dem „Marja“, ernannt, was ihm politische Immunität verschaffte.
Aus dem Exil in Nordirak und später Frankreich unterhielt Chomeini weiterhin enge Beziehungen zu seinen Anhängern im Iran.
In Nadschaf hielt Chomeini Vorlesungen über seine Vorstellung eines schiitischen Staates, diese wurden später niedergeschrieben und erhielten breite Aufmerksamkeit im Iran.
In seinen Schriften und Vorlesungen vertraut Chomeini eine befreiungstheologische Auslegung des Islam im Sinne einer „Religion militanter Individuen, die sich der Wahrheit und Gerechtigkeit verpflichtet haben. Der Islam ist die Religion derer, die nach Freiheit und Unabhängigkeit streben.“
Die iranische Revolution
Mit der zunehmenden Repression gegen Demonstrationen, insbesondere jene mit Nähe zu Chomeini, intensivierte sich die gesellschaftliche Mobilisierung im Iran ab 1977/78 erheblich. Jede staatliche Gewaltmaßnahme zur weiteren Radikalisierung und Vergrößerung der Protestbewegung. Die Massenproteste speisten sich aus einer Vielzahl von Widersprüchen: Die Erinnerung an den Putsch gegen Mossadegh 1953, der sich 1978 zum 25. Mal jährte, war unter den Demonstrierenden ebenso präsent wie die alltäglichen Erfahrungen mit der durch die „Weiße Revolution“ forcierten, als „Amerikanisierung“ empfundenen Modernisierungspolitik des Schahs. Die Wahrnehmung, der Schah sei ein Statthalter westlicher Interessen und die nationale Souveränität werde systematisch untergraben, trug entscheidend zur Delegitimierung des Regimes bei.
Am „Schwarzen Freitag“, dem 5. September 1978, riefen Geistliche und Nationale Front zu einem landesweiten Generalstreik auf:
Ca. 200.000 Iraner versammelten sich auf den Straßen Teherans, der Schah, der sich mittlerweile inmitten eines drohenden Bürgerkriegs wiederfand, rief das Kriegsrecht aus und entsandte ein Viertel der gesamten Armee (ca. 100.000 Soldaten, 200 Panzer etc.) auf die Straßen Teherans – in der Nacht zum Samstag schoss das Militär wahllos in die Menge – die Rede ist von bis zu 14.000 Toten, genaue Zahlen sind unbekannt.[18]
Der Islam war in dieser Zeit der revolutionären Bewegung nur ein Teilaspekt der vielfältigen oppositionellen Strömungen.
Die iranische Marxistin Sy Landu analysierte hierzu treffend:
„Angesichts der revolutionären und antiimperialistischen Gesinnung der Massen musste sich die iranische Bourgeoisie an Chomeini wenden, und Chomeini musste sich häufig von den offen bürgerlichen Typen wie Bazargan und Bani-Sadr abwenden und den religiösen ‚Fanatikern‘ zuwenden. Er benutzt die religiösen Ideen als Opium, um die Massen zu befriedigen und zu bändigen, und die (Gotteskämpfer), um sie zu disziplinieren. In der Tat wurden die fanatischen Schläger sogar gegen die bürgerlichen Elemente selbst eingesetzt, um sie davon abzuhalten, eine zu offensichtliche bürgerliche Herrschaft zu fordern und damit das Überleben ihres eigenen Systems zu riskieren.“[19]
Das materielle Fundament der Revolution bildeten die Streiks der Arbeiter, insbesondere in der Ölindustrie. Ab Sommer 1978 traten die Beschäftigten der Schlüsselindustrien in den Ausstand, häufig organisiert durch Netzwerke, die auf die von Mossadegh gegründete „Nationale Front“ zurückgingen.
Die Ölarbeiter forderten nicht nur bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne, sondern artikulierten explizit politische Forderungen wie die Freilassung politischer Gefangener und das Ende des Ausnahmezustands.
Die Streiks legten die Wirtschaft des Landes weitgehend lahm und entzogen dem Regime seine zentrale Einnahmequelle, was maßgeblich dazu beitrug, dass das internationale Kapital – insbesondere die westlichen Ölkonzerne – dem Schah die Unterstützung entzog:
„Ölarbeiter hatten – sehr zum Missfallen des Regimes – die Produktion gedrosselt, sowohl um Irans wichtigste Ressource zu schützen als auch um zu verhindern, dass sie in besonders verhasste reaktionäre Staaten wie Südafrika und Israel exportiert wurde.[20]
In Reaktion versuchte der Schah mit der Ankündigung weitreichender demokratischer und religiöser, den entbrannten Widerspruch zwischen Volk und Herrschaft zu schlichten und sich als Teil der revolutionären Bewegung zu inszenieren – ohne Erfolg:
„Mit einer Mischung aus Demutsgesten und Beschwichtigungen versuchte der Schah, das Steuer herumzureißen. Doch die Massen auf den Straßen wollten keine Reformen mehr – sie wollten sein Ende.“[21]
Michel Foucault, der 1978 als Beobachter im Iran war, beschrieb die Streikbewegung der Arbeiter als Ausdruck eines „perfekten kollektiven Willens“. Die Arbeitskämpfe repräsentierten den klassenkämpferischen Kern der Revolution und offenbarten die antagonistischen Widersprüche zwischen Arbeit und Kapital, die durch die Modernisierungspolitik des Schahs weiter verschärft worden waren. In der Endphase der Revolution verschmolzen somit antiimperialistische, soziale und religiöse Protestformen zu einer Massenbewegung, die das Regime schließlich zum Einsturz brachte.
Während die gemäßigt marxistische und zum Teil sozialdemokratisch orientierte „Nationale Front“ die Arbeitskämpfe und Streikbewegungen anführte, war die verbotene Tudeh-Partei, die sich in den 1970er Jahren zunehmend maoistischen Positionen annäherte, maßgeblich am bewaffneten Widerstand gegen das Schah-Regime beteiligt. Insbesondere die Volksmudschahedin (Mojahedin-e Khalq), die sich aus maoistisch und islamisch beeinflussten Fraktionen zusammensetzten, führten einen ambitionierten Guerillakrieg gegen die staatlichen Repressionsorgane.
Historische Analysen und die Forschungsliteratur sind sich weitgehend einig, dass auch der bewaffnete Widerstand dieser Guerillabewegungen einen erheblichen Beitrag zur Destabilisierung und letztlich zum Sturz des Schah-Regimes leistete. Die Gesamtheit der Guerillas, die weit über die Maoisten der Volksmudschahedin hinausging und auch andere linke, nationalistische und islamisch-sozialistische Gruppen umfasste, trug entscheidend zur inneren Erosion der Herrschaftsstrukturen bei.
Auf der Konferenz von Guadalupe entschlossen die Vertreter des westlichen Kapitals, u.a. US-Präsident Jimmy Carter und Bundeskanzler Helmut Schmidt, jegliche Unterstützung für den Schah einzustellen und den Kontakt zu Chomeini zu suchen, um ihre Kapitalinteressen auch in Zukunft zu sichern – kurze Zeit später verließ der Schah mit den Worten „Ich bin müde und brauche eine Pause“ den Iran – zwei Wochen später kehrte Chomeini, der mittlerweile ein übermenschliches Ansehen in der iranischen Bevölkerung trug, aus dem Exil zurück.
Vor knapp zwei MIlionen „Studenten, Intellektuellen, Kommunisten, einfache Arbeiter und Professoren, Frauen im Minirock und Frauen im Tschador“, die sich vor dem Zentralfriedhof Teherans versammelt hatten, hielt Chomeini seine de-facto Staatsgründende Rede:
„Mohammad Reza hat (die Landreform) gemacht, um einen Markt für Amerika zu schaffen. Dass wir in Abhängigkeit von Amerika bleiben, Weizen und Reis aus Amerika importieren, und Eier aus Israel, der Kolonie von Amerika, bringen. Was dieser gemacht hat unter dem Namen einer Reform, war schlecht. (…) Wir sind dagegen, dass wir unsere Arbeitskraft verlieren. Wann haben wir uns gegen Modernismus gestellt? Die Modernisierung, die Symbole der Moderne, haben heute ihren Fuß aus Europa in den Osten besonders in die Islamische Republik Iran gesetzt. Aber die Dinge, die man als Instrumente der Zivilisation hätte nutzen müssen, haben uns in die Barbarei gebracht. (…) Mit allen Mitteln haben sie das Land betrogen. Wir sagen, dieser Mensch selbst die Regierung von diesem Mensch und das Parlament dieses Menschen sind alle illegal. Wenn sie so weitermachen, sind sie alle Kriminelle. Alle müssen vor Gericht gestellt werden.“[22]
Widerspruch und Folge
Die iranische Revolution muss als Resultat einer recht leicht verständlichen Konstellation struktureller Widersprüche verstanden werden, deren Wurzeln wesentlich in der imperialistischen Ausbeutung der iranischen Mineralölressourcen und der daraus resultierenden gesellschaftlichen Transformationen liegen.
Der Hauptwiderspruch – der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit – wurde durch die Modernisierungspolitik des Schahs massiv verschärft. Die Top-Down-Modernisierung führte zu wachsender sozialer Ungleichheit, Prekarisierung und Marginalisierung breiter Bevölkerungsschichten, was sich in den landesweiten Arbeitskämpfen und der faktischen Lahmlegung des Ölexports manifestierte.
Die Streiks der Ölarbeiter entzogen dem Regime seine ökonomische Basis und zwangen die internationalen Ölkonzerne sowie die westlichen Unterstützer, ihre Rückendeckung für den Schah zu beenden.
Ein zweiter, wesentlicher Widerspruch war der religiöse Gegensatz, der sich insbesondere infolge der „Weißen Revolution“ und der damit verbundenen Amerikanisierung und Säkularisierung des Landes manifestierte. Die Modernisierungsmaßnahmen griffen tief in die gesellschaftlichen Strukturen und Traditionen ein und wurden von weiten Teilen des schiitischen Klerus als Angriff auf den Islam und die religiöse Ordnung verstanden. Dieser Widerspruch war eng mit der Öffnung des Landes für ausländisches Kapital und der damit einhergehenden kulturellen Entfremdung verbunden.
Den Menschen Irans, deren Kultur und Überbau eng an den Schiitischen Islam gebunden ist, wurde versucht, ein westliches Kulturideal in allen Teilen ihres gesellschaftlichen Lebens aufzudrängen – nicht zuletzt durch Verschleierungsverbote und massive Repression bei Erhalt kulturell-religiöser Sitten.
Dieser Widerspruch, der seine Allgegenwart nicht zuletzt durch Schlägertrupps und Kopftuchraub manifestierte, sollte Fundament für den späteren islamischen Weg der iranischen Revolution werden und die Feindschaft gegen den de-facto Kolonialherren Amerika, mit seinen Alliierten (insb. Israel), auch im religiösen Kontext legitimieren.
Der dritte zentrale Widerspruch bestand zwischen Volk und Herrschaft: Die autokratische Entwicklung des Schahs in seiner zweiten Herrschaftsphase nach dem Sturz Mossadeghs führte zu einer zunehmenden Entfremdung und Ablehnung in weiten Teilen der Bevölkerung. Die Rolle des Schahs als Statthalter westlicher Kapitalinteressen, die durch den imperialistischen, völkerrechtswidrigen Putsch gegen Mossadegh offengelegt wurde, führte zu einer tiefgreifenden Desillusionierung und zur Normalisierung antiamerikanischer Haltungen im kollektiven Bewusstsein.
Allein im letzten Monat vor der iranischen Revolution, wurden ca. 20.000 Protestierende und Oppositionelle von den Truppen des Schah getötet.
Diese drei Kernwidersprüche – Kapital und Arbeit, religiöse Tradition und Modernisierung, Volk und autokratische Herrschaft – waren nicht isoliert, sondern verschränkten sich in dialektischer Weise und verstärkten sich gegenseitig. Ihre Zuspitzung bildete das strukturelle Fundament der revolutionären Dynamik, die 1979 in den Sturz des Schah-Regimes und die Etablierung der Islamischen Republik mündete.
Es ist jedoch eindeutig, dass der imperialistische Sturz Mossadeghs als Hauptursache für die Entwicklung hin zur iranischen Revolution gesehen werden muss – mit allen Mechanismen, die ihn herbeigeführt haben.
[1] https://www.lander.odessa.ua/doc/Overthrow%20Kinzer.pdf, S. 228
[2] https://www.spiegel.de/wirtschaft/der-geist-ist-aus-der-flasche-a-851f862a-0002-0001-0000-000042645486
[3] Ervand Abrahamian: A History of Modern Iran, S. 76.
[4] „Wir müssen uns, wenn wir die Revolution retten wollen, auf Kompromisse mit dem Imperialismus einlassen, solange wir nicht die Kräfte haben, ihn zu besiegen. Das ist keine Frage des Prinzips, sondern eine Frage der Notwendigkeit.“ (Lenin, „Über Kompromisse“)
[5] https://www.foreignexchanges.news/p/today-in-middle-eastern-history-reza
[6] https://english.khamenei.ir/news/6388/Why-did-the-British-choose-Reza-Khan-for-ruling-the-Iranian-monarchy
[7] https://www.tudehpartyiran.org/wp-content/uploads/2001/03/60JahreTudehParteiIran.pdf
[8] https://web.archive.org/web/20040915080838/http://www.atimes.com/atimes/Middle_East/FI15Ak03.html
[9] https://web.archive.org/web/20040915080838/http://www.atimes.com/atimes/Middle_East/FI15Ak03.html
[10] https://iranwire.com/en/features/64796/
[11] https://web.archive.org/web/20040915080838/http://www.atimes.com/atimes/Middle_East/FI15Ak03.html
[12] William L Cleveland: A History of the Modern Middle East, S.195
[13] https://iranwire.com/en/features/64796/
[14] https://www.tudehpartyiran.org/wp-content/uploads/2001/03/60JahreTudehParteiIran.pdf
[15] https://iranjournal.org/gesellschaft/iranische-frauen-vor-der-revolution/2
[16] https://socialhistoryportal.org/sites/default/files/raf/0019670602_0.pdf
[17] Gholam Reza Afkhami: The life and times of the Shah, S. 234
[18] https://www.zeit.de/1978/38/die-revolte-der-mullahs-und-massen/seite-3
[19] https://www.marxists.org/history/etol/newspape/socialistvoice/iran11.html
[20] https://www.marxists.org/history/etol/newspape/socialistvoice/iran11.html
[21] Der Spiegel (Nr. 46/1978, 13. November 1978)
[22] https://de.wikipedia.org/wiki/Islamische_Revolution#Die_R%C3%BCckkehr_Chomeinis

