Venezuela: 100 Tage Vasallenstaat
Am 3. Januar dieses Jahres bombardierten die Vereinigten Staaten die venezolanische Hauptstadt Caracas und entführten den Staatspräsidenten Nicolás Maduro sowie seine Frau und ehemalige Präsidentin der venezolanischen Nationalversammlung, Cilia Flores. Über den Überfall sowie eine umfassende Analyse des Chavismus und der Geschichte Venezuelas haben wir hier im Detail geschrieben.
Einige Tage und Wochen nach dem Überfall tobten die Völkerrechts-Theologen verschiedenster Couleur darum, dieser Überfall sei illegal und deswegen falsch. Dass das die Vereinigten Staaten wenig interessiert, wo die internationale Rechtsprechung eine Sache eben nicht betrifft, die über dem Recht stehen, wunderte uns nur wenig. Seit dem Überfall sind nun 100 Tage vergangen, und es ist recht ruhig um Venezuela geworden; Maduro und Flores sitzen noch immer im „Metropolitan Detention Center“-Knast in Brooklyn, New York, und die ultrarechte venezolanische Exil-Opposition um María Corina Machado scheint von ihrem amerikanischen Patron kaltgestellt worden zu sein.
Für die Vereinigten Staaten dreht es sich nun um Delcy Rodríguez, die ehemalige Maduro-Vertraute, Vizepräsidentin und heutige Interimspräsidentin, mit der die US-Administration laut Trump „ganz wunderbar“[1] zusammenarbeiten würde. Rodríguez’ Rolle während des Putsches selbst ist undurchsichtig; der Guardian berichtet von mehreren Quellen „at high levels“, die ihnen bezeugt hätten, Rodríguez und ihr ebenso mächtiger Bruder Jorge Rodríguez (Vorsitzender der Nationalversammlung) hätten im Vorhinein von der US-Invasion gewusst und den Vereinigten Staaten Kooperation zugesagt.[2] Trumps Behauptungen gleicher Art wurden zuvor von der venezolanischen Übergangsregierung verneint.[3]
Mit der Geschwindigkeit und absoluten Widerstandslosigkeit, mit der Rodríguez die US-Diktate umsetzt, scheint eine längere Kooptation ihrerseits (sowie ihres Umfeldes) in die Pläne der Vereinigten Staaten für Venezuela jedoch nicht unwahrscheinlich. Am 2. April strichen die Vereinigten Staaten die Sanktionen gegen Rodríguez. Die de-facto-Kapitulation Venezuelas vor den Vereinigten Staaten stellt jedoch faktisch keinen Einschnitt in die ohnehin darauf hinauslaufende Entwicklung des Maduro-Staates dar.
Linke, die Venezuela nur oberflächlich verfolgen, meinen, einen klaren Trennungsstrich zwischen Maduro und Rodríguez ziehen zu können, wie man einen Trennungsstrich zwischen Chavez und Maduro ziehen konnte – das ist falsch. Maduros neoliberale Politik, die Kriminalisierung der Arbeitenden und Armen und der massive Abbau der Arbeiterbeteiligung, der Basisdemokratie und der sozialen Missionen (die auch nicht „falsch“ waren, sondern eben aus den Widersprüchen des Chavismus erwuchsen) liefen auf jene Konzessionen gegenüber dem US-Kapital hinaus, die Rodríguez nun eben deutlich schneller und mit einem Messer an der Kehle durchzieht.
Wie wir in unserem Beitrag „Venezuela, verbrannter Drache“ deutlich gemacht haben, war die Bolivarische Republik Venezuela eben nie ein sozialistischer Staat und hat auch nie behauptet, einer zu sein. Der Chavismus als Ideologie war in seinen guten wie schlechten Zeiten stets eine im Selbstverständnis internationalistische Sozialdemokratie, fundiert auf den Ölrenditen Venezuelas. Dass der Chavismus gescheitert ist, hängt zwar eng mit der US-amerikanischen Sabotage zusammen, ist aber letztlich auch Folge eines zutiefst widersprüchlichen Systems. In unserem Beitrag konkludieren wir:
Hier liegt jedoch der ungelöste Grundwiderspruch des Chavismo: Der Versuch, einen progressiven politischen Überbau (Basisdemokratie, Misiónes, Anti-Imperialismus) auf einer rentenkapitalistischen ökonomischen Basis zu errichten, ohne diese Basis jemals zu transformieren. Die Wirtschaft blieb ein Rentier-Staat, fokussiert auf die Distribution der Öl-Rente, nicht auf die Revolutionierung der Produktion. Durch den Überfluss an Petrodollars war es aus Sicht des bolivarischen Staates logisch, den Großteil der Lebensmittel und Konsumgüter zu importieren. Das funktionierte in Zeiten des Ölbooms gut; als jedoch nach der globalen Überproduktionskrise von 2008 der Ölpreis fiel, stand Venezuela ohne nennenswerte Petrodollar-Rücklagen, Devisen oder Dollarreserven da. Die Infrastruktur der PDVSA selbst verfiel zunehmend, begünstigt durch Missmanagement, Korruption und Desinvestitionen zugunsten der sozialen Ausgaben, die den Chavismo an der Macht hielten. Andere Wirtschaftssektoren blieben unterentwickelt: Petrodollars flossen entweder zurück in die Ölindustrie, in die Hände der Boliburguesía oder in die massiven Sozialprogramme, die zwar Millionen aus der Armut holten, jedoch selbst häufig ineffizient aufgebaut waren.
Koloniales Projekt
Rodríguez’ Eingeständnisse gegenüber dem US-Patron manifestieren sich in der radikal schnellen Öffnung des Öl- und Gassektors, die darauf abzielt, durch weitreichende Privatisierungen massives Auslandskapital anzuwerben. Die rechtliche Grundlage hierfür bildet das reformierte Kohlenwasserstoffgesetz („Hydrocarbons Law Amendment“), welches es privaten Unternehmen ermöglicht, operative Kontrolle in staatlich-privaten Joint Ventures („Mixed Companies“) zu übernehmen, Erdöl eigenständig zu vermarkten und Bankkonten in Fremdwährungen im Ausland zu führen.
Um die Profitabilität für internationale Investoren sicherzustellen, wurden die staatlichen Förderabgaben und Steuern auf 30 Prozent bzw. 15 Prozent gedeckelt, wobei die Regierung je nach Projekt weitere Senkungen vorsieht. Diese Kooperationsbereitschaft unterstrich Rodríguez bei einem „Investitionsforum“ in Miami, wo sie einen Verhandlungsspielraum von 64 Prozent des Barrelpreises Aussicht stellte.[4] Konkret: Das venezolanische Öl wird zu Spottpreisen verschachert, um irgendwie Kapital ins Land zu bekommen.
In der Folge stehen Konzerne wie Chevron vor dem Erhalt von Förderrechten für das Ayacucho-8-Feld, während Shell bereits Vorverträge für die Felder Carito und Pirital unterzeichnet hat. Chevron rechnet mit einer Erhöhung des venezolanischen Öloutputs um 50% in zwei Jahren.[5] Ergänzt wird dieser Ausverkauf von Rohstoffen durch einen von der Trump-Administration vermittelten Deal, bei dem 1.000 Kilogramm Gold über den Händler Trafigura an US-Märkte verkauft wurden. Im März überschritten die venezolanischen Ölexporte erstmals seit sechs Monaten wieder die Marke von einer Million Barrel pro Tag.[6]
Dabei ist das Ausmaß der amerikanischen Vormundschaft vollkommen unmaskiert und in seiner Dreistigkeit fast absurd (eine Entwicklung, die sich insgesamt im US-Imperialismus beobachten lässt): Die Gelder aus dem ersten US-Ölkauf in Höhe von 500 Millionen US-Dollar flossen direkt auf ein US-Bankkonto in Katar, über dessen Freigabe für staatliche Dienstleistungen allein Washington nach eigenem Ermessen entscheidet.[7] Die Vereinigten Staaten kaufen also Öl aus Venezuela, verschieben die Kaufsumme auf ein von ihnen kontrolliertes Konto und entscheiden von dort aus, wofür Venezuela sein Geld benutzen darf. Nun gut, vielleicht werden die Vereinigten Staaten mit dem venezolanischen Ölgeld die comunas aus der Zeit Chávez’ wieder in ihrer vollen Blüte zur Selbstverwaltung der Arbeitenden und Armen über ihre Gemeinschaften ermächtigen, wer weiß?
Dieses koloniale Verhältnis wird durch eine massive geheimdienstliche Unterwanderung flankiert, bei der die CIA eine permanente Präsenz (voraussichtlich über einen getarnten Annex) im Land aufbaut, um die neue Regierung zu überwachen und den geopolitischen Einfluss von US-Rivalen wie China, Russland und dem Iran gezielt einzudämmen. Für den Vollzug jener CIA-Diktate verspricht Rodríguez eine vollständige Kehrtwende, indem sie eine „Entideologisierung“ der Wirtschaft verspricht. Das geht aus Berichten CIA-naher Quellen gegenüber CNN hervor:
„State plants the flag but CIA is really the influence,” one source familiar with the planning process told CNN […] The CIA will likely be responsible for briefing Venezuelan officials on relevant US intelligence related to those adversaries, including China, Russia and Iran, according to another source familiar with ongoing planning discussions.[8]
Auf juristischer Ebene manifestiert sich der Souveränitätsverlust in der offiziellen diplomatischen Anerkennung der Regierung Rodríguez durch das US-Außenministerium. Die Anerkennung Rodríguez’ als Präsidentin liefert der US-Staatsanwaltschaft den formal nötigen Ansprechpartner, um millionenschwere Entschädigungsurteile von US-Gläubigern durch die Pfändung des venezolanischen Staatsvermögens Citgo in den USA rechtskräftig vollstrecken zu können.[9]
Gesellschaftliches Klima
Anders als 2002, als die Vereinigten Staaten das letzte Mal in ähnlich drastischer Manier versuchten, die chavistische Regierung zu stürzen, kam es diesmal nicht zu einem Volksaufstand für die Rückkehr des Präsidenten. Zwar gab und gibt es regelmäßige Demonstrationen variierender Größe, die für die Heimkehr Maduros und Flores protestieren[10], das alltägliche Leben blieb seit der Entführung für die meisten jedoch weitestgehend unverändert.
Der imperialistische Überfall dämpft seinen inneren Widerstand durch die relative Unzufriedenheit, die davor bereits in Venezuela herrschte, bzw. die allgemeine Resignation vor dem chavistischen Projekt. Der 2002-Putsch scheiterte, weil die absoluten Massen der Arbeitenden und Armen in Venezuela tatsächliche materielle Vorteile durch die Regierung Chávez erfuhren und sich insofern mit dem chavistischen Projekt identifizierten – im Zeitalter Maduros und der erdrückenden äußeren Sabotage fehlt diese Identifikation.
Auch die venezolanische „Boliburguesía“, wie man die durch staatliche Zuschüsse und Korruption eng an die bolivarische Sache gebundene Bourgeoisie nennt, sah keinen Grund, sich gegen die amerikanische Intervention zu stellen, wo ihre Renditen durch eine Öffnung des Ölmarktes noch einmal besser dastehen werden. Und um das noch einmal zu betonen: Der Ausverkauf des Ölmarktes, die Aufhebung der staatlichen Souveränität über die venezolanischen Ressourcen und letztlich das Aufheben der letzten bestehenden progressiven Teile der Verfassung von 1999 waren alle schon unter Maduro im Gange. Das Scheitern der „Verhandlungen“ zwischen den Vereinigten Staaten und Venezuela im Dezember, bei denen es eben unter anderem um jene Öffnung des Ölmarktes ging, war nun mal gerade der Grund für die Invasion.
Die erdrückende Hyperinflation konnte durch die Rückführung von Öldollars und die damit verbundene Stabilisierung des Bolívar im Februar auf 14,6 Prozent (von 32,6 % im Vormonat) gesenkt werden.[11] Rodríguez versucht, die soziale Basis durch die Einberufung eines Nationalen Wirtschaftsrates, Lohnerhöhungen zum 1. Mai und die Freigabe von rund 500.000 Wohnungen speziell für die Jugend (die sie explizit zur Rückkehr aus dem Ausland aufforderte) zu befrieden.[12] Rodríguez versucht, den Ausverkauf Venezuelas Ressourcen für die durchaus noch zahlenmäßig verbleibenden Chavistas (2025 verstanden sich noch rund 30% als solche[13]) in bekannter Rhetorik zu schmücken. So spricht sie davon, Venezolaner würden „nie wieder Sklaven“ und eine „Kolonie irgendeines Imperiums“ sein[14]; die Realität zeigt eine absolute Unterordnung unter eine selbst für amerikanische Verhältnisse dreist scheinende Vasallenherrschaft.
Und natürlich ist es höchstwahrscheinlich, dass sich Probleme der Inflation und Renditenknappheit tatsächlich durch eine Öffnung des Ölmarktes bessern werden, da mit ihr auch der amerikanische Würgegriff um Venezuela gelockert wird. Franck Gaudichaud, Professor für Lateinamerikastudien an der Universität Toulouse in Frankreich, meint in einem Interview mit Viento Sur (hier übersetzt von Amerika21):
„Gibt es nun noch Bereiche des zivil-militärischen Apparats, die nach wie vor in dieser national-volksnahen Perspektive verankert sind und bereit sind, Widerstand zu leisten? Der Chavismus von unten, die kritische Linke, die Gewerkschaften und die sozialen Bewegungen sind erheblich geschwächt, einige demoralisiert, andere kooptiert. Dennoch bleibt die Erinnerung an den ursprünglichen Chavismus bestehen, und in vielen Landgebieten existieren nach wie vor einige kollektive Gemeinschaftsprojekte. Es scheint jedoch, dass ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung resigniert davon ausgeht, dass diese neue Krise den Würgegriff um das Land lockern und den Zufluss von US-Kapital ermöglichen könnte, was einen wirtschaftlichen Aufschwung oder sogar die Rückkehr von Millionen von Exilanten zur Folge haben könnte.“[15]
Wie gut Rodriguez plan funktioniert, die Vasallen-Herrschaft sowohl den Chavisten als den anti-Chavisten schön zu reden, zeigen die Demonstrationen Anfang April, bei denen mehrere Tausende Demonstranten für eine Erhöhung des Mindestlohns, der Renten und Sozialleistungen protestierten.[16]
Das muss nämlich auch genannt werden: Rodríguez repräsentiert nichts für niemanden. Aus chavistischer Perspektive räumt ihr Ausverkauf der staatlichen Ressourcen, die letztlich durch die US-Vormundschaft an einen neoliberalen Staatsumbau gebunden sind, die letzten Errungenschaften des chavistischen Projekts aus dem Weg, die die Ära Maduro überlebt hatten, und gibt der künftig US-vernetzten Bolibourgeoisie endgültig das letzte Wort. Das anti-imperialistische Staatsverständnis, das sich durch die Ära Maduro durchaus noch aufrechterhalten konnte, ist mit dem geheimdienstlich vorgegebenen Ton gegenüber den Rivalen der Vereinigten Staaten am Ende. Aus Perspektive der liberalen Oppositionellen repräsentiert Rodríguez die Kontinuität des Maduro-Staats, der seine Geschäfte zwar nun anders treibt, intern jedoch letztlich unverändert bleibt. Die Ironie für Letztere zeigt, wie so häufig, dass die „Regime-Change“-Rufe der Exil-Oppositionellen jene Oppositionellen auch diesmal nicht ermächtigen werden. Pahlavi lässt grüßen.
[1] https://www.welt.de/politik/ausland/article69b3c86d28b7770e637eb462/kaempferischer-auftritt-jetzt-will-nobelpreistraegerin-machado-sich-nicht-mehr-von-trump-kaltstellen-lassen.html
[2] https://www.theguardian.com/world/2026/jan/22/delcy-rodriguez-capture-maduro-venezuela
[3] https://x.com/AlMomento_M/status/2014392997291454718?s=20
[4] https://apnews.com/article/venezuela-oil-delcy-rodriguez-investors-trump-maduro-4f3b38841ca46910e35cf3208b312977
[5] https://foreignpolicy.com/2026/04/10/venezuela-us-intervention-maduro-trump-oil-rodriguez-machado/
[6] https://finance.yahoo.com/sectors/energy/articles/venezuela-oil-exports-top-1-063000568.html
[7] https://bisi.org.uk/reports/domestic-implications-for-venezuela-whats-next-post-maduro
[8] https://edition.cnn.com/2026/01/27/politics/cia-venezuela-foothold
[9] https://amerika21.de/analyse/284402/warum-regierung-venezuela-anerkannt-usa
[10] https://amerika21.de/2026/01/281980/venezuela-demo-maduro-militaer-ernennung
[11] https://www.reuters.com/world/americas/venezuelan-inflation-146-february-central-bank-says-2026-03-06/#:~:text=March%206%20(Reuters)%20%2D%20Venezuelan,based%20on%20central%20bank%20figures.
[12] https://www.telesurenglish.net/venezuela-social-policy-salary-increase/
[13] https://www.miamiherald.com/news/nation-world/world/americas/venezuela/article312255968.html
[14] https://countercurrents.org/2026/01/we-will-never-again-be-slaves-speech-by-venezuelas-vice-president-delcy-rodriguez/
[15] https://amerika21.de/analyse/283239/usa-bolibourgeoisie-venezuela
[16] https://de.euronews.com/2026/04/10/venezuela-polizei-mindestlohn-proteste-hohere-lohne

